Kollege Globetrotter: Anja Kleeberg läuft … und läuft … und läuft … und läuft …
Bei der Planung einer 4-Seasons-Ausgabe sucht die Redaktion immer nach einer guten Mischung, es soll ja für jeden Leser etwas dabei sein. Beim Blick auf den Themenplan dieses Hefts – Südtirol, Transsib, Wandern in Deutschland, Radreisen, Jogging mit Martin Haag, Donaupaddeln – war klar: Da fehlt noch eine Prise »Hardcore«. Zum Beispiel Eisklettern, eine Expedition, oder eine richtig heftige Trekkingtour mit Ausrüstung und Essen für ein paar Wochen im Rucksack, ha!
Anja ist erst mal entsetzt
Weiteres Manko im Themenmix: Die Frauenquote könnte noch etwas höher sein. Also Anruf bei Marketingleiter Ditmar Bosecke: »Ditmar, fürs Kollegen-Portrait hätten wir gerne eine echte Hardcore-Lady vorgestellt, die zum Beispiel Eisklettern geht oder so richtig heftige Trekkingtouren macht …«
Ditmar muss nur kurz überlegen: »Fragt doch Anja. Die macht beides.«
Anja ist erst mal entsetzt. »Was, als Hardcore-Tante hat mich Ditmar angepriesen? Das ist total übertrieben, ich mach‘ ganz normale Touren!«
Anja Kleeberg, 32, ist eine zierliche Frau mit langen dunkelblonden Haaren. Sie sieht tatsächlich nicht aus wie der weibliche Reinhold Messner. Als Redakteurin für Bekleidung textet Anja das halbe Globetrotter-Handbuch – aber dabei sitzt man ja auch eher im Büro als in der Wildnis. Also vielleicht ein Missverständnis? Hat sich Ditmar vertan? Verdächtig an Anja wirkt allerdings die fette Gürtelschnalle mit dem Norröna-Wikinger – genau solche Devotionalien schätzen doch Outdoor-Freaks im Zivilleben …
Also knallhartes journalistisches Nachfragen: Anja, wo warst du zuletzt unterwegs? »Och, das war im Februar in Patagonien. Wir haben da ganz normale Sachen gemacht, Torres del Paine und so …«
Wieso, das ist doch ganz sportlich, oder? Anja windet sich ein bisschen. »Naja, eigentlich wollten wir ja schon am Cerro Torre aufs Inlandeis und hatten das ganze Klettergeraffel dabei – aber das Wetter war leider zu schlecht. Drei Tage haben wir versucht es auszusitzen, aber da war nichts zu machen. Also sind wir normal wandern gegangen …«
Und wie lange? »Ein paar Wochen halt.« Aha. Und davor? »Der Urlaub davor? Ein Alpencross mit dem Mountain-Bike.« Soso. Und davor? »Chamonix, Eisklettern und Skifahren.« Okay – kein Missverständnis.
Anja ist ein bisschen rot geworden: »Das klingt ja jetzt total angebermäßig.«
Zweimal die Woche in »die Klamotte«
Angefangen hat Anjas Outdoor-Karriere unspektakulär. Mit den Eltern geht es im Urlaub nach Österreich, »da wurde auch mal gewandert, aber ganz moderat.« Die Berge und das Unterwegssein in der Natur gefallen dem Hamburger Stadtkind aber schon. Zu Hause steht das Reiten im Mittelpunkt, mit sechs Jahren steigt Anja erstmals aufs Pferd und bleibt dabei, bis sie 20 ist, »mit Turnieren und Distanzritten, das ganze Programm. Man kriegt beim Reiten auch eine ganz gute Kondition …«
Nach dem Abi folgt die klassische Traveller-Phase: Mit Rucksack und Bus durch Mexiko und Ecuador, ein Trip nach Neuseeland, auch ein Workcamp bei einem Aufforstungsprojekt in Tansania macht sie mit. Überall wird auch immer ein bisschen getrekkt, aber die Touren stehen nie im Mittelpunkt. Anja studiert mittlerweile Geografie, gleich im ersten Semester verschlägt sie ein Projekt nach Kanada – »in Jeans, da war noch nix mit toller Ausrüstung.« Trotzdem ergreift der Wildnis-Bazillus Besitz von ihr. Bald darauf ergattert sie einen Job als Trekking-Guide auf Spitzbergen. »Da war ich zur richtigen Zeit am richtigen Ort, wie man so schön sagt.«
Auch privat werden die Outdoor-Touren immer länger, mehrtägige Rucksack-Trips sind jetzt die Regel. Ein weiteres Uni-Programm entpuppt sich als wegweisendes Erlebnis: Anja geht nach Rumänien und arbeitet in einem Wolfsprojekt. »Das war Feldforschung pur und bedeutete vor allem: laufen, laufen, laufen.« Die tagelangen Märsche bei Wind und Wetter durch die Karpaten empfindet Anja als reines Vergnügen. Außerdem lernt sie einen Rumänen kennen, der sie zum Klettern mitschleppt, erst an den Fels, im Winter aber auch mal an gefrorene Wasserfälle.
