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This Is My Winter: Snowboarder Xavier de Le Rue

Foto: The North Face/Tero Repo
Ein Gespräch mit dem dreifachen Gewinner der Freeride World Tour über kritische Situationen am Aletschhorn und die Aufgabe, perfekte Filmaufnahmen zu produzieren.

Xavier, seit letztem Jahr stellst du mit deinem Projekt 'Timeline' schon während der Saison kurze Videoepisoden kostenlos ins Netz. Warum?

Früher gab es nur etwa fünf Snowboardfilme, die einmal im Jahr erschienen. Als Fahrer hast du eine ganze Saison bei Filmen verbracht, um hinterher ein Segment von zwei Minuten in einem dieser Filme zu bekommen — wenn es schlecht lief, warst du nicht drin. Wir verbringen aber so viel Zeit dort draußen, erleben viele Abenteuer und unsere Arbeit umfasst deutlich mehr als nur perfekte Powderturns — das wollten wir den Leuten nicht vorenthalten.

 

Du produzierst also mehr Aufnahmen mit der gleichen Arbeit?

Nicht nur, normalerweise gehst du filmen und dann weißt du nicht, was schließlich gezeigt werden wird und wie. Jetzt können wir selbst entscheiden — was wir machen, was wir zeigen. Das ist großer Luxus und es läuft ziemlich gut.

 

Die Webisoden in der letzten Saison waren ein Nebenprodukt des Hauptfilms 'This is my Winter'. Die erste Szene des 28-minütigen Streifens zeigt eine haarsträubende Situation am Nordwestgrat des Aletschhorns (4193 m). Du kommst auf einem Stück Blankeis ins Rutschen und kannst dich gerade noch mit dem Eispickel abfangen. Mit nur einem Pickel kommst du nicht mehr vom Fleck. Hast du dir die Abfahrt vorher nicht gründlich genug angeschaut?

Es war der 1. Juni, der letzte Tag der Saison, und es war die erste Abfahrt am Morgen. Ein paar Tage zuvor hatten wir einen guten Tag mit tollen Aufnahmen und waren deshalb relativ entspannt. Die Linie war nicht besonders steil oder ausgesetzt, ich habe keine Probleme erwartet. Trotzdem hatte ich ein schlechtes Gefühl und bin nur langsam in die Flanke gefahren.

 
Im Gegensatz zur vergangenen Saison hat das Timeline-Projekt derzeit nicht mit Schneemangel zu kämpfen. | Foto: The North Face/Tero Repo
Im Gegensatz zur vergangenen Saison hat das Timeline-Projekt derzeit nicht mit Schneemangel zu kämpfen. | Foto: The North Face/Tero Repo

Wäre es nicht besser gewesen, die Linie von unten aufzusteigen? Bei klassischen Steilwandabfahrten wird das oft gemacht, um die Schneeverhältnisse schon im Aufstieg zu prüfen ...

Wenn du filmst und aufsteigst, ist es nicht besonders effizient. Mit dem Heli schaffst du einfach viel mehr und kannst aus der Vogelperspektive filmen. Es wäre natürlich besser gewesen, selbst aufzusteigen und mehr Zeit auf die Linienwahl zu verwenden, aber eine zweite Eisaxt und Steigeisen hätten auch schon geholfen. Es ist mir eine Lehre.

 

Kurz danach folgt eine Szene, in der du eine Eisrinne fährst, ausrutschst und bis zum Einstieg hinunter fällst …

… ja, aber das war nicht so schlimm.

 

Zwei Tage später bist du zurückgekehrt und diese Rinne noch mal gefahren. Hast du da keine Blockade im Kopf?

Ich habe mir zuhause alle Bilder und Videos vom ersten Versuch angeschaut und so wusste ich, was ich besser machen musste. Ich hatte ein gutes Gefühl.

 

Früher sind Snowboarder bei Wettkämpfen angetreten bis sie bekannt waren und gute Sponsoren hatten. Danach haben sie sich aufs Filmen konzentriert. Heutzutage nehmen auch die großen Namen wieder an der Freeride World Tour teil. Ist die Konkurrenz zu stark geworden, dass ihr euch mehr präsentieren müsst?

