Naturfotograf Michael Poliza im Interview
Eine Diashow mit wöchentlich wechselnden Bildern von Profi- und Amateur-Fotografen wird eines der Highlights der neuen Globetrotter-App (ab Ende September im iTunes-Store). Für den Auftakt konnten die Kollegen den Naturfotografen Michael Poliza gewinnen, dessen Bilder in die Weiten Afrikas entführen. Auch kommt Polizas neuer Bildband »Kenya« Mitte Oktober in den Handel. Grund genug für 4-Seasons.de, den Hamburger zu einem kurzen Interview zu bitten.
4-Seasons: Ihr neuer Bildband über Kenia beschäftigt sich, wie viele Ihrer Projekte, mit Afrika. Hat der Kontinent für Fotografen mehr zu bieten als andere?
Michael Poliza: Afrika bietet natürlich eine große Vielfalt an Landschaften und Tieren. Auch die Möglichkeiten zu fotografieren sind groß. Insofern ist Afrika keine überraschende Wahl. Als ich 2002 nach Kapstadt zog, hatte ich zunächst gar nicht vor, Fotograf zu werden. Ich bin viel gereist und habe meine Kamera einfach mitgenommen. Erst nachdem ich ein, zwei Jahre lang unterwegs war, habe ich festgestellt, dass mir fotografieren sehr viel Spaß macht und überlegt, ob ich es beruflich machen möchte. Afrika lag als Thema nahe.
Inzwischen habe ich auch ein Buch über die Arktis und Antarktis gemacht. Derzeit arbeite ich parallel an Kanada und Australien, zwei weitere Gegenden, die mich sehr interessieren. In Zukunft sind also durchaus noch weitere Bücher zu erwarten, die außerhalb von Afrika entstanden sind.
»Kenya« kommt spätestens zur Buchmesse Mitte Oktober in den Handel. Worauf darf man gespannt sein?
90 Prozent der Besucher Kenias sehen sich fünf Prozent des Landes an, nämlich überwiegend die Masai Mara und kurz die Küste bei Mombasa. Das ist eine ganz blöde Sorte von Tourismus, bei der das Land gewaltig unterschätzt wird. Dabei hat Kenia wahnsinnig viel zu bieten: Es gibt Wüsten, Seen, Regenwälder, Berge, Schnee, Dünenfelder - eine unglaubliche landschaftliche Vielfalt, wie es sie in kaum einem anderen afrikanischen Land gibt. Das Buch hat sich genau diesem Thema zugewandt und zeigt viele kaum bekannte Landschaften Kenias.
4-Seasons Tipp
Open-Air-Ausstellung in Hamburg
Auf Grund des überwältigenden Erfolgs und der großen Nachfrage wird die »Open-Air Ausstellung« von Michael Poliza im Hamburger Überseequartier bis zum 3. Oktober 2011 verlängert. Die 1,80 mal 1,20 Meter großen Fotographien säumen den Überseeboulevard zwischen Sandtorkai und Tokiostraße und inspirieren die Besucher des Überseequartiers zum Nachdenken über Schönheit und Zerbrechlichkeit der Natur.
Wie findet man diese Plätze? Wohl nicht am Rand stark frequentierter Safari-Pisten?
Klar, je weiter weg von der Zivilisation, desto besser, gesünder und naturbelassener sind die Plätze. Sobald der Mensch ins Spiel kommt, wird es zunehmend schwieriger.
Ein toller Schauplatz alleine macht aber noch kein gutes Foto ...
Letztlich fotografiere ich das, was mir die Natur zur Verfügung stellt. Besonders in der Tierfotografie gibt es wenig Möglichkeiten für eine Choreographie. Ich kann nicht einfach zu den Löwen sagen: »passt mal auf, ihr geht jetzt zu dritt im Gänsemarsch von links nach rechts« – und dann noch drei Giraffen bitten, im Hintergrund in die andere Richtung zu laufen, das Ganze am besten bei Sonnenuntergang. Ach ja, und dann sollte auch noch ein Fischadler oben auf einem Zweig sitzen. Wenn es nicht klappt, sage ich: »Jetzt bitte noch mal!« Das funktioniert bei uns nicht.
Man könnte also sagen, ein Naturfotograf ist ein Opportunist?
Wenn man es genau nimmt, ja. Ich warte auf die Gelegenheit und versuche, sie für mich zu nutzen. Aber es hängt natürlich auch davon ab, welchen Moment, welchen Ausschnitt und Blickwinkel ich wähle. Darin besteht die kreative Komponente des Fotografierens.
Und das macht ein Bild individuell?
