Skitouren-Spezial: Die ersten Schritte (Teil 2)
Im ersten Teil des Skitouren-Spezials wurde die Ausrüstung für Anfänger-Touren besprochen und welche Techniken man für den Aufstieg mit Steigfellen unter den Ski benötigt. Nicht immer jedoch wartet nach dem Aufstieg auch knietiefer Pulverschnee in der Abfahrt und wie genau verhält man sich bei Lawinengefahr? Hier wird erklärt, wie man heile ins Tal kommt:
Die Abfahrtstechnik: sicher ins Tal
Die Skitechnik im Gelände unterscheidet sich in ihren Grundlagen kaum vom Alpinskifahren. Allerdings ist fast immer eine situative Anpassung an die herrschenden Bedingungen erforderlich, die sich selbst auf engem Raum oft stark unterscheiden können. Für die saubere Ausführung der Technik ist daher eine hohe Präzision und genügend Kraft erforderlich. Spezielle Tiefschneekurse sind vor allem für schwächere Skifahrer eine gute Vorbereitung auf Skitouren. Dem guten Skifahrer können die folgenden Tipps eine Hilfe sein mit den verschiedenen Schneearten zu Recht zu kommen.
1. Hartschnee oder Firn: Diese Schneearten sind einer frisch planierten Piste am ähnlichsten. Als Firn(-schnee) wird die Schneeart bezeichnet, die entsteht, wenn ein kompakter Schmelzharschdeckel oberflächlich von der Sonne aufgeweicht wird. In flachem Gelände reicht oft schon eine leichte Schräglage des Oberkörpers um einen Bogen einzuleiten. Je härter die Oberfläche und je steiler das Gelände, umso entschlossener müssen die Kanten gesetzt werden.
2. Pulverschnee: Lockerer, glitzernder und möglichst unverspurter Pulverschnee ist der Traum eines jeden Tourengehers. Diese Schneeart erlaubt eine sehr elegante, rhythmische Fahrweise, wo die Schwünge jeweils durch eine leichte Hochentlastung mit Beindrehung eingeleitet werden. Das gefühlvolle Ausbalancieren der Vorlage stellt den Schlüssel zur Kontrolle der Geschwindigkeit dar. Je mehr Druck auf die Schaufel der Ski ausgeübt wird, desto mehr Schnee staut sich vor den Skiern und desto stärker bremst der Schwung. Bei zu viel Schaufeldruck besteht allerdings die Gefahr, dass der Ski »abtaucht« - was einen Überschlag zur Folge hat.
3. Naßschnee, Sulzschnee: Naßschnee ist sehr schwer und es braucht entsprechend mehr Kraft um ihn zu verdrängen. Mehr Wucht läßt sich aber auch durch höheres Tempo erreichen, was darüberhinaus noch den Vorteil hat, dass die Einsinktiefe verringert wird. Im Gegensatz zum Pulverschnee, wird man etwas weniger Vorlage fahren – weil diese Schneeart stärker bremst, aber auch um die Skispitzen zum Drehen besser aus dem Schnee zu bekommen. Auch Stockeinsatz und Entlastung müssen dynamischer ausgeführt werden als beim Pulverschnee. Da das Abfahren im Naßschnee auch bei guter Technik relativ anstrengend ist, fährt man am besten etwas größere Radien, um schnell Höhenmeter »zu vernichten«.
