Michael Fischer: Der domestizierte Bergsteiger
Nach der Initialzündung beim Konstein-Festival im Altmühltal verfiel Michael Fischer der neuen Philosophie des Rotpunkt- oder Freikletterns. Der technische Stil, bei dem man sich mit Haken und Leitern die Felsen hochschlosserte, war passé. Die Freeclimber benutzten Haken und Seil nur zur Sicherung – geklettert wurde ausschließlich am Fels. Man verband Spaß mit Körperbeherrschung, eröffnete neue Schwierigkeitsgrade, hing mit den Kumpels in sonnigen Klettergebieten herum. Auch Michael tourte durch Deutschland, Italien und Frankreich, fand viele neue Freunde und hegte den geheimen Wunsch, genauso cool und leidenschaftlich zu werden wie Kletterlegende Reinhard Karl, dessen Bücher er verschlang. Und jeder Kletterknoten festigte Michaels Vorstellung vom idealen Leben: Klettern, Reisen, Naturerlebnis …
Lieber Outdoor-Experte als Indoor-Psychologe
31 Jahre nach Konstein: Michael Fischer, mittlerweile 54, ist sportlich-schlank und hoch aufgeschossen. Er trägt Jeans, Kaikkialla-Pullover und Daunenweste, alles in schwarz. An seinem Handgelenk prangt eine dicke Suunto-Uhr, aber der Blickfang sind die leuchtend blauen Saucony-Laufschuhe. »Weiche Dämpfung«, erklärt er. Letztes Jahr hatte Michael eine Meniskus-Operation, er befindet sich noch im Aufbautraining. Vor der OP hat er jedes Jahr zwei Marathons samt dazugehörigem Trainingspensum absolviert. Zurzeit reicht es nur für zwei, drei lockere Einheiten pro Woche. »Ich bin älter und morbider geworden«, lacht er.
Wie viele seiner Kollegen kam auch Michael Fischer auf Umwegen zu Globetrotter: »Ich habe Psychologie studiert, ein halbes Jahr im Beruf gearbeitet – und dann gemerkt, dass ich dabei nicht glücklich werde.« Bereits während des Studiums hatte er zur Finanzierung seiner Klettertrips und Reisen in Outdoor-Läden gejobbt, also lag es nahe, das hauptberuflich zu machen. Michael arbeitete bei verschiedenen Shops, »manche so klein, dass ich für alles zuständig war, von Zelten über Zahnbürsten bis zum GPS. Das Gute daran: Ich lernte alles von der Pike auf.«
Im Jahr 2000 landete Michael schließlich bei Globetrotter Frankfurt. »Ich war positiv überrascht: Globetrotter war damals schon sehr professionell aufgestellt und hatte sogar ein Warenwirtschaftssystem: Ich verkaufte eine Jacke – und ohne weiteres Zutun kam automatisch Nachschub. In den Läden vorher musste ich mich mit Listen ans Telefon setzen und jedes einzelne Teil neu bestellen …«
Die Begeisterung für die Globetrotter-Philosophie hat angehalten. »Hier arbeiten Leute, die verkörpern, was sie verkaufen«, sagt Michael, »hier steht kein klassischer Verkäufer, sondern eine Persönlichkeit, die sich mit ihren Reisen und Aktivitäten Kompetenzen erworben hat und diese auch weitergibt. Das spüren die Kunden.«
Als Bereichsleiter Bergsport legt er besonders strenge Maßstäbe an: Ein Mitarbeiter, der nicht selbst klettert, ist für Michael unglaubwürdig. »Unsere Beratungen sind sicherheitsrelevant. Fehler können fatale Folgen haben. Und wenn wegen Personalknappheit mal ausnahmsweise ein fachfremder Kollege aushilft, soll er bei kniffligen Kundenfragen lieber passen und einen unserer Experten dazuholen.«
Der Traum von den richtig hohen Bergen
In der neuen Frankfurter Filiale wird Michael künftig auch die Abteilungen Schuhe und Kinderland leiten. Zudem ist er nicht nur in den Verkauf, sondern auch in die Auswahl der Ware involviert. Bei vielen anderen Läden erledigt das der Chef, doch bei Globetrotter ist der Einkauf des Sortiments eine ebenso demokratische wie anstrengende Angelegenheit: »Alle Bereichsleiter der Filialen haben ein Mitspracherecht, ein irrer Aufwand, manchmal richtig nervig und langwierig – aber nur so ist sicher, dass du am Puls der Zeit bist und nicht nur am Puls eines einzelnen Einkäufers.«
Das riecht nach langen Diskussionen. Michael nickt: »Nur ein Beispiel: Seit zwei Jahren versuche ich die Kollegen zu überzeugen, einen bestimmten Magnesiabeutel ins Programm zu nehmen, so ein megapsychedelisches Teil, richtig FlowerPower. Das war meine Jugend! Aber die anderen Einkäufer sehen das anders – noch …«
Für solche Härtefälle hat Michael ein Hintertürchen, »Filialware« heißt das Zauberwort: »Wir können das große Globetrotter-Sortiment mit Produkten ergänzen, die es dann nur in bestimmten Filialen gibt – also auf eigene Kappe. Darum gibt es den Beutel trotzdem bei mir. Und irgendwann vielleicht auch im Katalog.«
Am Berg sieht sich Michael weniger als Spezialist, sondern als breit aufgestellter Allrounder. Nach den Anfängen beim Sportklettern lockten bald auch Eis- und Hochtouren. Die Anfänge seiner Alpinkarriere beschreibt Michael so: »Wir hatten wenig Kohle, wollten aber weit kommen.« Praktisch, dass einer seiner Kletterfreunde Maschinenschlosser war und in der Garage Eispickel schmiedete.
