Reisetipp: Wandern auf dem Saar-Hunsrück-Steig
Der Bärenfels hat sich gut versteckt. Unscheinbar führt der Felsenweg den Hang hinauf. Als schmaler Pfad windet er sich zwischen dunklem Brombeergrün und hellem Farn hindurch, dickes Moos über gefallenen Stämmen, die langsam vor sich hin modern. Es plätschert ein wenig aus der Ferne, ein paar Vögel zwitschern hin und wieder in die Stille hinein. Die Schuhe suchen Tritt auf dem federnden Waldboden zwischen Wurzeln und Steinbrocken. Rundherum dichter Mischwald. Ein Bär würde jetzt nur zu gut ins Bild passen. Allerdings habe es hier seit vielen Generationen keinen mehr gegeben, beruhigt mich mein Begleiter Achim Laub. Sehenswert ist stattdessen der Bärenfelsen selbst, als er schließlich, einer wehrhaften Burgmauer gleich, aus dem Hang herausragt. Vor ihm große Felsbrocken, wie dahingewürfelt, und obenauf breitet eine uralte Eiche weit ausladend ihre Äste aus.
»Der Felsenweg und generell viele Abschnitte des Saar-Hunsrück-Steigs sind auch bei Alpinisten beliebt. Sie machen hier Konditionstraining für die Alpen, weil das Höhenprofil oft anspruchsvoll ist«, erzählt Achim Laub mit einem Schmunzeln, während wir nur ein kleines bisschen schwer atmen und die Mauer und die knorrige Eiche bewundern. Laub hat es früher für spannende Touren in schöner Landschaft immer ins Ausland gezogen. Bis ihm irgendwann die Idee kam, einfach zu Hause einen spannenden Weg selbst zu machen. So wurde der Saar-Hunsrück-Steig geboren.
Der Felsenweg ist eine kleine Extratour, die sich als Rundweg an ihn anschließt. Mehr als fünfzig dieser Traumschleifen gibt es inzwischen, und sie steigern den Charme des Hauptweges nochmals. Dabei ist dieser schon für sich allein ein leckeres Wanderziel: Über 70 Prozent des 184 km langen Steigs sind Waldboden, ein Rekord in Deutschland. Tatsächlich beschleicht einen oft das Gefühl, fernab der Zivilisation zu wandern. Für Stunden ist dann nur das glucksende Geräusch des Baches zu hören, dem man folgt. Oder der Weg windet sich einsam durch enge, felsige Täler. Führt über Höhenrücken wie den Erbeskopf, wo nur der Horizont die Sicht begrenzt, und durch das Moor Weyrichsbruch, wo im Nebel der Hund von Baskerville lauert. Und immer wieder diese überraschenden Abzweigungen – an deren Enden spektakuläre Aussichten warten. Oder Felsformationen. Oder Baum-Methusaleme.
Steinernes Vermächtnis der Kelten
In zwölf Tagestouren ist der Saar-Hunsrück-Steig eingeteilt, zwischen 14 und 22 km. Aber eigentlich sollte man sich viel mehr Zeit nehmen. Zum Gucken, Entspannen, tief Eintauchen in die Wälder. Wie vorgestern, nach dem Frühstück im Forellenhof in Börfink, vor dem sich nachts Hirsche auf der großen Lichtung und morgens Angler an den Teichen versammelt hatten. Nach ein paar Kilometern im dichten Wald, noch regenfeucht und der Boden von Wildschweinen aufgewühlt, tauchte der geheimnisvolle Keltische Ringwall auf: Unmengen von Felsbrocken zu einem viele Meter hohen dreieckigen Wall aufgeschüttet. Angeblich sind es rund 9000 Güterwaggons voll. Die Kelten haben sie ohne Bahn herangeschafft. Vermutlich wollten sie sich mit dem Wall vor angreifenden Germanen und Römern schützen. Nur so ganz genau wisse man das nicht, erzählte eine Gruppe von Nachwuchsarchäologen der Uni Mainz, breite Indiana-Jones-Hüte auf den Köpfen, die gerade den Boden im Innern des Dreiecks nach Spuren von Holzpfählen durchsuchten. Hier standen einst Wohn- und Vorratshütten, erklärten die jungen Forscher, aber bis heute wisse niemand, warum die Kelten spurlos verschwanden.
