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Queen Charlotte Islands: Eine Welt auf Messers Schneide

Wuchtig und urgewaltig: Üppiger Regenwald umgibt die Kulturstätten der Haida. |  Foto: Diana Haas
Hoch im Norden vor British Columbia liegen die rauen Queen Charlotte Islands. Umgeben von undurchdringlichem Regenwald und tiefem Ozean lebten an ihren Küsten einst die Haida. Berühmt ist ihre Schnitzkunst, bedeutende Kulturschätze sind ihre geheimnisvollen Totempfähle. Ein Segeltrip zu den Spuren ihrer Zivilisation fühlt sich an wie der Besuch in einem gigantischen Freilichtmuseum, in dem die Exponate irgendwie lebendig scheinen.

Still und beinahe glatt ist die graue See, die Island Roamer liegt ruhig in der Bucht von Skedans vor Anker. Gerade will James erzählen, wie die Siedlung seiner Haida-Vorfahren noch um 1870 herum ausgesehen hat, da kneift er die Augen zusammen, richtet seinen Blick in die Bucht hinaus und sagt: »Ah, ihr segelt mit der Island Roamer. Ist Köchin Kate an Bord?« »Ja, heute morgen hat sie Cookies gebacken«, entgegnet Skipper Brian. »Wo sind meine?«, fragt James mit gespielter Entrüstung. »Oder muss ich erst so wie früher mit dem Kanu raus und die Island Roamer kapern, um welche zu bekommen?« Schon hat er die Lacher auf seiner Seite. Dabei hat James eigentlich einen gewichtigen Auftrag: Er ist ein Haida-Watchman und bewacht und erklärt Besuchern die Zivilisationsspuren und Kultur seiner Vorfahren. Überall auf den Inseln, wo bedeutsame Orte für die Haida liegen, wohnen und wachen Watchmen wie James.

Die »Island Roamer« vor Anker. | Foto: Diana Haas
Die »Island Roamer« vor Anker. | Foto: Diana Haas

Nun gerät er über den Kampfgeist der Haida ins Schwärmen: Früher seien sie ein starkes und mächtiges Volk gewesen, geschickte Seefahrer und Kanubauer. Ihre Überfälle, die ganze Küste des heutigen British Columbia rauf und runter, bei den anderen Stämmen gefürchtet. Vor allem, weil sie Menschen raubten. »Dies diente aber nur dazu, den eigenen Genpool regelmäßig aufzufrischen«, schränkt James grinsend ein. »Die Sklaven führten ein gutes Leben bei uns und mussten nie arbeiten.« Früher, das war die Zeit vor der Ankunft der Europäer. Mindestens 8.000 Jahre dauerte sie. So alt sind die ältesten bisher auf den Queen Charlotte Islands entdeckten Petroglyphen. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts kamen die Europäer. 1862 dann die Pocken. In wenigen Jahren dezimierten sie die Haida von geschätzten 20.000 auf weniger als 1.000 und das führte zwangsläufig dazu, dass die Überlebenden nach und nach ihre Siedlungen aufgeben und wegen der besseren medizinischen Versorgung nach Old Masset und Skidegate auf der großen Nordinsel Graham Island umsiedeln mussten. Noch heute lebt die Mehrzahl in diesen beiden Orten, die Seelen der Vorfahren aber immer noch in den längst verfallenen Siedlungen wie Skedans. »Mit etwa 500 Einwohnern und knapp 30 Langhäusern war Skedans eine der größten.«

Orcas voraus! Oder so ...

In Holz geschnitzte Familiengeschichte: Die Totempfähle der Haida. | Foto: Diana Haas
In Holz geschnitzte Familiengeschichte: Die Totempfähle der Haida. | Foto: Diana Haas

