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Surfbretter nach Gaza: »Zurückgeben, was Surfen mir gab«

Surfer im Meer: andernorts selbstverständlich, in Gaza-Stadt ein Symbol für Freiheit. | Foto: Surfing 4 Peace
Wellenreiten verbinden viele mit Hawaii, Kalifornien oder Australien. Mit durchtrainierten Körpern, Freiheit und Freude. Beim Wort Gazastreifen denkt man an Gewalt, Schutt, Bomben und Verwüstung. Und doch leben in Gaza 70 bis 100 Surfer — 20.000 in Israel. Einer davon ist Arthur Rashkovan, der mit seiner Initiative »Surfing 4 Peace« Surfbretter an den »Feind« liefert. Edith Daibel besuchte den Israeli in Tel Aviv.

Schauplatz Tel Aviv, Israel: Junge Frauen sonnen sich in knappen Bikinis am Strand, in den Restaurants an der Promenade sitzen Geschäftsmänner in Anzügen vor ihren Laptops. Eine sehr westliche Welt, nur 60 Kilometer von Gaza entfernt.

Arthur Rashkovan war zwölf als er in Israel surfen lernte. Mit »Surfing 4 Peace« gibt er das Lebensgefühl an seine Nachbarn in Gaza weiter. | Foto: Bryce Johnson
Arthur Rashkovan war zwölf als er in Israel surfen lernte. Mit »Surfing 4 Peace« gibt er das Lebensgefühl an seine Nachbarn in Gaza weiter. | Foto: Bryce Johnson
Wenige Gehminuten vom Strand, in einer Seitengasse nahe der Ben Yehuda/Gordon Street lebt Arthur Rashkovan mit seiner kleinen Familie. Der Israeli ist Skateboardchampion und gilt als Surfguru von Tel Aviv. Mich begrüßt er an einem Dienstagabend stilecht in Boardshorts, mit nassem, von der Sonne gebleichtem Haar — und entschuldigt sich für das Chaos in der Wohnung. Er komme gerade vom Strand, vom Surfen.

An der Wand reihen sich ein Dutzend Surfbretter in verschiedenen Längen aneinander; Mein Blick fällt auf ein gerahmtes Filmplakat: »God went surfing with the devil«. Filmemacher Alexander Klein drehte 2010 einen Dokumentarfilm. In der Hauptrolle: der Nahostkonflikt — durch die Augen israelischer und palästinensischer Surfer. Zu Wort kommen Juden und Araber, die in Tel Aviv beziehungsweise im Vorort Jaffa ein und dieselbe Leidenschaft teilen — Wellenreiten! Doch auch jenseits der Grenze im Gazastreifen wird gesurft. Klein zeigt das Leben der wenigen Gaza-Surfer und wie schwierig es ist, Surfbretter in diesen abgeschotteten Teil der Erde zu bringen.

 

 

Der Gazastreifen ist ein 42 Kilometer langer und 10 Kilometer breiter Küstenstreifen am östlichen Mittelmeer. Das dicht besiedelte Gebiet wird seit 2007 von der radikal-islamischen Hamas kontrolliert. Rund 1,7 Millionen Palästinenser leben hier. 70 bis 100 davon sind Surfer. Gewalt und soziale Not bestimmen das Tagesgeschehen. Kaum einer kommt ins Land, fast keiner darf hinaus. Nur humanitäre Güter passieren die Grenze: Strom, Medikamente, Lebensmittel. Surfbretter zählen nicht dazu. Und trotzdem: auf anstrengenden Wegen gelangten bisher 47 Surfboards in den Gazastreifen.

Ein Anruf vom »Doc«

Den Grundstein dafür legte die kalifornische Surflegende Dorian »Doc« Paskowitz, der 1956 das erste Surfboard — und damit den Surfsport — nach Tel Aviv gebracht hatte. »Im Juli 2007 wurde Doc über einen Artikel in der Los Angeles Times auf die Surfer in Gaza aufmerksam«, erzählt Rashkovan, als wir uns in seinem Wohnzimmer gegenüber sitzen. Der fast 90-jährige, ehemalige Arzt griff kurzerhand zum Telefon und wählte die Nummer des Surfgurus von Tel Aviv: »Er sagte, in Gaza würden zwei Jungs dringend unsere Hilfe benötigen.« Rashkovan selbst ist Mitbegründer der Initiative »Surfing 4 Peace«, die bereits seit 2004 arabische Surfer in Israel unterstützt.

