Mit dem Liegerad die Welt entdecken
Die Straße ist ein Ort der Begegnung. Deutsche Autobahnen einmal ausgenommen. Auf den Fahrwegen dieser Erde treffen täglich Milliarden Menschen aufeinander. Sie speisen, schlafen, leben und sterben auf Asphalt, Schotter oder Lehm. Abseits dieses alltäglichen Dramas sind Straßen eine globale Kontaktbörse. Lebenswege kreuzen sich. Manche Begegnungen verändern ein Leben, andere sind nach Sekunden vergessen. Und es gibt Geschichten, die nur das Leben schreiben kann.
Zum Beispiel diese: Christoph Fladung gleitet mit seinem Liegerad »Street Machine« über den heißen Asphalt Hawaiis. In der Ferne donnert die Brandung des Pazifischen Ozeans. Für den ehemaligen Windsurfer ist die Reise über die Inseln des hawaiianischen Archipels die vierte große Radtour seines Lebens. Eine Reise in die Wärme, an einsame Strände und zur Wiege des Surfsports. Christoph nähert sich mit seinem Liegerad einem bekannten Surfspot, als neben ihm ein überdimensionierter amerikanischer Geländetruck mit gewaltigen Reifen anhält. Aus dem Monster springt ein braun gebrannter Surfer. Muskulös, nackter Oberkörper, nicht mehr ganz jung. Christoph erkennt ihn sofort. Es ist Robert Staunton Naish, besser bekannt als Robby Naish. Naish ist eine Surflegende und 24-facher Weltmeister. Und jetzt steht Christophs einstiges Surfidol leibhaftig vor ihm, fasziniert von dessen Liegerad und bettelt um ein Foto damit. Sachen gibt‘s ...
Liegeradfahrer sind die Exoten unter den Radlern. In Deutschlands Straßenbild ebenso wie unter den Fernradreisenden dieser Erde. Wer Liegerad fährt, fällt auf. Für Christoph ist sein moderner Kurzlieger mit Tieflenker daher nicht nur Fortbewegungsmittel und Sportgerät, sondern auch »Kommunikationsmaschine«. »Auf der ganzen Welt trifft man Radreisende, aber das Liegerad ist so unbekannt, dass ich überall sofort angesprochen werde«, erklärt Christoph. Das ist nicht immer von Vorteil. Eine immer wiederkehrende Szene: Christophs Radelkollegen strampeln auf ihren normalen Rädern in Ruhe davon, während Christoph von Passanten belagert wird, die sein Liegerad bewundern wollen, und jeder Einzelne fordert eine Sitzprobe auf dem gemütlichen Lehnstuhl. Das kostet Zeit und Nerven.
Christoph Fladung wurde nicht aus Einsamkeit zum Liegeradfahrer. Seine Konvertierung vom Sitzenden zum Liegenden war eine Läuterung durch Schmerzen. Christophs erste lange Radtour führte den damals 18-Jährigen auf einem konventionellen Trekkingrad von seinem Heimatort Walldorf nach Barcelona. Für die knapp 1400 Kilometer lange Radtour nahm er sich acht Tage Zeit. Christoph wollte in Barcelona seine Freundin treffen. Sie flog mit dem Flugzeug, Christoph strampelte jeden Tag 175 Kilometer. Keine Frage, Christoph war sportlich. Drei Mal die Woche Volleyball. Er ging regelmäßig joggen, fuhr mit dem Fahrrad zur Schule. In Spanien angelangt, war der Hintern wund, er hatte Rückenschmerzen und mit seinen Handgelenken konnte er sich kaum noch aufstützen.
Ein Praktikum bei der Liegeradmanufaktur HP-Velotechnik in Kriftel bei Frankfurt weist ihm den Weg. Auch wenn Liegeradfahrer hierzulande von »aufrechten« Velofahrern gern als »Sitzpinkler« bezeichnet und – schlimmer noch – von unaufmerksamen Autofahrern übersehen werden, für Christoph dominieren die Vorzüge. Hände, Arme und Schultern sind, ebenso wie die Wirbelsäule, entlastet. Der Blick ist nach vorne gerichtet und der Windwiderstand geringer als beim konventionellen Fahrrad. »Ich finde ein normales Fahrrad als Verkehrsmittel wunderbar, aber auf langen Distanzen ist ein Liegerad das beste Tourenfahrrad, das es gibt«, ist Christoph überzeugt.
