Island für Anfänger
»Wenn da ein Vulkan ausbricht, will ich unbedingt hin!« Es ist Frühjahr, im Fernsehen läuft ein Film über Island – und mein Sohn Jakob ruft das Ziel für den diesjährigen Familienurlaub aus. Noch bis vor Kurzem war das für vier Personen kaum bezahlbar, aber die isländische Finanzkrise hat die Preise purzeln lassen. Warum also nicht nach Island?
»Bricht auch sicher ein Vulkan aus, wenn wir kommen?« Jakob ist in Sorge. Sagen wir mal so: Ob der Eyjafjallajökull sich wirklich schon beruhigt hat, ist unklar. Und die Hekla (ja, es gibt auch weibliche Vulkane) steht angeblich immer kurz vor dem Ausbruch – so wie eine Mutter am Nachmittag zur Hausaufgabenzeit, haha.
Die Vulkane rächen sich sofort für den schlechten Witz: Kaum haben wir im April den Flug gebucht, bricht auch schon der Vulkan Grimsvötn aus. Wir fliegen zwar erst im Juni zur Sommersonnenwende, aber wird das auch klappen? Unsere isländischen Gewährsleute bleiben cool: Die Asche des Grimsvötn sei viel gröber, somit schwerer und kein Problem für den Flugverkehr. Die Isländer kennen ihre Vulkane wie unsereins die Verwandten.
Autovermietung mit Familienanschluss
Nun stellt sich die Frage nach dem richtigen Untersatz: Wer sich (wie wir) abseits der umlaufenden Ringstraße im wilden Hochland bewegen will, braucht einen Allradantrieb. Dieses Feature treibt den Mietpreis in die Höhe, schnell ist man bei 350 Euro pro Tag. Wie war das mit den »purzelnden« Preisen? Wir finden schließlich eine spartanische Variante: ein VW-Camper mit vier Schlafplätzen und hochlandtauglichem Syncro-Antrieb. 230 Euro pro Tag sind auch nicht geschenkt, aber dafür sparen wir ja Hotel- und Restaurantkosten.
Zudem entpuppt sich unser Autovermieter Snail.is als echter Glücksgriff: Chefin Sigrun holt uns um zwei Uhr früh am Flughafen ab und nimmt uns mit nach Hause – in eine 3-Zimmer-Wohnung in Reykjavik, in der wir im zum Bettenlager umfunktionierten Büro schlafen dürfen, unsere Vermieterin mit ihrem Mann Arnar nebenan. Bei der Übernahme des Autos am Folgetag wird klar, dass Snail.is auch sonst ein »Familienbetrieb« ist. Wie viele Isländer haben Sigrun und Arnar zwei Jobs: Sie ist Immobilienmaklerin, er Umzugsspezialist. Daher auch die VW-Busse, die im Schnitt etwa zehn Jahre auf dem Buckel haben. Arnar hat sie selbst ausgebaut. Kochausrüstung, Stühle und einen kleinen Tisch bekommen wir auch mit.
Unser Island-Abenteuer beginnt bei kühlen Temperaturen und Nieselregen. Wir sind froh, uns für einen Camper-Urlaub entschieden zu haben. Jetzt gegen den Wind zu radeln oder durchs Hochland zu trekken, wäre mit acht und zehn Jahre alten Kindern kein Zuckerschlecken. Dieses Jahr – so die lokale Zeitung – ist es auf Island außerdem so kühl, dass viele Seevögel ihr Brutgeschäft beendet und ihre Jungen verlassen haben. Das will ich den meinen nicht antun (behalte mir die Maßnahme aber für ihre Pubertät vor).
