Hightech-Schuh zum Hungerlohn?
Die internationale »Kampagne für saubere Kleidung« setzt sich für humane Arbeitsbedingungen und gerechte Löhne in Drittweltländern ein, wo ein Großteil der weltweiten Textilproduktion abgewickelt wird. Eine im Juli veröffentlichte Studie (Download: www.ci-romero.de) legt nahe, dass die Outdoor-Branche dabei nicht besser sei als viele Textildiscounter – also Hungerlöhne und Ausbeutung in Kauf nimmt und sich eine goldene Nase verdient. Bei Trekkingschuhen machten die Lohnkosten nur 0,4 Prozent des Ladenpreises aus, zitierte Spiegel Online. In der 4-Seasons-Redaktion fragten viele Leser an, ob das alles stimme.
Belegen können die Macher der Studie ihre pauschalen Anschuldigungen nicht. Produktionsstät-ten wurden nicht untersucht. Stattdessen verschickte man Fragebögen an die Hersteller – die Studie basiert allein auf Selbstauskünften. Sie nennt auch keine konkreten Missstände (à la »Firma XY duldet Kinderarbeit«), sondern kritisiert im Wesentlichen das Fehlen von Selbstverpflichtungen der Hersteller und unabhängiger Kontrollen.
Pauschal an den Pranger gestellt
Die Studie drängt die Hersteller gezielt zur Mitgliedschaft bei der »Fair Wear Foundation« (FWF). Das Vorgehen erinnert an die ADAC-Pannenhilfe: wird man sofort zahlendes Mitglied, ist das Abschleppen gratis – wenn nicht, wird‘s teuer. An Eigeninitiativen der Hersteller zeigen sich die Macher der Studie nicht interessiert. So wurde etwa die Einladung von Tatonka, die firmeneigene Produktion in Vietnam zu besuchen und sich selbst ein Bild zu machen, schlicht abgelehnt. Auch die Mitgliedschaft in anderen Kontrollorganisationen als der FWF wird kaum gewürdigt.
Die Ziele der FWF – eine Organisation mit gutem Ruf – sind lobenswert und im Interesse von Endverbrauchern und Outdoor-Fachhandel. Aber mit ihrer löchrigen Studie haben die Aktivisten der guten Sache einen Bärendienst erwiesen: Statt die Hersteller ins Boot zu holen, wurden diese pauschal an den Pranger gestellt.
Das sahen auch die meisten Medien so. Die Süddeutsche berichtete sachlich, die TAZ relativierte die Hintergründe. Nur Spiegel Online ließ sich vor den Kampagnen-Karren spannen, ohne die gelieferten Informationen zu hinterfragen.
Die 4-Seasons-Redaktion wird das Thema weiter verfolgen. Beruhigen können wir derweil Leser Jens L., der anfragte, ob vom Preis seines geliebten »Meindl Island« wirklich nur 0,4 Prozent beim Schuhmacher blieben? Nein. Diese Angabe von Spiegel Online basiert lediglich auf einer Schätzung der »Kampagne für saubere Kleidung«. Tatsächlich liegt der Lohnanteil beim (in Europa gefertigten) »Island« über 25 Prozent.
Man sieht: Soziale Verantwortung bei der Herstellung von Outdoor-Produkten ist eine wichtige, aber komplexe Angelegenheit – der Pauschalurteile und billige Schlagzeilen kaum dienlich sind.
04. November 2010, Stephan Glocker
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