präsentiert von:

Meindl: Bavarian Global Player

Lars, Alfons und Lukas Meindl (von links) | Foto: Till Gottbrath
Hightech und Handwerk, gute Produkte und gesunder Menschenverstand: Der Traditionsbetrieb Meindl macht im oberbayrischen Kirchanschöring Outdoor-Schuhe von Weltruf. Das klingt nach Klischee, ist aber wahr – und gerade deshalb so verblüffend.

Vor Ehrfurcht hätte ich erstarren können! Vor mir Alfons Meindl. Der große Alfons Meindl, Herr und Gebieter über die gleichnamige Schuhfabrik. Ein älterer energischer Mann, nicht sehr groß, aber agil. Ein Jagdhund flitzt zwischen seinen Beinen herum. Nach einem präzisen Kommando versteinert der vierbeinige Wirbelwind förmlich. Das Grün von Meindls Bekleidung verrät, dass dieser Mensch naturverbunden ist, selbst gerne wandert und in die Berge geht. Und irgendwie muss ich, der frischgebackene Outdoor-Journalist, jetzt mit ihm ins Gespräch kommen.

Ganz viel Gefühl: In einem Wanderschuh stecken viel Handarbeit und präziser Maschineneinsatz. | Foto: Till Gottbrath
Ganz viel Gefühl: In einem Wanderschuh stecken viel Handarbeit und präziser Maschineneinsatz. | Foto: Till Gottbrath

Ort des Geschehens: die Sommer-ISPO im Jahre 1988. Erst vor kurzem war ich vom globetrottenden Dauerstudenten zum Chefredakteur der neuen Zeitschrift »outdoor« geworden. Das klingt nicht schlecht, hieß aber nicht viel. Chef war ich nur, weil die Redaktion keine weiteren Mitarbeiter hatte: ein Häuptling, aber keine Indianer. Ansonsten galt die Maxime: Wenn schon keine Ahnung und keine Knete, dann wenigstens jede Menge Begeisterung und Ideale!

Da stand also dieser journalistische Dreikäsehoch vor dem Herrn Meindl. Der Blick über das Greenhorn verharrte einen Augenblick an dessen Schuhwerk. Und dann sagte der Herr Meindl: »Servus Till. Ich bin der Alfons. Bist auch ein Bergler, was? Sagen wir Du, oder?« Und Alfons streckte mir seine Hand entgegen.

Ich reichte ihm die meine, die er mehr als kräftig drückte. Mir fiel keine prickelnde Antwort ein. Also sagte ich: »Äääh, ja.« Bot mir Alfons Meindl einfach so das Du an … Natürlich begannen wir sofort über Schuhe zu reden. Zwar war ich keinesfalls der große »Bergler«, für den mich Alfons offensichtlich hielt, aber ich hatte immerhin während meiner studentischen Traveller-Karriere mehr Schuhe niedergewandert als viele Leute in ihrem ganzen Leben schaffen. Unser ISPO-Gespräch mündete in eine Einladung nach Kirchanschöring.

 

Kirchan–wie bitte?

Idyll in Oberbayern: der Stammsitz in Kirschanschöring. | Foto:Archiv Meindl
Idyll in Oberbayern: der Stammsitz in Kirschanschöring. | Foto:Archiv Meindl

Kirchanschöring – den Namen muss man sich auf der Zunge zergehen lassen! Hier sind die Meindls zu Hause. Eine Gemeinde von 3000 Einwohnern in der Nachbarschaft von Petting. Der nächstgrößere Ort, den auch Menschen kennen, die nicht in Oberbayern als Heimatkundelehrer arbeiten, ist Salzburg. Macht man sich bewusst, dass bei Meindl heute 230 Menschen im Bereich Schuhe und 105 im Bereich Bekleidung arbeiten, sieht man, wie wichtig das Unternehmen Meindl für die kleine Gemeinde ist.

Wer, so wie ich damals, zum ersten Mal sieht wie Bergstiefel hergestellt werden, staunt: Handarbeit, Handarbeit, Handarbeit. Selbst bei Meindl, der ja nun wirklich nicht zu den kleinen Anbietern gehört, gibt es nur sehr wenig Automation.

Lukas Meindl, verantwortlich für Produktentwicklung und Produktion erklärt: »Bei einem montierten Schuh ist Automation technisch nur sehr beschränkt möglich. Keine Maschine hat das nötige Gefühl, um aus dem Naturmaterial Leder einen wirklich guten Schuh zu machen. Und sie muss mit Können und Gefühl bedient werden. Deshalb verdient bei den Schuhmachern die Bezeichnung Handwerk ihren Namen noch.«

Nach der Besichtigung der Produktion war mir auch klar, warum ein guter Trekkingschuh so viel kosten muss, wie er kostet. Da werden immerhin rund 200 Einzelteile Stück für Stück zusammengesetzt.