Geysire, Wasserfälle und Vulkane
Wir sind zum ersten Mal hier und machen die »Standardtour« im Süden und Westen. Die Naturspektakel sind hier leicht erreichbar und liegen dicht an dicht. Unweit von Reykjavik ist der Þingvallavatn das erste Highlight: ein glasklarer, riesiger See, umsäumt von der typischen Mixtur aus niedrigem Gesträuch und vielen, vielen Steinen. Im darüber gelegenen Tal Þingvellir kann man »live« miterleben, wie die europäische und die amerikanische Kontinentalplatte auseinanderdriften, überall sind Spalten und Schluchten. Jakob akzeptiert das als Ersatz für einen Vulkanausbruch und klettert begeistert herum. Schöner können Kinder Geologie wohl nicht lernen.
Nur einen Hinkelsteinwurf entfernt der Geysir, nach dem alle Geysire der Welt benannt sind: Geysir. Er und sein kleiner Bruder, der »Litli Geysir«, beeindrucken unsere sensationsverwöhnten Kinder jedoch kein bisschen: Der eine dampft, der andere blubbert – das ist alles? Da ist der Strokkur schon ein anderes Kaliber: Mit wunderbarer Regelmäßigkeit schleudert er eine Fontäne aus Dampf und Wasser 15 Meter in die Höhe. Obwohl die Geysire über Souvenirladen und Busparkplatz verfügen, hält sich der Touristenandrang in Grenzen. Wer jemals in Neuschwanstein war, lächelt milde.
Auch der nächste Stopp ist Touri-Standard: der Gullfoss, »Island schönster Wasserfall«. Der Fluss Hvítá (weißer Fluss) stürzt hier 32 Meter in eine Schlucht. Jakob und Fine nehmen Getöse, Sprühnebel und Regenbogen wohlwollend zur Kenntnis. Aber sie sehen auch müde aus. Ein Blick auf die Uhr … was? Schon 22 Uhr! Jetzt zur Sommersonnenwende ist es taghell und die innere Uhr ordentlich verstellt. Trotzdem: Kinder, ab ins Bett …
Im Camper residieren wir halbwegs komfortabel, hinstellen darf man sich in Island praktisch überall. Falls man überall hinkommt. Am nächsten Tag stößt der Bus im Hinterland an seine Grenzen. Wir folgen einer Schotterpiste, die Karte zeigt eine »Furt«. Wir lernen: Wenn eine Furt eingezeichnet ist, ist da auch eine, und zwar eine richtige. Der Fluss Leirá ist breit, schnell und ziemlich tief. Unser Bus hat keinen Schnorchel, über den der Motor Luft ansaugen könnte, und wäre wohl auch sonst überfordert. Also umkehren und die zwei Stunden zurückhoppeln. Die Mondlandschaft hier war übrigens nicht immer eine: Die Wikinger fällten die Wälder für den Schiffsbau und überweideten das Land mit ihren Schafen. Eine menschengemachte Wüste, durch die unbarmherzig der Wind pfeift und die Erosion weitertreibt. Bei 6 bis 9 Grad und knackigen fünf Windstärken gestalten sich kindgerechte Pausen außerhalb des Autos als Herausforderung.
Hot Pot mit Gletscherblick
Es geht ans Meer. Mein Gatte hat angekündigt zu baden – das wollen wir sehen! Auf der Suche nach einem Strand machen wir eine Schleife südlich von Hvolsvöllur und finden Zugang zu einem endlosen, schwarzen Strand. Direkt gegenüber grüßen die Westmännerinseln aus dem Nordatlantik.
Anders als an der Adria wird auf Island der Strand nicht von der Tourismusbehörde gereinigt: überall Fischkisten, Schwimmerkugeln, Flaschen, Muscheln. Die Kinder sind begeistert von dem spannenden Treibgut, weniger von den toten Seevögeln, die offenbar ein Polarfuchs gerissen hat. Und mein Mann? Geht baden! Zwar nur sehr kurz und von wildem Gejohle unsererseits begleitet – aber er macht sein Versprechen wahr und erntet den Respekt, den ein Vater verdient und so selten erhält.
