Peking: App-Fotografie zwischen Smog und Natur
Peking, die Hauptstadt Chinas. Auf der Fläche Thüringens konzentrieren sich hier im Stadtgebiet so viele Menschen wie in Bayern und Hessen zusammen: 17,5 Millionen. Dazu noch fünf Millionen Fahrzeuge und das Chaos ist komplett. Tendenz: steigend. Wenn man mich im Frühjahr dieses Jahres gefragt hätte, was mir zu Peking einfällt, wären vermutlich Smog und Verkehrschaos ganz vorne mit dabei gewesen. Mittlerweile, nach dem ich fast drei Monate hier lebe und arbeite, würde meine Antwort wohl immer noch ähnlich klingen. Selbstverständlich hat Peking aber viel mehr zu bieten!
Im September machte ich mich ziemlich blauäugig auf den Weg ins Reich der Mitte. Kurzfristig hatte ich eine Gelegenheit für ein Praktikum beim Schopf gepackt. Nach den ersten paar Tagen erzählte ich all meinen Freunden und Bekannten, dass hier alles gar nicht so schlimm wäre, wie man immer liest. Der Himmel blau, die Luft frisch und die Autos, naja, wie man es in einer Großstadt eben erwartet. Während den »National Holidays« Anfang Oktober, wurde ich dann prompt eines Besseren belehrt. Für die meisten Chinesen sind dies, abgesehen vom Neujahrsfest Ende Januar, die einzigen zusammenhängenden freien Tage im ganzen Jahr. So ist es auch nicht weiter verwunderlich, dass viele diese Zeit zum Reisen nutzen. Jedes Jahr unangefochtener Spitzenreiter unter den chinesischen Reisezielen: Peking.
Da mir meine Kollegen in dieser Zeit natürlich all die Sehenswürdigkeiten zeigen wollten, auf welche die Stadt zurecht stolz sein kann, kam ich gar nicht auf die Idee, den Tipp aus meinen Reiseführer zu beherzigen: Im Hotelzimmer einsperren und warten bis alles vorüber ist! Wer diese Feiertage schon einmal erlebt hat, weiß wovon ich spreche. Menschen. Unvorstellbar viele Menschen überall, wo man hinschaut. Auf den Straßen ein Gedränge wie in der U-Bahn zur Rushhour. Einfach unglaublich. An Sightseeing oder entspanntes Bummeln ist überhaupt nicht zu denken! Diese Erfahrungen haben die milden Eindrücke der ersten Tage radikal zunichte gemacht. Auch der Smog ließ dann nicht mehr lange auf sich warten.
Kampf um die Mauer
Kulturell und kulinarisch hat Peking unglaublich viel zu bieten. Eines sucht man hier aber vergeblich: Ruhe. Man könnte meinen, all die großen und kleinen Parks in der Stadt wären himmlische Oasen der Stille. Aber, weit gefehlt: Ob zur rhythmischen Sportgymnastik unter Dauerbeschallung oder als Kleinkunstbühne für verkannte Opernsänger, so ein Park bietet Platz für alle, und davon viele. In meiner allgäuerischen Seele erwachte also bald die Sehnsucht nach ein wenig Ruhe und Natur.
Was kommt einem natürlich als erstes in den Sinn? Richtig! Die chinesische Mauer. Etwa 70 km nord-westlich von Peking befindet sich Badaling, der wohl bekannteste und meist besuchte Abschnitt der großen Mauer. Diesen und andere, zum Beispiel Simatai oder Jinshanling, sollte man, zumindest an den Wochenenden, tunlichst meiden. Tausende Menschen zahlen hier Eintritt, um sich auf engstem Raum dem erbittertem Kampf um ein Foto, auf welchem ja auch noch ein Stückchen Mauer erkennbar sein sollte, zu stellen. Den besten Blick hat man da vermutlich noch vom Parkplatz aus. Den größten Teil ihrer Schönheit hat sie wohl während den jüngsten Renovierungsarbeiten eingebüßt.
