präsentiert von:

Neuseeland: Findet Frodo

Foto: Verena und Georg Popp
Seit den »Herr der Ringe«-Filmen weiß alle Welt, wie schön Neuseeland ist. Verena und Georg Popp haben mal nachgesehen, wie die Natur den Ruhm verkraftet.
Franz-Josef-Gletscher, Westland Nationalpark, Südinsel. | Foto: Popp
Franz-Josef-Gletscher, Westland Nationalpark, Südinsel. | Foto: Popp

Für Naturliebhaber, Trekker, Paddler oder Kletterer ist Neuseeland schon seit langer Zeit kein Geheimtipp mehr. Seit der monumentalen Verfilmung von »Herr der Ringe« aber ist das Inselparadies in aller Munde und für viele zum Urlaubsziel avanciert. Der Tourismus boomt. Folgerichtig haben Frodo, Bilbo & Co. Neuseeland fest im Griff. Bereits bei der Anreise wimmelt es von tolkienschen Kreaturen: Die Jumbos der Air New Zealand sind komplett mit Gollums, Gandalfs und Aragorns bepinselt. Vor Ort, in Städten und Touristenzentren, gibt es kein Entrinnen: Plakate, T-Shirts, Bierkrüge – Mittelerde ist überall.

Was erfreulich für die Tourismus-Manager sein mag, muss nicht unbedingt zu Begeisterungsstürmen unter den eingeschworenen Neuseeland-Fans führen. Wer als Wanderer oder Paddler kommt und naturgemäß Wege abseits der
Massen sucht, muss sich bei all dem Trubel um die Tolkien-Verfilmung fragen, ob Neuseeland nun als Reisedestination für eine Weile zu meiden, wenn nicht gar gestorben ist.

 

Filmkulissen, von Fans überrollt

»Landschaften wie Computeranimationen. Aber sie sind echt.« | Foto: Popp
»Landschaften wie Computeranimationen. Aber sie sind echt.« | Foto: Popp

Wer ohnehin gerne dorthin fährt, wo alle Welt gerade sein muss oder sein will, oder damit zumindest keine Probleme hat, wird sich mit solchen Gedanken freilich nicht das Hirn zermartern. Vielmehr ergeben sich für wandernde Film-Fans sogar neue Reisedimensionen, indem man seine Route durch den einen oder anderen Filmschauplatz legt. Begegnungen mit zahlreichen Gesinnungsgenossen sind dabei allerdings vorprogrammiert.

Zum ersten Mal in Neuseeland waren wir vor dem Anlaufen des ersten Herr der Ringe-Teils »Die Gefährten«. Die nächste Reise fand nach der Premiere des dritten Teils »Die Rückkehr des Königs« statt. Wir waren also gespannt, ob das ganze Insel-Idyll wohl den Bach hinunter gegangen sein mochte. Eine pessimistische Annahme, die jedoch keineswegs aus der Luft gegriffen ist, denn Inseln, die schönen Filmen als Kulissen dienten und danach vom Ansturm der Filmfans überlaufen (oder besser gesagt überrollt) wurden, gab es schon zuvor.

Deshalb – good news first: Neuseeland ist noch immer ein El Dorado für Outdoor-Individualisten, für Bungee springende Adrenalin-Junkies und auch für jene Touristen am anderen Ende des Abenteuer-Spektrums, die sich gerne am Händchen und im Tourbus durch die Lande führen lassen.

Konkrete Spuren der Dreharbeiten gibt es kaum zu sehen. Die künstlichen Kulissen an den über hundert Schauplätzen, wo einst von Nord bis Süd und teils an sieben Orten gleichzeitig gefilmt wurde, sind längst wieder abgebaut. Zurück blieb das, was zuvor schon da war und weswegen Peter Jackson überhaupt erst auf die Idee kam, hier zu filmen: atemberaubende
Landschaften, die in dieser konzentrierten Vielfalt auf so engem Raum auf diesem Planeten ihresgleichen suchen. Solch spektakuläre Naturkulissen lassen sich auch von 300 Millionen Dollar teuren Hollywood-Produktionen nicht verschandeln, zumal das Filmteam und die Neuseeländer selbst – Naturschutz steht hierzulande sehr weit oben auf der Prioritäten-Liste –
auch stark darauf geachtet haben.

Nur für Fußgänger: Gut versteckt im Tiefland-Regenwald des Urewera-Nationalparks (Nordinsel) warten die Korokoro Falls auf Entdecker. | Foto: Popp
Nur für Fußgänger: Gut versteckt im Tiefland-Regenwald des Urewera-Nationalparks (Nordinsel) warten die Korokoro Falls auf Entdecker. | Foto: Popp

Auf ihre Landschaften sind die Kiwis zu recht stolz: Es gibt Gletscherzungen, die bis in den Regenwald fließen; türkis-blau blitzende Seen in karger Vulkanlandschaft; goldbraune Sandstrände, die von tropisch anmutender Vegetation und tiefblauem Meer umgeben sind; tief eingeschnittene, nebelverhangene Fjorde, wo aus allen Ecken und Enden ein Wasserfall herab zu
stürzen scheint; sturmgepeitschte Küsten, die einem anderen Jahrhundert entsprungen scheinen. Diese Liste ließe sich lange fortsetzen.