Man kann fünf Fotografen gleichzeitig auf denselben Trip schicken und es kommen trotzdem alle mit unterschiedlichen Fotos nach Hause. Das erlebe ich immer wieder. Natürlich überschneiden sich Aufnahmen, aber jeder guckt ein bisschen anders, wählt einen anderen Ausschnitt, eine andere Perspektive, wartet auf ein anderes Licht oder sonst irgendetwas. Und das macht ein Bild aus. Wenn fotografieren so einfach wäre, dann könnte es ja jeder.
In »Kenya« sind Aufnahmen von »Michael Poliza and Friends« zu sehen. Was steckt dahinter?
Um ein paar andere Sichtweisen ins Buch zu bekommen, habe ich in Südafrika damit angefangen, ein paar Freunde einzuladen. Das hat gut funktioniert und alle waren sehr glücklich mit dem Projekt. Für »Kenya« habe ich Steve Bloom gefragt, einen sehr bekannten und respektierten Fotografen. Dann sind noch zwei weitere Kollegen dabei, die noch neu und vielleicht die nächsten »upcoming stars« sind. Es freut mich besonders, dass die beiden über das Projekt Gelegenheit bekommen, ihre Arbeiten einem großen Publikum zu zeigen.
Wieviel Arbeit steckt in einem Buch?
Viel zu viel! Mit einer Reise ist es nicht getan, gerade weil ich nur das nehmen kann, was die Natur mir gibt. Wenn man versucht, ein Land vorzustellen, gehören alle Jahreszeiten und zum Beispiel verschiedene Dürreperioden dazu. Man sieht zu unterschiedlichen Zeiten unterschiedliche Dinge und entdeckt Veränderungen. »Kenya« ist letztlich das Resultat von acht oder neun Besuchen. Bevor der Bildband über Australien fertig ist, werde ich mindestens vier bis fünf mal dort gewesen sein.
Für einen Top-Fotografen sind Sie auf Facebook und Co. ungewöhnlich aktiv. Wie kommt diese Offenheit gegenüber neuen Medien?
Ich habe kein Problem damit, dass meine Fotos in kleiner Version im Internet sehr gut zu sehen sind. Die Copyright-Rechte sollen natürlich berücksichtigt und respektiert werden, aber wenn jemand ein kleines Bild auf dem Laserdrucker ausdruckt, werde ich nicht sofort den Rechtsanwalt einschalten. Wenn Leute versuchen, wirtschaftlichen Nutzen aus meinen Bildern zu ziehen, werde ich ernster. Ansonsten ist das letztlich auch Promotion.
Uns freut es jedenfalls, wenn man sich ganz einfach durchklicken kann ...
Und es freut mich, wenn es andere freut! Meine Facebook-Seite ist sehr gut besucht und hat inzwischen 38.000 Fans. Ob ich dadurch mehr Bücher verkaufe, weiß ich ehrlich gesagt nicht, aber es ist ein Weg der Kommunikation mit Menschen, die meine Fotos gerne mögen.
4-Seasons Info
Mehr über Michael Poliza
Als Jugendlicher war Michael Poliza ein Fernsehstar – und in mehr als 100 TV-Shows und Filmen, z. B. in »Tadellöser & Wolff« zu sehen. Mit 23 gründete er sein erstes IT-Unternehmen und wurde als Branchen-Pionier schnell zum Selfmade-Millionär. 1997 begann, nach Börsencrash und Lebenskrise, sein drittes Leben. Er lud Journalisten und Fotografen ein, ihn auf der »Starship Millenium Voyage« rund um den Erdball an Bord seines Schiffes zu begleiten, um den Zustand der noch unberührten Orte unserer Welt zu dokumentieren. Nach dieser Reise verlagerte Poliza seinen Lebensmittelpunkt nach Kapstadt und richtete seine Aufmerksamkeit auf die Reservate und Nationalparks des südlichen Afrika. Zur gleichen Zeit wuchs Polizas Begeisterung für die Fotografie.
Sein erster Bildband »Africa« erhielt 2006 Lob von allen Seiten: »Poliza hat der Natur- und Landschaftsfotografie eine neue Dimension verliehen«, schwärmte die südafrikanische Zeitung Cape Times, und die New York Times gab anerkennend zu: »Dieses Buch wird wahrscheinlich nicht unsere Denkweise über Afrika ändern. Aber es könnte unsere Denkweise über Fotografie ändern.«
Surftipps: Weitere Infos zu Michael Polizas Arbeiten sind unter www.poliza.de und bei Facebook unter www.facebook.com/Michael.Poliza.Photography zu finden.
16. September 2011, Interview: Judith Prechtl
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