4. Bruchharsch: Die unangenehmste Schneeart ist sicherlich der Bruchharsch. Hier liegt ein harter Deckel auf einer lockeren Schicht. Leider trägt der Deckel das Gewicht des Skifahrers nicht oder bricht zumindest beim Schwung gelegentlich durch. Ein guter Blick für Schneeoberfläche, viel Gefühl für die Tragfähigkeit der Kruste und genügend Kraft in den Oberschenkeln sind auf keinen Fall von Nachteil. Ansonsten können sehr unterschiedliche Strategien zum Erfolg führen. Bei einem Harschdeckel, der überwiegend trägt, ist es sinnvoll sehr sanft zu schwingen und harte Belastungen der Oberfläche zu vermeiden. In flachem Gelände mit nicht tragendem Bruchharsch kann eine starke Rücklage mit enger Skiführung von Vorteil sein. Dabei wird versucht, die Skispitzen permanent an der Oberfläche zu halten und so seine Spur talwärts zu »fräsen«. Im steileren Gelände fährt man einen Parallelschwung, mit extremer Hochentlastung um die Ski möglichst über der Schneeoberfläche drehen zu können. Die »Landung« auf der Schneedecke sollte so hart erfolgen, dass die Bruchharschdecke komplett durchbricht. Wenn gar nichts davon klappt, kann man sich immer noch mit langen Querfahrten und talwärts ausgeführten Spitzkehren behelfen.
Achtung: Lawinen!
Das Thema Lawinen jagt Neulingen im Zusammenhang mit Skitouren in der Regel den größten Respekt ein. Dabei läßt sich aber mit ein paar Grundregeln auch für wenig erfahrene Tourengeher das Risiko auf ein vertretbares Maß reduzieren. Die Ausgangsbasis stellt dabei immer der Lawinenlagebericht (LLB) dar, der im Internet unter www.lawinen.org für alle europäischen Länder verfügbar ist.
Grundsätzliches:
- Der zur Entscheidung herangezogene LLB muss für die Region und Höhenlage gelten, in der sich unsere Tour befindet.
- Die Rahmenbedingungen, die im LLB genannt sind (z. B. 10 – 20 cm Neuschnee) müssen wir auch auf der Tour vorfinden. Insbesondere bei ungünstigeren Verhältnissen (z. B. 30 cm Neuschnee) müssen wir von einer höheren Lawinengefahr ausgehen.
- Beobachten wir typische Alarmzeichen, die auf kritische Verhältnisse hinweisen, muss mindestens von Warnstufe 3 ausgegangen werden. Beispiele dafür: frische Schneebrettabgänge, Setzungsgeräusche aus der Schneedecke (sog. »Wumm-Geräusche«), sichtbare Schneeverfrachtungen durch starken Wind an den Kämmen (Schneefahnen), große Neuschneemengen > 30 – 50 cm.
Lawinenwarnstufe 1 (geringe Lawinengefahr): Gibt der Lawinenwarndienst die niedrigste Gefahrenstufe aus, sind grundsätzlich nur in wenigen, sehr steilen Hängen noch Lawinen möglich. Für die Lawinenauslösung ist eine große Zusatzbelastung erforderlich, also mehrere Tourengeher auf engem Raum, oder ein Sturz bei der Abfahrt. Auf häufig begangenen, leichten bis mittelschwierigen Skitouren sind kaum noch Gefahrenstellen zu befürchten. In unbefahrenem Gelände sollte man ohne lawinenkundliche Kenntnisse steile Hänge jenseits von 35 – 40 Grad trotzdem meiden.
Lawinenwarnstufe 2 (mäßige Lawinengefahr): Es sind zwar noch relativ wenige Gefahrenstellen vorhanden, es reicht aber unter Umständen schon ein einzelner Tourengeher, um eine Lawine auszulösen. Nun gibt es für unerfahren Wintersportler zwei Möglichkeiten. Entweder man begeht einfache, in den Skitourenführern als weitgehend lawinensicher beschriebenen Touren ohne Steilhänge über 30 Grad. Wenn es etwas steiler sein soll, dann bleibt man an viel begangenen Modetouren auf der ausgetretenen Aufstiegsspur, sowie auf den stark eingefahrenen Abfahrtshängen.