Weiter Richtung Osten passieren wir am folgenden Tag das berühmte Þórsmörktal – für Trekker ein echtes Eldorado – und scheitern erneut an den vielen Furten. Wer zu den Campingplätzen am Talende will, braucht ein Auto mit richtig dicken Reifen. Im Hochsommer gibt‘s für die Wanderer ein Allradtaxi – jetzt in der Vorsaison allerdings noch nicht.
Nächste Station sind die Vogelfelsen an der Halbinsel Kap Dyrhólaey, an denen Millionen Seevögel ab Mai brüten. Die Felsen mit dem gewaltigen Felstor erheben sich rund 120 Meter über den Wogen. Von hier oben kann man sich den steilen Abbruchkanten nähern und die Vögel beobachten. Allerdings weht ein stürmischer Wind, die Wanderwege sind extrem exponiert, verlaufen oft auf überhängenden Felsen, und ich habe tatsächlich einmal Angst um meine Kinder. Wir ziehen uns zurück auf den Campingplatz Vík, ein wahres Mekka für Birdwatcher.
»Faszinierend«, findet der Gatte. »Laaaangweilig«, findet Fine. Wir rollen durch den Skeiðarársandur, eine weite Sand- und Kiesfläche am Gletscher-Nationalpark Skaftafell. Dann wird die Öde unterbrochen: Die Ausläufer der riesigen Gletscher schieben sich zum Meer und füllen ihre Gletscherseen mit Eisbergen. Bei Jökulsárlón treiben diese Brocken ins Meer hinaus und werden von der Flut zurück an den schwarzen Strand geworfen. Ein irres Naturschauspiel. Bei Smyrlabjörg entdecken wir fünf angelegte Hot Pots unter freiem Himmel, daneben eine Umkleidehütte mit Preistafel und Spardose. Wer hier baden will, wirft einfach das passende Geld ein und dann sich selbst ins Vergnügen. Bei Wassertemperaturen zwischen 38 und 42 Grad lässt sich der frische Wind draußen gut ertragen. Der Blick ins weite Tal und auf die Gletscher ist super – findet jetzt auch Fine.
Unser Tagesziel Höfn dagegen ist ein tristes Hafenstädtchen mit riesigen Fischfabriken. Frischen Fisch suchen wir vergeblich, der Fang wird bereits auf den Fabrikschiffen eingefroren. Okay, angeln wir eben selbst! Wir fragen die Einheimischen. Kein Problem, dort wo die Fischfabriken ihre Abfälle ins Meer leiten, da gäbe es gute Angelplätze! Wir fahren hin und es dreht uns fast die Mägen um: Ein breiter Strom aus Fischblut, Schuppen und Innereien plätschert ins Meer und malt einen rosa Streifen in die Bucht. Halbherzig versuchen wir es mit Angeln, sind aber gar nicht mehr so sicher, ob wir im Zweifelsfall essen wollen, was hier anbeißt …
Wikingerbärte, Wikingerkartoffelsalat, Wikingerstreichelzoo
Das Wikingerfestival im Hafenstädtchen Hafnarfjörður ist dagegen ein Spektakel nach dem Geschmack unserer Kinder: Professionelle Wikingerdarsteller aus Island, Dänemark, Schweden, Norwegen und England bieten an Marktständen authentische und weniger authentische Wikingerwaren feil. Man trägt pflanzengefärbte Kittel aus grobem Leinen, die Männer haben Zöpfe im Bart. Bänder werden gewebt, Gürtelschnallen geschmiedet, es wird geschnitzt, geflochten und musiziert. Der Tourist kann sich im Axtwerfen üben oder Hammel vom Grill essen, dazu gibt‘s Kartoffelsalat aus dem Plastikeimer. Eine ausgewanderte deutsche Physiotherapeutin lehrt unsere Tochter eine alte Webtechnik für bunte Bänder. Währenddessen messen sich stämmige Wikingernachfahren in einem Herkules-Parcours: Sie tragen 200 Kilo schwere Gewichte rund um einen Hinkelstein, heben einen 160-Kilo-Steinbrocken über eine Messlatte und treiben allerlei anderen Unfug. Ganz großes Kino.Das Thema Wikinger erhellt auch den nächsten Tag: Im brandneuen Museum bei Keflavik ist das Wikingerschiff ausgestellt, mit dem 2001 die Entdeckung Amerikas nachgesegelt wurde. »Na ja«, meint Fine, und wendet sich dem Wikingerstreichelzoo zu: Ziegen, Hühner, putzige kleinwüchsige Kühe und Hasen. Der Knüller: ein drei Wochen alter, verwaister Polarfuchswelpe. Der junge Zoowärter holt den kläffenden Fuchs aus dem Stall, damit die Kinder ihn streicheln können.