Anja ist schnell aufgefallen, dass solche Touren mit passender Ausrüstung noch mehr Spaß machen. Sie beschäftigt sich mit Rucksack-Tragesystemen oder der Wasserdampfdurchlässigkeit von Funktionsstoffen. »Wenn du in Hamburg lebst, stößt du irgendwann zwangsläufig auf Globetrotter.« Immer öfter taucht Anja als Kundin in der Filiale am Wiesendamm auf, bis schließlich ihr Kommilitone Jan vorschlägt, doch den gleichen Studentenjob zu machen wie er: Aushilfe im Verkauf bei Globetrotter. Jan vermittelt einen Termin bei Filialleiter Ulrich Gumz, der Anja richtig einschätzt und sie für »die Klamotte« engagiert – so der Hausjargon für die Bekleidungsabteilung. Ab Januar 2000 kommt Anja zweimal die Woche und fühlt sich pudelwohl: der Kontakt mit den Kunden, das Beraten, die netten Kollegen …
Lieber Rucksack als Pulka
Mit einer Diplomarbeit über Ökotourismus in den Karpaten schließt Anja 2004 ihr Studium ab. Wieder pirscht sie durch die rumänische Wildnis, hat nebenher aber reichlich Zeit, jobbt als Reit-Guide und baut ihre Kletterkünste aus. Zurück in Deutschland muss sie sich der Tatsache stellen, dass interessante Arbeitsstellen für Diplom-Geografen dünn gesät sind. Anja nimmt das Angebot an, voll am Wiesendamm einzusteigen.
»Das war aber keine Notlösung. Ausrüstung begeistert mich. Da hat sich viel bewegt in den letzten Jahren. Meine erste Gore-Tex-Jacke ist so ein waldgrünes Teil von Haglöfs gewesen, das mir viel zu groß war – aber was Kleineres als S für Männer gab es nicht. Mittlerweile bekommen auch Frauen wirklich erstklassiges Equipment.«
Wie viele Jacken hat sie heute so im Schrank? »Hard- und Softshells?« Anja rechnet. »Ein Dutzend, ich habe sicher mehr Outdoor-Zeug als normale Klamotten« – das habe aber damit zu tun, dass sie viel ausprobieren und testen müsse, meint sie halb entschuldigend. Gibt es ein Lieblingsteil? »Das kommt auf den Einsatzbereich an«, antwortet Anja ganz professionell. Aber? »Also mit meinem Millet-Softshell habe ich schon viele tolle Touren gemacht.«
Apropos tolle Touren: Anja – nun auch heillos vom Nordlandvirus befallen – fährt immer öfter nach Skandinavien. Den großen Traum von einer Wintertour in den Sarek setzt sie gemeinsam mit ihrem Kollegen Sebastian in die Tat um. »Einer der schönsten Urlaube, tolles Wetter, eine Woche auf Ski, wir haben uns super verstanden – und dann diese unglaubliche Landschaft …«
Wieder muss man nachbohren: Sarek im Winter, keine Hütten, der ganze Proviant … Stimmt, sagt Anja, 25 Kilo im Rucksack, fast ihr halbes Körpergewicht, das sei schon grenzwertig. »Einmal bin ich nach hinten gekippt und konnte nicht mehr aufstehen – wie ein Käfer mit Ski«, lacht sie. Bei der nächsten Tour nehmen Anja und Sebastian eine Pulka mit und ziehen Großteile des Gepäcks. Aber auch das hat Nachteile: »Einer muss warten und friert, der andere müht sich ab und kommt nicht hinterher. Pulkas sind ja für bestimmte Expeditionen unabdingbar, aber für unsere Gepäckmenge erschienen uns Rucksäcke dann doch geeigneter«, fachsimpelt Anja. Eine Wintertour pro Jahr mache sie immer noch. »Ich bin wahnsinnig gern in der Kälte. Aber man muss schon auch leiden können.«
Hunderte Produkte kennen und beschreiben
2006 wechselt Anja in die Globetrotter-Zentrale und übernimmt die Produkttexte fürs Handbuch – was ebenfalls eine gewisse Leidensfähigkeit erfordert: Outdoor-Bekleidung, Kinderbekleidung, Radbekleidung, insgesamt einige Hundert Produkte, die sie kennen und beschreiben muss. »Mir macht das Spaß. Es steckt viel dahinter, etwa soziale und Umwelt-Aspekte bei der Herstellung.« Die in der stressigen Handbuchproduktion auflaufenden Überstunden erlauben weiterhin lange Trips, »so acht Wochen Urlaub im Jahr kommen schon zusammen«, freut sich Anja. Unterwegs ist sie meist mit ihrem Freund Marcus, der auch bei Globetrotter arbeitet. Bevorzugte Ziele sind die Weiten Alaskas oder Patagoniens. Kann Marcus denn mit Anja mithalten? (Die Frage ist nur halb im Scherz gemeint.) »Och ja, das schafft er schon«, sagt Anja mit einem netten Lächeln.
Okay! Karten auf den Tisch, Frau Kleeberg: Wie meistert ein zierliches Mädel solche Trips und hat auch noch Spaß dabei? Mit einer Art Geheimtraining?
»Nö, Triathlon. Ich sehe das nicht so verbissen, aber fünf Mal die Woche wird schon trainiert …« Danke Anja, keine weiteren Fragen.
»Und grüß mir den lieben Ditmar – er soll nicht immer so übertreiben!«
15. August 2009, Text: Stephan Glocker
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