McPomm im Hausboot: Eine Seefahrt, die ist schön
Im Nullkommanix ist die komplette Mannschaft auf der Brücke, der frühen Stunde zum Trotz. Als wir am Abend zuvor in einer kleinen Bucht den Anker gesetzt hatten, lag die Müritz, Deutschlands zweitgrößter See, spiegelglatt vor uns, kein Lüftchen kräuselte die Oberfläche. Und als wir in die Kojen fielen, spiegelte sich gar der Sternenhimmel auf dem Wasser. Doch über Nacht ist unbemerkt eine steife Brise aus Nord-Nordost aufgekommen und hat eine bemerkenswerte Dünung aufgebaut, vor der unser Anker offenbar kapituliert hat. Das Ufer ist zwar noch ein gutes Stück weg, doch das bordeigene Echolot hat längst eine 0 vor dem Komma. Noch 0,9 Meter Wassertiefe, 0,8 Meter, ... Flugs wirft Behelfsskipper Alex den Diesel an, haut den Rückwärtsgang rein und im Schutze der Dämmerung tuckern wir zurück Richtung Fahrrinne. Nicht, dass uns noch ein Seebär sieht und uns die Seetauglichkeit abspricht ...
Auf diesen Schreck, bei dem zwar weder Mensch noch Material in Gefahr waren, wohl aber unsere Reputation als Hausbootführer, braucht es erstmal ein ausgiebiges Frühstück. Und da Brücke wie Speisesaal auf unserem Hausboot vom Typ Kormoran praktischerweise eins sind und rundum über einen tollen Panoramablick verfügen, können wir dabei Wetter und Position gut überblicken. Erst seit gestern sind wir zu fünft unterwegs mit einem Hausboot der Reederei Kuhnle Tours, Deutschlands größtem Anbieter dieser Bootsklasse. Das Unternehmen, das mit einer Charterflotte auf französischen Kanälen begann, hat seit der Wiedervereinigung im Nordosten der Republik eine ganzes Netz an Mietstationen aus dem Boden gestampft. Zwischen Berlin und Schwerin erstrecken sich viele hundert Kilometer ausgewiesener Törns über Flüsse, Kanäle und offene Wasser wie die Müritz. Und bis auf wenige Ausnahmen kann dieses größte europäische Binnenrevier ohne Führerschein unter den Kiel genommen werden. Möglich macht es eine Drosselung der Höchstgeschwindigkeit auf 10 km/h. Der Chance auf eine Teilnahme am America’s Cup ist man damit zwar beraubt, doch fürs gemütliche Binsenbummeln reicht es allemal. Schließlich gilt auch beim Hausbooturlaub die gute alte Konfuzius-Wahrheit »Der Weg ist das Ziel«.
Beschleunigte Urlaubsgefühle
Damit jedoch die Landratte nicht ans Schiffssteuer kommt wie die Jungfrau zum Kind, besteht Kuhnle Tours auf eine ausführliche Einweisung in Theorie und Praxis. Nach drei Stunden Theorie folgt der praktische Teil. Dabei erklärt ein Mitarbeiter Ausstattung und Funktion des Schiffes. Mit dem Bugstrahlruder übt man die Schleuderwende in engen Hafenbecken, am Steuer erfährt man die Verzögerung von Lenkbewegungen und mit dem Rückwärtsgang wird zentimetergenau eingeparkt. Anschließend noch den mitgebrachten Proviant in der Kombüse verstaut, eventuelle Sportgeräte wie Fahrräder, Surfboards oder Kajaks für kleine Fluchten zwischendurch an Deck gebracht, fertig ist die schwimmende Ferienwohnung.
