Südtirol via Wanderhotel: Nur wandern musst Du selbst!
Der Michl scheint eine Institution zu sein. Jeder kennt ihn, jeder grinst, wenn der Name Michl fällt. »Ihr seid’s mit dem Michl auf Wandertour, da werdet ihr viel Spaß haben«, verkündet auch der Tauber Helmut voller Vorfreude, so als ob er gleich selbst wandern gehen würde. Gerade lenkt er seinen VW-Bus durch die letzte Spitzkehre, denn der Helmut bringt uns von seinem Hotel in Feldthurns hinüber nach Seis am Schlern. Das macht der Helmut schon mal für seine Gäste, heute steht in seinem Hotel nämlich keine geführte Wanderung auf dem Tagesplan.
Die Mitwanderer warten schon – und mit ihnen der Michl. Groß, athletisch, kurzes schwarzes Haar, markantes Kinn. Fünf Minuten später ist Seis durchquert, der massive Felsriegel des Schlern dominiert die Landschaft, und die Santnerspitze ragt im Gegenlicht der Morgensonne wie ein gigantischer schwarzer Säbelzahn vor uns auf. Ob der Michl schon da oben war? »Klar«, grinst er, »als Seiser musst du einmal da rauf. Schaut schwieriger aus als es ist.« Er bleibt stehen und deutet auf die linke Bergflanke: »In ein paar Stunden ist man auf der Route oben. Nur eine Stelle ist ein bisschen brenzlig, eine relativ steile Wand ohne Halt, auf ihr musst du Haftung haben wie eine Spinne. Aber alles halb so wild, falls du nicht weiterkommst, ist links von dir ein Telefon befestigt. Da kannst du anrufen und dich abholen lassen.« Scherzbold.
Menschenopfer am Schlern
Michls nächster Halt ist eine Panoramatafel mit dem Naturpark Schlern-Rosengarten darauf. Mit dem Finger fährt er über die Karte und zeigt die heutige Route: durch den Wald bis zum Völser Weiher, weiter nach Schloss Prösels und zum Schluss Abstieg ins Eisacktal – mit Weinprobe auf dem Gumphof. Der Weg schlängelt sich am Fuß des Schlern entlang durch dichten Wald, nur nach rechts gibt er ab und zu den Blick auf Seis und die umliegenden Höfe frei. Der Michl bleibt noch einmal stehen und lenkt unsere Aufmerksamkeit auf einen großen Hügel in der Landschaft nahe Seis, das Rungger Egg. Jetzt referiert Michl, der Hobbyarchäologe. Auf dem Rungger Egg habe man bei Grabungen einen Brandopferplatz aus der vorchristlichen Bronzezeit entdeckt. Dort seien aber nicht nur Tiere geopfert worden, sondern auch Menschen. Brrrr. Oben auf dem Schlern existierten weitere Kultstätten. Archäologen hätten dort Waffen, Münzen, Werkzeuge und Schmuck gefunden, die zum Teil aus der Kupferzeit stammen, also noch älter sind. Die Funde sind im Archäologiemuseum in Bozen ausgestellt. »Der Schlern ist also nicht erst seit den Kastelruther Spatzen mythologisch aufgeladen«, fasst der Michl seinen Vortrag zusammen. Die Wanderung bis zum Völser Weiher gleicht einer Naturkundestunde, immer wieder erklärt der Michl die bunte Blumenpracht und die alpinen Gewächse am Wegesrand, beantwortet weitere Fragen zu Menschenopfern, Kultstätten und seinem eigenen Wanderhotel. Ein wahrer Multitasker ist der Michl, er leitet das Hotel, seitdem sich seine Eltern vor einigen Jahren zurückgezogen haben, unternimmt mit seinen Gästen zwei Wandertouren die Woche, auf Wunsch selbstverständlich in alpineres Gelände und auf Klettersteige, denn Bergführer ist er auch. Und im Winter? Da führt er Schneeschuhwanderungen auf der Seiser Alm. Und ganz nebenbei ist er noch Naturfotograf.
Dann stehen wir plötzlich vor dem Hexenstein, ein meterhoher, moosbewachsener Findling mitten im Wald nahe des Völser Weiher. Hier hätten sich immer die Schlernhexen in der Nacht getroffen und einst gar den Völser Pfarrer umgebracht, der sie mit finsterem religiösem Eifer bekämpfte, erzählt der Michl. Der Schlern ist ja auch bekannt als Blocksberg Tirols, das muss man wissen. Zwei Stunden später allerdings setzt am Schloss Prösels ein Mahnmal die ernüchternden historischen Fakten dagegen: Vor 500 Jahren wurden hier in Völs und Umgebung zahlreiche Männer und Frauen als Zauberer und Hexen verbrannt.