James hält ein altes Schwarz-Weiß-Foto von Skedans hoch, dessen Vordergrund von meterhohen Totempfählen mit kunstvoll eingeschnitzten Tier- und Menschengestalten dominiert wird, deren oft unheimlich wirkende Gesichter mit fremden Blick aufs Meer hinaus starren. Dünne Rauchsäulen steigen aus den Häusern auf. Dunkle Gestalten, in Bärenfelle gehüllt, sitzen davor. Eine archetypische Welt, den Urträumen über den hohen Norden entsprungen. Bis auf wenige rechteckige Erdaushube, ein paar verrottenden Querbalken und morschen Totempfählen ist nichts mehr von Skedans übrig. In nur wenig mehr als 100 Jahren hat sich die Natur alles zurückerobert. Rau und gierig ist sie hier. Archetypisch eben. »Über die Bedeutung der Totempfähle haben die Ethnologen anfangs viel spekuliert, dabei ist sie ganz banal: Die Schnitzereien sind heraldische Symbole, die die Familiengeschichte des Pfahl-Besitzers erzählen. Damit Besucher diese gleich lesen konnten, waren sie zum Meer hin gerichtet«, erklärt James. Ganz so einfach sind diese Geschichten für den Nichteingeweihten aber doch nicht zu lesen, wie sich mit zunehmender Vortragsdauer herausstellt. Denn die Tierfiguren symbolisieren immer übernatürliche Wesen, der Orca ist etwa der Hüter der Unterwelt, wacht über die Seelen der Toten. Wie sollte es auch anders sein? Die Haida hatten schließlich einige Tausend Jahre Zeit, sich ihren eigenen Kosmos zu erschaffen und der Besucher kratzt nur kurz an der Oberfläche dieser geheimnisvollen Welt. Wenigstens hat er auf dem Boot eine Woche Zeit dafür.

Wo sind die Orcas? Augenblicke genießen auf See. | Foto: Diana Haas
Wo sind die Orcas? Augenblicke genießen auf See. | Foto: Diana Haas

Später, auf der Fahrt durch den Juan Perez Sound, haben sich die Hüter der Unterwelt das erste Mal live gezeigt. Und den Skipper gleich verrückt gemacht. Ein paar Hundert Meter vor dem Boot auf zwölf Uhr aufgetaucht und kleine Wasserfontänen geblasen, der Skipper das Ruder rumgeworfen und hingesegelt. Die Orcas abgetaucht. Ein Kilometer hinter Backbord sind sie wieder aufgetaucht – dasselbe Spiel von vorne. Dreimal, erst dann hat der Skipper aufgegeben und zugegeben, dass er ein kleines Faible für Orcas hat. Die Sonne steht bereits tief und glüht hinter einer scherenschnittartigen Inselsilhouette, als die Island Roamer im Poole Inlet Anker wirft. Auch wenn die Westwinde beinahe ständig über die Inseln pfeifen, Poole Inlet liegt im Rücken der Berge und ist so geschützt, dass einen das Gefühl ereilt, man schlafe in einer Kinderwiege ein.

Paddeln zum Sonnenaufgang: Dank seiner geschützten Lage bietet der Poole Inlet Ententeich-Bedingungen. | Foto: Diana Haas
Paddeln zum Sonnenaufgang: Dank seiner geschützten Lage bietet der Poole Inlet Ententeich-Bedingungen. | Foto: Diana Haas

Nach einem Frühstück auf dem Sonnendeck und ausgiebigen Bizepsübungen im Kajak führen Brian und die ebenfalls zur Crew gehörende Biologin Sherry in die Geheimnisse des Regenwaldes ein. Nur allzu weit kommt man gar nicht erst hinein. Der Wald ist äußerst wuchtig, wuchert undurchdringlich und anarchisch vor sich hin. Dafür läuft es sich wie auf einer Kaltschaummatratze. »Ein Bär ist vor uns geflüchtet«, sagt Sherry und deutet auf frisch abgebrochene Zweige. Ein Wunder, dass er nicht einfach im Moos versunken und steckengeblieben ist. Oft über 1.000 Jahre alt seien die mächtigen Sitka- und Spruce-Bäume, erklärt Brian. Und Sherry gibt den Auftrag, entlang eines kleinen Baches, der das Dickicht zumindest einigermaßen teilt, auszuschwärmen und eins mit der Natur zu werden. Nichts leichter als das. Ins Moosbett gelegt und der Sonne beim Wandern zugeschaut. Es dauert nicht lange, da würde es einen gar nicht überraschen, wenn Bambi oder ein Schwarzbär hinter einem Baum hervorhüpfen und einen gepflegten Small Talk über das nette Wetter heute beginnen würden. Schließlich konnten die Schamanen der Haida auch mit Tieren sprechen, sich gar in welche verwandeln.

