Von den Socken – die Smartwool-Story
Steamboat Springs, Colorado: Outdoor-Mekka, Sportlerparadies. Hier lebt man im Einklang mit der Natur. Hier spaziert der Elch morgens durch den Vorgarten, Bären schauen ab und zu vorbei und ein Großteil der knapp 10.000 Einwohner ist in Hochlandschaf gekleidet. Denn im idyllischen Yampa Valley, an den Ausläufern der Rocky Mountains, ist die Funktionsbekleidungsmarke Smartwool zu Hause. Seit 1994 leistet sie mit ihrer Merinowolle-Kollektion Pionierarbeit und prägt damit auch das Bild ihres Heimatstädtchens – und zwar auf ganz unterschiedliche Art. Zur Begrüßung werden hier schon mal die Hosen hochgezogen und die Socken freigelegt – das ist der so- genannte Smartwool-Salute. Tatsache: Der Gruß mit dem Fuß ist in Steamboat Springs keineswegs ungewöhnlich.
Und so fing alles an: Zwei Skilehrer waren Anfang der 90er-Jahre mit der Sockensituation unzufrieden. Entweder schälten sie am Ende des Tages dampfende Füße aus ihren Stiefeln oder sie konnten bei eisigen Temperaturen ihre klammen Zehen kaum mehr spüren. Obendrein sorgte der recht unangenehme Geruch von Synthetiksocken für Naserümpfen – und am nächsten Morgen hieß es dann wieder mit viel Überwindung: Hinein in den Schuh, hilft ja nix! Oder doch? Könnte man dem unwohligen Fußgefühl nicht vielleicht doch Abhilfe schaffen? Um das Skifahren bei jedem Wetter richtig genießen zu können, begannen die beiden ihre Socken-Tüftelei. Das Ziel: Optimierung von Gefühl, Anblick und Duft untenrum. Das heißt: Bei Kälte sollen die Socken warm halten, kommt man ins Schwitzen, sollten sie die Feuchtigkeit von der Haut abtransportieren – Wohlempfinden vom Fuß bis zur Nase. Eine äußerst komplexe Aufgabe, doch sie stießen auf eine natürliche Faser, die all das zu meistern schien: Als passendes Material entpuppte sich die seidig weiche Wolle des Merino-Hochlandschafs. Gott, so scheint es in diesem Fall, gibt’s den Seinen im Schaf!
Ein Schaf ergibt 40 Socken
Der Anblick der majestätischen Hornzwirbelungen legt es auch optisch nahe: Das Merino ist die Königin unter den Schafen. Es liefert die feinste und hochwertigste Wolle, die obendrein von Natur aus schlau ist. Aus einem durchschnittlichen Schaf gewinnt Smartwool pro Schur 40 Socken und in einer durchschnittlichen Socke stecken 500.000 einzelne Fasern. Sie stammen ausschließlich von Tieren aus den neuseeländischen Bergen, wo die Herden den extremsten Wetterbedingungen und großen Temperaturschwankungen ausgesetzt sind. Der Schafspelz muss an heißen Sommer- wie an eisigen Wintertagen für die optimale Temperaturregulierung sorgen.
Die Besonderheit liegt in der Faserdicke bzw. dem Feinheitsgrad. Die Merinofaser ist gerade einmal 15–24 Mikron (oder Mikrometer) dünn und unterschreitet somit die »Kratzgrenze«, die bei den meisten Menschen bei circa 27 Mikron liegt. Herkömmliche Schafwolle hingegen misst 30–50 Mikron und zum Vergleich: Ein Menschenhaar bringt es auf eine Dicke von 50–100 Mikron. Das garantiert zum einen die Geschmeidigkeit der Merinowolle, die intensive Kräuselung der Faser ist verantwortlich für die natürliche Elastizität und eine angenehme Isolierung durch die vielen Luftpolster.
Außerdem blockt das natürliche Schutzschild UV-Strahlen. Und da wäre noch ein weiterer, ganz entscheidender Vorteil: Im Gegensatz zu synthetischen Materialien wie Polyester, Polypropylen oder Polyamid kann Wolle Schweiß chemisch binden und neutralisieren. Das heißt: Sie muffelt nicht!
Trotz all der Vorteile hatte die Marke anfangs einen schweren Stand. »Zu Beginn«, erzählt Smartwool-Präsident Mark Satkiewicz, »hatte keiner Vertrauen in ein Wollprodukt. Die Leute waren äußerst skeptisch, weil sie sofort an die kratzige, schwere Wolle des gemeinen Flachlandschafs dachten.« So blieb den jungen Unternehmern nichts anderes übrig, als auf Aufklärung und Mundpropaganda zu setzen. Ausprobieren, lieben, weitererzählen – so lautete die Devise und das Team verteilte eifrig Testsocken. Die Strategie ging schnell auf und der Smartwool-Schneeball kam ins Rollen: Die Botschaft der wohligen Socken aus Merinowolle wurde hinaus aus den amerikanischen Skisportorten getragen, in das gesamte Land und in die Welt – heute wird die Marke in 35 Ländern verkauft. In der Zentrale in Steamboat Springs arbeiten gut 60 Mitarbeiter an der Kollektion, die neben Socken inzwischen auch Accessoires und Bekleidung – von Funktionswäsche bis Bike-Bekleidung – umfasst. Produziert werden die Socken übrigens zu 90 Prozent in den USA.