Wer wandern kann, kann auch trinken
Vom Schloss aus laufen die Beine fast wie von selbst, der Weg führt stetig hinab ins Eisacktal, immer wieder an einzelnen Höfen vorbei oder geradewegs hindurch, wo Väter und Söhne auf ihren Apfelbaumplantagen herumwerkeln. Schließlich der Gumphof. »Ah, der Michl ist da«, freut sich ein gutgelaunter Winzer. Das ist der Prackwieser Markus. Wer sich noch nicht so gut mit der Weinkelterei ausgekannt hat, weiß spätestens nach dem Rundgang durch den Keller und der anschließenden Weinprobe Bescheid. Und dabei muss sich der Prackwieser Markus noch ständig bremsen: »Nein, jetzt wird es zu technisch«, sagt er dann zu sich selbst. Sauvignon, Weißburgunder, Gewürztraminer, Vernatsch, Blauburgunder, danach verschwimmt alles ein bisschen und im milden Spätnachmittagslicht kriecht eine wohlige Wanderseligkeit in die nun doch etwas müden Knochen. Aber der standhafte Michl, der kümmert sich um die Heimfahrt.
Zurück in Feldthurns begleitet uns am nächsten Tag der Tauber Helmut – zunächst sind es aber nur ein paar Schritte ins Schloss Velthurns, einst Sommerresidenz der Brixener Bischöfe. Dass es denen finanziell ziemlich gut ging, davon zeugt das Fürstenzimmer im ersten Stock auf eindrucksvolle Weise. Der ganze Raum ist von der Decke bis zum Fußboden mit Holz vertäfelt und verziert mit den wohl aufwändigsten Schnitzarbeiten der Renaissance. Diese Arbeit hat Jahre gedauert. Ein bisschen stolz ist der Helmut schon, als er erzählt, dass seine Vorfahren bereits die Handwerker während der Bauzeit von 1577 bis 1587 beherbergt haben. Und sein Hotel ist heute noch ein Familienbetrieb.
Schloss Velthurns ist ein echtes Must-See entlang des Keschtnweges. Der erstreckt sich über 60 Kilometer auf der Mittelgebirgsterrasse längs des Eisacktals vom Vahrner See bei Brixen bis nach Bozen. Dabei streift er bedeutende Kultur- und Naturdenkmäler des Eisacktals. »Der Keschtnweg ist nach den Kastanienhainen benannt, die er immer wieder durchquert, denn die Kastanie war und ist unser Brotbaum«, erklärt der Helmut. An den kulinarischen Höhepunkten, die sich aus ihr zaubern lassen, hat man sich gestern Abend beim Kastanienmenü bereits ausgiebig gütlich getan: Kastaniennockerl mit Steinpilzen, Kastanien- und Parmesanquiche, Crème Brûlée aus der Kastanie.
Dem Messner Reinhold auf der Spur
Mit großen Schritten geht der Helmut voran. Über die grünen Wiesen läuft der Keschtnweg, es riecht nach Frühling, und links auf der anderen Seite des Eisacktals begleitet uns das erhabene Breitwandpanorama der immer noch mit Schnee bedeckten Geislergruppe. Der Helmut ist gut drauf und pfeift ein Liedchen vor sich hin, aber plötzlich fällt ihm etwas ein: »Der Messner Reinhold ist dort drüben in St. Magdalena gleich unterhalb der Geislerspitzen aufgewachsen. Ich kenne ihn ganz gut – vielleicht könnt ihr euch morgen mit ihm in seinem neuen Messner Mountain Museum in Bozen treffen. Ich ruf den heute Abend mal an.« Hier kennt scheinbar wirklich jeder jeden. Wie zum Beweis winkt jemand von einem Hof herüber. »Ciao Helmut, schaut’s doch mal rein!«
Das ist der Blasbichler Norbert, sagt der Helmut. Der Blasbichler Norbert ist der Besitzer vom Biohof Radoar und ein weithin bekannter Hersteller von Apfel-Destillaten. Wer mag, den führt der Norbert durch seinen Viehstall, den Weinkeller und die Brennerei, erklärt ihm Obstwiesen und biologischen Anbau. Oder es gibt einfach nur was zum Zuspitzen. Zum was? So nennt der Eisacktaler den Genuss von hochprozentigen Destillaten. »Ein Golden Delicious muss schon sein, das ist schließlich Kulturgut«, sagt der Norbert. Praktisch, dass die kleine Open-Air-Bar direkt am Wegesrand steht, also wird kurz im Stehen zug’spitzt.
