Schiffbruch und Totempfähle – Kanureise auf dem Yukon
Aus, vorbei, das war’s! Fassungslos starre ich auf das zerfetzte Heck meines Kanus. Fast handtellergroß ist das Loch in der brüchigen Birkenrinde. Die Wellen krachen immer noch ans steinige Seeufer. Erst jetzt spüre ich wieder die Kälte, die über die triefnasse Kleidung den Körper hochkriecht und durchdringt. Der Schock sitzt tief. Vor ein paar Minuten noch paddelte ich zuversichtlich meinem Abenteuer entgegen. Und jetzt? Soll hier schon Schluss sein, am zweiten Tag, bevor meine Reise auf dem Yukon überhaupt richtig begonnen hat?
Am Morgen hatte sich die Sonne noch im ruhigen, kristallklaren Wasser gespiegelt. Aber dann frischte der Wind auf, fegte wie durch einen Trichter zwischen den Bergketten über den Lake Bennett und türmte die Wellen mannshoch auf. Angesichts der Schaumkronen, die immer öfter in mein Kanu schwappten, blieb ich in Ufernähe. Aber anlanden und auf eine Beruhigung der Wellen warten, das wollte ich nicht. Zu lange hatte ich von dieser Reise geträumt, um sie gleich nach dem Start zu unterbrechen. Ein Fehler …
Der Sturm drückte das Kanu Richtung Ufer. Auf den offenen See hinauszupaddeln, wagte ich wegen der hohen Wellen nicht. Plötzlich kam das Boot den Felsen am Ufer so nahe, dass ich ins eiskalte Wasser sprang und versuchte, das Kanu wegzuziehen. Keine Chance. Die Brandung riss mir das Boot aus meinen Händen und schmetterte es gegen die Felsen. Hastig entlud ich die Ausrüstung aus dem volllaufenden Kanu und zog zuletzt das Boot auf einen steinigen Strand. Den Schaden entdeckte ich beim Umdrehen des Bootes. Mit jeder Sekunde, die ich auf das riesige Loch starrte, schwand die Hoffnung, mit diesem Kanu jemals wieder paddeln zu können.
Halb trotzig, halb verzweifelt
Ich bin irgendwo am Ufer des lang gestreckten Lake Bennett, einem der Quellseen des Yukon. Mein Startpunkt mit Straßenanschluss liegt viele Meilen zurück, bis zum nächsten Ort, Carcross, ist es ebenfalls noch weit. Die Frage, wie ich ohne Kanu in die Zivilisation komme, schiebe ich beiseite. Kann ich das Boot nicht doch reparieren? In einem Beutel habe ich Ersatzrinde. Sind die Stücke groß genug, um das Leck zu schließen? Dann kommt es schlimmer: Am Heck entdecke ich noch einen Riss, der sich fast bis zum Süllrand hochzieht. Den muss ich mit Wurzeln vernähen – und dazu vorher die Spanten und die Verkleidung aus Zedernholzstreifen entfernen. Wahrscheinlich würde die spröde Rinde durch die Reparaturarbeiten zusätzlich geschädigt. Und ob mein Vorrat an Fichtenharz überhaupt reicht, um alles abzudichten, ist ebenfalls ungewiss.
»Hier darf, kann und wird nicht Schluss sein!«, schreibe ich abends halb trotzig, halb verzweifelt in mein Tagebuch. Ich schlafe unruhig, träume wirr. Brandung und Wind dringen in mein Unterbewusstsein.
Auch am Morgen hat der Sturm keinen Deut nachgelassen. Ich packe mich in mehrere Lagen Kleidung, streife Mütze und Arbeitshandschuhe über. Zuerst wähle ich ein Stück Ersatzrinde aus und lege es mit Steinen beschwert ins Wasser. Auch die Kiefernwurzeln weiche ich ein. Jetzt wird sich zeigen, was ich bei Meister Tom wirklich gelernt habe. Fast drei Wochen hatten wir beide in Ontario an diesem authentischen Ojibwe-Longnose-Canoe gebaut, nur mit Material aus den Wäldern: Birkenrinde, Zedern- und Eschenholz, Kiefernwurzeln zum Vernähen und Fichtenharz zum Abdichten der Nähte.
