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Zwischen Web und Wildnis

Foto: 4-Seasons
Stehen die Liebe zur Natur und das alltägliche Basteln an komplexen EDV-Anlagen nicht im Widerspruch? 4-Seasons Autor Gunnar Homann hat Globetrotters Daten-Tüftler Philip von Melle im Hamburger Hauptquartier getroffen und mit ihm über Technik, Trails und Traumziele gesprochen.

Philip von Melle hat zu tun. Es ist gerade Inventur bei Globetrotter, und da ist er als Netzwerkspezialist und Programmierer gefordert, obwohl er diese Woche eigentlich  »so eine Art Urlaub« hat. Viel unterwegs ist er gewesen in letzter Zeit: Berlin, Dresden, Frankfurt, Bonn; alle Filialen hat er hinter sich, jetzt fehlt nur noch der Firmenhauptsitz in Hamburg.

Erinnerungsfoto einer Yukon-Tour: Zwei Tage vor dem endgültigen Zufrieren erreichte Philip den Ausstieg. | Foto: Archiv von Melle
Erinnerungsfoto einer Yukon-Tour: Zwei Tage vor dem endgültigen Zufrieren erreichte Philip den Ausstieg. | Foto: Archiv von Melle

Dort steht er gerade vor seinem Computer, der über Kabel mit dem Computer von Michael »eigentlich-ja-mein-Chef« Linke verbunden ist. Wo all die anderen Kabel hinführen, wissen nur Gott und die EDV-Abteilung von Globetrotter. Ich wollte mich hier nicht auskennen müssen.

Philip aber ist vergnügt. Er trägt Jeans, T-Shirt und Fahrradschuhe und wirkt ziemlich drahtig. Sieht so ein Mann aus, der mit einer Arbeit über das Start- und Landeverhalten von Flugzeugen unter Scherwindbedingungen diplomierter Mathematiker wurde? Und der schon eine Einladung zur Promotion in München in der Tasche hatte? Bei Globetrotter offenbar schon.

Gegen den täglichen Stress im Büro setzt Philip von Melle die Einsamkeit der Natur. | Foto: 4-Seasons
Gegen den täglichen Stress im Büro setzt Philip von Melle die Einsamkeit der Natur. | Foto: 4-Seasons

Philip schaut vom Computer auf. Er könne gleich von seinen Touren erzählen, sagt er und lacht. Nur eben noch schnell was erledigen müsse er. Und lacht noch einmal, diesmal über das »nur eben noch schnell«. Man weiß ja, wie sich so etwas auswächst. Dann versenkt er sich wieder in die Tiefen seines Rechners, aber nur kurz, denn nun kommt Thieß Rathjen von nebenan herein. Thieß arbeitet im Internet-Team und fragt Philip, ob er mitkommen und »mal auf diesen Header schauen könne.« Philip schaut, nach ein paar Minuten kommt er wieder. »Auf jeden Fall ist der DNS-Server falsch aufgesetzt«, ruft er noch über die Schulter zurück. Er verwendet immer solche Ausdrücke, wenn er mit Kollegen redet, kann aber auch normal. Ein kompetenter und hilfsbereiter Kollege, das ist mein Eindruck von Philip, und der ist doch richtig, oder? Die Frage geht an Michael Linke, der auch gerade zur Tür reinkommt. Linke verzieht keine Miene: »Können wir eben mal unter vier Augen..?« Philip grinst ein bisschen schneller als ich.

 

Ein Hilleberg, was Ordentliches

Von lieb gewonnener Ausrüstung trennt sich Philip nur ungern. Diese Karrimor-Fahrradtsche (um1987) wird noch immer eingesetzt. | Foto: 4-Seasons
Von lieb gewonnener Ausrüstung trennt sich Philip nur ungern. Diese Karrimor-Fahrradtsche (um1987) wird noch immer eingesetzt. | Foto: 4-Seasons

Inventur, Scherwinde und DNS-Server: Von all dem konnte der junge von Melle nichts ahnen, als er anno 1987 den Globetrotter-Laden am Wiesendamm betrat. Aber so hat die Geschichte angefangen. Philip ist sechzehn und hat schon drei Radtouren in Deutschland auf dem Konto, alle von Jugendherberge zu Jugendherberge. Nun will er auf eine 2100 Kilometer lange Tour vom heimischen Hamburg bis nach Brest in der Bretagne, natürlich wieder mit Christian Leinweber, den er schon seit der ersten Klasse kennt und der auch heute noch ein guter Freund ist. Grund des Auftritts bei Globetrotter: Außer Christian soll noch etwas ganz Neues mitkommen: ein Zelt! Am Wiesendamm ist er erst einmal »völlig schockiert von den Preisen, wir hatten ja gar keine Ahnung«, aber die Eltern drängen auf »etwas Ordentliches«, und so zieht der junge Reiseradler mit einem nagelneuen Hilleberg Keron 3 GT in die Welt.

