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Reformschule Winterhude: Herausforderung Alpenüberquerung

Foto: Felix Landwehr
Im Rahmen eines Schulprojekts stellten sich 20 Großstadtkinder aus Hamburg im August 2012 der Herausforderung Alpenüberquerung. Zu Fuß ging es in 16 Tagen von Berchtesgaden nach Brixen in Italien. Wanderschüler Felix Landwehr berichtet.

Kern des Konzepts der Reformschule aus dem Hamburger Stadtteil Winterhude ist, die Eigenverantwortlichkeit der Schüler zu fördern — im Lernen und im Leben. Doch gerade in der Pubertät wird die Schule nach Ansicht der Reformpädagogen für die meisten Kinder zur Qual, klassisches Lernen bringe so gut wie nichts. Viel wichtiger seien in diesem Alter Selbsterprobung, Erlebnis, Abenteuer und Aufgaben. Zu diesem Zwecke gibt es seit dem Schuljahr 2006/2007 spezifische »Herausforderungen« für die Schüler der Jahrgangsstufen 8 bis 10.

In der dreiwöchigen Unterrichtsphase können die Schüler wählen, welcher Herausforderung sie sich stellen wollen. Diese kann ein Sozialpraktikum, das Einstudieren eines Theaterstücks, die Arbeit auf dem Bauernhof, ein Archäologie-Camp oder vieles mehr sein. Felix Landwehr, Lara Kriegisch, Cedric Rau und 17 Mitschüler entschieden sich für eine Alpenüberquerung. Für 4-Seasons berichten die drei, wie es ihnen in der Bergwelt ergangen ist.

 

Bildergalerie: Herausforderung Alpenüberquerung

 

Herausforderung Alpenüberquerung

Am Tag als die Wahlergebnisse herauskommen und jeder weiß, mit wem er die kommenden drei Wochen verbringen wird, herrscht erst einmal Freude und Aufregung in den Köpfen. Bei näherer Betrachtung wird uns aber schnell mulmig zumute: Jeder von uns muss 150 Euro Spenden sammeln, seine Ausrüstung besorgen und vor allem will die Route für die Alpenüberquerung geplant werden. Und dann hatten Lara, Cedric und ich uns auch noch angeboten, einen Bericht über das ganze Abenteuer zu schreiben. Auweia. All das sorgt bei vielen von uns für ein ziemliches Gefühlschaos.

Bei diesem Wetter lässt's sich wandern. Wenn nur die Rucksäcke nicht so schwer wären! | Foto: Felix Landwehr

Dann, nach Wochen der Planung, geht es endlich los. Auf der langen Zugfahrt vom hohen Norden in den untersten Süden der Republik haben wir genügend Zeit, noch einmal die Gedanken zu sortieren und uns mental auf die vielen Schritte unserer Reise einzustimmen. Wir sind bereit! Sind wir das? Während der Fährfahrt über den Königssee erneute Zweifel: Sind die Rucksäcke vielleicht zu schwer? Wie viele Höhenmeter werden wir heute laufen? Schaffen wir das? Als wir in St. Bartholomä von der Fähre gehen, ist die Anspannung fast spürbar — jeder will endlich den ersten Schritt machen, endlich handeln und nicht nur denken! Doch die Lehrer pfeifen uns zurück, erst steht ein Gruppenfoto auf dem Programm. Na gut. Jetzt aber los.

Erst geht es eine Weile am See entlang, ist ja ein Klacks dieses Wandern, werden sich einige gedacht haben. Dann aber liegt plötzlich die »Saugasse« vor uns und mit ihr 1100 Höhenmeter, die sich in unzähligen Serpentinen den Berg hinaufwinden. Ganz so einfach wird die ganze Nummer wohl doch nicht. In der letzten der sechs Wanderstunden heißt es in fast jeder Kurve: »Gleich ist sie da, die Hütte, höchstens eine Kurve noch!« Nach gefühlten eintausend Serpentinen ist sie dann endlich in Sichtweite. Gott sei dank, zehn Minuten noch, die letzten Schritte der ersten Tagesetappe unserer Alpenüberquerung.