Neue Boards für Gaza: Matt Olsen von der Partnerorganisation »Explore Corps« und Arthur Rashkovan beim Entpacken einer frischen Spendenlieferung aus den USA. | Foto: Surfing 4 Peace
Neue Boards für Gaza: Matt Olsen von der Partnerorganisation »Explore Corps« und Arthur Rashkovan beim Entpacken einer frischen Spendenlieferung aus den USA. | Foto: Surfing 4 Peace

»Die Surfindustrie in Israel ist groß. Es gibt vier bis fünf verschiedene Surfmarken, 20.000 Surfer, Wettbewerbe und Veranstaltungen. Der Umsatz liegt bei 80 Millionen USD im Jahr. Es ist eine aktive und wachsende Branche«, sagt Rashkovan. Mit »Surfing 4 Peace« will der 32-Jährige denjenigen Helfen, für die Surfen ein Grundbedürfnis ist. Auch wenn sie als seine »Feinde« gelten. Politischer Dialog und Ideologien sind nebensächlich. »Ich kann die Welt nicht verändern. Aber ich kann meine Welt ändern«, sagt Rashkovan. »Und Menschen, die surfen, feuern keine Raketen ab!«

Als israelischer Jude darf Arthur Rashkovan nicht nach Gaza reisen. Trotzdem sind einige Moslems aus Gaza seine Freunde geworden. »Auch wenn wir nur über Facebook oder über Skype reden«, lacht der Surfguru und nimmt einen selbstbemalten Teller von seiner Kommode. Das sei ein Geschenk von Mohammed und den anderen Gaza-Surfern. In der Mitte der Scheibe steht das Logo »Surfing 4 Peace«, den Außenrand umrunden Namen, unter anderem steht da auch Arthur Rashkovan. Während der Surfer den Teller dreht, spiegelt sich ein stolzes Lächeln auf seinem Gesicht.

Surfboards für Gaza

Wellen kennen keine Grenzen: Am Surfboard genießen die Gaza-Surfer kurze Momente der Freiheit. | Foto: Surfing 4 Peace
Wellen kennen keine Grenzen: Am Surfboard genießen die Gaza-Surfer kurze Momente der Freiheit. | Foto: Surfing 4 Peace

Ohne »Surfing 4 Peace« gäbe es in Gaza wahrscheinlich den Gaza Surf Club nicht. Und wohl auch keine Surfbretter. Kurz nach Docs Anruf gelangten die ersten 13 Surfbretter nach Gaza. Das war im Jahr 2007, als die Grenzen noch offen waren, und sich die verfeindeten Nachbarn zornig zurückhielten. Unterstützung bekommt Rashkovan auch von Surfprofi Kelly Slater. Mit seiner Hilfe waren schnell 23 Bretter für Gaza gesammelt. Weit mehr Einsatz und Unterstützung war für den anschließenden Transport der Surfboards in den Gazastreifen nötig. Formalitäten und Rückschläge sorgten für Verzögerungen, so dass der Plan beinahe aberwitzig wirkte. Dank vieler helfender Hände gelang es »Surfing 4 Peace« am 3. August 2010 dann doch, diese 23 Surfbretter, Boardshorts und Wetsuits an den Gaza Surf Club zu übergeben. »Jeder von uns bekam am Erez Checkpoint je ein Surfboard«, erzählt Mohammed Abu Giyab, einer der ersten Surfer in Gaza. Wellenreiten bedeutet für ihn und die anderen Gaza-Surfer vor allem eines: Freiheit! Damit trotzen sie denen, die ihre Träume kaputt machen. In einer Welt der Verbote, Demütigungen und Perspektivlosigkeit bieten die Wellen des Mittelmeeres Zuflucht und versprechen Augenblicke der Freude.

Rawand, Kholoud, Shoruq and Sabah Abo Ghanem sind die ersten Surferinnen in Gaza. | Foto: Surfing 4 Peace
Rawand, Kholoud, Shoruq and Sabah Abo Ghanem sind die ersten Surferinnen in Gaza. | Foto: Surfing 4 Peace