2700 Kilometer in 20 Tagen
Die ersten langen Touren mit dem Liegerad sind geprägt von sportlichem Ehrgeiz und eng gestecktem Zeitrahmen, mehr als sechs Wochen Ferien stehen dem Gymnasiasten nicht zur Verfügung. 2002 radelt Christoph über Österreich, Ungarn, Rumänien und Bulgarien in die Türkei nach Istanbul. Drei Wochen nach Reisebeginn hat seine Schwester daheim Geburtstag, Christoph darf nicht trödeln. 2700 Kilometer weiter und 20 Tage später erreicht er Istanbul, springt in den Flieger und feiert am nächsten Tag im Kreise seiner Familie Schwesters Geburtstag.
Ein Jahr später, ein neuer Plan. Die letzten Sommerferien vor dem Abitur. Christophs Mitschüler tanzen den Sommer in Discos ab, Christoph fliegt mit dem Liegerad im Gepäck nach New York. »In der Schule war ich der Verrückte, der immer nur mit Schlappen herumläuft, egal bei welchem Wetter.« Bis zum Ende der Ferien will er San Francisco sehen, die Golden Gate und den Pazifik. Seine Route von »Coast to Coast« verläuft auf Nebenstrecken der ausgetretenen Touristenpfade, hangelt sich aber dennoch an den Fixpunkten amerikanischer Urlaubsträume entlang: New York, St. Louis, Texas, Grand Canyon, Las Vegas, Death Valley, Sierra Nevada, Yosemite. T-Bone-Steaks, Fast Food und schnurgerade Straßen – Christoph erfährt die USA hautnah, authentisch und voller lebendiger Klischees. Nach knapp 6400 Kilometern in 54 Tagen ist die Reise in San Francisco beendet. Vorerst. Denn ihm ist klar, dass er sich weitere Lebensträume per Liegerad erfüllen wird.
Danach verläuft sein Leben zunächst in geordneten Bahnen. Abitur, Bundeswehr, die Radreise nach Hawaii. 2005 beginnt er in Mainz Sport zu studieren und als studentische Aushilfskraft bei Globetrotter in Frankfurt zu arbeiten. Es dauert nur ein Jahr, da gerät sein bürgerlicher Werdegang bereits ins Stocken. Christoph besucht einen Diavortrag über Tibet und plötzlich sind wieder diese Bilder in seinem Kopf. Eine Piste voll von Schlaglöchern, am fernen Horizont schneebedeckte Gipfel, der Himmel so weit. Fremde Kulturen, fremdes Essen, fremde Menschen. Das will er mit eigenen Augen sehen. Im April 2006 startet Christoph mit seiner »Street Machine« in Walldorf. In 180 Tagen will er aus eigener Kraft am Mount Everest sein.
Christophs Liegerad wiegt 20 Kilo. »Ein echter Panzer«, meint Christoph. Seine restliche Ausrüstung – die Trekkingstiefel, der schwere Schlafsack für Minusgrade, die dicke Isomatte, ein ordentliches Zelt, Kocher, Bekleidung, Essen, Kamera und Wasser – summiert sich auf gute 50 Kilo. »Mit der Zeit gewöhnt man sich an Steigungen mit 70 Kilogramm Ausrüstung. Man fährt langsamer, kommt aber immer an. Und wer ein Zelt dabei hat, ist eh überall am Straßenrand zu Hause.«
Seine Touren fährt Christoph grundsätzlich alleine. Früher hat er Annoncen aufgegeben und Reisepartner gesucht, doch ohne Erfolg. Einsamkeit kennt Christoph dennoch nicht. »Man trifft immer wieder Radler für einige Tage. Dann trennt man sich, weil der eine Pizza essen und der andere noch ein paar Kilometer machen möchte. Das macht dich freier. Und du erfährst die Reise ganz anders als in Begleitung.«
Weit mehr als volle Speicherkarten
