Unser Reisebuch des Jahres: Transit
»Transit« war eine Art Geheimcode unter den Globetrottern in der DDR, die es trotz aller staatlichen Schikanen gab. Die wahre Bedeutung des Wortes kannten nur Eingeweihte: Es meinte die Einreise in die Sowjetunion mit einem auf drei Tage begrenzten Transitvisum. Was dann geschah, lief unter der Chiffre »UdF« – Unerkannt durch Freundesland. »In der damaligen Sowjetunion konnten wir uns ein Sechstel der Welt erschließen. War man der Enge der DDR erstmal entkommen, dann öffneten sich auch die Grenzen zur Mongolei und nach China. Das Verbotene, das Ungewisse, die Anstrengungen der Vorbereitung, der lange Reiseweg, die Begegnung mit Menschen fremder Völker auf Augenhöhe – als Gleiche, nicht, wie später, als »Reiche« – all das verlieh den eigentlichen Abenteuern eine ganz eigene Intensität.« So steht es im Vorwort dieses wahrhaft ungewöhnlichen und höchst faszinierenden Reisebuchs – man falle bloß nicht auf die sozialistisch-triste Titelgestaltung herein!
Wie aus drei Tagen »Transit« viele Wochen illegalen Reisens wurden, das schildern die 18 Autoren dieser Anthologie. Sie berichten von hochalpinen Abenteuern im Kaukasus und auf den 7000ern des Pamir, von den Oasen Mittelasiens, den wilden Strömen Sibiriens und der Wildnis auf Kamtschatka. »Transit« ist ein einzigartiges Dokument Zeitgeschichte, das beispielhaft vor Augen führt, was Reisen im besten Fall bedeuten kann. Zum Beispiel dass man mit einem (vor Ort) selbst gebauten Eissegler über den zugefrorenen Baikalsee flitzt, nachdem man sich vorher mit List und Tücke die nötigen Reisedokumente beschafft hat.
Ein Buch zum atemlosen Lesen – und Schauen: Zu sehen ist keine digital geschärfte HDR-Ästhetik, sondern guter alter, grobkörniger und farbstichtiger ORWO Chrom.
Reisebuch des Jahres 2009
Transit – Illegal durch die Weiten der Sowjetunion
Hrsg. Von Jörg Kuhbander und Jan Oelker, 576 Seiten mit zahlreichen Farbfotos und SW-Abbildungen, Format 14,5 x 21 cm, Hardcover, Notschriften Verlag, Radebeul
ISBN 978-3-940200-48-8, 29,90 Euro
www.notschriften.com
15. Mai 2010, Text: Axel Klemmer
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