Haben Sie Bärenfett?
Mit der Säge kürze ich einige Äste und fertige Keile und eine Art Meißel, der mir das Herausschlagen der Spanten erleichtern soll. Auf dem Benzinkocher brodelt das Wasser, ich übergieße damit mehrfach die Rinde, um sie elastisch zu machen. Aus Tarpstangen und Gurten entsteht ein Gerüst, das die Rinde möglichst fest an den Bootskiel drückt. Die Operation kann beginnen.
Wie ein Chirurg das Skalpell setzte ich behutsam die Ahle auf die Rinde und drehe das erste Loch, durch das ich die vorher präparierte Nähwurzel stecke. Der Anfang ist gemacht. Bei jedem weiteren Loch und anschließendem Festziehen der Naht hoffe ich, der brüchigen Rinde keinen weiteren Schaden zuzufügen – oder sie gar auszureißen. Nach Stunden zäher Arbeit sitzt der Flicken an seinem Platz. Wird das halten? Und reicht mein Material noch für die andere defekte Stelle? Eher nicht …
Als ich gerade die Spanten wieder einbauen will, dringt ein Brummen durch das Heulen des Sturms. Ich schaue über die Schulter auf den einsamen See. Nichts. Ich greife wieder zu Zelthammer und Holzmeißel. Da, schon wieder, diesmal lauter, wie von einem Motor. Abermals lasse ich meinen Blick übers Wasser schweifen. Und tatsächlich: ein Boot am Horizont! Es steuert auf mich zu. Als es näher kommt, erkenne ich, dass es ein Polizeiboot ist. Meine Situation hat sich schlagartig verbessert.
»Was ist das? Birkenrinde? Toll!« Bei unserer Ankunft in Carcross, der kleinen Siedlung der Tagish-Indianer am Nordende des Lake Bennett, hilft uns ein Einheimischer, das Kanu vom Polizeiboot zu heben. »Meine Mutter hat hier früher Boote aus Elchhaut gemacht. Aber so was habe ich noch nie gesehen.«
Rob und Matt, die beiden Polizisten, bringen mich samt dem Boot und meiner Ausrüstung zum kleinen Campingplatz des Stamms. Rob schenkt mir sogar einen Bunsenbrenner, »den kann man immer brauchen, wenn etwas geflickt werden muss«.
Der Karibuspeck schmilzt in der Pfanne. Ich rühre das ausgelassene Fett vorsichtig unter das erhitzte Fichtenharz und beginne, die Fett-Harz-Mischung großflächig auf die Rinde aufzutragen. Das Ergebnis sieht vielversprechend aus. Das Ganze muss jetzt eine Weile trocknen – Zeit, um Keith einen Besuch abzustatten.
