Young Explorers Program: Mit Mike Horn auf Tour
Wellen, Wind, das Wasser flach, die Strömungen tückisch. Dazu Billiarden Moskitos und blutige Blasen an den Händen. Es ist der zweite Tag einer 200 Kilometer langen Kajaktour durch die Everglades. Gemeinsam mit sieben anderen Jugendlichen kämpft sich Jule Holland auf den Spuren des Abenteurers Mike Horn durch das tropische Marschland im Süden Floridas. Im wahrsten Sinne, denn der Abenteurer ist gerade am Horizont verschwunden. Seine jungen Verfolger geben alles, um ihren Expeditionsleiter nicht aus den Augen zu verlieren.
Die 16-jährige Jule Holland ist Teilnehmerin am Young Explorers Program von Mike Horn. Seit 2008 segelt der Abenteurer um die Welt, um an verschiedenen Stationen Jugendliche aus aller Welt mit auf Expedition zu nehmen. Die Everglades sind der zehnte Tourstop – und die harte Schule beim Kajakfahren ist Teil des Programms.
Mike hat sehr wohl bemerkt, dass seine Schützlinge zurücklagen. Am Abend, als sich die Gruppe zum Schutz vor den Moskitos in den Rauch des Lagerfeuers drängt, ruft er die Jugendlichen zu sich. »Diese Ansprache werde ich mein ganzes Leben nicht vergessen«, sagt Jule und ist überzeugt, dass ihr Horns Worte auf ihrem Weg sehr helfen werden. Mit dem Young Explorers Program möchte Mike Horn seine Expeditionserfahrung an junge Abenteurer weiter geben und an diesem Abend lernen Jule und Co. einen ersten Grundsatz: »Kämpft nicht gegen die Kräfte der Natur. Kämpft mit ihnen und macht sie euch zunutze!« Die fordernde Kajaktour ist dafür das beste Beispiel. »Man muss nur an der Richtigen Stelle sein«, erklärt Mike. »Wenn die Strömung gegen einen ist, muss irgendwo auch eine in die andere Richtung fließen – und flaches Wasser erkennt man an den kleinen Kräuselwellen an der Oberfläche.«
Die nächsten Tage sind trotzdem anstrengend, die Erfahrung für die Young Explorers umso eindrucksvoller. »Mike meint, Ausdauer ist zu 20 Prozent physisch und zu 80 Prozent psychisch«, sagt Jule. »Die Grenzen, von denen wir denken, dass wir nicht darüber hinauskommen, sind Einschränkungen die unser Gehirn für uns getroffen hat. Unser Körper kann viel weiter darüber hinausgehen!«
Erstmals zu tun bekam sie es mit ihren Grenzen beim zehntägigen Auswahlcamp für die Expedition in die Schweiz. »Eine einmalige Erfahrung«, wie Jule sagt – und eine Herausforderung, die viele Erwachsene zum Staunen bringt: Bergläufe, Mountainbike- und Klettertouren oder Staffelläufe stellten die körperliche Verfassung auf die Probe. In Teambuilding-Workshops wurde die soziale Kompetenz geprüft. Nebenbei kam auch die Expeditionsvorbereitung nicht zu kurz. Vorträge über die Nationalparks in Florida, Orientierung (GPS, Karte und Kompass) und Erste-Hilfe, ein Segel-Blitzkurs und schließlich die letzte Prüfung: 4.000 Höhenmeter zu Fuß, kletternd und mit dem Mountainbike in zwei Tagen! »Genau genommen bin ich dabei sogar über meine Grenzen gegangen«, sagt Jule. Ihr Einsatz hat sich gelohnt. Als eine von Acht ist sie im November bei USA-Expedition mit dabei.
Harte Schule und der Hauch von Abenteuer
Die Herausforderungen der ersten Woche haben die Gruppe zusammen geschweißt. Der gemeinsame Kampf in den Wellen und gegenseitige Motivation stärken den Teamgeist. Tagsüber sucht (und findet) die Expedition in kleinen Flüssen Alligatoren oder beobachtet die zahllosen Flamingos in den Everglades. Abends lauschen die Jugendlichen gespannt den Geschichten ihres erfahrenen Expeditionsleiters. Nach sieben Tagen Paddeln sticht die Gruppe schließlich mit der Pangaea in See. »Als ich das erste Mal vor der Pangaea stand, war es dunkel. Trotzdem sah das Segelschiff mit der grauen Aluminium-Haut unglaublich aus«, schwärmt Jule. »Dieses Schiff, dass schon so viele Orte auf der Welt bereist hat, mit dem so viele Expeditionen, Erlebnisse und Erfahrungen verbunden sind, ist für mich das schönste Schiff auf der Welt! Da können selbst die großen Luxusyachten nicht mithalten.« Die Pangaea ist Mike Horns eistaugliches Expeditionsschiff, mit dem er seit 2008 um die Erde segelt. Für die Young Explorers ist sie nun Unterkunft, Fortbewegungsmittel und Abenteuer.
