Meindl: aus Bayern in die ganze Welt
Um Island zu besuchen, hält man sich von München aus immer südöstlich. Man sieht weidende Rinder, propere Höfe, dunkle Seen und am Horizont, hinter den Zwiebelturmkirchen, die Skyline der Chiemgauer Alpen. Und kommt schließlich, 20 Kilometer vor Salzburg, nach Kirchanschöring. Dort steht Island, gerade 20 Jahre alt geworden, in einer großen Halle auf einem Tisch. Die beste Kuh im Stall … Lukas Meindl klärt den Besucher, der aus der Stadt kommt und so was nicht weiß, freundlich lächelnd auf: Island ist kein Mädchen, sondern ein Junge. »Wir verwenden nur Bullenleder, keine Kuhhäute!«
Richtig, es geht hier nicht ums ganze Rindvieh, sondern nur um einen Teil davon. Island ist ein Trekkingschuh, sozusagen der Leitbulle einer eindrucksvollen Herde von mehr und weniger hochschaftigen, grobstolligen, lederhäutigen Berg- und Wanderfreunden. Denn die Meindls sind Schuhmacher. Und Kirchanschöring ist kein Kirchturm mit angeschlossener Scheune, sondern ein Wohn- und Wirtschaftsstandort der Kategorie »Laptop und Lederhose«. Mit einem Bahnhof, mit mehreren Gaststätten, Handels- und Dienstleistungsbetrieben und auch mit einem kleinen Gewerbegebiet, in dem ein großer Betrieb steht – jener der Meindls. »Shoes for Actives« steht auf dem Firmenlogo. Es ist klar: Diese Schuhe wollen in die weite Welt hinaus.
Lukas ist der Schuhtechniker, sein Bruder Lars ist der Kaufmann. Außer ihnen arbeiten noch etwa 200 Frauen und Männer bei Meindl. Mit drei von ihnen steht Lukas am Tisch und knautscht eine Kuhhaut. Pardon, eine Bullenhaut. Es ist ein neues Muster, das die Gerberei geschickt hat. »Fasst sich gut an«, sagt Lukas, »aber dieses Anthrazit …« Das hat einen Grünstich, der ihm nicht gefällt. Grau sollte es sein. Die Besprechung ist kurz, Entwicklung und Produktion laufen weiter, und Lukas hat noch so viel zu tun. Übermorgen beginnt in Friedrichshafen die OutDoor-Messe. Dass die Meindls diesen Termin einmal auslassen, ist schlicht unvorstellbar. Eher käme Kirchanschöring wieder zu Österreich. Auch wenn man schnell beim »Du« ist in Bayern, sollte sich keiner täuschen: Hier hat der Vorname Gewicht – und er verdient Respekt. »Der Lukas«. »Der Lars«. Als ihr Vater, »Der Alfons«, der den Schuhen 1949 seinen Familiennamen gegeben hat, am 13. September 2006 starb, waren die Söhne längst im Familienbetrieb integriert.
Dass schon vor vielen Jahren weitere Produktionsstätten in Ungarn und in Slowenien gebaut wurden, lag daran, dass zu Hause nicht genug Facharbeiter zu bekommen waren. Denn trotz all der modernen Anlagen, mit denen Meindl heute produziert, geht es nicht ohne sehr viel Handarbeit. Zum Teil sind mehr als 200 Arbeitsschritte nötig, um aus Leder und Gummi einen hochwertigen Trekkingschuh herzustellen. Und die Anforderungen sind stark gestiegen, sagt Lukas: »Was wir hier brauchen, sind nicht Menschen, die einfach nur die Maschinen bedienen, sondern selbstständige Persönlichkeiten.« Sechs Lehrlinge werden zurzeit bei Meindl in der modernen Technik des Schuhmachens unterwiesen. Sie lernen bei einem Betrieb, der eine Million Paar Schuhe im Jahr herstellt und diese weltweit in etwa 40 Länder verkauft, vor allem in Europa. Wenn sie mit der Ausbildung fertig sind, können sie »zu Hause« arbeiten. Lukas Meindl weiß, wie er den Standort Deutschland, an dem ihm so viel liegt, halten kann. Er nennt das Zauberwort: »Es geht nur mit Qualität.«
Bergsteigen – besser nur noch mit Gummi
»Innovation« ist auch so ein Meindl-Wort. Und was wurde in der Firmengeschichte nicht alles erfunden. Man darf ja nicht vergessen: Als die höchsten Berge der Alpen zum ersten Mal bestiegen und auf immer schwereren Routen beklettert wurden, gab es keine ausgewiesenen Bergschuhe. Wer noch vor 80 Jahren zum Spaß auf die Gipfel stieg, trug an den Füßen feste Treter, die für die Arbeit im Wald und auf den Almen oder für die Jagd gemacht waren. Die Sohlen bestanden aus mehreren Lagen Leder, zusammengehalten von Eisenklammern und -nägeln, die für Rutschfestigkeit auf steilen Wiesen, auf Schnee und Eis sorgten. Damit der Bergsport zum Volkssport werden konnte, brauchte es Visionäre, die vom Schuhmachen so viel verstanden wie vom Bergsteigen.