Tausende Goldsucher in Segelbooten
Keith schnitzt gerade an einem zeremoniellen Holzhut, als ich die Werkstatt betrete. Hinter ihm sind zwei stattliche Totempfähle aufgebahrt. Diese Pfähle haben nichts mit Karl Mays »Marterpfählen« zu tun, sondern sie erzählen eine Geschichte, ehren eine Person oder repräsentieren einen bestimmten Clan. Die Totempfähle, sagt Keith, sollen bald vor dem neuen Versammlungshaus der Tagish in Carcross errichtet werden. Ich erkläre Keith, dass wir in Deutschland keine Totempfähle haben, dazu fehle uns das Verständnis der Indianer für diese Dinge. Keith lacht: »Weißt du, ich bin auch kein reinrassiger Indianer. Mein Name ist Keith Wolf-Smarch. Mein Ururgroßvater hieß Otto Wolf und kam aus Deutschland …«
Und nicht nur Ururopa Otto kam: Der Goldrausch spülte Ende des 19. Jahrhunderts Glücksritter aus aller Welt in den hohen Norden. Einen bizarren Höhepunkt erlebten die Tagish-Indianer an einem Tag im Mai 1898: Plötzlich sahen sie Tausende von Booten auf sich zusegeln. Die wackligen Gefährte waren voll besetzt mit Goldsuchern, die den Chilkootpass überwunden und dann am Südende des Lake Bennett überwintert und auf den Eisaufbruch gewartet hatten. Kaum schien der See befahrbar, legten alle gleichzeitig ab. Die Goldsucher hetzten weiter nach Dawson City und zum Klondike, wo 1896 die ersten Nuggets gefunden worden waren. Bis die Kunde vom Gold des Yukon die Städte der USA erreicht hatte, verging ein Jahr; ein weiteres, bis die zahllosen Glücksritter endlich das gelobte Land erreichten. Die meisten von ihnen gingen leer aus. Aber ihre Spuren haben sie überall hinterlassen.
»Seit dem Goldrausch hat sich viel verändert«, sagt Keith, »auch der Name unseres Dorfs: Früher hieß es Caribou Crossing, weil die großen Herden auf ihrer Wanderung hier regelmäßig vorbeizogen. Heute gibt es diese großen Karibuherden nicht mehr und der Ortsname verkümmerte zu Carcross.«
Keith wendet sich wieder seinen Totempfählen zu. Auch darin lässt er Kulturen verschmelzen: Die der hier beheimateten Tagish und die der benachbarten Tlingit. Die Tlingit lebten ursprünglich als Küstenindianer in Alaskas Südzipfel, waren aber oft über die Berge gezogen, und so haben sich im Laufe der Zeit ihre Bräuche mit denen der Tagish vermischt.
Die Totempfähle sind aus Zedernholz. Die 10 bis 15 Meter langen Stämme erreichen einen Durchmesser von bis zu einem Meter und werden mit Lastwagen aus British Columbia nach Carcross geschafft. »Zuerst müssen wir sie entrinden und das weiche Holz wegschlagen«, erklärt Keith. »Als Nächstes suchen wir uns die geradeste Seite aus, auf der dann das Design entsteht. Die meisten Totempfähle sind symmetrisch. Ich lege also eine gerade Längslinie mit einem Stift fest und teile den Pfahl dann in drei horizontale Abschnitte, wobei der Kopf ein wenig größer ausfällt. Anschließend zeichne ich das Design erst auf eine Seite und kopiere es später auf die andere.«
Sie singen wieder die alten Lieder
Sein Wissen um diese Kunst verdankt Keith einem Meisterschnitzer, der das Talent des jungen Mannes erkannte und fördern wollte. Jahrelang zogen die beiden durch Kanada und Alaska, arbeiteten an Totempfählen und unterrichteten in den indianischen Dörfern. »Inzwischen gebe ich selbst Unterricht«, sagt Keith. »Ich kann mein Wissen an die Kinder hier vermitteln, an alte Menschen, junge Menschen, damit wir gemeinsam unsere Kultur wiederentdecken und bewahren können.«
Der Weg dahin ist allerdings steinig gewesen. Lange Zeit konnte in Carcross niemand etwas mit dem Spinner und seinen überholten Holzschnitzereien anfangen, und so verließ Keith seinen Heimatort. 15 Jahre lebte er in Teslin, einer Tlingit-Gemeinde, die für seine Ideen wesentlich offener war. Dann kehrte er nach Carcross zurück, wo man ihm sogar die Werkstatt baute, in der wir beide jetzt sitzen.