Die ganze Woche über haben sich die Jugendlichen auf das Segeln gefreut, die Belohnung ist daher umso schöner. »Ein wunderbares Gefühl, wie sich die Segel im Wind entfalten, der einem ins Gesicht bläst, die letzten Sonnenstrahlen die Nase kitzeln, plötzlich auf den Bugwellen tanzende Delfine auftauchen und gleichzeitig die Füße das Gleichgewicht auf dem schräg geneigten Boot suchen! In diesem Moment fühlt man sich unendlich frei.« Bei starkem Wind, hohen Wellen und Sonnenuntergang werden die ersten Manöver geübt. Manchmal ruft Mike nur ein Wort und lässt den Jugendlichen danach knapp zehn Sekunden Zeit an ihre Position zu eilen. Muss ich an der Leine ziehen? Oder doch eher lockerlassen? Was hat Mike eigentlich vor?
Nachts hält jeder zwei Stunden lang Wache, während die anderen schlafen. »Oft sitzt man bei starkem Seegang angeseilt im Bug und hält mit der Taschenlampe nach unbeleuchteten Bojen Ausschau oder kontrolliert das Radar«, sagt Jule, die in ihrer ersten Nacht die Tücken der Seefahrt zu spüren bekommt. In den folgenden zwei Wochen segeln die Young Explorers mit der Pangaea an den Florida Keys entlang und im Golf von Mexiko und tauchen zwischendurch immer wieder zu tiefen Schiffswracks. Unter Wasser eröffnet sich den Jugendlichen andere Welt. »Man schwebt nur wenig über dem Grund und sieht Tausende Fische und Korallen in allen möglichen Farben.« Als besonders aufregend erlebt Jule die Tauchgänge in die Schiffswracks hinein. »Dort drinnen kann man die Kajüten und Gänge, die teilweise noch voll möbliert sind, erforschen.«
Auge in Auge mit einem Hai
Ein intensives Erlebnis sind auch die Nachttauchgänge am frühen Morgen oder spät abends. »Die Tiere unter Wasser verhalten sich ganz anders und man sieht nur, worauf der Fokus der Taschenlampe gerichtet ist: Schildkröten, Rochen, Quallen und Aale.« Eindruck hinterlässt schließlich auch ein Hai, der die Taucher in unmittelbarer Nähe in seinen Bann zieht. »Man hält fast den Atem an, weil dieses große, eigentlich gefährliche Tier direkt vor einem ist. Wenn man dann bemerkt, dass nichts passiert wird man langsam ruhig. Ein ganz besonderes Gefühl.« Mit derartigen Naturerlebnissen möchte Mike Horn den Teilnehmern des Young Explorers Program die Schönheit der Natur vor Augen führen. Die Jugendlichen sollen so erkennen, wie schützenswert ihre Umwelt ist.
Als Jule Holland nach drei Wochen wieder in den deutschen Alltag eintaucht, ist es wie das Erwachen aus einem wunderbaren Traum: Winterwetter, Schularbeiten und ein weiches Bett statt der abenteuerlichen Koje. Was sie bei Mike Horn gelernt hat? »Sehr viel über mich selbst, über Anstrengung, genaue Beobachtung und Naturgewalten.« Der Abschied von der Gruppe ist ihr nicht schwer gefallen. »Ich habe jetzt Freunde auf der ganzen Welt und weiß, dass ich jeden im Team irgendwann einmal besuchen kann!«
Eine Gelegenheit gibt es noch für Jugendliche, um mit Mike Horn auf Tour zu gehen: Die zwölfte und letzte Young Explorers Expedition führt voraussichtlich nach Ostafrika zum Großen Afrikanischen Grabenbruch. Jule Holland gibt angehenden Bewerbern gerne Tipps (Kontakt über 4-Seasons-Redaktion). Für den Anfang rät sie: »Kämpft für eure Träume!«
4-Seasons Info
Young Explorers Program von Mike Horn
Mike Horn ist ein Entdecker und Extremsportler, der, unter anderem, in der Polarnacht zum Nordpol lief oder die Erde im Alleingang entlang des Äquators umrundete.
Seit 2008 gibt Horn seine Expeditionserfahrung über das »Young Explorers Program« an Jugendliche weiter. Mit seinem eistauglichen Segelboot, der »Pangaea«, segelt er vier Jahre lang um die Erde und vermittelt Jugendlichen unter dem Motto »explore, lern, act« (entdecke, lerne, handle) die Schönheit der Natur. Die Jugendlichen sollen erkennen, wie schützenswert die Erde ist und so zur Mitarbeit an Umweltschutzprojekten in ihrer Heimat animiert werden.
Nach Afrika im Juli 2012
Seit 2008 fanden weltweit zehn Expeditionen statt, an denen jeweils acht junge Entdecker teilnehmen konnten. Unter anderem war Horn mit Jugendlichen in der Antarktis, Neuseeland, im Himalaya und Kamtschatka unterwegs. Im Juli 2012 findet die letzte Expedition in Afrika statt. Die Berwerbung ist derzeit noch offen. Alle Infos: www.mikehorn.com.
29. Februar 2012, Text: Jule Holland und Judith Prechtl
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