Das Zelt kommt auch heute noch mit auf Tour. Verkauft hat es ihm der damalige »Bereichsleiter Zelt«, der hieß Thomas Lipke, mittlerweile ist er einer der vier Geschäftsführer von Globetrotter. Lipke beriet den immer größere Kreise ziehenden Outdoorer von Melle auch in den folgenden Jahren, wann immer er Ausrüstungsfragen hatte.

Jugendliches Ungestüm: Kurz vor dem Nordkap brach Philips Lenker. Als Ersatz diente eine vier Meter lange Eisenstange. | Foto: Archiv von Melle
Jugendliches Ungestüm: Kurz vor dem Nordkap brach Philips Lenker. Als Ersatz diente eine vier Meter lange Eisenstange. | Foto: Archiv von Melle
Und bei Philips Tatendrang gab es einigen Klärungsbedarf: Welchen Rucksack nimmt man für Wanderungen durch Schott- und Lappland? Einen Lowe Kantega, »noch aus Tri-Shield«, schwärmt Philip, und genau wie das Zelt noch vollkommen intakt. Die Karrimor Fahrradtaschen, ja, das sind nicht mehr die allerdichtesten, aber er mag sie und bleibt ihnen treu. Es fahren in diesen Taschen eben auch eine Menge Geschichten mit, zum Beispiel die, als er nach dem Abi a.) im Juli zum Bund soll, aber b.) von Juli bis September mit zwei Freunden zum Nordkap radeln will. Er beantragt Verschiebung des Einberufungstermins, und siehe da – stattgegeben!

Die Nordkap-Tour findet also statt, und das Trio schont weder Mensch noch Material. 3000 Kilometer ist man schon geradelt und inzwischen daran gewöhnt, dass Philip auf dem Weg gen Norden jeden zweiten Tag eine neue Speiche braucht. Dass ihm im Niemandsland vor der finnisch-norwegischen Grenze unvermittelt der Lenker bricht, kommt jedoch überraschend. Philip fliegt vornüber in den Straßengraben, bleibt aber unverletzt. Deutsche VW-Bus-Touristen nehmen ihn in den ersten Ort hinter der Grenze mit, die Begleiter radeln dorthin und suchen sofort Ersatz für den Lenker. Der findet sich auf dem Dachboden einer Schule, in Form einer Eisenstange, die genau den richtigen Durchmesser hat; nur mit der Länge haut es nicht hin – ein vier Meter breiter Lenker, das ist selbst oberhalb des Polarkreises ein Verkehrshindernis, und so leiht sich die virtuos improvisierende Combo von privat noch eine Säge dazu, stutzt die Stange auf passendes Maß, und weiter geht´s.

 

50 Wochen Reisen in fünf Jahren Studium

Die Fahrt verläuft nun ruhiger; eingelullt durch den gleichmäßigen Rhythmus denkt Philip an dies und das, als sich die längst hinter ihnen liegenden Åland-Inseln vor sein geistiges Auge schieben. Dort Seekajak fahren, das wäre es doch! Allerdings reifen in seinem Kopf grundsätzlich eine Vielzahl von Ideen, wobei die Reihenfolge ihres Auftauchens nicht notwendigerweise jene ihrer Umsetzung ist.

Also fährt er im folgenden Sommer erst noch einmal den Klassiker Hamburg - Brest und sucht im Winter, inzwischen Student der Mathematik, erneut den Laden am Wiesendamm auf. Dieses Mal löchert er Thomas Lipke zum Thema Skitouren. Lipke berät brav und stellt dann zur Abwechslung auch mal eine Frage: Ob Philip nicht hier im Laden arbeiten wolle? Da sagt dieser gerne zu, kann er doch so auf angenehme Weise seine vielen Reisen finanzieren. Nach zwei Jahren im Laden wechselt Philip in die EDV-Abteilung, die damals im Wesentlichen aus Michael Linke besteht. Philip unterstützt ihn zunächst an zwei Tagen in der Woche.