Bei meinem ersten Besuch befand sich das Stammhaus von Meindl noch in der Ortsmitte von Kirchanschöring, die man wenige Sekunden nach dem Passieren des Ortsrandes erreicht. Damals wurden dort Schuhe und Bekleidung hergestellt. Viele wissen das gar nicht: Meindl macht auch Trachtenmoden – von der echten Tracht, an der eingeborene Oberbayern erkennen, aus welcher Ecke der Träger stammt, bis hin zu stylischen Designer-Klamotten aus feinstem Hirsch- und Rehleder. Da gibt es eine Kollektion, die heißt »edelheiß« – und sie ist es.

1999 trennten Alfons und sein Bruder Hannes das Unternehmen auf. »Das brachte uns intern mehr Klarheit«, erklärt Alfons. Er bildet mit seinen Söhnen Lars und Lukas heute die »Schuh-Meindls«. Hannes und Sohn Markus sind die »Bekleidungs-Meindls«.

Während die Bekleidung im alten Gebäude in der Ortsmitte von Kirchanschöring blieb, wurde 1995 eine moderne Produktionsstätte für den Schuhbereich gebaut. Seitdem befindet sich in der Lukas-Meindl-Straße 5 bis 9 – neben der Freiwilligen Feuerwehr und einem großen Bauernhof samt ebenso großem Misthaufen – der Sitz der »Schuh-Meindls«. Mit dem bereits 1986 errichteten Gebäude stehen insgesamt ca. 7500 Quadratmeter Fläche für Lager und Verwaltung, Entwicklung und Produktion zur Verfügung.

 
4-Seasons Info
 

Meindl Know-how

 

1. Der Schaft: Hohe Handwerkskunst in Leder.

2. Die Einlegesohle: Polstert, saugt Schweiß ab, passt sich ergonomisch der Fußform an.

3. Die Brandsohle: Sie ist das Rückgrat des Schuhs und verbindet Schaft und Sohle.

4. Die Zwischensohle: Dämpft die Belastung und führt den Fuß bei der Abrollbewegung.

5. Die Laufsohle: Voller Grip und lange Haltbarkeit dank guter Gummimischung.

 

950.000 Paar Schuhe jährlich

Schuhe, die (fast) ein Leben lang halten. Um die eingeschickten uralten Veteranen kümmert sich liebevoll die Service-Abteilung. | Foto: Till Gottbrath
Schuhe, die (fast) ein Leben lang halten. Um die eingeschickten uralten Veteranen kümmert sich liebevoll die Service-Abteilung. | Foto: Till Gottbrath

Von hier, diesem unscheinbaren Ort, gingen allein im Jahr 2001 rund 950.000 Paar Schuhe hinaus in alle Welt. Derzeit umfasst das Programm rund 200 verschiedene Modelle. Denn Meindl stellt neben den bekannten Trekkern auch Wander- und Multifunktionsschuhe, Trachtenschuhe, Langlaufstiefel, Schuhe für Militär und Behörden sowie Spezialanfertigungen wie zum Beispiel Schuhe für Sportschützen her.

Neben dem Hauptmarkt Deutschland reden die Bayern auch auf einigen internationalen Märkten mehr als nur ein Wörtchen mit. Insgesamt kann man Meindl-Schuhe in ca. 40 Ländern rund um den Globus kaufen. Lars Meindl, unter anderem verantwortlich für den Export: »Wir sind in Österreich, der Schweiz und Benelux sehr stark, aber auch in Skandinavien. In England hinkten wir lange Zeit etwas hinterher, aber seit drei Jahren geht dort die Post ab. Wir gewinnen einen Test nach dem anderen und unsere Schuhe genießen dort einen sehr guten Ruf.«

Auch für die Zukunft haben die Meindls die Weichen gestellt. Nachdem es im Sommer 2000 einige Lieferengpässe beim Bestseller »Air Revolution« gab, erweiterte das Unternehmen sein Zweigwerk in Ungarn. Dort befinden sich die Steppereien, wo die Schäfte, also die Schuhoberteile,  genäht werden. Außerdem wurde vor kurzem in Kirchanschöring das Lager ausgebaut. Und erst vor wenigen Wochen kaufte man hier weiteres Land, um die Produktion zu vergrößern. Man setzt weiterhin auf den Standort Deutschland. Lukas Meindl: »Es gibt eine ganze Reihe von Gründen, die für Deutschland und Europa sprechen. Wir erreichen hier eine enorme Produktivität und vor allem Qualität. Und wenn mal etwas schief läuft, können wir auch innerhalb kürzester Zeit reagieren. Das ist besser, als wenn man plötzlich vor einem Container mit Billig-Schuhen aus Fernost steht, bei denen Reklamationen schon vorprogrammiert sind.«

 

Korea oder Oberbayern?