Lawinenwarnstufe 3 (erhebliche Lawinengefahr): Bei Stufe 3 ist an vielen Hängen mit Lawinengefahr zu rechen. Einsteiger ohne lawinenkundliche Kenntnisse sollten jetzt in jedem Fall eine als weitgehend lawinensicher geltende Skitour wählen, die häufig begangen wird und sich dort an die gut ausgetretene Aufstiegsspur und an die eingefahrenen Abfahrtshänge halten. Bei schlechten Sichtverhältnissen, Schneefall oder Sturm sollten sie auf eine Skitour im freien Gelände verzichten.
Bei Lawinenwarnstufe 4 und 5 sollten wenig Erfahrene nicht mehr im Skitourengelände unterwegs sein.
Tourenplanung zuhause: Wetter, Zeitplan, Gruppe
Die saubere Vorbereitung einer Skitour ist schon die halbe Miete für einen perfekten Skitourentag. Was im Einleitungskapitel sehr stark verkürzt dargestellt wurde ist der kleine aber feine Unterschied, ob wir im Schneesturm oder bei Sonnenschein, im Pulverschnee oder im Bruchharsch, sicher oder riskant unterwegs sind.
Wetter: Die Wettervorhersagen weisen für den Folgetag eine sehr gute Treffsicherheit auf. Wichtig ist aber trotzdem, dass man mit den zahlreichen Informationen, die insbesondere über das Internet erhältlich sind auch umzugehen weiss. Örtliche Besonderheiten kann nicht jede Vorhersage berücksichtigen. Der Bergwetterbericht des Alpenvereins (www.alpenverein.de/bergwetter) richtet sich z. B. speziell an Bergsteiger. Er unterscheidet Ost- und Westalpen und differenziert dort weiter zwischen Alpennordseite und Alpensüdseite – im Winter werden oft auch die zu erwartenden Neuschneemengen genannt.
Anhand des Wetterberichtes können wir entscheiden, ob wir überhaupt auf Skitour gehen wollen und wenn ja, welche Tour bei den entsprechenden Bedingungen geeignet ist. Nur wenn das Wetter/die Sicht gut ist, sollte man sich als Einsteiger in unbekanntes Terrain begeben. Anhand der prognostizierten Temperaturen läßt sich dazu die Ausrüstung (Bekleidung) optimieren. Mit etwas mehr Erfahrung lassen sich aus der Wettervorhersage sehr oft Rückschlüsse auf die zu erwartende Schneequalität treffen.
Lawinenlagebericht: Wie oben erläutert, bildet er die Basis für die Einschätzung der Lawinengefahr
Karten und Führer: Gerade für Einsteiger sind Skitourenführer die wichtigste Informationsquelle. Neben der Routenbeschreibung, dem Schwierigkeitsgrad und dem Zeitaufwand finden sich darin oft auch Hinweise zur Lawinengefahr und wie häufig die Tour begangen wird. Das Lesen von Skitourenkarten erfordert zwar etwas Übung, aber wer damit umgehen kann, erhält schon während der Tourenplanung exakte Informationen über den Charakter der Skitour, die Steilheit des Geländes und die Hangexpositionen.
Selbsteinschätzung, Gruppe: Nicht nur die Anforderungen, welche die Skitour mit sich bringt, sowie die Verhältnisse müssen beurteilt werden. Auch unser eigenes Können, unsere Erwartungen und unsere Risikobereitschaft müssen auf den Prüfstand. Es macht wenig Sinn eine Skitour mit 1500 Höhenmeter zu planen, wenn die Kräfte nur für 1000 Höhenmeter reichen. Und wenn in unserer Gruppe schlechte Skifahrer sind, muss das Gelände dafür geeignet sein.