Auch im Winter keine Pause: Pulkatour in Nordschweden. | Foto: Archiv von Melle
Auch im Winter keine Pause: Pulkatour in Nordschweden. | Foto: Archiv von Melle

Parallel läuft die Uni. »Ich hab mal nachgerechnet und bin drauf gekommen, dass ich in fünf Jahren Studium 50 Wochen auf Reisen war.« Zehn Wochen Neuseeland mit dem Rad, regelmäßig Wintertouren in Lappland mit Ski und Pulka, Wandern auf Tasmanien, dann mal wieder Australien – selbst Philip verliert hier gelegentlich den Überblick. Fest steht aber, dass er in Neuseeland auch eine kurze Seekajaktour unternimmt – und das ist der Funke, der seine Åland-Idee wieder anfacht. Er kauft ein Feathercraft-Faltboot und begibt sich mit Spezi Leinweber für vier Wochen auf Seekajaktour in Finnland.

Eskimorolle? Nein, die beherrschen sie damals nicht, »jedenfalls nicht mit voll beladenem Boot«. Auch auf der Inside-Passage von Vancouver Island bis Skagway gehört sie noch nicht zum Repertoire, und das sind immerhin 1500 Kilometer vor der kanadischen und alaskanischen Küste. Der Trip wurde allerdings halbiert und verteilt auf zweimal sechs Wochen Paddelsommer.

Ob es mal so richtig brenzlig geworden ist? »Och, eigentlich haben wir immer Glück gehabt«, sagt Philip. Wirklich mulmig sei ihm aber geworden, als er die Mündung des norwegischen Stavfjord querte. »Die Kajaks sind in tiefen Wellentälern verschwunden, da hatten wir schon Angst, dass uns die Schnellfähren aufs Horn nehmen könnten. Das könnte man denen nicht einmal vorwerfen – die sehen so ein winziges Boot einfach nicht.«

 

Paddeln ja, Schneeschuhe na ja...

Inzwischen kann Philip die Eskimorolle, und zwar deswegen, weil er vor einigen Jahren mit dem Wildwasserpaddeln angefangen hat. Am Wochenende fährt er im Harz auf der Oker, sonst gerne in den Alpen oder in Slowenien, etwa auf der Soca.  Dazu ab und zu Skitouren, auch hier und da mal Segeln und natürlich weiterhin Radfahren. Die zehn Kilometer Speedstrecke ins Büro und zurück in die Wohnung in Ahrensburg sind das tägliche Minimum, gelegentlich erweitert um mehrwöchige Abstecher an die kanadische und US-amerikanische Westküste – denn Küste, das muss ab und zu sein, egal ob mit dem Boot oder dem Bike.

Ein Schatz aus Philips Keller: das wohl feinste Faltboot der Welt. | Foto: Archiv von Melle
Ein Schatz aus Philips Keller: das wohl feinste Faltboot der Welt. | Foto: Archiv von Melle
Klettern? Ja, das kann er zumindest in Grundzügen, wirklich zuständig in dieser Abteilung sei aber seine jüngere Schwester Alix, die hat letzten Winter die 3000 Meter hohe Aconcagua-Südwand gemacht. Auch mit Schneeschuhen ist er nie so richtig warm geworden, ansonsten: immer her damit. Städte, Kunst, Museen? »Da nehme ich mit, was am Weg liegt, als ich zum Beispiel in Patagonien war, hab ich mir natürlich auch Zeit für Buenos Aires genommen. Im Mittelpunkt steht das aber nie.«

Dass er das alles trotz verantwortungsvollem Job auf die Reihe bekommt, hängt erstens mit seiner Energie zusammen, zweitens mit der Flexibilität seines Arbeitgebers. Zweimal war er schon sieben Wochen am Stück weg, seit er fest bei Globetrotter arbeitet. Das ist seit 1996. Da nimmt er es gerne in Kauf, wenn er abends mal länger »reinhauen« muss. Zum Beispiel, wenn gerade Inventur ist und ich ihn noch dazu mit Fragen bombardiere.