Am späten Nachmittag ließen wir gestern die Kuhnle-Basis in Rechlin hinter uns und schipperten Richtung Sonnenuntergang. Der Fahrtwind verwirbelte nicht nur die Frisur, sondern glättete auch letzte Sorgenfalten des Alltags. Kaum zu glauben: Zwischen Autobahnende und Urlaubsanfang liegen beim Hausbooturlaub tatsächlich nur wenige Stunden. Und vor uns 117 Quadratkilometer Müritz samt unendlich vielen Möglichkeiten. Geradeaus Richtung Waren, der größten Stadt am See? Tendenziell rechts, wo am Ostufer der Nationalpark die Anlegemöglichkeiten minimiert? Oder einfach an Ort und Stelle den Anker setzen und den lieben Gott einen guten Mann sein lassen? Schnell waren sich alle einig: sofortiger Maschinenstopp und mit dem letzten Schwung in die kleine Seitenbucht dort vorne, für die unsere Karte eine ausreichende Wassertiefe und keinerlei Schutzzonen ausweist. Hier lernten wir unsere zweite Hausbootlektion: In McPomm muss man nicht dutzende Kilometer zurücklegen, um von der Zivilisation Abstand zu nehmen, hier beginnt die große Freiheit gleich um die Ecke. Während das Tageslicht der blauen Stunde wich, hüpften wir mit einem Freudensprung in den See. Umgarnt vom weichen Müritzwasser, dem Experten alljährlich eine außerordentlich gute Qualität bescheinigen, zogen wir ein paar Bahnen längs des Bootes. Vom Fahrtwind vergessene Falten verabschiedeten sich spätestens jetzt. Als der Tag schließlich ganz Feierabend hatte, saßen wir mit einem Glas Rotwein in der Hand auf dem Sonnendeck, lobten das ruhige Wetter, bewunderten den fest sitzenden Anker und planten die nächsten Tage ...
Schietwetter statt Sonnenschein
Nachdem das Frühstück verputzt ist und Schröll sich bereits zum dritten Mal versichert hat, dass der Anker hält, planen wir den Tag um. Statt des Landgangs mit Fahrradtour unterwerfen wir uns dem Diktat des Wetters und verkrümeln uns in die Kojen. Nicht umsonst haben wir uns zuvor mit standesgemäßen Schmökern eingedeckt, die wir uns jetzt bei einem leichten Schunkeln zu Gemüte führen. Ein Auge fixiert »Moby Dick«, »20.000 Meilen unter dem Meer« oder Sebastian Jungers »Der Sturm«, das andere schielt aus dem Bullauge und beobachtet das Wetter. Der Wind hat sich mittlerweile gelegt und ist einem ausgiebigen Landregen gewichen, dessen Regentropfen sich packende Wettrennen auf der Scheibe liefern. Doch da hinten, wird es da nicht langsam heller überm Lago? Zwei Kapitel später hört es tatsächlich auf zu regnen und noch eines später bekommt die Wolkendecke erste Löcher. Am späten Nachmittag spannt sich wieder ein blauer Himmel bis zum Horizont, dem zerrupfte Schäfchenwolken die passende Weite verleihen. Na bitte, geht doch, Kapitän Ahab muss warten.
Am nächsten Tag haben wir erstmals seit 48 Stunden wieder festen Boden unter den Füßen. Der obligate Landgang steht an, man kennt das ja vom Traumschiff. Doch wir reiten nicht auf Elefantenrücken dem Chefsteward hinterher zu irgendwelchen Tempeln im Dschungel, sondern erkunden den Nationalpark Müritz per Rad. Über sandige Wege geht es ins Hinterland. Die 318 Quadratkilometer des Parks sind zu 85 % von Wald, Wasser und Mooren bedeckt und erinnern vielerorts an Südschweden – von den fehlenden Mücken einmal abgesehen.
Kein Wunder, dass sich BRD und die Reste der DDR im Zuge der Wiedervereinigung schnell darauf einigen konnten, dieser Region den höchsten Naturschutzstatus zuzusprechen. Bereits vor der Wende galt »die Platte« bei vielen DDR-Bürger als die Flucht aus dem Plattenbau. Bevorzugt mit Faltbooten des volkseigenen Betriebes in Pouch erpaddelten die Ossis jeden Quadratmeter zwischen Ostberlin, Rostock und Schwerin. Und auch Genosse Honecker und Konsorten waren den Reizen rund um die Müritz erlegen. Sie verliehen ihrer Begeisterung allerdings lieber in Form pompös organisierter Staatsjagden Ausdruck, bei dem manch kapitaler Zwölfender seinen letzten Röhrer tat.