Für junge Frauen ist es besonders schwer, einen Fuß aufs Brett zu bekommen. Nicht fehlende Surfbretter sind das Problem, sondern der Mangel an adäquater Sportbekleidung, die den Anforderungen der muslimischen Gesellschaft entspricht. Vor 20 Jahren gab es sie noch in Gaza: Bikinis! Heute ist der Zweiteiler aus Gaza verschwunden. Arthur Rashkovan freut der jüngste Coup von »Surfing 4 Peace« daher besonders. Im Rahmen des »Gaza Surfer Girl Project« wurden an einer New Yorker Designschule für die beiden surfenden Gazagirls »Burkinis« — muslimische Badeanzüge — entwickelt. Shourook Rajab AboGhanim und Rawand Jawad AboGhanim sind bereits in ihren aus Spenden finanzierten Burkinis unterwegs. Die Cousinen entdeckten, inspiriert von Vätern und Verwandten, das Surfen vor drei Jahren. Mittlerweile surfen auch ihre beiden jüngeren Schwestern. »Wir surfen jede Woche, immer frühmorgens«, sagt Shourook. Sie träumt von Surfwettbewerben im Ausland, wo sie sich dann mit anderen Surferinnen messen kann.

Und Arthur Rashkovans nächster Traum? »Ich arbeite bereits an der Umsetzung«, sagt der Surfguru. Mit je zwei Surfern aus Gaza, Jaffa und Israel möchte er nach Kalifornien reisen und von dort nach Hawaii — zum gemeinsamen Wellenreiten. Wenn alles gut geht, soll das Vorhaben Ende 2012 wahr werden: Von dort, wo der Konflikt den Alltag beherrscht, dorthin reisen, wo das Surfen Zuhause ist, und unter dem Motto »Aloha Surfing« den Kreis schließen.

 

Surf-, Film- und Buchtipps

 

Surfing 4 Peace

Surfing 4 Peace Logo Kulturelle und politische Barrieren zu überwinden und die Surfer des Mittleren Ostens zusammen bringen: Das ist das Ziel von »Surfing 4 Peace«. Gegründet wurde die grenzüberschreitende Initiative im Sommer 2007 von Dorian Paskowitz, Arthur Rahskovan, Dorians Sohn David Paskowitz und dem mehrfachen Surfweltmeister Kelly Slater. Neben der »Lieferung« von Surfboards initiert S4P zahlreiche weitere Projekte wie Benefizkonzerte und Surfworkshops. Das »Gaza Surfer Girls Projekt« erleichtert jungen Frauen den Sprung aufs Surfbrett. Weitere Infos gibt's unter www.surfing4peace.org.

 

Gaza Surf Club

70 bis 100 Surfer gibt es in Gaza. Der Gaza Surf Club ist ein Project des Explore Corps, einer US-basierten Non-Profit-Organisation, die in enger Zusammenarbeit mit »Sufing 4 Peace« die Surfer und Suferinnen in Gaza unterstützt. Einige Mitglieder des Gaza Surf Clubs wirkten 2008 in Alexander Kleins Dokumentarfilm »God went surfing with the devil« mit. Wer mehr erfahren will, surft auf www.gazasurfclub.com oder besucht den Gaza Surf Club auf Facebook.

 

God went Surfing with the Devil

DVD-Cover: God went surfing with the devil

Der junge amerikanische Filmemacher Alexander Klein erzählt in seinem mehrfach ausgezeichneten Dokomentarfilm von den Schwierigkeiten und Gefahren, die das Leben der Surfer im Mittleren Osten bestimmen. Klein spricht mit Israelis, Juden wie Arabern, und palästinischen Surfern, die in den Wellen des Mittelmeeres den Wirren des Nahostkonfliktes für kurze Zeit entkommen. Mehr zum Film gibt's unter www.godwentsurfing.com.

 

Buchtipp: »Surfin' Gaza«

»Eine Geschichte so gut, dass sie ein Buch verdient«: Der französische Verlag »1980 Editions« war von Alex Kleins Dokumentarfilm derart begeistert, dass ein 160-seitiges Buch daraus entstand. »Surfin' Gaza« erzählt in hintergründigen Interviews mehr über die Charaktere aus dem Film und wie es ihnen seit dem Dreh ergangen ist. Ergänzt werden die Beiträge durch zahlreiche Fotos die in den vergangenen drei Jahren vom »Surfing 4 Peace«-Team aufgenommen wurden. Filmemacher Alexander Klein schildert humorvoll unter dem Titel »Wie man nach Gaza reist ohne zu sterben« seine Erfahrungen bei den Dreharbeiten im Autonomiegebiet. Die Film DVD liegt dem mehrsprachigen Buch (Englisch/Französisch/Arabisch) bei. Weitere Infos unter www.1980editions.com.

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