Selbst wenn man all die Computermanipulationen, die künstlich erweiterten Horizonte und die digital eingefügten Burgen und Schlösser der Filme weglässt, bleiben noch immer genügend fantastische Landschaften übrig. Landschaften, die man ebenfalls leicht für Computermanipulationen halten könnte. Nur dass diese eben echt sind.

Aber was ist nun mit dem Idyll, der Einsamkeit, den wunderbaren Tourenmöglichkeiten vergangener Tage? Alles beim Alten? Nicht unbedingt, würden wir sagen. Es kommt darauf an, was man zu unternehmen gewillt ist. Auf den Spuren des Herrn der Ringe kann man auf vielerlei Arten pilgern. Manche klappern mit Bus oder Mietwagen einfach möglichst viele Drehorte ab. Die Luxus-Variante dieses Schauplatz-Sightseeings, mit klimatisiertem Reisebus und Fremdenführer im Frodo-Look, scheint besonders im Land der aufgehenden Sonne ein Kassenschlager zu sein – aber wen überrascht das schon?

Auch wenn man bei so einer Tingeltour quasi automatisch einige spektakuläre Plätze zu sehen bekommt wie den Milford Sound im Fjordland Nationalpark – er diente als Drehort für Elbenland, Fangorn, Anduin, Bruchtal und die Braunen Lande –, wird sich doch ein irgendwie unbefriedigendes Gefühl einstellen, wenn man es bei einer simplen Betrachtung dieser Landschafts-Ikone belässt.

 

Statt Nazguls herrschen Sandflies

Der Fantasie freien Lauf: Aus dem 4000 qm großen Champagne Pool (Waio-tapu Thermal Wonderlands) steigt ... ja, was? | Foto: Popp
Der Fantasie freien Lauf: Aus dem 4000 qm großen Champagne Pool (Waio-tapu Thermal Wonderlands) steigt ... ja, was? | Foto: Popp

Die Alternative ist das gemächliche Reisen per Rad, per pedes oder per Mietauto (am besten mit einem Kajak auf dem Dach). Ist man von Busfahrplänen oder Reiseleitern unabhängig und hat somit die Möglichkeit, weniger Schauplätze, diese dafür aber genauer zu besichtigen, wird man sicher lebendigere Erinnerungen nach Hause tragen.

Wer zum Beispiel die reellen Pendants der Todessümpfe bestaunt, sollte sich unbedingt auch in die benachbarten Kepler Mountains begeben. Beste Gelegenheit dazu bietet der Kepler Track, ein etwas weniger bekannter Cousin des Milford Tracks – und ehrlich gesagt auch ein schönerer. Auf dem Track ist eine gewisse Einsamkeit sogar garantiert, da die Zahl der Wanderer,
die täglich starten dürfen, wohlweislich per Permit kontrolliert wird. Um so ein Permit zu bekommen, muss man allerdings schon gut ein Jahr vorher anfragen.

Oder der schon erwähnte Fjordland Nationalpark: der ist gigantische 12.000 Quadratkilometer groß und – abgesehen von der einzigen, knapp 100 Kilometer langen Straße zum Milford Sound – praktisch unerschlossen. Jenseits des Asphalts warten unberührter Regenwald, schroffe Gipfel, zahllose Inseln, Sunde und Fjorde. Die Gegend ist so weitläufig und verlassen, dass man hier alle paar Jahre eine Tierart wieder entdeckt, die längst als ausgestorben galt.

Monumental, auch ohne Film: der 3754 m hohe Mount Cook im gleichnamigen Nationalpark. | Foto: Popp
Monumental, auch ohne Film: der 3754 m hohe Mount Cook im gleichnamigen Nationalpark. | Foto: Popp

Blickt man von einem selbst erwanderten Aussichtsberg über diese schier endlose Wildnis, würde es einen vermutlich nicht überraschen, plötzlich einen fliegenden Nazgul zu erspähen. In der Realität leben hier, abgesehen von eingebürgerten Wapitis und Gemsen, nur relativ kleine Vögel. Die großen Moas wurden schon von den Maoris ausgerottet, bevor die ersten weißen Seefahrer begannen, der heimischen Fauna den Garaus zu machen.

Die furchterregendsten Monster, denen man im Nationalpark unweigerlich begegnet, sind die Sandflies: winzige Kriebelmücken, die sich durch kein Summen verraten und deren Stiche für tagelangen Juckreiz sorgen. Nimmt man das oft unwirtliche und feuchte Wetter hinzu, verwundert es nicht weiter, dass die eingeschworenen Outdoorer unter sich bleiben, sobald sie sich in die Büsche schlagen. Wie gesagt: Es kommt eben darauf an, was man zu unternehmen
gewillt ist.