Dagegen verblasst der folgende Whale-watching-Trip, den die Kinder vor allem »kalt« finden. Die Lautsprecheransagen des Kapitäns, der die Position der sekundenlang auftauchenden Wale verkündet (»Minkwhale three o‘clock, twohundred meters«), kommen schnell und werden von den Kindern kaum verstanden. Außerdem drängeln sich viele Erwachsene an der Reling vor. Resümee der Kinder: »Der Polarfuchs war besser!«
Zum Finale unseres Urlaubs steigen die Temperaturen. Strahlendes Wetter über der Halbinsel Snæfellsnes. Einem Tipp folgend, finden wir abseits der Straße Nr. 54 eine große Seehundkolonie und bleiben stundenlang am Strand. Die verspielten Seehunde sind genauso neugierig wie wir – wer beguckt hier wen? Auf Snæfellsnes gibt es aber noch mehr zu sehen: den Einstieg zum Mittelpunkt der Erde zum Beispiel – der liegt laut Jules Verne nämlich am Gletscher Snæfellsjökull. Esoteriker vermuten hier eines der Kraftzentren der Erde, was der Insel einen regen Esoteriktourismus beschert. Für Nicht-Esoteriker gibt es wunderschöne Strände, bedeckt mit kugelrund abgeschliffenen Lavabrocken.
Obwohl wir das lange Tageslicht voll ausreizen, naht das Urlaubsende erschreckend schnell. Wir bringen den Bus zurück zu Sigrun. »Und, Jakob, ist ein Vulkan ausgebrochen?«, fragt sie. »Nein«, sagt Jakob, »aber bestimmt beim nächsten Mal, wenn wir wiederkommen. Gell, Mama!«
4-Seasons Info
Island-Roadtrip mit Kindern
Die wilde Insel im Nordatlantik ist kein typisches Familienziel, aber für Kinder sehr spannend. Am einfachsten reist man mit Bus oder Wohnmobil, abseits der Ringstraße ist Allrad Pflicht.
Beste Reisezeit
Juni bis August, an der Küste auch ab Mai. Viele der Hochlandstraßen sind bis Ende Juni gesperrt. Im Norden kann es im Mai an der Küste noch schneien.
Anreise
Charterflüge von Deutschland nach Island 300 bis 500 Euro.
Kosten
Miet-Camper ab 230 Euro/Tag (www.snail.is), größere Gefährte sind teurer. Lebensmittel kosten 10 bis 15 % über hiesigem Niveau. Camping ist günstig oder gratis.
Ausrüstung
Auch im Sommer lange Unterwäsche, Mütze, Handschuhe, Regenbekleidung, wasserdichte Schuhe, aber ebenso Badezeug für die Hot Pots und Sonnenblocker (Ozonloch!).
Informationen
Allgemein: www.visiticeland.com.
Reiseführer: Island, Michael Müller Verlag 2009 (22,90 Euro). Globetrotter-Bestellnummer: 14.80.85
07. Dezember 2011, Text: Susanne Kern
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