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Kollege Globetrotter – Fernweh im Endstadium

Auf Haustürurlaub: Miriam in der Sahara Berlins. | Foto: Archiv Mora
Vor 20 Jahren verließ Miriam Mora ihre Heimat Argentinien, um die Welt zu bereisen und ihr Fernweh zu kurieren. Nach vielen Jahren auf Achse und längeren »therapeutischen« Aufenthalten in Rom und Paris landete sie schließlich in Berlin. Die damals noch geteilte Stadt kam Miriams Traum von Europa am nächsten, das Reisefieber nahm ab. Um es im Zaum zu halten, brauchte sie jedoch einen Job, der ihrer Leidenschaft möglichst nah kam: bei Globetrotter Ausrüstung.
 

Berlin im Januar 2010. Der Himmel grau, die Straßen grau. Ein schneidiger Ostwind bläst frostig um die Häuser. Längst ist der Glitzerschmuck der Weihnachtszeit abgehängt, eingemottet, bis zum Ende des noch jungen Jahres. Die weiße Pracht, die Sturmtief Daisy vor wenigen Tagen abgeworfen hat, ist brauner Matsche gewichen. Berlin friert. Der Sänger Peter Fox singt über seine Heimatstadt: »Guten Morgen Berlin, du kannst so hässlich sein, so dreckig und grau. Du kannst so schön schrecklich sein ...« Wie recht er hat.
 

Dienst am Kunden: Miriams Kompetenz ist hoch geschätzt. | Foto: Archiv Mora
Dienst am Kunden: Miriams Kompetenz ist hoch geschätzt. | Foto: Archiv Mora

Zur selben Zeit in der Globetrotter-Filiale in Berlin-Steglitz. Miriam Mora, Bereichsleiterin Bekleidung, ist trotz Schmuddelwetters guter Laune. Vielleicht zählt es zur Fachkompetenz, Wind und Wetter trotzig die Stirn zu bieten, wenn man bei Deutschlands größtem Outdoor-Ausstatter arbeitet. Und doch ist Miriams blendende Stimmung eine doppelte Überraschung an diesem tristen Tag – schließlich ist Miriam gebürtige Argentinierin, aufgewachsen in Buenos Aires, der frostfreien Welthauptstadt des Tangos.

Miriams lange Reise nach Berlin begann, als sie noch ein Kind war. Der Wind bläst beständig in Buenos Aires. Er kommt vom nahen Atlantik, streicht durch die engen Gassen und weht den Rio de la Plata hinauf, in die Pampa hinein, die weiten Grassteppen jenseits der Kapitale. Eben dieser Wind hat wohl auch Miriams Träume in jungen Jahren beflügelt. Miriam wollte die Welt kennenlernen.

Ein großes Ziel zu jener Zeit. Eine Militärdiktatur drangsalierte das argentinische Volk, und in einer von Männern dominierten Gesellschaft war es nicht üblich, dass Frauen in die Ferne ziehen. Alleine schon gar nicht. Miriam erinnert sich: »Der Druck war groß, in jungen Jahren zu heiraten und Kinder zu bekommen. Alleine herumreisen, dass machte frau einfach nicht.«  

Miriams Wunsch war stärker als gesellschaftliche Direktiven. Und sie wusste, wenn sie ein langjähriges Studium begänne, würde sich ihr Vorhaben in Luft auflösen. Also begann sie nach dem Gymnasium eine dreijährige Ausbildung als Reiseleiterin. Miriams Mutter war Französischlehrerin und brachte ihr die Sprache bei. In der Schule hatte sie Englisch gelernt und als Reiseleiterin musste sie auch noch Portugiesisch beherrschen. Im neuen Job knüpfte sie erste Kontakte zu ausländischen Touristen. »Es war eine schöne Zeit und ich konnte mich über meine zukünftigen Reiseziele persönlich informieren.«

Von Facebook, Twitter und Google wagte zu jener Zeit kein Mensch zu träumen. Doch die ersten Grundsteine waren gelegt, um ihr Fernweh, wenn nicht zu kurieren, so doch immerhin die schlimmsten Symptome zu lindern. Sie schwärmte von Jugendherbergen in Europa. »Ich dachte mir, so eine tolle Idee. Eine günstige Unterkunft. Junge, reiselustige Menschen haben einen Treffpunkt. Und bei uns in Argentinien gab es so etwas so gut wie nicht.« Sie begann ihr Gehalt aufzusparen, kaufte ihren ersten Rucksack und besorgte sich einen Herbergsausweis. Zu dieser Zeit gab es drei Jugendherbergen in Argentinien und eine in Chile. Miriam hat sie natürlich alle besucht.