Ob diesem Schätzchen noch geholfen werden kann? Aber sicher! | Foto: Till Gottbrath
Ob diesem Schätzchen noch geholfen werden kann? Aber sicher! | Foto: Till Gottbrath

Außerdem verleiht die Produktion im eigenen Haus auch Flexibilität. Geht ein Modell während der Saison besser als erwartet, kann man mit der europäischen Produktion kurzfristig noch nachlegen. Bei Fernost-Produktion sind die Vorlaufzeiten sehr lang. Andererseits gibt es auch Produktbereiche, in denen selbst ein Meindl nicht an Fernost vorbeikommt: Multifunktionsschuhe und Hiker. Im Gespräch mit Lukas Meindl: »In diesem Bereich kommt neben dem Design dem Faktor Preis eine große Rolle zu. Würden wir diese Modelle in Europa produzieren, wären die Schuhe kaum besser, aber deutlich teurer – also ziehen wir die Konsequenz und gehen damit nach Fernost. Aber hier geben wir höllisch acht, dass man dort unsere Qualitätsstandards einhält. Darum haben wir uns die wirklich besten Partner ausgesucht und sorgen für Kontrolle rund um die Uhr. Meindl-Schuhe müssen immer Meindl-Qualität bieten. Davon leben wir und dafür stehen wir mit unserem Namen!«

Überhaupt: der Ruf, die Ehre – das ist den Meindls wichtig. Und dazu gehört neben der Begeisterung für das gute Produkt und das redliche Handwerk auch die Menschlichkeit. Beim Rundgang durch das Gebäude erlebt man kein Achtung-der-Chef-kommt-Gehabe , sondern eher den Gruß »Servus Alfons« oder »Griaß di Lars«, gepaart mit einem kurzen Lachen.

Nicht ohne Grund: Da läuft Lukas alljährlich mit dem Ikerner Franz und weiteren Kollegen den Teisenberg-Berglauf mit und streitet sich um die Ehre, das Fassl Bier bezahlen zu dürfen, das dann alle gemeinsam leeren. Und am Wochenende gehen die Meindls hinauf auf die Reiter Alm, wo sie eine Jagdhütte haben. Sie sind normal geblieben, die Meindls, allem Geschäftserfolg zum Trotz.

So verwundert es wohl nicht, dass aus meinem ersten Treffen mit Alfons auf der Sommer-ISPO 1988 eine Freundschaft gewachsen ist, mittlerweile auch mit Lars und Lukas. Natürlich erhielten die Meindls diesen Text vor dem Druck zu Gegenlesen. Alfons bekam die Krise, als er den Ausdruck vom Herr und Gebieter las – »das bin ich nicht!«, polterte er. Und genau diese Einstellung macht die Meindls aus: Hinter diesem Global Player stehen Menschen. Menschen mit Herz.

Anmerkung der Redaktion: aus dem schüchternen Till ist auch noch etwas geworden - und zwar einer der führenden Fachjournalisten für Outdoor-Equipment.
 

 

4-Seasons Info
 

Meindl-Marksteine seit 1975

 

1975: Die Einführung der Kategorien

Welcher Schuh für welchen Zweck? Klingt heute banal, war damals aber eines der größten Probleme im Verkauf. Meindl ersann deshalb die bis heute gängigen Kategorien:

A = leichte Wander- und Freizeitschuhe für Touren auf guten Wegen und ohne allzu schweres Gepäck.

B = Wander- und Trekking-Touren auf schlechten Wegen oder im Gebirge mit Gepäck.

C = bedingt steigeisenfeste Trekking- und Bergstiefel für Touren in weglosem Gelände, im Gebirge oder harte Trekking-Touren mit schwerem Gepäck.

D = absolut steigeisenfeste Bergstiefel für hochalpine Touren.

 

1980: Meindl Perfekt

Nomen est omen – den Perfekt stellt Meindl seit fast 25 Jahren her. Man könnte ihn als Inbegriff des zwiegenähten Bergschuhes bezeichnen. Der Schaft besteht aus einem einzigen Stück silikonisiertem Juchtenleder und hält bei richtiger Pflege ewig. Sicher kein Leichtgewicht, aber ein echter Evergreen.

 

1982: Der erste Gore-Tex-Schuh: 
Meindl Traillor

Meindl stellt als erster Bergschuh-Hersteller Deutschlands einen Gore-Tex-Schuh her: den Traillor. Wer hätte damals schon gedacht, dass dies der Beginn einer Revolution des gesamten Outdoor-Schuhmarktes 
werden würde?

 

1990: Meindl Island

Mit über 500.000 Paaren der bestverkaufte feste Gore-Tex-Trekkingstiefel aller Zeiten. Selbst Mitbewerber sprechen von der »Island-Klasse«. Meindl baut ihn bis Größe 17 sowie mit schmaleren Damenleisten. Der Island gewann 1996 den European Outdoor Award, die renommierteste Auszeichnung in Europa.

 

2000: Meindl Air Revolution

Meindl erhöht die Atmungsaktivität von Gore-Tex-Schuhen um 33 %. Der Trick:  Luftdurchlässigere Polsterschäume, weniger Polster-Vliese, sparsamere Verklebungen. Mit der Air Revolution-Reihe gewann Meindl 2000 zum zweiten Mal den European Outdoor Award.

Laden...
Weiterführende Artikel
16.04.2005 | Artikel | Beratung und Service
Christian Bahlow ist Experte für Wandern und Trekking in der Hamburger Globetrotter-Filiale am Wiesendamm. Für 4-Seasons plauderte er aus dem Nähkästchen mit der Aufschrift »Die...