Zwischen Urwald und Unterwelt

Das Kontrastprogramm dazu folgt noch am selben Nachmittag: Der berüchtigte Westwind versetzt die Wellen in meterhohe Aufruhr und lässt das Boot zu einem Achterbahnwagen mutieren, während Brian ans südliche Ende der Inselwelt steuert. Kurs auf Anthony Island, die Siedlung Ninstints, Weltkulturerbe. Die Haida sahen sich als Bewohner einer ziemlich schmalen weltlichen Welt. Vor ihnen der Ozean, der die Unterwelt repräsentierte, in ihrem Rücken steiles, unzugängliches Land, welches die Übergangszone in die spirituelle Welt, das Reich der übernatürlichen Wesen war. Kurzum, sie lebten auf Messers Schneide und die Spitze dieses Messers war die Siedlung Ninstints. Nirgendwo sind die Inseln zudem stürmischer, den Urgewalten der Natur ausgelieferter als an diesem Ort.

Bildergalerie: Segelnd um die Queen Charlotte Islands

»Der Abgeschiedenheit von Ninstints ist es letztlich zu verdanken, dass hier die meisten Totempfähle noch stehen. Andernorts sind sie nämlich meist nicht verrottet, sondern wurden in Museen weggebracht«, erklärt Watchman Charles, als die Gruppe den Pfählen gegenübersteht. 19 sind es, die weltweit größte Ansammlung von Originalen an ihrem Originalstandort. Viel ist über den Ort Ninstints im Vorfeld erzählt worden, über seine spirituelle und kulturelle Bedeutung für die Haida. Doch erfassen ließ er sich nicht. In Ninstints ist der Atem der Geschichte allgegenwärtig. Er flüstert einem geheimnisvoll ins Ohr und ein Schauer läuft den Rücken runter. Haucht einem aus nächster Nähe ins Gesicht, dass seine Wärme auf den Wangen spürbar wird. Adler, Bär, Biber, Donnervogel, Rabe, starren mit ernsten Gesichtern der Ewigkeit entgegen. Wurzeln lassen sie in Zeitlupe platzen, schlingen sich im Würgegriff um sie. Die Szenerie ist verstörend und kontemplativ zugleich. Irgendwo am Himmelsgewölbe schreit ein Seeadler. Aus dem nahen Wald dringt weihrauchartiger Geruch herüber.

Balsam für die Seele: Entspannung nach sturmgepeitschter Nacht auf Hotspring Island. | Foto: Diana Haas
Balsam für die Seele: Entspannung nach sturmgepeitschter Nacht auf Hotspring Island. | Foto: Diana Haas

Es heißt, am Beginn der Zeit wurden die ersten Haida in einer Muschel an den Strand gespült. Sie waren ängstlich und wimmerten, trauten sich nicht aus ihr heraus. Der Rabe, der Schöpfer der Welt, flog über den Strand und hörte sie wimmern. Er landete und sprach zu den Haida, sie bräuchten keine Angst haben, und lockte sie schließlich aus der Muschel. So kamen die ersten Menschen auf diese Welt. »Oft werde ich gefragt, warum meine Vorfahren in dieser rauen Umgebung so viel Zeit auf das Schnitzen der Pfähle verwendet haben, wo doch das tägliche Überleben bereits so viel davon in Anspruch nahm. Niemand weiß es wirklich, aber vermutet wird, dass sie in ihrer marginalen Lebenswelt ein weithin sichtbares Zeichen setzen wollten, dass sie da sind. Für Besucher und vor allem für die übernatürlichen Wesen. Denen verdankten die Haida ja nicht nur ihren Auftritt in der Welt, sie waren auch in ständigem Kontakt mit ihnen und ihr Wohlergehen war von ihnen abhängig.« Von da an fängt alles an, sich zu überlappen, geht ineinander über, verschmilzt miteinander. Wahrheit, Mythen, Land, Wasser, Tage, Nächte. Die Inseln sind ein Traum. Oder ist alles nur ein Traum von Inseln am Rande der Welt?

