Kollege Globetrotter: Der Gentleman vom Online-Dienst
Martin Haag schreitet lässig die Treppe der Hamburger Globetrotter-Zentrale herunter und übernimmt sofort das Gespräch: »Auf geht’s. Wir haben noch viel vor und nur einen halben Tag Zeit.« Als Online-Redakteur mittendrin im Treiben, passt Martin auf den ersten Blick kaum in die Firma. Während die meisten Kollegen standesgemäß in Fleece und Zip-Hose gekleidet sind, empfängt Herr Haag Gäste in schwarzem Jackett mit Manschettenknöpfen, Designerjeans und italienischen Lederschuhen.
Der 41-Jährige ist sichtlich durchtrainiert. Er hat den Grand Canyon rennend in sechs Stunden und sechs Minuten gequert. 1500 Höhenmeter hinunter und auf der anderen Seite wieder hinauf. Für die Strecke benötigt man gewöhnlich zwei Tage. Auch die US-Parks Zion und Olympic hat er nonstop im Laufschritt durchmessen und die Alpen per Mountainbike überquert. Kann er sich ein Leben ohne Sport vorstellen? »Ehrlich gesagt: lange Zeit nicht. Aber inzwischen glaube ich, dass ich es sogar ertragen könnte, wenn ich im Rollstuhl sitzen müsste. Das Leben kann so interessant sein!«
Eine Stunde später sitzt Martin Haag in einem Feathercraft Faltkajak und erzählt aus seinem Leben. Die Flut schiebt das trübe Elbewasser kraftvoll durch Hamburg. Martin treibt sein Kajak mit eigenwilliger Paddeltechnik, aber kräftigen Schlägen mühelos gegen den Strom in Richtung Hafen.
One way nach Bangkok – und schnell wieder heim
»Früher war ich eher introvertiert und habe nicht so viel gelabert. Ich war immer ein Spätzünder.« Martin Haag wuchs im fränkischen Altdorf bei Nürnberg auf. Ohne große Perspektive begann er, nicht mal zwei Kilometer von zuhause, eine kaufmännische Lehre in einem Autohaus. Nichts deutete auf die große Liebe zur Natur und zum Reisen hin, die tief in ihm schlummerte – bis er eines Tages im »Spiegel« über Backpacker in Asien las. Bis dahin war Martin nie im Ausland gewesen, aber der Artikel reichte, um sein Leben zu verändern. Er kaufte ein One-way-Ticket nach Bangkok und flog ins damalige Mekka der Globetrotter. Seine Unerfahrenheit stand ihm offenbar ins Gesicht geschrieben. Statt fernöstlicher Erleuchtung gelangte Martin nur zu schlechten Erfahrungen und wurde permanent übers Ohr gehauen. Keine drei Wochen später freute sich die besorgte Mutter über die verfrühte Heimkehr des Sohnemanns. Trotzdem ließ das Reisefieber Martin nicht mehr los. Nach den Metropolen Asiens schlug er nun den entgegengesetzten Weg ein: in die menschenleere Wildnis Lapplands. Dort gefiel es ihm wesentlich besser.
Verliebt in Tänzerinnen aus Dawson City
In den 80ern war Survival groß in Mode und wurde zu Martins neuer Leidenschaft. Der würmerfressende Rüdiger Nehberg und Expeditionsprofi (und Globetrotter-Gründer) Klaus Denart waren seine Helden. Martin bewunderte an Nehberg, dass er entgegen dem Trend mit einem Minimum an Ausrüstung auskam und trotz eines normalen Lebens mit Frau und eigener Bäckerei total ausgefallene Touren ausheckte. Amüsiert erinnert sich Martin, wie er nach zwei Tagen »Überlebenstraining« am Weihnachtstag aus dem Wald kam und Spaziergänger schockierte: mit Axt am Gürtel, zerrissenen Hosen und bespritzt vom Blut des selbst zerlegten Kaninchens.
Er hielt sich mit Jobs als Lagerarbeiter und Tapezierer über Wasser. »Eigentlich habe ich zwei linke Hände«, findet Martin, »aber es war lehrreich.« Dann folgte die nächste harte Wende in der Biographie: Auf verschlungenen Wegen beförderte ihn das Schicksal auf den Geschäftsführerposten einer Consulting-Firma. Die Geschäfte liefen gut, das Konto war zum ersten Mal voll. Martins Outdoor-Begeisterung wich einer Art Konsumrausch. Er kaufte spontan ein teures Motorrad – einfach nur, weil es ihm gut gefiel. Einen Motorradführerschein besaß er nicht. Doch das extravagante Leben war nicht von Dauer. Die Consulting-Firma verstrickte sich in dubiose Geschäfte. Martin kündigte. Es war Zeit fürs nächste Kapitel: zurück in die Natur.