Ich trete in der Freeride Wolrd Tour gerade wieder ein bisschen kürzer und werde nur noch in Verbier mitfahren. Aber diese Wettkämpfe geben mir die Möglichkeit, mich mit anderen Fahrer zu messen. Denn wenn du die ganze Zeit alleine filmst, ist es nicht immer einfach, motiviert zu bleiben und gute Leistungen zu bringen. Diese Contests wecken mich immer ein bisschen auf, wenn da auf einmal Fahrer antreten und Linien fahren, die du dir im Traum nicht hättest vorstellen können.

 

Der Skifahrer Seth Morrison sagt in der Dokumentation 'The Ordinary Skier': »Es hat viel mehr Spaß gemacht, als es noch ein normales Leben war.« Hat er recht?

Das ist unterschiedlich. Die Tage ohne Kamera machen mehr Spaß, als die mit Kamera — das ist schon mal klar. Das Problem beim Filmen ist, dass du sehr konzentriert bist. Auf die Gefahr, auf das richtige Licht, du musst die ganzen Leute koordinieren. Es ist so schwer, diese perfekten Momente zu kreieren, von denen die Zuschauer träumen. Als Fahrer musst du es hinterher genießen, währenddessen ist es zu stressig.

 
Kann auch urban: In der ersten Folge den aktuellen Staffel tobt sich Xavier de Le Rue an einer tief verschneiten Passstraße aus. | Foto: The North Face/Tero Repo
Kann auch urban: In der ersten Folge den aktuellen Staffel tobt sich Xavier de Le Rue an einer tief verschneiten Passstraße aus. | Foto: The North Face/Tero Repo

Hast du überhaupt noch Tage ohne Kamera?

Nicht viele, aber ich versuche es. Dieses Jahr zum Beispiel habe ich viele Angebote abgesagt, weil ich mehr für mich sein und den Spaß am Snowboarden erhalten wollte.

 

Für 'This is my Winter' hast du mit Samuel Anthamatten und Andreas Fransson gefilmt. Zwei Skifahrer, die sehr erfahren im hochalpinen Gelände sind. Samuel ist Bergführer und Kollege auf der Freeride World Tour. Andreas ist derzeit der wichtigste Extremskifahrer in Chamonix und hat im Sommer die Südwand des Denali in Alaska erstbefahren. Was konntest du von den beiden noch lernen?

Keine konkrete Technik oder so — aber gerade von Andreas habe ich mir viele Kleinigkeiten abgeschaut. Vor allem wie er schwere Abfahren vorbereitet. Es ist immer toll, mit verschiedenen Leuten zu fahren und zu sehen, wie sie arbeiten.

 

Mit Andreas bist du die Hängegletscher an der Nordflanke der Aiguille du Plan (3673 m) gefahren. Ein Extremklassiker, der direkt vom Tal zu beobachten ist. In Chamonix leben zahlreiche Skibums, die jeden Tag verrückte Rinnen fahren. Ist es da manchmal schwer, sich als Profi zu behaupten?

Das ist ein stetiger Wettbewerb dort. Diese Seite an Chamonix mag ich nicht so sehr, aber es sind nun mal die besten Berge dort. Ich versuche, mich etwas aus dem Getümmel rauszuhalten und eher nicht so bekannte Sachen zu machen. Die meisten Leute halten sich dann ja doch an die bekannten Abfahrten und versuchen, sie am ersten Neuschneetag abzuhaken. Ich bewege mich ein bisschen abseits davon und muss so mit niemandem konkurrieren.

 

Letzte Frage: Was war bislang dein bester Tag der Saison?

Den hatte ich wahrscheinlich in der Baldface Lodge in Kanada. Ich war dort mit The North Face um Produkte zu testen.

 

Der Hauptfilm des Timeline-Projekts 'This is my Winter':

 

»This is my Winter« von TimeLine Film auf Vimeo.com

 
4-Seasons Info

Mehr von Xavier de Le Rue ...

Zur zweiten Staffel der Timeline-Webisoden geht es hier.

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