Offiziell sind heute noch über 500 Kilometer der Mauer in gutem Zustand. Viele Reiseführer geben unzählige Tipps, wie und wo man fernab der touristischen Plätze in ihren Genuss kommen kann. Besonders reizend sind hier die Abschnitte der so genannten »Wild Wall«, also Teile, welche nicht unterhalten werden. Aufgrund der Situation der öffentlichen Verkehrsmittel und der großen Entfernung, sind diese Orte oftmals aber nur sehr mühsam zu erreichen. Englisch sprechende Chinesen sind selbst in Großstädten nicht die Regel. Auf ortskundige Guides sollte man sich also nicht verlassen. An Tagesausflüge ist aufgrund der komplizierten Anreise, wenn überhaupt, nur an den touristischen Plätzen zu denken.
Was also tun, wenn einem wieder einmal die Bürowoche in den Gliedern steckt? Wenn man einen entspannten Samstag in der Natur verbringen und sich dabei ein paar Stunden die Beine vertreten will? Am besten das ganze dann auch noch ohne große Abenteuer und Aufwand! Ich bin zum Glück relativ bald auf eine Antwort gestoßen: die Beijing Hikers.
Der Weg aus dem Chaos
Vor über zehn Jahren von einer wanderverrückten Chinesin und einem Briten gegründet, haben sich die Beijing Hikers längst zur Nummer 1 etabliert. Mittlerweile in den Händen von Sun, bieten sie das ganze Jahr über unzählige Wanderungen in verschiedenen Schwierigkeitsgraden an. Die leichteren sind eher ausgedehnte Spaziergänge, die längeren können aber nach vier bis fünf Stunden Gehzeit mit stetigem auf und ab zu einem durchaus bemerkbarem Ziehen in den Oberschenkeln führen. Das liegt sicher auch daran, dass sich die chinesische Mauer immer entlang der höchsten Bergkämme schlängelt.
Die Abschnitte um Peking herum wurden überwiegend in der Ming-Dynastie, also vor gut 500 Jahren, wiedererrichtet. Heute sind sie größtenteils verfallen oder dienen den Einheimischen als Quelle für Baumaterial. An den meisten Stellen ist die Mauer aber immer noch mehrere Meter breit und hoch und eignet sich so hervorragend für einzigartige Wanderungen. Schnell hat sie einen in ihren Bann gezogen. Von der Ferne wirkt sie noch wie ein kleiner Bach, windet sich unermüdlich durch das Land. Gewaltig wirkt sie erst, wenn man auf ihr die steilen Berge erklimmt, bis sie dann am Horizont hinter den hohen Kämmen im Nichts verschwindet. Ein einzigartiger Anblick.
Für die Touren der Beijing Hikers sollte man sich mindestens eine Woche vorher anmelden, gerade im Herbst, der besten Jahreszeit in dieser Gegend. Die Gruppen sind mit mit über 25 Leuten manchmal ziemlich groß, doch sollte man sich davon nicht abschrecken lassen. Die Touren sind hervorragend organisiert und, der Gruppengröße sei Dank, preislich absolut fair. Mit einem privaten Bus geht es schon früh morgens los. Um dem Trubel und der Stadt zu entfliehen, fährt man nicht selten über zwei Stunden in den Norden. Das funktioniert zum Glück erstaunlich gut. In China ist Wandern, ganz im Gegensatz zu Europa, überhaupt noch nicht populär. Wanderkarten oder ähnliches gibt es nicht. Auch markierte Wege sucht man vergeblich. Dass die chinesische Sprache, wie gerne verbreitet wird, nicht mal ein Wort für Wandern übrig hat, stimmt indes nicht - als rhetorisches Hilfsmittel in manchen Situationen aber durchaus hilfreich.