Als Miriam genügend Geld zusammengespart hatte, war es an der Zeit, die Zelte in Buenos Aires abzubrechen. Mit Rucksack, per Anhalter und Bus zog sie los, erst Südamerika zu entdecken, danach Mittelamerika. Miriam tourte bis Kanada und landete schließlich nach einem Jahr am Flughafen in New York. Es war das Ende ihrer ersten langen Reise, aber der Anfang eines noch größeren Abenteuers. Miriam sehnte sich nach Europa, es war der Bestimmungsort ihrer Reiselust. »Meine Generation hat immer nach Europa geschaut. Europ-a war das Vorbild, die bessere Welt.«

AFT und Globetrotter heiraten, Miriam ist Trauzeugin

Über zwei Jahrzehnte später ist Miriam Mora eine der dienstältesten Mitarbeiterinnen der Berliner Globetrotter-Filiale. Miriam koordiniert die Bekleidungsabteilung der nach Köln mit 4.600 Quadratmetern Verkaufsfläche zweitgrößten Filiale. Textilien schlagen mit über 40 % des Umsatzes zu Buche, Bekleidung ist das Kerngeschäft des Unternehmens, besonders im urbanen Berlin. Miriam ist dafür verantwortlich, dass die Verkaufsflächen gut gestaltet sind und ihre Kollegen über ausreichend Fachkompetenz verfügen, um sowohl Outdoor-Frischlinge als auch alte Hasen sachkundig beraten zu können. »Jeder Mitarbeiter, der bei Globetrotter anfängt, wird von uns geschult«, erklärt Miriam. Danach gibt es weitere Schulungen, auch von Lieferanten. Miriam führt zwei, drei große Schulungen selbst durch, abhängig von der Menge an Neuheiten, dazu kommen etwa zehn bis zwölf externe Schulungen pro Saison – und das nur im Bereich Bekleidung. Gerade Textilien erfordern viel Erklärungsbedarf. Zudem wechseln die Modelle wie die Jahreszeiten und zwei Kataloge und diverse Sonder-kataloge pushen neue Ware. Die Verkäufer müssen gehörig auf Zack sein, um im Sortiment nicht den Überblick zu verlieren.
 

Auf Heimaturlaub. Miriam Mora genießt Südamerika. | Foto: Archiv Mora
Auf Heimaturlaub. Miriam Mora genießt Südamerika. | Foto: Archiv Mora

Als Miriam Mora vor über 20 Jahren in Amsterdam landete, wurde ihr Wunschtraum Wirklichkeit. Europa! Miriam bereiste Mitteleuropa von Spanien bis Dänemark und von Irland bis Österreich. Mit dem Fahrrad, per Anhalter, mit Bus und Zug. Irgendwann wurden Geld und Visa knapp. Miriam suchte sich eine Arbeit, denn nur mit einem Job würde sie eine Aufenthaltsgenehmigung bekommen. In Rom bewarb sie sich für einen Job in einem Laden, der Ballettschuhe aus aller Welt importierte und verkaufte. Miriam, immerhin vier Sprachen mächtig, bekam die Stellung. Spanien und letztlich Italien intensiv kennenzulernen, war Miriam eine Herzensangelegenheit. Beide Länder hatten einen großen Einfluss auf Argentiniens Geschichte, Gesellschaft und Kultur. Das Alltagsleben in Rom war auch ein tiefer Blick in die Seele Argentiniens. »Ich konnte vieles verstehen, was in Argentinien im Argen lag. Viele Chaossituationen und Lebenseinstellungen waren in Italien identisch. Rom war sogar noch chaotischer als Buenos Aires«, entsinnt sich Miriam heute, »das hat meine verklärte Vorstellung von Europa etwas geradegerückt.«

Von Rom zog es Miriam innerhalb kurzer Zeit nach Paris, wo sie für ihren Chef eine Filiale des Ballett-Ladens eröffnete. Keine zwei Jahre später, der Shop in Paris florierte, eröffnete sie ihrem Chef voller Rastlosigkeit: »Alles ist fertig, ich ziehe weiter nach Berlin.« Ihr Chef nutzte die Gelegenheit und ließ Miriam in Berlin abermals eine Filiale aufbauen. Was Miriam zu jenem Zeitpunkt nicht wusste: Mit dem Eintreffen in Berlin sollte ihr ruheloser Streifzug durch Europa vorerst beendet sein. Zwei Jahre lang arbeitete Miriam als einzige Angestellte in dem Berliner Ballett-Laden, dann hatte sie genug. »Ich war immer alleine, mir fehlte der Kontakt zu anderen Menschen.« Über einen Deutschkurs an der Volkshochschule lernte sie Freunde kennen, die bei »Alles für Tramper« (AFT) arbeiteten, einem Berliner Trekkingladen mit Kultstatus. Miriam begann als Aushilfe, landete aber schnell bei der Bekleidung, und da sie im Ballett-Laden schon Bestellungen abgewickelt hatte, durfte sie im Einkauf mitarbeiten und zu Messen fahren.

Die Inselsituation Berlins bereitete Miriam keine Schwierigkeiten. Die Stadt war groß genug und wenn man nicht direkt neben der Mauer wohnte, hat man sie nur sporadisch gesehen. »Das Leben in Berlin mit seinen Seen und Wäldern mitten in einer Stadt war für mich sehr erfüllend.« Im Vergleich zur Region Buenos Aires mit über zwölf Millionen Einwohnern, Smog und einem notorischen Mangel an Grünanlagen, empfand Miriam Berlin als ländliche Idylle. »Es war so gemütlich hier. Eine große Stadt mit viel Platz. Aufgeräumt, breite Straßen, niemand hupt. Ich konnte sogar Fahrrad fahren.« In Buenos Aires gibt es auch eine Straßenverkehrsordnung. Aber die ist einfach: der Stärkere gewinnt! Fahrradfahrer und Fußgänger zählen nicht dazu. Auch die Grenzkontrollen empfand Miriam als Normalzustand. Aus ihrer Heimat war sie Schikanen und militärisches Spektakel gewohnt.