In Alaska hatte Martin kurz darauf das seltene Glück, einem Wolf zu begegnen. »Der Wolf blickte mir tief in die Augen – und lief dann einfach weiter.« Für Martin hingegen war das Erlebnis wegweisend. Er beschloss, Fotograf zu werden. Auf dem Konto war gerade noch genug Geld für eine Kameraausrüstung. Martin ließ sich in die Wildnis fliegen, beobachtete Wildtiere, fotografierte insbesondere Wölfe. Zuhause lebte er von den Diashows über seine Abenteuer. Eine intensive Zeit, aber letztendlich doch nicht das Richtige: »Ich kaufte mir erst eine Canon, dann eine Nikon und zuletzt eine Leica. Danach habe ich eingesehen, dass es nicht an der Ausrüstung lag. Ich war einfach kein guter Fotograf.« Er beendete auch diese Karriere.
Den nächsten Wahlberuf nahm er zum Anlass, gleich alles umzukrempeln. Martin zog um in ein Dorf im Allgäu und versuchte sich als selbstständiger Tourenführer und Scout. Für verschiedene Anbieter arbeitete er Reisen in Lappland, Island und Sibirien aus. Eigene Touren bot er vor allem in Kanada und Alaska an. Martin paddelte mit seinen Kunden den Yukon, wanderte in der Brooks Range, beobachtete Wale im Kenai Fjord und Grizzlys im Denali. Regelmäßig verliebte er sich in Tänzerinnen aus Dawson City. Zwei seiner Touren gewannen bei der Zeitschrift »Geo Saison« Preise, eine davon als beste Outdoor-Reise. War er mal zuhause, tummelte sich Martin am liebsten am Gardasee: »Zum Klettern und Biken war ich bestimmt hundert Mal dort.«
Der Beruf führte Martin in ferne Winkel der Erde: Nordafrika, Island, Grönland, Sri Lanka, Indien, Pakistan, Thailand, Malediven, Russland. Die größten Abenteuer warteten aber weiterhin in Kanada und Alaska. »Es gibt so viele Bärengeschichten, aber wer mag die noch hören?« Bemerkenswerter findet Martin manche »Menschengeschichten«: von der krebskranken Kundin, die sich auf seiner Tour das Leben nehmen wollte. Von der taubstummen Frau, die Martin mit aufs kanadische Wildwasser nahm. Von den zwei vogelfreien Typen, die mitten im Outback aus der Finsternis auftauchten und sich ans Lagerfeuer setzten: »Einer mit Holzhand, der andere mit Beinprothese. Sie gaben uns Bärenfleisch und selbst gebrannten Schnaps. Am Morgen waren sie spurlos verschwunden.« Szenen wie aus einem obskuren Horrorfilm.
Nach den Touren mit Kunden fuhr Martin alleine weiter, gerne eine paar Wochen in den heißen Südwesten der USA: »Als Ausgleich zur Kälte des Nordens, die mich zunehmend verdross.« Erklärte Lieblingsplätze im Land der Cowboys sind bis heute Springdale und der Zion Nationalpark: »Das wäre auch ein Ort für die Rente.«
Globetrotter-Newsletter im James Bond-Look
Nach vier Jahren zeitigte das Dauerreisen Abnutzungserscheinungen. Martin empfand seine Touren mittlerweile als zu kommerziell, die Reisegruppen als zu groß. Schob den Touristen die Schuld für die Zerstörung von Natur und Wildnis in die Schuhe. Kurz: Er hatte keine Lust mehr auf geführte Touren.
Im Allgäu erwartete ihn ein rauer Winter. Martin kam mit dem Klima und irgendwie auch mit den Allgäuern nicht klar. »Ich brach die Zelte dort ab. Eine Blindbewerbung bei Globetrotter hatte zu einer Einladung nach Hamburg geführt. Ich packte mein Zeug in einen Mietwagen und fuhr nach Norden.« Werbeleiter Ditmar Bosecke gab Martin einen Job als Handbuch-Redakteur und Fotograf. Als im Internet immer mehr ging, wurde aus dem Print- ein Online-Redakteur. Der Webauftritt von Globetrotter steckte seinerzeit noch in den Kinderschuhen, wenngleich man seit 1993 mit BTX erste Online-Erfahrungen sammelte. 1996 wurde die Domain www.globetrotter.de eingetragen. Martin erinnert sich an die erste Homepage: »Eine gescannte Visitenkarte und eine E-Mail-Adresse, das war alles.«
Dabei blieb es nicht lange. Zwei arbeitsintensive Jahre später war das gesamte Globetrotter-Sortiment online, ebenso die Kunden-Foren mit Gebrauchtmarkt und Reisepartner-Suche. Globetrotter-Kunden konnten die Lieferfähigkeit von Produkten direkt im Internet überprüfen und einen monatliche-n Newsletter abonnieren. Weitere Features wie die Paketverfolgung und die Produktbewertung durch Kunden kamen im Lauf der Zeit hinzu. 2006 nahm man das 10-jährige Internetjubiläum zum Anlass für einen großen Relaunch: mit neuem Bildschirmformat, intuitiver Benutzung und verbesserter Artikeldarstellung.
Mitten im Online-Geschehen sitzt Martin. Derzeit ist »heiße Phase«: Zusammen mit Kollege Mirko Richter überträgt Martin die Inhalte des neuen Globetrotter-Handbuchs auf die Website: 25.000 Artikel von 700 Herstellern. Um Texte anzupassen, weitere Bilder zu schießen und die Artikel zu verschlagworten, arbeiten die Redakteure bis zu zwei Monate lang und »etwas mehr als sonst«. Die nächste »heiße Phase« kommt im Herbst mit dem neuen Handbuch und dem Wintersortiment.