Im Kajak über die »Alte Fahrt«
Zurück an Bord beratschlagen wir kartenlesend, wohin die weitere Reise gehen könnte. Die Möglichkeiten sind vielfältig, der Dieseltank ist voll. Sollen wir uns das goldene Steuerrad mit einer dreistündigen Fahrt zum südlichen Seeende verdienen, wo man mittels einer Schleuse auf die Kanäle Richtung Berlin einbiegen kann? Da aber unser Akku nach der langen Biketour eher gegen leer tendiert, halten wir es wie die Tage zuvor: Wir tuckern Richtung Sonnenuntergang und suchen uns die erste geeignete Bucht zum Ankern. Angekommen, eröffnet ein Sprung vom Sonnendeck ins klare Nass den gemütlichen Teil.
Die nächsten Tage vergehen wie im Flug. Mittlerweile beherrschen wir die nötigen Handgriffe zur Flottmachung des Hausboots wie im Schlaf. Ab und an ertappen wir Schröll gar dabei, wie er die dicken Festmachtaue am Heck gedankenverloren zu symmetrischen Schnecken zusammenrollt. Und immer, wenn der Hausbootkoller droht, sorgt ein Landgang per pedes oder per Bike für Abwechslung. Absoluter Höhepunkt des Aktivprogramms ist jedoch eine Kajaktour, für die wir eigens zwei Boote dabei haben. Es lockt die berühmte »Alte Fahrt«, eine Paddelei von ausgemachter Schönheit. Nachdem wir bequem von der Badeplattform am Heck in den Kajaksitz gewechselt sind, verlassen wir über den Bolter Kanal die Müritz und huschen wenig später über Caarp- und Woterfitzsee, zwei Kleinode der Mecklenburgischen Seenplatte, auf denen man sich allein per Muskelkraft und innerhalb einer betonnten Fahrrinne bewegen darf. Nur das ins Wasser tauchende Paddel durchbricht die vollkommene Stille mit einen leisen Glucksen. Über unseren Köpfen dreht ein Fischadler majestätisch seine Kreise, während hinter uns die V-förmige Schleppe der Kajaks eine vergängliche Spur zieht. Die drei Seen im Anschluss, die man über vor Jahrzehnten gegrabene Kanäle erreicht, sind zwar etwas belebter, doch immer noch ganz oben auf der To-see-Liste. Nach 16 Kilometer erreichen wir Mirow, wo wir bei der örtlichen Kanustation kurz anschlagen, bevor wir bei-drehen und die gleiche Tour zurückpaddeln. Macht summa-summarum 32 Kilometer, was uns mit einem entsprechenden Gefühl im Hintern und in den Oberarmen einschlafen lässt.
Am nächsten Tag nehmen die anderen zwei Paddler unserer Gruppe die Kajaks in Beschlag und die »Alte Fahrt« in Angriff, während die Restcrew nochmals das Privileg des entspannenden Hausbootlebens genießt. Am Abend wird dann gemeinsam »klar Schiff« macht. Schließlich ist morgen der letzte Tag einer fantastischen Urlaubswoche gekommen und wie bei jeder guten Ferienwohnung muss auch die schwimmende besenrein übergeben werden.
4-Seasons Info
Mit dem Hausboot auf der Müritz
Eine Bootsfahrt auf dem größten See der Mecklenburgischen Seenplatte bietet Naturliebhabern alles, was das Herz begehrt: Rapsfelder, Sümpfe, Wiesen und Wälder säumen das Ufer und wer anlegt, muss sich entscheiden – Nationalpark oder historische Altstadt?