Schwierig war für Miriam nur die Auseinandersetzung mit der deutschen Sprache. »Ich konnte schnell sagen, wer ich bin und woher ich komme. Konnte Brötchen oder Wurst bestellen. Aber richtig unterhalten war unmöglich. Ich brauchte länger als in anderen Ländern, um mich wohlzufühlen.« Über drei Jahre dauerte es, bis Miriam Bücher und Zeitung lesen konnte. Aus drei Jahren in Berlin wurden fünf, aus fünf sieben. »Und das war eine Zeitspanne, in der ich mich entscheiden musste: gehen oder bleiben.« Miriam entschied sich für Berlin.

Es folgten die goldenen 90er-Jahre. Die Wendezeiten waren Boomzeiten der deutschen Wirtschaft. Berlin im Aufbruch. Als Miriam 1991 bei AFT  begann, hatte der Laden eine Verkaufsfläche von 800 Quadratmetern. Innerhalb von sechs Jahren wuchs das Geschäft um das Dreifache. Doch von Hamburg kam ein anderer großer Outdoor-Shop des Weges. Globetrotter machte AFT den Hof. Mit Erfolg: 1996 »heiratete« das Traumpaar, die gesamte Belegschaft und die Räumlichkeiten wurden übernommen. 2002 folgte der Umzug an den Steglitzer Kreisel. Die heutige Filiale kann sich sehen lassen. Ein Megastore mit 4600 Quadratmetern, über 80 Mitarbeitern, inklusive Internetcafé und Reisebüro. Mit Kältekammer zum Testen von Bekleidung und Schlafsäcken in arktischen Temperaturen, mit Kletterwand und Indoor-Kanubecken, das auf Knopfdruck zur Eventfläche für Modenschauen und Multivisions-Vorträge wird.

Die Jacke aller Träume

Miriam Mora. | Foto: Holde Schneider
Miriam Mora. | Foto: Holde Schneider

Wie ein Stück Treibholz, von den Westwinden über den Atlantik getrieben, von einer Bucht zur nächsten gespült, ist Miriam Mora nach Deutschland gekommen und in Berlin hängengeblieben. Und wie ein Stück Treibholz von Wellen, Sand und Steinen langsam geformt wird, hat sich auch Miriam mit den Jahren verändert. »Jemand wie ich gehört weder in das eine noch in das andere Land. Wenn man damit klarkommt, hat das aber auch Potenzial. Man kann sich das Beste aus den Gesellschaften herauspicken. Man muss aber auch akzeptieren, dass etwas fehlt«, bilanziert Miriam. Es sind ganz schlichte Dinge, die sie vermisst. Matetee und Empanadas zum Beispiel. Und noch wichtiger: Wenn in Argentinien Matetee, Empanadas, eine Gruppe Menschen und eine Gitarre aufeinander treffen, wird sofort gesungen und getanzt. »In Deutschland muss man in einem Chor sein, um zu singen, und einen Tanzkurs machen, um zu tanzen,« wundert sich Miriam.
 
Die Zeit der großen Reisen ist vorerst vorbei. Miriam hat eine elfjährige Tochter und vertraglich geregelten Urlaub – aber in Bewegung ist sie immer noch. Miriam radelt fast jeden Tag mit dem Fahrrad zur Arbeit, geht dreimal die Woche schwimmen. An einem großen See, südlich von Berlin, hat sie ein kleines Zimmer in einem Bootshaus, einen 40 Jahre alten Holzkahn zum Segeln und ein Kanu zum Paddeln. Ihre Urlaube verbringt sie auf Reisen durch Europa oder bei ihrer Familie in Argentinien.

Miriam hat ihr Reisefieber inzwischen im Griff, doch das Virus kreist noch in ihrem Blut. Vermutlich hat sie es von ihrer Urtante geerbt. Sie war eine alleinstehende Lehrerin, hatte viel Urlaub und konnte es sich leisten, Ende des 19. Jahrhunderts kreuz und quer durch Argentinien zu reisen – was in der damaligen Gesellschaft ganz und gar nicht üblich war. »Ich habe ihr Reisetagebuch mehrfach verschlungen«, schwärmt Miriam noch. Und in Miriams Kleiderschrank hängt, neben all den Multifunktionsjacken aus Gore-Tex und Softshell, der alte Biberpelzmantel ihrer Urtante, mit dem diese einst Feuerland und Patagonien bereiste. Für die Bekleidungsspezialistin Miriam Mora ist dieser Urahn zeitgenössischer Outdoorjacken – solange ihn die Motten verschonen – weiterhin der handfeste Inbegriff ihrer Träume.
 

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