Einer von ihnen war der italienische Alpinist Vitale Bramani, der 1935 die erste Gummiprofilsohle entwickelte. Seine »Vibram«-Sohle war der genagelten Ledersohle vor allem auf felsigem Untergrund überlegen.
Ein weiterer Pionier war Alfons Meindl. 1948 stieg er mit 19 Jahren in den Familienbetrieb ein. Alfons hatte das Handwerk vom Vater gelernt. Zehn Leute arbeiteten damals auf der sprichwörtlichen grünen Wiese: In Kirchanschöring gab es noch keine asphaltierten Straßen. Alfons setzte mit sicherem Instinkt auf die Gummisohle aus Italien, er kombinierte die neue Vulkanisierungstechnik mit der äußerst widerstandsfähigen zwie- oder gar trigenähten Machart – und brachte so den modernen Bergschuh nach Bayern. 1949 konnte man beide, den Schuh und seinen Macher, auf der Messe in München sehen. Die Nachfrage nach der neuen Marke Meindl, die nicht nur gute Schuhe, sondern auch edle Bekleidung herstellte, war beachtlich. Und sie wuchs. In Kirchanschöring entstanden neue, größere Produktionsstätten.
Einer für alles? Nicht im Gebirge.
Mit steifen Hochgebirgsstiefeln über grüne Almwiesen zu trampeln, macht keinen Spaß. Ein Paar Schuhe herzustellen, mit dem man jedes alpine Gelände gleichermaßen gut bewältigen konnte, das schaffte aber selbst der Bergsteigerschuster Alfons Meindl nicht. So konstruierte er Modelle für verschiedene Anwendungsbereiche und kam 1975 darauf, Meindl-Schuhe in vier Leistungskategorien anzubieten – von A (weich) bis D (steigeisenfest). Das wegweisende Konzept erklärte er den Käufern in einer eigenen »Bergsteigerfibel«: Werbung mit Gebrauchswert, auch das war innovativ. Die Produktpalette reichte vom Extrembergstiefel mit Filzinnenschuh, der 1978 auf dem Mount Everest stand, bis zum flotten Wanderschuh. Immer wenn neue Technologien auf den Markt kamen,hatte Alfons Meindl ein wachsames Auge darauf. Mit einem Mix aus Leder und robusten Textilmaterialien ebnete er Ende der 1970er-Jahre einer neuen Generation von leichten Bergwanderschuhen den Weg. Wie aber bekommt man so einen »Light Trekker« mit seinen vielen Nähten dicht? Mit der wasserdichten, dampfdurchlässigen Gore-Tex-Membran, die Meindl als einer der ersten Schuhhersteller überhaupt verarbeitete.
Gut, der erste deutsche Gore-Tex-Bergschuh, der Meindl »Traillor« (1982), war nicht wirklich »atmungsaktiv«. Aber Alfons Meindl glaubte fest an das neue Material. Mit hydrophobiertem, wasserabstoßendem Leder, neuen Polsterschäumen und dadurch, dass die Membran nicht mehr flächig, sondern nur noch punktuell verklebt wurde, war das Problem in wenigen Jahren gelöst. Zur Jahrtausendwende demonstrierte die »Air Revolution«-Linie, wie viel Luft tatsächlich in einem Gore-Tex-Bergschuh zirkulieren kann – wenn man sie nämlich, unter anderem, mit einer »oben offenen, herausnehmbaren Pump-Polsterlasche aus 3D-Mesh mit dauerhaft dämpfendem, retikuliertem, gelochtem Schaummaterial« versieht. Und wenn man die richtigen Socken anzieht, die Meindl gleich bei einem bekannten deutschen Strickbetrieb in Auftrag gab. Seit 2002 steckt in den Schäften mancher Modelle auch ein Polsterschaum, der sich die Form des Fußes »merkt« und so die Passform weiter verbessert. Das »Memory Foam System (MFS)« ist nicht nur innovativ, es funktioniert auch – wie so vieles, das aus Kirchanschöring kommt. Der Berg der Preise, Kauftipps und Testsiege in Fachzeitschriften, den Meindl gewissermaßen seit vielen Jahren aufgetürmt hat, ist hoch. Und er stellt hohe Anforderungen: Wer sich in diesen Regionen bewegt, muss trittsicher sein. Und schwindelfrei.