Die erste Nacht im Kärlingerhaus ist aufregend — alle zusammen im großen Matratzenlager — aber trotzdem ruhig. Nach dem anstrengenden Tag schlafen wir wie die Steine. Gut so, denn am nächsten Morgen geht es weiter den Berg hinauf. Nach 200 Höhenmetern erreichen wir den Pass und genießen einen fantastischen Ausblick auf das Steinerne Meer inmitten der Berchtesgadener Alpen. Auch unser nächstes Ziel, die Ingolstädter Hütte, sehen wir schon früh. Aber leider ist Luftlinie nicht gleich Wegstrecke und so liegen noch mehrere Stunden Marsch zwischen uns und der Hütte.

 

Am Tiefpunkt der Wanderung

Vorsicht! heißt es beim Überqueren von rutschigen Schneefeldern, die im Hochgebirge auch im Sommer den Weg versperren können. | Foto: Felix Landwehr

Die nächsten Tage sind abwechslungsreich, anstrengend und vor allem schweißen uns die vielen gemeinsamen Kilometer als Gruppe enorm zusammen. Am zwölften Tag der Tour sind wir im Defereggental in Osttirol angekommen. Ungefähr bei der Hälfte der anstrengenden Tagesetappe verlässt uns das Wetterglück und es fängt stark an zu regnen. Zu allem Überfluss gibt es keinen vernünftigen Wanderweg und wir müssen auf der Straße durchs Tal marschieren. Wenigstens gibt's hier einen Tunnel, der uns eine Weile vor dem Regen schützt. Doch dann kommt uns eine Babykatze mit einem gebrochenen Bein entgegen und einigen von uns steigen die Tränen in die Augen. Als wir in Hopfgarten ankommen, sind wir alle so fertig, dass uns nichts anderes übrig bleibt, als den Bus zu nehmen und so den Weg nach St. Veit abzukürzen. Als hätte er geahnt, dass wir eine Aufmunterung gebrauchen können, schenkt uns der Bürgermeister am nächsten Morgen frische Milch vom Bauern.

 

Geschafft!

Grenzerfahrung für die Schüler der Winterhuder Reformschule. | Foto: Felix Landwehr

Als wir am Tag darauf dann endlich über die Grenze nach Italien laufen, haben wir wohl den tollsten Moment der ganzen Zeit. Wir sind in Österreich am Obersee entlang und dann über die Grenze und bergab zum Lago di Anterselva gewandert. Von dort geht es mit dem Bus nach Bruneck, wo uns Louis, der eine Judohalle besitzt, mit ein paar Würstchen und einer kalten Cola überrascht. Leider hat sich unser Mitschüler Oskar zwei fette Blasen eingefangen, mit denen er auf gar keinen Fall weiterlaufen kann. Netterweise fährt Louis ihn auf eine Alm vor, von wo er nur noch 130 Höhenmeter in Sandalen bis zur nächsten Hütte laufen muss. Dumm nur, dass Oskar seine Wanderschuhe an der Judohalle vergessen hat! Das bedeutet also, dass er die letzten zwei Tage nicht mitwandern kann, sondern mit dem Auto nach Brixen gefahren wird.

Alle anderen marschieren noch einmal hinauf zur Plosehütte und danach 2000 Höhenmeter teils mit der Seilbahn, teils zu Fuß hinunter nach Brixen. Der Moment, als wir aus dem Wald kommen und endlich Brixen vor uns liegt, ist einfach unbeschreiblich. Nach einem Ruhetag — den auch alle nötig haben — geht es mit dem Zug nach Garmisch-Partenkirchen, wo wir ein letztes mal übernachten. Als wir am nächsten Morgen um fünf Uhr geweckt werden, ist die Stimmung trotz Regen und den bevorstehenden 15 Stunden Bahnfahrt sehr gut. Denn wir alle wissen: Heute Abend liegen wir in unseren eigenen, weichen Betten.

 
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