Auf die Kuppe des Walls führt ein schmaler Steinstieg: die Königstreppe. Wahrlich, nur der Himmel ist hier höher. Unten zwischen den Siedlungsresten schicke Skulpturen heutiger Künstler, direkt vor den Füßen das etwas wacklige Meer aus Felsbrocken, von kreisrunden knallgrünen Flechten bewachsen. Beim Abstieg musste es einfach sein: mit ausgebreiteten Armen über die Felsen nach unten zu balancieren. Als Belohnung wartete ein grandioser Ausblick auf den Primstal-Stausee tief im Tal. Und typisch für den Steig, wie er in der Gegend heißt, stand da wieder einmal wie bestellt eine der breiten und ergonomisch geschwungenen Holzbänke. Zum Pausieren, Schauen, Träumen. Die so genannten Sinnenbänke sind eigentlich eine simple Idee, aber mittlerweile ein bekanntes Symbol für den Steig. Doch womöglich trägt genau diese simple Idee ebenfalls zur preisgekrönten Erfolgsgeschichte des Saar-Hunsrück-Steigs bei: 2009 wurde er zum schönsten Wanderweg Deutschlands gekürt.
Sinnliches für den Gaumen
Wie schön, dass das Ansprechprogramm für die Sinne damit nicht beendet ist, selbst die Genüsse für den Gaumen kommen nicht zu kurz. Etwa mit dem Herrsteiner Duett, je ein mächtiger Leber- und Kartoffelkloß, in der rustikalen Zehntscheune an der Traumschleife Mittelalterpfad, die im Städtchen Herrstein startet, nicht weit vom Edelstein-Mekka Idar-Oberstein. Wie lecker waren doch auch die frischen Forellen in Börfink.
Und am Ende der Wanderung, kurz vor Trier, öffnet sich der Steig einer lieblichen Weinbauregion. Dort wartet in Kasel ein weiteres kulinarisches Bonbon: Im Weinhaus Neuerburg hat ein experimentierfreudiger Jungwinzer Rieslingsülze und Wein-Nudeln auf der Speisekarte. Und neben besten Rebensäften sein selbst erfundenes Winzerbier. Eine Wohltat für den Gaumen und schließlich: Ruhe für die Füße.
4-Seasons Info
Ein Steig mit drei Enden
184 km läuft der Saar-Hunsrück-Steig durch den gleichnamigen Naturpark, der im Saarland und in Rheinland-Pfalz liegt. Die Hauptroute geht von der Saarschleife bei Orscholz nach Idar-Oberstein, etwa in der Mitte ist eine Abzweigung nach Trier.
Allgemein
Die meisten Wanderer bewegen sich von West nach Ost, entweder von Trier nach Idar-Oberstein (123 km), von der Saarschleife bei Orscholz nach Idar-Oberstein (156 km) oder zwischen Saarschleife und Trier (103 km). Wer den Saar-Hunsrück-Steig in Teilen zurücklegen möchte, findet fast überall Zugänge. Zudem sind viele der mittlerweile 54 Traumschleifen als Rundwege angebunden. Sie sind zwischen sechs und 18 Kilometer lang.
Unterkunft und Pauschalen
Die Übernachtungsmöglichkeiten reichen von Campingplätzen bis zu Fünf-Sterne-Hotels. Viele Häuser arbeiten im Verbund und transportieren das Gepäck auch für Individualwanderer. Pauschalen sind über die Webseiten des Projektbüros und der Tourismuszentralen buchbar. Möglich ist ebenso der Aufenthalt in nur einer Unterkunft, um etwa eine Steig-Etappe und mehrere Traumschleifen zu wandern. Beispielsweise: Pension Zehntscheune, Tel. 06785/1658, www.zehntscheune.de, Forellenhof Trauntal,Tel. 06782/989 100, www.forellenhof-trauntal.de, Hochwälder Wohlfühlhotel Losheim, Tel. 06872/96920, www.hochwaelder-wohlfuehlhotel.de.
Infos und Karten
Beim Projektbüro Saar-Hunsrück-Steig sind Wanderkarten, Broschüren (über Steig und Traumschleifen) sowie das Gastgeberverzeichnis erhältlich: Projektbüro Saar-Hunsrück-Steig, Tel. 06872/901 8100, www.saar-hunsrueck-steig.de. Weitere Infos zum Wandern im Saarland sind bei der Tourismuszentrale Saarland, Tel. 0681/927 200, www.tourismus.saarland.de, und bei Rheinland-Pfalz Tourismus, Tel. 0261/915 200, www.wander-wunder.info, erhältlich.
02. Februar 2011, Text: Dörte Saße
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