»Hier schließt sich der Kreis«, sagt Keith. »Mein Sohn schnitzt mit mir, ich bin vor Kurzem Großvater geworden und weiß jetzt, dass ich etwas hinterlassen werde. Was kann mehr Freude bereiten als Arbeit, die Spaß macht und von der man spürt, dass sie wichtig ist?«
Keith hat in Carcross viele interessierte Schüler. »Unsere Kultur ist zurück, überall tanzen sie und singen wieder die alten Lieder.«
4-Seasons Info
Dirk Rohrbach und sein Yukon-Projekt
Ein Mann, ein Fluss, ein Sommer. Dirk Rohrbachs Reise führt ihn von Skagway am Pazifik bis zur Yukon-Mündung in die Beringsee.
Dirk Rohrbach ist promovierter Mediziner, arbeitet aber heute als Fotograf, Journalist, Hörfunkmoderator und TV-Sprecher.
Seit über 15 Jahren beschäftigt er sich mit den Ureinwohnern Amerikas. 2003 gründeten Dirk und Peter Hinz-Rosin den Verein »Tatanka Oyate« zur Unterstützung indigener Völker. Auch beim Yukon-Projekt stehen die Begegnungen mit den Ureinwohnern im Mittelpunkt.
In Ontario baut sich Dirk ein traditionelles Kanu aus Birkenrinde und paddelt damit den kompletten Yukon von den Quellseen bis zum Beringmeer: 3.120 Kilometer. Kaum ein Fluss steht so sehr für Wildnis und Abenteuer. In Kanada folgten seinem Lauf vor über 100 Jahren die Goldsucher zum Klondike. In Alaska ist der Yukon Lebensader für indianische Dörfer.
Dirk beginnt seine Reise am Meer in Skagway und steigt über den Chilkootpass zu den Bergseen, die später zum Yukon werden. Von hier aus folgt er der Route der Goldsucher. Ende des 19. Jahrhunderts strömten sie zu Tausenden in den rauen Norden – um ihr Glück zu finden und dabei nicht selten alles zu verlieren. Gespenstische Wracks von gigantischen Schaufelraddampfern und verlassene Holzfällercamps zeugen noch von der Zeit des Goldrauschs.
In Alaska ist der Yukon zu einem kilometerbreiten Strom geworden, der durch die Sümpfe mäandert. An seinen Ufern leben Elche, Wölfe und in einsamen Fischerdörfern die Nachfahren der amerikanischen Ureinwohner. Ihre Lebensgrundlage bilden seit Generationen der Lachsfang und die Jagd nach Elchen und Karibus. Die Siedlungen erreicht man nur mit dem Buschflugzeug oder einem Boot.
Dirk Rohrbach begegnet Jägern, Fischern und Aussteigern, die vielleicht nicht mehr nach Gold, aber immer noch nach ihrem Glück suchen. Er spricht mit Häuptlingen und Trappern, isst mit den Einheimischen Karibu, Elch und fangfrischen Lachs. Er lernt eine raue, aber auch immer wieder atemberaubende Welt kennen …
Yukon – das Buch
Das Buch zu Dirk Rohrbachs Yukon-Tour ist soeben bei Malik/National Geographic erschienen:
Yukon – 3000 Kilometer im Kanu durch Kanada und Alaska
304 Seiten, 32 Seiten Fotos, EUR 14,99.
Globetrotter-Bestellnummer: 19.09.35.
Yukon – die Live-Reportage
Im Winter ist Dirk mit seinem Yukon-Vortrag auf Tournee und auch in vielen Globetrotter-Filialen zu Gast:
Globetrotter Hamburg: 1.12.11
Globetrotter Frankfurt: 16.2.12
Globetrotter Berlin: 23.2.12.
Der Vortrag in München ist am 06.01.12. in der Muffathalle. Karten gibt‘s in der Filliale.
Mehr Infos und alle Tourdaten unter www.weltgeschichten.com.
Hier geht's zur Themenseite von 4-Seasons.TV.
28. November 2011, Text: Dirk Rohrbach
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