Irgendwo auf den schlecht asphaltierten Straßen zwischen Istanbul und Taschkent blieb dann Christophs sportlicher Ehrgeiz auf der Strecke. Es war ein langsamer, schleichender Prozess. In dem Maße, in dem seine Reisen länger wurden, trat die Jagd nach einem neuen Highscore auf dem Tageskilometerzähler immer mehr in den Hintergrund und die Lust auf spontane Begegnungen und Improvisationen nahm zu. Christophs Route durch die islamischen Staaten führt ihn zu nie gekannter Gastfreundschaft. In Iran wird er binnen 23 Tagen acht Mal von Fremden zum Essen und Übernachten eingeladen. Die Menschen sind offen, herzlich, gebildet und westlich orientiert, ganz anders, als das die Medien gern darstellen. »Du lernst mit der Zeit die Gastfreundschaft anzunehmen, denn sie steckt im Wesen der Menschen. Mein Vater würde nie einen Fremden in sein Haus einladen.«
Von Iran verläuft die Route durch die ehemaligen Sowjetrepubliken Turkmenistan, Usbekistan und Kirgisistan. Touristisch jungfräuliche Staaten mit teilweise herrlichen alten Städten, bombastischen Moscheen, türkisen Kuppeln, engen Gassen und lebhaften Basaren. Der Grenzübertritt nach China verläuft reibungslos – wie die gesamte Reise. »Ich hatte auf der gesamten Reise keinen Ärger, keinen Unfall«, wundert sich Christoph. Ganz gemächlich steigt Christophs Reiseroute von China auf das 4000 Meter hohe tibetische Hochland an. Monsun, schlechte Pisten, das Rad durch reißende Furten zu schieben und die Höhe machen Christoph zu schaffen. Aber er hält durch. Nach 178 Tagen und 12.800 Kilometern erreicht Christoph das Everest-Basecamp.
Zurück in Deutschland heuert Christoph erneut bei Globetrotter an. Es ist eine Win-Win-Situation für beide Parteien. Christoph bekommt genug Zeit und Geld für kommende Projekte, Globetrotter einen erfahrenen Mitarbeiter von der »Straße«. Aber Christophs Arbeitsverhältnis währt nur kurz. Nach einem halben Jahr ist er wieder auf Achse. Im Oktober 2007 geht es auf die bisher längste Tour. In 14 Monaten radelt er von Nepal über Indien, Bangladesch, Kambodscha, Thailand, Malaysia und Indonesien nach Australien. Es wird seine längste und abwechslungsreichste Reise. In Nepal macht er zu Fuß die Anapurna-Runde und den Everest-Trek, besucht alle Königsstädte des Landes. Durch Kambodscha radelt er mit seiner Schwester, in Thailand geht er mit Freunden tauchen, in Indonesien surfen.
Vielen dürfte es schwer fallen, Tag für Tag die Motivation für eine solche Reise aufzubringen. Jeden Tag in die Pedale treten, dem Ziel nur ein kleines Stückchen näher kommend. Christoph kennt diese Probleme nicht. Die Monotonie des Pedalierens regt eher seinen Geist an, als dass es ihn einschläfert. Manche seiner Bekannten wundern sich und glauben, er lasse die Jahre sausen, wo ein Studium so wichtig wäre. Aber Christoph bringt mehr von seinen Reisen mit als volle Speicherkarten und Schrammen am Bike. »Das Reisen macht mich freier. Ich habe nicht mehr so viel Sorgen, denn früher habe ich mich viel zu oft mit Kleinigkeiten beschäftigt. Mit Situationen, die mich früher stressten, gehe ich viel entspannter um«, bekennt Christoph. Andere Menschen träumen von einer Einbauküche oder einem Auto mit Sonderlackierung, von Sicherheit, Familie und Eigenheim. Wenn Christoph die Augen schließt, riecht er die Gewürze eines orientalischen Basars, hört indische Filmmusik oder sieht eine staubige Wüste in flimmernder Hitze. »Es gibt Radler, die fahren seit 50 Jahren um die Welt und machen Vorträge darüber. Könnte aber auch sein, dass ich mit 30 Jahren genug habe und ein Studium beginne.« Die Erkenntnis wird Christoph wohl auf einer Piste dieser Erde ereilen. Beim Umkurven eines Schlaglochs in Turkmenistan, bei einem Aufstieg im Himalaja oder derzeit ganz banal auf seinem Weg zur Arbeit. Wo? Na, bei Globetrotter Frankfurt. Vorerst.
15. November 2009, Text: Manuel Arnu
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