Beschwingt wandern wir weiter, der Helmut immer schön voraus, unter Kastanienalleen mit meterdicken Baumstämmen, in den schattigen Wald hinein und wieder hinaus, zählen Jesuskreuze und Marienbildnisse – bis zum Kloster Säben. Die »Akropolis von Tirol«, wie der Helmut es nennt. Auf einem vorgelagerten Bergsporn sitzt das Kloster hoch über dem Tal. »Seit 1687 ist Säben ein Benediktinerinnenkloster, zuvor war es eine bischöfliche Wehrburg«, erzählt er. Davor habe die Burg den Rätern gehört, und noch heute sei ein sagenumwobener rätischer Schatz dort versteckt. »Wir können ja mal auf Schatzsuche gehen«, schlägt er vor. Gefunden haben wir ihn leider nicht, dafür hat uns der Helmut die bildgewaltige Heilig-Kreuz-Kirche gezeigt und noch weitere Geheimnisse rund um das Kloster anvertraut.
Abends liegen wir im hoteleigenen Whirlpool, lauschen dem beruhigenden Blubbern des Wassers, und die Entspannung spitzt sich langsam zu (so würde das wahrscheinlich der Eisacktaler formulieren). Da kommt der Helmut schnellen Schrittes an und grinst bis über beide Ohren. Wird er jetzt sagen: »Morgen seid’s mit dem Reinhold unterwegs, da werdet ihr bestimmt viel Spaß haben.« Nein. Der Reinhold sei leider nicht in Bozen. Aber der Michl hätte wieder Zeit und Lust.
4-Seasons Info
Urlaub in den Europa Wanderhotels
Die »Europa Wanderhotels« sind ein Verbund von 74 Hotels, die überwiegend im Alpenraum, aber auch in Deutschland und Norwegen liegen. Sie eint der Anspruch, ihren Gästen rundum perfekte Wanderferien zu bieten.
Alle Mitglieder der »Europa Wanderhotels« müssen hohe, selbstgesetzte Qualitätsstandards erfüllen. So sind die Gastgeber immer ausgebildete Wander- oder Bergführer und bieten ein wöchentliches Programm mit unterschiedlichsten geführten Wanderungen an (je nach Anzahl dieser Touren besitzt ein Hotel zwischen drei und fünf Bergkristall-Sternen).
In einer hauseigenen Wanderinfothek kann man sich zudem mit Wanderkarten, Natur- und Kulturführern sowie Pflanzenführern für die Tourenplanung auf eigene Faust versorgen. Rucksack und Stöcke werden ebenfalls kostenlos verliehen. Abgerundet wird das Ganze mit Wellness- und Wohlfühlangeboten, die auf »Après-Outdoor« zugeschnitten sind, und einer Küche, die auf Biolebensmittel aus der Region setzt.
Informationen »Europa Wanderhotels«
Mehr über die 74 Hotels, Wanderrouten und Wanderthemen auf www.wanderhotels.com.
Einen Katalog kann man beim »Europa Wanderhotels« Servicebüro, A-9773 Irschen, Tel. +43/4710 2780, gratis bestellen.
In Südtirol (Eisacktal) besuchte »Europa Wanderhotels«
Das Aktiv & Vitalhotel Taubers Unterwirt in Feldthurns organisiert u.a. Ausflüge in das Messner Mountain Museum in Bozen und in Zusammenarbeit mit dem Hotel Regina Mehrtageswanderungen mit Gepäcktransport auf dem Keschtnweg.
Infos: Tel. +39/0472 85 5225, www.unterwirt.com.
Das Hotel Regina in Oberbozen liegt auf dem Rittner Hochplateau mit Panoramablick auf den Schlern in der Nähe der bekannten Rittner Erdpyramiden. Infos: Tel. +39/0471 34 5142, www.hotel-regina.it.
Michael »Der Michl« Trocker vom Wanderhotel Europa in Seis am Schlern unternimmt nicht nur Wandertouren und führt auf Klettersteigrouten im Sommer, er organisiert auch Fotografenworkshops – den nächsten im Juli mit Heinz Zak.
Infos: Tel. +39/0471 70 6174, www.wanderhoteleuropa.com.
15. Mai 2009, Text: Ingo Hübner
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