Horizontalfahrer: Mit dem Liegerad auf Tour
Die Schweißperlen fließen über mein Gesicht, als ich in Neu Delhi mein Liegerad aus dem Karton hole, um es für unsere Radtour durch Südostasien aufzubauen. Schon beim Zusammenschrauben merke ich, dass dieses Rad nicht nur staunende Blicke der Passanten bewirkt. Nein, es zieht die Menschen an.
Der Anblick eines Liegerades ist für viele Menschen heute immer noch etwas Eigenartiges, Exotisches und Modernes. Etwas für die »Ökos« von heute. Dabei blickt das Liegerad auf eine über 100-jährige Geschichte zurück. Am 16. Juni 1878 erhält der Österreicher Josef Erlach ein Patent (damals noch Österreichisches Privelegium genannt) für Liege- und Dreiräder mit aufrechter Sitzposition. 1914 baut Peugeot das erste Serienliegerad: Einen Langlieger mit direkter Lenkung von oben. Mit der Zeit beginnen immer mehr Menschen sich für das Fahren im Liegen zu interessieren. Vor allem für Radreisende wird es eine immer interessantere Alternative zum herkömmlichen Reiserad.
Seit 2005 bin ich mit meinem Kurzlieger der Fuldaer Firma Nöll in Europa unterwegs. Dank der hohen Bauweise immer in Sichtfeld der Autofahrer. Stöhnte ich früher auf längeren Touren mit einem normalen Fahrrad über einen schmerzenden Nacken, verkrampfte Handgelenke und Druckstellen am Hintern, so erlebe ich auf meinem Liegerad nun Komfort, ähnlich Omas alten Fernsehsessel und den Blick aus einer neuen ungewohnten Position in die Landschaft. Keine verspannte Rückenmuskulatur, kein Ermüdungserscheinungen an den Händen, keine Gesäßschmerzen. In einer ergonomischen, körpergerechten Sitzposition rolle ich durch die Welt und schenke den entgegenkommenden Menschen ein Lächeln. Ein Lächeln, welches nicht selten erwidert wird.
Am Anfang des Liegeradfahrens bedarf es einer kurzen Eingewöhnungsphase. Der Lenkvorgang und das Halten des Gleichgewichts sind zu Beginn ungewohnt. Wer des Radfahrens mächtig ist, lernt innerhalb weniger Minuten das Gefährt zu bändigen. Mein Liegerad steuere ich über einen Unterlenker, der sich unterhalb meines Gesäßes befindet. Die Arme halte ich so in einer entspannten Position. Eine Herausforderung sind die ersten Anstiege mit einem Liegerad. Die Kraft für den Aufstieg kommt allein aus den Beinen – vornehmlich aus den Oberschenkeln. Zur besseren Kraftübertragung nutze ich Klickpedale, die mir helfen einen runderen Tritt zu halten. Ein Aufstehen in den Wiegetritt bergauf ist durch die Sitzposition und Konstruktion eines Liegerades nicht möglich. Die Mehrzahl der deutschen Liegerad-Fangemeinde ist deshalb eher im nördlichen Flachland anzutreffen. In den bayerischen Voralpen, wo ich mit meinem Rad unterwegs bin, sind wir noch eine Minderheit. Man grüßt sich untereinander und schraubt im leichten Gang die Berge hoch. Gerne mal belächelt, aber immer öfter bestaunt – wenn man andere Radsportler am Berg überholt. Klappt natürlich nicht immer!
Liegerad als Brücke zu den Menschen
Fernweh und die Erfahrung, dass ein Liegerad in jeder Region genutzt werden kann, brachten mich hier nach Indien, wo ich mein Rad für die mehrmonatige Radtour durch Südostasien zusammenbaue. Jede Schraube wird abermals nachgezogen. Die Kette, gut dreimal so lang wie an einem normalen Fahrrad, wird gefettet. Meine 24-Gang-Kettenschaltung und die V-Bremsen werden überprüft, das Gepäck auf Vollständigkeit gecheckt. Jede Kleinigkeit, die ich hier vergesse, kann den Fahrspaß und die kommenden Eindrücke mindern. Ich habe extra ein paar Ersatzteile dabei. Schließlich ist ein Liegerad in Deutschland schon eine Seltenheit, hier in Asien kommt es so gut wie gar nicht vor. Diese Seltenheit und die Begeisterung der Menschen fürs Radfahren sorgen aber, dass mein Liegerad nicht nur als Fortbewegungs-, sondern vielmehr auch als Kommunikationsmittel dient. Als eine Brücke zu den Menschen.