I
mmer noch gut für jeden Viertausender
Aber es muss längst nicht alles innovativ sein, um gut zu funktionieren. An einer Seite der Fertigungshalle stehen merklich gebrauchte Meindl-Schuhe mit erkennbar neuen Sohlen im Regal. Es wäre ja blöd, wenn man seine alten, bequem eingelaufenen Schuhe wegschmeißen müsste, bloß weil das Profil runtergelatscht ist. Das Neubesohlen gehört deshalb ebenso zum Meindl-Alltag wie die Neuproduktion, die gleich nebenan etwas Erstaunliches auswirft: Wie aus der Zeit gefallen, steht er da, dick und schwer, ein Schuh, der viele neue Sohlen bekommen kann und immer noch gut genug für jeden Viertausender ist: der Meindl »Perfekt«.
Auch dieser Schuh hat 2010 Geburtstag. Und während sein jüngerer Bruder, der »Island«, in 20 Jahren mehrmals verändert wurde, tritt der »Perfekt« seit 30 Jahren genau so auf wie am ersten Tag – als zwiegenähtes Leder-Urviech ohne Gore-Tex, nicht un-, sondern »a-modisch«: ein Symbol der 300 Jahre alten Schuhmachergeschichte. Die Firmenannalen beginnen nämlich schon im späten 17. Jahrhundert, als Familien-Urahn Petrus Meindl im Dorf Schuhe herstellte. Damals lagen die Türken vor Wien und bekamen in der Schlacht auf dem Kahlenberg kräftig auf den Turban. Und im englischen Cambridge veröffentlichte Isaac Newton seine Gravitationstheorie, ohne dabei einen Gedanken an die Anziehungskraft zwischen Mensch und Berg zu verschwenden.
4-Seasons Info
Meindl »fast forward«: mehr als drei Jahrhunderte Schuhmacherhandwerk.
| Ende 17. Jh | Petrus Meindl führt die Liste der Meindls an, die in seither nie unterbrochener Folge in Kirchanschöring als Schuhmacher arbeiten. |
| 1928 | Lukas Meindl gründet den Familienbetrieb. |
| 1948 | Lukas nimmt seinen Sohn Alfons in den Betrieb auf. |
| 1949 | Die Marke Meindl: Alfons beginnt mit der Produktion von Berg- und Skischuhen. |
| 1974 | Lukas Meindl stirbt. |
| 1975 | Die vier Leistungskategorien (A, B, C, D) für Bergschuhe werden vorgestellt. |
| 1979 | Die Multigriffsohle wird entwickelt. |
| 1981 | Erste Verwendung der Gore-Tex-Membran und Entwicklung der Air-Active-Technologie. |
| 1982 | Meindl »Traillor«, der erste deutsche Gore-Tex-Bergschuh. |
| 1990 | Der »Island« wird geboren. Lukas Meindl, Sohn von Alfons, übernimmt den Bereich Produktion und Entwicklung. |
| 1991 | Gründung des Meindl-Umweltausschusses. |
| 1992 | ASU-Preis für vorbildliche Unternehmensökologie. |
| 1993 | Recycling-Sammelsystem für gebrauchte Schuhe. |
| 1994 | Die ersten Lightwalker im Sortiment. |
| 1995 | Neue Produktionsstätten (3000 qm) werden gebaut. Alfons Meindl erhält für seine Verdienste um die Region das Bundesverdienstkreuz. |
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1996 |
Lars Meindl, Alfons zweiter Sohn, wird kaufmännischer Leiter. |
| 1997 | MTH: Die Multi-Terrain-Hiker kommen auf den Markt. |
| 1999 | Das Kundenmagazin »movements« erscheint zum ersten Mal, in fünf verschiedenen Sprachen und mit einer Auflage von insgesamt 1,5 Millionen Exemplaren. |
| 2000 | Air-Revolution-System für höchste Atmungsaktivität in Gore-Tex-Schuhen. |
| 2001 | European Outdoor Award für die Air-Revolution-Modelle. |
| 2002 | Deutliche Vergrößerung des Betriebsgeländes in Kirchanschöring. Entwicklung des MFS-Systems. |
| 2003 | Spezielle Nordic-Walking-Schuhe. |
| 2004 | Die neue XO-Serie bekommt den ISPO Innovations Award. |
| 2005 | Bau einer 1600 qm großen Lagerfläche. |
| 2006 | Die Produktgruppen MFS-Vakuum und Light Hiker werden eingeführt. |
| 2007 | Bayerische Staatsmedaille für Verdienste um Umwelt und Gesundheit. |
| 2008 | Ausbau des Meindl-Alpin-Kompetenzteams in Zusammenarbeit mit dem Verband Deutscher Berg- und Skiführer (VDBS). Gründung der Alfons-Meindl-Sozialstiftung, die in Not geratenen Menschen aus der Region hilft. |
15. August 2010, Text: Axel Klemmer
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