Zeitplanung: Nachdem alle Informationen gesammelt sind und das Tourenziel ausgewählt ist erstellen wir einen konkreten Zeitplan. Dazu unterteilen wir die Route in logische Etappen, beispielsweise bis zu einer markanten Weggabelung, Alm oder Scharte. Für diese Abschnitte schätzen wir die notwendige Zeit ab und errechnen so den gesamten Zeitbedarf. Eine Aufstiegsleistung von 300 bis 400 Höhenmeter pro Stunde ist für durchschnittlich trainierte Personen, die auch im Sommer im Gebirge unterwegs sind, durchaus realistisch – vorausgesetzt es ist eine Aufstiegsspur vorhanden. Für Pausen und unvorhergesehene Ereignisse planen wir genügend Puffer ein.
Unterwegs auf Skitour
Während sich in der Planungsphase alles theoretisch daheim in der warmen Stube abspielt, wird es nun ernst. Bereits am Ausgangspunkt kontrollieren wir noch einmal ob die Ausrüstung bei allen Gruppenmitgliedern vollständig ist. Im Anschluss wird die Funktionsfähigkeit der LVS-Geräte geprüft. Auch andere Planungsparameter wie Wetter, Schneeverhältnisse und Zeitplan werden auf Abweichungen gegenüber den angenommenen Werten gecheckt. Sind Differenzen erkennbar, muss der weitere Ablauf angepasst und ggf. korrigiert werden. Erkennen wir beispielsweise Alarmzeichen, die auf kritischere Schneeverhältnissen hindeuten als prognostiziert, könnten wir ein sichereres Ausweichziel wählen. Falls wir deutlich zu spät dran sind, weil wir lange im Stau standen, müssen wir uns fragen, ob die Tour für uns noch durchführbar ist oder evtl. verkürzt werden muss. Vielleicht ist es sinnvoll nur bis zur Hütte anstatt bis zum Gipfel zu gehen.
Nach jeder Etappe befindet sich ein Checkpunkt, wo die Planung aufs Neue überprüft wird, im Rahmen unserer Möglichkeiten auch bezüglich der Lawinensituation. Falls wir bei Warnstufe 2 davon ausgegangen sind, dass es sich um einen viel befahrenen Hang handelt, er überraschenderweise aber unverspurt ist, wäre das ein triftiger Grund, ihn zu meiden.
Entscheidend beim Risikomanagement ist – egal ob Anfänger oder Fortgeschrittener – sich an einen vorher abgesteckten Handlungsrahmen zu halten und sich nicht vom verlockenden Pulverschnee blenden zu lassen. Dies gilt für die Lawinenbeurteilung genauso wie bei der Einschätzung des Wetters oder der Zeitplanung. Mit zurückhaltender Planung und konsequenter Anwendung sind so auch für weniger erfahrene Tourengeher erste selbständige Skitouren möglich.
Skitourenausbildung
Schneller und kompakter läßt sich das Wissen und erste Erfahrung in einem Kurs gewinnen. Viele Bergsportschulen und die meisten Alpenvereins-Sektionen bieten dazu ein vielfältiges Programm. In einem Grundkurs für Skitouren werden alle in diesem Artikel besprochenen Themen in der Praxis gelernt. Was sich selbständig nur sehr schlecht aneignen und trainieren lässt ist die Suche von Lawinenverschütteten. Dies sollte das Minimum sein, was man in einen professionellen Kurs lernen sollte. Von einem eintägigen Crash-Kurs bis hin zu einem einwöchigen Training besteht ein große Bandbreite an Angeboten.
4-Seasons Info
Markus Stadler ...
... ist seit vielen Jahren als Fachübungsleiter für die DAV-Sektion Rosenheim in der Skitourenausbildung engagiert. Darüberhinaus hat er ein Lehrbuch »Skitourengehen« verfasst, das voraussichtlich Ende Januar im Bergverlag Rother erscheinen wird. Weiter ist er als Autor zahlreicher Skitouren- und Kletterführer, sowie als Betreiber einer in Bergsteigerkreisen beliebten Homepage (mit tollen Touren-Tipps) einem größeren Publikum bekannt.
22. November 2011, Text: Markus Stadler
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