Powder Morning und Friday Ride
Merinowolle ist ein Öko-Produkt – ein nachwachsender und biologisch abbaubarer Rohstoff. Der Nachhaltigkeitsgedanke bestimmt bei Smartwool die gesamte Unternehmensausrichtung. Die ökologische Verantwortung geht mit sozialer Verantwortung Hand in Hand.
»Zu Smartwool kommt man nicht, weil man das große Geld machen möchte«, meint Chef Mark. »Hier landet man aus Leidenschaft. Unsere Motivation ist die Begeisterung für den Sport, für die Natur, aber auch unser Bewusstsein, wie wichtig die Gemeinschaft ist.« Einige Firmen sprechen davon – bei Smartwool gibt es sie tatsächlich: den Powder Morning und den Friday Ride. Liegt an einem Wintermorgen frischer Neuschnee im Yampa Valley, dann steigen die Smartwool-Socken der Mitarbeiter in die Ski- und Snowboardstiefel. Während die Hänge befahren werden, bleibt die Firma geschlossen. Und jeden Freitag bricht das gesamte Team um 15 Uhr zu einer gemeinschaftlichen Aktion auf: Eine Gruppe geht biken, die andere laufen oder schwimmen. Freizeit, Sport und Beruf – das lässt sich im Smartwool-Hauptsitz nicht wirklich voneinander trennen. Das meint auch Chef Mark: »Irgendwie ist der Sport auch immer Arbeit, weil wir unsere Produkte dabei im Praxiseinsatz haben und wir das natürlich bewusst erleben und reflektieren. Draußen in der Natur kommen uns einfach die besten Ideen – und dann wird weiter getüftelt und gefeilt.«
Einmal im Jahr steht eine richtig lange Tour an. Dann geht es für einen Teil des Smartwool-Teams zur größten US-Fachmesse, der Outdoor Retailer, nach Salt Lake City. Und zwar auf dem Rad. Die Truppe nimmt sich vier Tage Zeit für die 500 km lange Strecke über die Ausläufer der Rockies und durch die schönsten Landschaften Nordamerikas.
Es gibt noch weitere schweißtreibende Team-Aktivitäten bei Smartwool, allerdings nicht nur sportlicher Natur: nämlich streichen, hämmern, schleifen, buddeln, hieven, säen, hacken, ernten … Die »Community Work« ist fester Bestandteil bei Smartwool und bedeutet, dass in unterschiedlichsten Projekten der Gemeinschaft geholfen wird. Da werkelt das Team zum Beispiel an Wanderwegen und Bike-Trails oder hilft Menschen, die in Not geraten sind, bei der Renovierung ihrer Häuser. Die Mitarbeiter hegen und pflegen auch den firmeneigenen Gemüsegarten – das Selbstanbaute geht an hilfsbedürftige Familien in der Umgebung.
40 Stunden »Community Work« für jeden Mitarbeiter
Die Community Work ist bei Smartwool vertraglich festgeschrieben: 40 Stunden im Jahr müssen/dürfen die Mitarbeiter für die Gemeinschaft arbeiten. »Manchmal ist es eine echte Schufterei, aber die Menschen sind sehr dankbar und wir haben unglaublich viel Spaß dabei. Unsere Erfahrung zeigt, dass die Community Work und unsere gemeinschaftlichen Sportaktionen die beste Mitarbeitermotivation sind«, sagt Mark.
Steamboat Springs, Colorado: Outdoor-Mekka, Sportlerparadies ohne unangenehme Gerüche und obendrein ein Arbeitsplatztraum? Das klingt fast zu idyllisch. Aber das amerikanische Outside-Magazin hat der Marke tatsächlich schon viermal den Titel »One of America’s Best Places to Work« verliehen. Vielleicht lohnt es sich, eine Bewerbung ins Yampa Valley zu schicken und schon einmal den Smartwool-Salute zu üben ...
4-Seasons Info
Was Smartwool-Socken so smart macht
Viele natürliche Vorzüge sind in Merinowolle bereits »eingebaut«, doch das Naturprodukt erhält bei Smartwool einen technischen Feinschliff.
Die Produktentwickler optimieren zum Beispiel die Feinheit, die Widerstandsfähigkeit und feilen an der Passform. So kann man die Socken problemlos in die Waschmaschine stecken, ohne Sorge haben zu müssen, dass eine kleinere Version herauskommt.
Um Druck- und Reibestellen am Fuß, die zu Blasen führen können, zu vermeiden, setzt Smartwool auf eine möglichst nahtfreie Konstruktion und eine ausgeklügelte Ergonomie für verschiedene Einsatzbereiche. Sogar mehrschichtig wird die Wolle verarbeitet: Wool-on-Wool oder WOW nennt die Smartwool-Crew die zusätzliche Schicht an Ferse oder Vorfuß, die besonders unter Druck stehen.
Im Programm sind zudem Socken für alle Temperaturen: dünne, kühlende Sommermodelle mit Mesh-Strick an den Schwitzzonen wie auch kuschelig warme Skisocken.
Einige Socken sind »extrasmart« und tragen deshalb einen Doktortitel: Die PhD-Modelle haben zusätzliche Raffinessen, zum Beispiel Kompressionsfunktion. Dabei stimmt Smartwool den Druck individuell auf verschiedene Fußzonen ab, um den Blutfluss zum Herzen optimal zu unterstützen: Im Fuß- und im Knöchelbereich sitzen sie besonders straff, während sie im Wadenbereich deutlich dehnbarer sind. Mehr unter www.smartwool.com.
15. November 2011, Text: Sissi Pärsch
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