Reisetipp Frankenwald: Wo die Has’n Hos’n haß’n
Die Steigung zwischen Wellesbach und Wellesberg ist die gerechte Strafe für den Hochmut des Anfängers. »Ach, das bisschen Mountainbiking«, hatte der gelächelt. Doch »das bisschen Mountainbiking« zwingt ihn schon nach einer Stunde vom Sattel. »Gnade«, röchelt die Lunge. »Erbarmen«, hechelt der Kreislauf – aber Aufgeben kommt natürlich nicht infrage. Keuchend, fluchend, schiebend erreicht der Mann endlich die Anhöhe.
Doch da gibt es kein langes Verschnaufen: Die beiden Begleiter aus dem Halbprofilager, die das japsende Elend an ihrer Seite gar nicht mit ansehen können, schwingen sich schon wieder aufs Rad. »Singletrail«, brüllt einer zurück, was in der Mountainbikersprache so viel heißt wie: »Jetzt zieh dich aber warm an!« – und schon rasen sie die Rinne hinunter, das japsende Elend notgedrungen hinterher. Tannenzapfen und Kiesel wirbeln hoch, die Reifen holpern über Fels und Wurzeln, die Hände krampfen sich um die Bremshebel: Und trotzdem geht es zügig bergab, unaufhaltsam bergab – bis schließlich das Vorderrad in einer Matschkuhle stecken bleibt, der Rahmen sich ganz langsam, fast wie in Zeitlupe, hebt – und seinen Fahrer mitten in den Dreck abkippt. Ach du schöner Frankenwald!
Abends findet der erschöpfte Radler sein Seelenglück und seinen Wadenfrieden wieder – bei einem frischen Bier aus einer kleinen Brauerei. Und beim Studium der Speisekarte nimmt er interessiert zur Kenntnis, dass der Frankenwald ungefähr dort liegt, wo die Has’n Hos’n haß’n und die Hos’n Hus’n san.
Wandern scheint ihm nach dieser Erfahrung doch die bessere Wahl. Ausgerechnet im Örtchen Hölle beginnt eine eher paradiesische Tour. Schon taucht der frischgebackene Fußgänger ein in den Wald, mal dunkle Fichte pur, mal fröhlich bunt gemischt mit Laubbäumen. Bequeme Forstwege, dann federnde Pfade, über die sich ganz früher nur mutige Jäger voranpirschten, führen in das verwunschene Höllental.
Schilder machen auf Spuren späterer menschlicher Tätigkeit aufmerksam: Hier gähnt das Loch eines Bergwerkstollens, da ist ein Kraftwerk von 1888 mit Wasserturm immer noch in Betrieb, und über eine alte Eisenbahnbrücke haben Farne, Gräser und Heidelbeeren längst einen grünen Teppich ausgebreitet. Felsen stechen herrisch ins Blau wie düstere Wächter, Steinbrocken türmen sich zu Barrieren, als wäre der Eintritt noch immer verwehrt. Wie Murmeln, mit denen Riesenkinder gespielt haben, sind bemooste Felsblöcke wild durcheinandergekullert. Von der »Kanzel« sieht man hinüber zum Nachbarfels, wo ein mächtiger hölzerner Hirsch zum Sprung ansetzt, um sich, von Jägern und Hunden in die Enge getrieben, in die Tiefe zu stürzen – tatsächlich geschehen ist das anno 1756.
Vom König-David-Aussichtspunkt geht der Blick über das gesamte Tal und weiter über ein Patchwork aus Feldern, Wiesen und Waldstreifen bis zum Städtchen Lichtenberg mit seiner Burg – »Gottes Garten« haben die Bewohner ihre Heimat in aller Bescheidenheit genannt.
Wasserschlacht mit den Einheimischen
Wieder unten, am schäumenden, spritzenden Flusslauf der Selbitz, über dem die Wassertropfen glitzern wie Juwelen, überkommt den Besucher eine neue Idee: Auch auf dem Fluss müsste man einmal ein Stück Frankenwald erkunden. Kein Problem, in Schnappenhammer an der Wilden Rodach warten schon die Flöße. Auf der Bank längs der Mitte sitzen zwei Dutzend Leute. Das Wehr geht auf und Floß um Floß gerät in Fahrt.
Die erste Brücke nähert sich: Den Kopf nach unten, wer sich nicht den Schädel rammen will! Das Floß taucht erstaunlich tief ein, das Wasser steht erstaunlich hoch, erst bis zu den Gürteln der Gäste, dann bis zu ihrer Brust. An der Spitze jedes Gefährts steht ein Mann und hält es mit seiner Stange vom Ufer oder vom vorderen Floß ab. Fackeln werden entzündet, Lichtfetzen treiben übers schwarze Wasser, durch kurze Schnellen gleitet die Prozession in einen dunklen Tunnel aus Bäumen.
Je näher Wallenfels kommt, desto mehr Publikum amüsiert sich am Ufer: Sollten die Flößer anfangen zu trocknen, sorgt es dafür, dass keiner ausdörrt. Eimerweise kippen die Zuschauer Wasser auf die Dahintreibenden, die spritzen zurück. Es ist eine muntere Gaudi, ein richtiges Einheimischen-und-Touristen-Spektakel. Und der Frankenwald-Besucher staunt darüber, was hier so alles passiert! In einer Gegend, von der manche denken, dass sich dort nur Füchse und Hos’n Gute Nacht sagen, und wo man sich plötzlich mit patschnassen Hus’n wiederfindet.
4-Seasons Info
Wandern & Biken im Frankenwald
Der 1000 Quadratkilometer große Naturpark Frankenwald liegt im Norden von Bayern an der Grenze zu Thüringen.
Outdoor-Sport
Der Frankenwald ist ein erstklassiges Wandergebiet, das Wegenetz umfasst rund 4200 km. Am »Drehkreuz des Wanderns« bei Blankenstein treffen der Frankenweg, der Fränkische Gebirgsweg, der Kammweg und der traditionsreiche Rennsteig zusammen. Im »Grünen Band«, der ehemaligen Sperrzone zwischen DDR und BRD, kann man ebenfalls toll wandern. Dort lassen sich auch seltene Tiere wie Smaragdlibelle, Keulenschrecke oder Heidelerche beobachten. Der Frankenwald ist Partner der bayerischen Qualitätsmarke »Lust auf Natur«, 2011 fand hier das Kult-Wanderevent »Die 24 Stunden von Bayern« (4-Seasons.de berichtete) statt. Das markierte Mountainbike-Netz umfasst 300 km in sieben Rundkursen.
Informationen
Ausführliche Infos über die Region gibt’s beim Frankenwald Tourismus in Kronach, Tel. 09261/601517, www.frankenwald-tourismus.de oder bei Bayern Tourismus, Tel. 089/2123970, im Internet zu finden unter www.lustaufnatur.by.
14. Februar 2012, Text: Franz Lerchenmüller
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