Seit der gescannten Visitenkarte ist der Online-Auftritt von Globetrotter unglaublich gewachsen und immer komplexer geworden. 53 Mio. Euro Umsatz machte man zuletzt über Internet-Bestellungen – das sind 80 % des Versand-Umsatzes. Um das gewaltige Sortiment im Internet übersichtlich zu präsentieren, sind über 100 Unterrubriken nötig – bis hin zum Hundezubehör. Neben klassischen Bestellfunktionen bietet die Seite unzählige Service-Leistungen: Ist ein Produkt vergriffen, bekommt man auf Wunsch eine Nachricht, wenn die Ware wieder im Lager ist; ältere Ausgaben von 4-Seasons lassen sich ebenso herunterladen wie schmucke Bildschirmschoner; die Partnerseite www.reiseberichte.com bietet fast 1000 Reiseberichte von Globetrotter-Kunden; im Gästebuch werden Kundenfragen umgehend beantwortet … In fast allen Online-Projekten hat Martin die Finger drin. Außerdem moderiert er das Internet-Gästebuch und ist verantwortlich für den monatlichen Globetrotter-Newsletter, den 190.000 Kunden abonniert haben. Aufmerksame Leser stoßen zwischen den Infos und Hot Offers nicht selten auf Martins feinen Humor. Doch auch wer nicht so genau hinschaut, kann sich den Vorlieben des Redakteurs Haag kaum entziehen: Als im Kino »Casino Royale« anlief, gestaltete der 007-Fan den gesamten Newsletter im James Bond-Look.
Interessante Menschen aus der ganzen Welt
»Spaß habe ich an der Arbeit, aber bisweilen kann sie auch in ziemlichen Stress ausarten. Dann schaue ich mir ein gewisses Foto an«, sagt Martin. Das Foto hat er während einer Wintertour in Lappland aufgenommen. Es zeigt einen Freund, der weinend an einen Wegweiser lehnt. Die beiden hatten sich in der arktischen Ödnis verlaufen und schon mit dem Leben abgeschlossen. Nach 16 Stunden Schinderei, mit angefrorenen Händen und Füßen, fanden sie am Ende doch noch den Weg. »Das Bild holt mich wieder auf den Boden der Tatsachen. Die alltäglichen Probleme werden kleiner.«
Hamburg eröffnete Martin neue Sichtweisen, sportlich wie kulturell. Sein halbes Leben hatte er die Einsamkeit gesucht, hatte in Alaska Wölfe verfolgt und am Yukon die Grizzlys gezählt. Heute schätzt er das Nachtleben. Statt mit langen Haaren, Birkenstocks und Schlapphut trifft man Martin nun elegant gekleidet in angesagten Hamburger Bars. »Ich verhalte mich anti-zyklisch. Am Wochenende flitze ich auf Skates durch Finkenwerder oder mache Trailrunning in der Speicherstadt. Aus gehe ich unter der Woche, wenn es nicht so überfüllt ist.« Dann sitzt Martin zu später Stunde an der Bar des Hotel Atlantic beim Cocktail, gerne einem Rhubarb Royal, eine geschmackvoll perlende Mischung aus Rhabarberlikör, Wodka und Rosé-Champagner, serviert im Martiniglas. »Udo Lindenberg hat eine Suite oben im Hotel, aber ich treffe sehr viel interessantere Menschen aus der ganzen Welt an der Bar.« Es ist wie beim Reisen, nur dass Martin an Ort und Stelle bleibt.
Ein Auto besitzt er schon lange nicht mehr, unterwegs ist er mit Bike, Bus, S-Bahn oder Taxi. Martin wohnt in einem modernen Appartement mit Blick auf den Michel. Auf dem PKW-Stellplatz parkt sein Kajak – zwischen einem Roadster und einem Porsche, die den Nachbarn gehören. Anfangs fehlte dem Multisportler die Natur. Tauchen, Paddeln, Skaten, Biken, Klettern, Bergsteigen, Telemark und Segeln sind seine Sportarten. Doch inzwischen sieht er Outdoor-Sport und City-Lage nicht mehr als Widerspruch: »In dieser Nische liegt die Erholung, der Ausgleich zur Stadt, ohne sie verlassen zu müssen. Über die Brücken der Speicherstadt zu laufen ist ebenso spannend wie über einen Steinbogen im Arches-Nationalpark. Und die Wellen der Elbe-Schuber sind oft so tückisch wie die Rapids des Yukon.«
Ist der einst rastlose Martin tatsächlich angekommen? »Umziehen in Deutschland werde ich kaum. Hamburg habe ich lieben gelernt. Aber das heißt nicht, dass es keine Pläne und Träume gibt: Basejumping, Apnoetauchen … und über einen Ozean segeln. Am liebsten allein oder mit (m)einer Frau.«
15. Mai 2007, Manuel Arnu
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