Charakter: Die Müritz ist der zweitgrößte See Deutschlands und der größte See der Mecklenburgischen Seenplatte. Über 25 Kilometer weit erstreckt sie sich von Nord nach Süd. Von West nach Ost stehen 15 Kilometer für ausgedehnte Bootstouren zur Verfügung. Durch ihre besondere Form hat die Müritz kein Nord- und Südufer, sondern nur ein West- und ein Ostufer. Die durchschnittliche Wassertiefe beträgt nur 6 Meter und an weiten Teilen des Ostufers ist der See sogar nur einen Meter tief.
Beste Zeit: Von Mai bis September bietet die Müritz für jeden etwas. Im Mai blüht der Raps, im Juni locken die lauen Nächte und im September die ruhigen Tage.
Führerschein: Das gesamte Revier der Müritz bis Dömitz, Schwerin und Liebenwalde kann nach einer dreistündigen Einweisung führerscheinfrei befahren werden. Wer weiter möchte, benötigt ein Crewmitglied mit Sportbootführerschein.
An- und Abreisetage: In der Vor- und Nachsaison gibt es keine festen Übernahme- und Rückgabetage. Die Übernahme erfolgt zwischen 15 und 18 Uhr und die Rückgabe morgens bis 9 Uhr. In der Hauptsaison und bei Wochenendbuchungen gibt es Tagesbeschränkungen. Für die Übernahme sollte genug Zeit eingeplant werden, da man eine dreistündige Einweisung ins Kapitänswesen bekommt.
Buchung: Reservieren und buchen kann man online auf www.kuhnle-tours.de oder per Telefon unter 0711/164820. Die Unterlagen kommen per Post und mit ihnen ist auch eine Anzahlung in Höhe von 40 Prozent des Mietpreises fällig.
Fahrräder: Nicht alle Anlegestellen sind an öffentliche Verkehrsmittel angebunden. Wer mal schnell zum Bäcker will, sollte ein Fahrrad an Bord haben. Den Drahtesel kann man selbst mitbringen oder vor Ort mieten.
Heizung: Frieren muss keiner. Auf allen Hausbooten gibt es eine Heizung, die auch ohne Landanschluss oder laufende Maschine für warme Füße sorgt (Kosten für Heizung sind nicht inklusive).
Kinder: Auch die Jüngsten können mit, es gibt jede Menge sicheren Spielraum.
Kosten: Bootstyp und Reisezeit bestimmen den Preis. Eine Woche Komfortklasse für 6+2 Personen gibt es beispielsweise Ende August für 2390 Euro. Und Augen auf für Schnäppchen und Rabatte!
Schleuse: Keine Angst vor Schleusen – sie sind kinderleicht zu bedienen. Wie‘s funktioniert, steht im Kapitänshandbuch. Die Schleusen sind gebührenfrei, jedoch muss man an einigen Brücken einen geringen »Wegzoll« bezahlen.
Kurztrips: Tagesausflüge sind möglich, allerdings nicht an allen Terminen und oft nur kurzfristig buchbar. Wer nur am Wochenende abschalten will, für den gibt es spezielle Angebote beim Veranstalter.
Infos
- Kuhnle-Tours, Tel. 0711/ 164820, www.kuhnle-tours.de.
- Kapitänshandbuch, bei Buchung über Kuhnle-Tours kostenlos, ansonsten unter www.kuhnle-tours.de oder info@kuhnle-tours.de, 6 Euro.
- Charterfibel, www.quickmaritim.de, 7,80 Euro.
- »Ein Hausboot-Törn in Mecklenburg«, DVD kostenlos zu bestellen unter info@kuhnle-tours.de.
- Paddler nehmen zusätzlich den Paddelführer »Mecklenburg-Vorpommern« von Lars Schneider an Bord. Erschienen im Bruckmann Verlag, erhältlich für 16,90 Euro bei www.globetrotter.de.
Allgemeine Infos finden sich online unter www.mv-tut-gut.de.
15. Mai 2007, Michael Neumann
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