In traditionellen Radfahrländern wie Indien, Nepal, Thailand oder Vietnam bekommt man besondere Aufmerksamkeit geschenkt. Auch wenn das Fahrrad als wichtigstes Transportmittel dort zunehmend durch Mofas ersetzt wird, freuen sich die Einheimischen, wenn sie einen »weißen« Touristen auf einem Fahrrad erblicken – und dann noch auf einem so komischen Gefährt. In Indien und Nepal versammelt sich nicht selten das ganze Dorf um mich. Mit offenen Armen und voller Neugier werde ich empfangen, ausgefragt und begutachtet.
In Vietnam ist die Neugierde riesig. Wenn ich abgesteige, springt gleich ein Vietnamese von der anderen Seite auf – zur Abfahrt bereit. Erstaunlicher Weise kommt er sofort mit dem Fahrrad zurecht. Das Gewicht des bepackten Rades scheint ihm wenig auszumachen. Diese Begeisterung fürs Rad hat auch seinen Nachteil. Ich muss es ständig im Auge behalten. Während in Indien, Nepal, Laos oder Kambodscha die Menschen das Rad nur bestaunten und maximal an der Tretkurbel drehten, den Bremsgriff betätigten oder an der Beleuchtung rumspielten, steigen in Vietnam die Menschen ganz selbstverständlich und vor allem ungefragt aufs Rad, schieben es zum Test durch die Gegend oder unterziehen es den verschiedensten Tests. Wer in diesen höchst unterschiedlichen Situationen noch Nerven und Ruhe bewahrt, auf die Fragen der Menschen eingeht, zum hundertsten Mal lächelnd erklärt, dass es am Fahrrad keinen Motor gibt, man auf dem Liegerad nicht schlafen kann und dass es gar nicht schwer ist das Gleichgewicht zu halten, dem stehen die Menschen offen gegenüber.
Transportvergleich: Mofa gegen Liegerad
Die Menschen sind vor allem erstaunt, dass ich als Weißer mit dem Fahrrad unterwegs bin und so große Taschen am hinteren Gepäckträger hängen, gehalten durch nur vier Schrauben. Ich dagegen staune über die beladenen vietnamesischen oder nepalesischen Mofas, die nicht selten Kühe, Wassertonnen, Schweine, Särge oder auch ganze Großfamilien transportieren. Von diesen Dimensionen ist mein Rad noch weit entfernt, dennoch hatten die Taschen ein Gewicht von insgesamt 30 bis 40 Kilo.
Der große Nachteil bei meinem Liegerad ist seine Transportfähigkeit in anderen Verkehrsmitteln. Durch die Länge von gut zwei Metern und einer Höhe von 1,50 Meter, passt es nicht in jedes Auto oder Kleinbus. Oft muss ich das Rad für den Transport auseinander montieren. Im Flugzeug ist es besonders spannend. Zum einen wiegt ein Liegerad doch einiges mehr, als ein vergleichbares Reiserad. Zum anderen bedarf es, je nach Airline, einer größeren Demontage. Sitzschale und das vordere verstellbare Rohr müssen abgebaut, die Räder rausgenommen werden. Aber mit geübten Handgriffen ist das schnell erledigt und das Rad in einen normalen Fahrradkarton verpackt.
Noch spannender ist die Mitnahme in Bussen oder auf kleinen Tuk-Tuks. Bei den Tuk-Tuks wird das Rad oft hinten festgebunden und das Gepäck oben auf dem Dach oder auf den Sitzen verstaut. Je nach Platz im Bus und je nach Land, wird mein Liegerad auf dem Dach neben den Ziegen oder im Rumpf untergebracht und dort nicht immer ganz nach deutscher Gründlichkeit und Sorgsamkeit gesichert. Am liebsten ist es mir, wenn ich selbst alles einpacken darf. Grundsätzlich lässt sich sagen: Je zivilisierter und organisierter ein Land, umso komplizierter die Fahrradmitnahme.
All diese kleinen Unannehmlichkeiten sind schnell vergessen, wenn ich wieder auf dem Fahrrad sitze, die Vorzüge des Liegerades genieße und mir das Liegerad den Kontakt zu den Menschen erleichtert. All dieser Komfort und die damit verbundenen Eindrücke, lassen sich nur schwer beschreiben – man muss es selber erfahren.
03. November 2011, Text: Mike Strübing
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