Ähnliches gilt auch für andere Gegenden Neuseelands: Entlang der West Coast Region etwa, wo die meisten filmischen Schauplätze von Mittelerde liegen, sind Outdoor-kompatible Touristen klar im Vorteil. Auf 500 Kilometern befindet sich kaum ein Ort, der mehr als 20 Einwohner hat – und entsprechend knapp ist das Angebot an Übernachtungsmöglichkeiten. Die wenigen Zimmer sind meist ausgebucht.

 

Naturwunder in Parkplatz-Sichtweite

Reisebus-freie Zone: Der sturmgepeitschte Haast Beach (Südinsel) ist endlos lang – und menschenleer. | Foto: Popp
Reisebus-freie Zone: Der sturmgepeitschte Haast Beach (Südinsel) ist endlos lang – und menschenleer. | Foto: Popp

Die Scharen der Busreisenden drängeln sich daher in den beiden Freizeitanlagen »Franz Josefs Glacier« und »Fox Glacier«. Wer ein Zelt dabei hat oder auf der Isomatte im Mietauto schlafen kann, hat Sonnenauf- und Untergänge an wildromantischen Buchten meist für sich allein.

Selbst an gut frequentierten Anlaufpunkten ist das Phänomen zu beobachten, dass sich fast alle Besucher um die leicht zugänglichen Attraktionen drängen, am liebsten in Sichtweise des Parkplatzes. So etwa an den Pancake Rocks bei Punakaiki im Paparoa Nationalpark. Einen Katzensprung entfernt liegen Kilometer um Kilometer unberührte Strände, an denen man wochenlang entlang spazieren kann, Muscheln sammeln, fischen oder was auch immer. Keine Ahnung, warum die Bustouristen und Filmfans das nicht wenigstens für ein paar Stunden tun – aber das soll ja nicht unsere Sorge sein.

Das Prinzip, an der Masse vorbei in unberührte Natur zu gelangen, stößt allerdings auch an Grenzen. Einzelne Tracks oder Touren sind oftmals so stark frequentiert, dass es schon fast den Rahmen des Erträglichen sprengt. Jedoch nicht unbedingt aufgrund der Filme, sondern einfach wegen der Hochsaison.

Neben Wanderern aus aller Welt machen auch die Neuseeländer gerne Trekking-Urlaub in ihrem Land. Klassische Beispiele sind etwa der Coastal Track im Abel Tasman Nationalpark (bzw. die Seekajak-Route entlang desselben) und der berühmte Tongariro Crossing – übrigens Schauplatz der großen Schlacht, wo es dem Bündnis von Elben und Menschen gelang, den Ring von Sauron zu trennen. So schön die Touren sind, von Mitte Dezember bis Mitte Februar sollte man sie besser meiden. Wer kann, kommt außerhalb der Hauptsaison: im November oder ab März.

Wind und Wellen nagen am Cape Kidnappers (Nordinsel), das einer Kolonie Australtölpel Schutz bietet. | Foto: Popp
Wind und Wellen nagen am Cape Kidnappers (Nordinsel), das einer Kolonie Australtölpel Schutz bietet. | Foto: Popp

Als Antwort auf die Frage, ob Neusselands Natur ihren Filmruhm verkraftet hat, können wir also Folgendes anbieten: Der »Herr der Ringe«-Boom ist an vielen Orten spürbar. Wer lieber seine Ruhe haben will, kann ihn jedoch – mit Reiseführer-Lektüre, etwas Planung und Unternehmungslust – leicht umgehen. Wer gerne auf Peter Jacksons Spuren wandeln will, sollte
sich den Vorsatz »weniger ist mehr« ins Reisebuch schreiben, denn (wie der Regisseur) die Drehorte weiträumig abzuriegeln, ist unsereins ja leider untersagt.

Am allerschönsten jedoch dürfte es sein, frei von fixen Vorsätzen und Vorurteilen nach Neuseeland zu kommen, sich auf die gewaltige Natur einzulassen und sein eigenes Mittelerde zu entdecken. Sei es an den Drehorten – oder ganz woanders.

 
4-Seasons Info
 

Das Wiener Fotografen(ehe-)paar Verena (35) und Georg Popp (36) liebt unberührte Naturlandschaften. Ausgerüstet mit Großformat-Plattenkameras gehen sie in ihrer Heimat ebenso auf Motivsuche wie an exotischen Destinationen in Alaska, Patagonien oder Neuseeland – meist per pedes oder Faltboot. Oft dabei sind die Töchter Stella (3) und Livia (1). Wer mehr über die Popps, ihre Bildbände und Kalender erfahren möchte, wird auf der Homepage www.popphackner.com fündig.

Laden...