Damit während den Touren niemand verloren geht, wird der oftmals gut versteckte Weg mit roten Bändchen markiert. Ob man sich nun an der Kondition des Führers messen, oder aber am Ende der Gruppe genüsslich und in Ruhe die einzigartige Natur auf sich wirken lassen will, bleibt jedem selbst überlassen. Gehetzt wird hier auf alle Fall Nichts und Niemand. Am Ende der Wanderung kann man seine müden Beine dann wieder mit Snacks, sowie diversen Kalt- und Heißgetränken zum Leben erwecken. Wenn man das Glück hat in einem Dorf anzukommen, wartet oftmals eine schmackhafte Einkehr in einem kleinen Restaurant.
Multikulti im Schatten der Mauer
Was die Gruppe angeht, bin ich jedes Mal aufs Neue gespannt und immer wieder überrascht. Neben einigen »Wiederholungstätern« kommen hier Leute zusammen, die unterschiedlicher manchmal nicht sein könnten. Eine ideale Gelegenheit also, nette Menschen aus aller Herren Länder zu treffen. So ist auch ein herrliches und sonniges Herbstwochenende mit einer schönen Wanderung erst spät Abends um 23 Uhr ausgeklungen. In einem kleinen Restaurant in Peking saßen fünf gut gelaunte und satte Freunde aus China, England, Amerika und Deutschland vor einem unter kulinarischen Köstlichkeiten und Kaltgetränken ächzenden Tisch und genossen ihr Leben.
Allen Pekingreisenden, ob beruflich oder privat, kann ich nur wärmstens Empfehlen sich Sun und ihrem Team anzuvertrauen. Alle Touren sind, mit ein wenig Kondition und festem Schuhwerk, problemlos zu meistern. Schon längst ist die Chinesische Mauer zum Symbol für China geworden. Erst kürzlich verkündete die Regierung in Peking, dass in den kommenden Jahren weit mehr als 200 Millionen Euro für den Erhalt des UNESCO Weltkulturerbes eingeplant wurden. Wer weiß, was China mit diesem Geld und vor allem der Mauer anstellt. Für mich nur eine Frage der Zeit, bis die Chinesen auf den Trichter kommen, wie schön ihre Natur eigentlich ist. Schwer vorzustellen wie es in zehn oder 15 Jahren wohl aussehen mag.
Sie zu finden, die Ruhe, wird wohl noch schwieriger werden als es jetzt schon ist. Auch der Wecker wird in Zukunft noch um einiges früher klingen müssen.
4-Seasons Info
Roman Heimhuber ...
... studiert Umweltschutztechnik in Stuttgart. Derzeit macht er ein dreimonatiges Praktikum in Peking, bei dem er sich mit naturnahem Flussbau beschäftigt. Schon lange zieht es den 24-jährigen Sonthofener hinaus in die Welt: Angefangen bei den Pfadfindern haben ihn lange Reisen inzwischen schon nach Afrika und Asien geführt. Seit 2009 ist auch die Kamera immer im Gepäck. Anfang 2012 geht es dann für ein halbes Jahr nach Bergen in Norwegen - die Diplomarbeit steht an. Neben vielen unvergesslichen Reisemomenten hat Roman unterwegs auch Schreckliches erlebt: Als er eines Abends in Tansania gemütlich mit Freunden, Wein und Gitarre am Lagerfeuer saß, kamen plötzlich zwei Reisebusse voll mit schwäbischen Touristen vorgefahren. Oder hat sich der Halbschwabe insgeheim doch über die heimische Verstärkung gefreut?
Mehr Informationen zu den Beijing Hikers gibt es auf der Website www.beijinghikers.com, per Mail: info@beijinghikers.com oder direkt am Telefon: +86 (10) 6432 2786
Wanted: Fotos für die iPad-App
Der News-Feed der neuen iPad-App von Globetrotter Ausrüstung zeigte bereits Aufnahmen von Natur-Fotograf Michael Poliza, Bilder von Thomas Block, Impressionen aus dem Visionswald von Janik Lipke, Reiseerinnerungen von Julia Wunsch und Skandinavienbilder von Joachim Bardua.
Sie wollen ihre Bilder auch unters Volk bringen? Oben rechts in der Randspalte gibt's das Teilnahmeformular - wir freuen uns auf tolle Fotos!
22. Dezember 2011, Text: Roman Heimhuber
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