Mit den handgefertigten Geräten versuchte man sich an schottischem Steileis – und scheiterte auf ganzer Linie. »Unsere Fähigkeiten waren nicht ausgereift und die Eispickel völlig untauglich«, lacht Michael. Aber er lernte (und kaufte) dazu und bestieg in den letzten 30 Jahren viele Berge weltweit, darunter etliche 4000er in den Alpen.
2006 wollte Michael dann deutlich höher hinaus – auf den höchsten Berg der Neuen Welt, den Aconcagua. Der fast 7000 Meter hohe Gipfel in den argentinischen Anden gilt als technisch einfach und gut erschlossen. Im Basislager gibt es sogar Pizzerias, Duschen (für 10 Dollar) und Internetcafés, alles in eigenen Zelten.
Noch kein Mittel gibt es allerdings gegen die Höhenkrankheit. Sie trifft fast alle Bergsteiger, jedoch mit unterschiedlichen Auswirkungen. Michael plante die Akklimatisierung genau und überwachte die Sauerstoffsättigung im Blut mit einem Pulsoximeter. Er kannte die Gefahren: »Ich habe in Nepal erlebt, wie Touristen sich nicht richtig akklimatisierten und dann mit Hirnödem ausgeflogen wurden.«
Doch trotz perfekter Vorbereitung plagten ihn typische Höhensymptome wie nächtliche Schnappatmung und Erstickungsgefühle. Ab 5500 Meter Höhe konnte er kaum noch schlafen – und musste sich schließlich eingestehen, nicht höhentauglich zu sein. »Das war bitter. Es gab da eine Grenze, die ich einfach nicht überwinden konnte. Meine Träume von den richtig hohen Bergen musste ich beerdigen.«
Michaels anderen großen Leidenschaft – der Fotografie – tat das keinen Abbruch. Nicht nur im Kopf, auch in seinem Arbeitszimmer stapeln sich die Zeugnisse der zahlreichen Touren: knapp 25.000 Dias! Bis vor zwei Jahren fotografierte Michael analog – aber die Zeit, als man die Dias wie kostbare Edelsteine hüten musste, vermisst er nicht. »Vor allem die Sicherheitskontrollen unterwegs waren der Horror. Ich wollte meine Diafilme nie röntgen lassen, auch wenn ich dafür in Athen einmal 120 Filmrollen auspacken und einzeln vorzeigen musste. Diesen Stress brauch ich nicht mehr – und meine Frau erst recht nicht«, lacht Michael.
Mit 28-Kilo-Rucksack durch Patagonien
Das Zusatzgepäck nimmt er in Kauf und auf den Rücken: bis zu acht Kilo Fotoausrüstung. »In Patagonien habe ich 28 kg durch den Torres-del-Paine-Nationalpark geschleppt, auch mein 400er-Tele, das 1,2 kg wiegt. Gebraucht habe ich es in zwei Wochen nur einmal.« Aber das Teleobjektiv zu Hause lassen? Undenkbar für Michael Fischer.
Michaels Fotos erreichen professionellen Standard, sein persönlicher Einsatz und seine Ausrüstung ebenso. Gelegentlich veröffentlicht er in Kalendern oder Katalogen – auch schon auf dem Cover des Globetrotter-Handbuchs. Eine Bildagentur vermarktet einige seiner Aufnahmen, »aber reich«, sagt er, »wird man damit nicht. Das geht, wenn überhaupt, nur mit einem sehr auftragsorientierten Stil.« Und den mag Michael nicht. Lieber nimmt er sich die Freiheit, bei einer Schneeschuhwanderung jene Fotos aufzunehmen, die er selbst gern sehen möchte. Oder eine Woche lang im Tessiner Verzasca-Tal von morgens bis abends Steine zu fotografieren. Oder sieben Stunden lang an einem Vogelfelsen in Island zu kauern, bis das perfekte Bild vom Papageitaucher im Kasten ist.
Träumt Michael nicht manchmal doch von einem Leben als Wildnisfotograf? »Nein«, sagt er ehrlich, »das wäre mir einfach zu unsicher und ich hätte keine innere Ruhe mehr.«
Michaels Freund, der mit den selbst geschmiedeten Eispickeln, ist inzwischen selbstständiger Bergführer und Kopf einer Outdoor-Agentur. »Der versteht überhaupt nicht, dass ich mir von meinem Chef den Urlaub genehmigen lassen muss, das sei doch Freiheitsberaubung«, erzählt Michael. »Aber ich halte das durchaus aus. Bei Globetrotter habe ich die domestizierte Variante eines Outdoor-Berufs gewählt – und fühle mich nicht nur aufgehoben, sondern angekommen.«
10. März 2012, Text: Manuel Arnu
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