Gekommen um zu bleiben: Tassilo Götz Hanisch blieb in den 80ern in Rose Harbour hängen.  | Foto: Diana Haas
Gekommen um zu bleiben: Tassilo Götz Hanisch blieb in den 80ern in Rose Harbour hängen. | Foto: Diana Haas

In Rose Harbour hören wir die Geschichte von Tassilo Götz Hanisch, der Anfang der 1980er in der Einsamkeit Urlaub machen wollte und im Wald seine Offenbarung erlebte. Seitdem hat er Rose Harbour nicht mehr verlassen. Unweit des Ortes entdecken wir ein altes, nicht ganz fertig geschnitztes Kanu, das dicht von Moos überwuchert ist. In den heißen Pools von Hotspring Island beruhigen wir die in der vorangegangen Nacht sturmgepeitschte Seele und besuchen nahe der Siedlung Tanu das Grab von Bill Reid, dem wohl wichtigsten Meisterschnitzer der Haida im 20. Jahrhundert. Ihm ist es zu verdanken, dass die Haida-Kunst heute weltweite Beachtung findet. Ehrfürchtig verneigen wir uns vor dem großen Künstler.

Und nach sieben vagen Tagen umfasst selbst die Liste der Tier- und Pflanzenbeobachtungen, die Sherry gerade in der Wohnkajüte aufhängt, ein eng beschriebenes, quadratmetergroßes Blatt Papier. Herausragend in der Erinnerung ist eindeutig der Pottwal, der in Nähe des Hecks urplötzlich senkrecht aus dem Wasser geschossen ist und mit einem krachenden Laut seinen riesigen Kiefer zuschnappen ließ. Hat ausgesehen, als jage er Seevögel in der Luft. Während dieser Aktion waren leider alle Kameras am Bug versammelt. Wieder einmal auf der Suche nach den Rückenflossen einer Orca-Familie. Aber ein Eintrag auf der Liste macht echt stutzig: Unter der Rubrik »Übernatürliche Wesen« steht »Sea Grizzly«. Als Sherry das ungläubige Staunen in den Augen sieht, sagt sie mit fester Stimme: »Wenn man wie wir etwas tiefer in die Welt der Haida eindringt, sieht man den Sea Grizzly fast immer irgendwo. Dummerweise haben bereits am Ende der Reise die Meisten Schwierigkeiten, sich an die Begegnung mit ihm zu erinnern.«

 

4-Seasons Info

Anreise

Air Canada fliegt täglich von Frankfurt nach Vancouver und weiter bis nach Sandspit, Queen Charlotte Islands, www.aircanada.de. Für eine Zwischenübernachtung in Vancouver einfach mit der Canada Line Tram vom Flughafen aus zu erreichen: Coast Coal Harbour Hotel, 1180 West Hastings Street, www.coasthotels.com.

 

Segeltrip und Aufenthalt Queen Charlotte Islands

Blue Water Adventures bietet in den Sommermonaten jeweils acht- oder neuntägige Segeltrips an. Außer um eigene Kleidung muss man sich dabei um nichts weiter kümmern. Die Crew wird immer von einem Naturkundler begleitet, außerdem gibt es eine umfangreiche Bordbibliothek, sodass jeglicher Wissensdurst bezüglich Kultur und Natur der Inseln gestillt wird. Es gibt kein festes Programm, wohin gesegelt und was angesehen wird, entscheiden die Teilnehmer gemeinsam mit dem Skipper. Infos unter www.bluewateradventures.ca. Buchbar sind die Trips auch bei den Veranstaltern Leguan Reisen, www.leguan-reisen.de, und Tour Consult International, www.tourconsult.com.

Nach dem Segeltrip empfiehlt sich ein Aufenthalt auf der Nordinsel Graham Island, um bspw. den Naikoon Provincial Park zu erkunden. Übernachten in Queen Charlotte City: Premier Creek Lodge, www.qcislands.net/premier, und im Norden nahe Masset: Alaska View Lodge, www.alaskaviewlodge.ca. In Masset werden ebenfalls interessante Tagestouren mit Fokus Haida-Kultur angeboten, www.haidagwaiidiscovery.com.

 

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