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Happy Birthday: Salewa feiert 75. Geburtstag

Im Sommer steigt am Südtiroler Rosengarten ein rauschendes Fest: Salewa wird 75. Von »Alter« kann dabei keine Rede sein, von »Weisheit« schon eher: Der Traditionsausrüster weiß genau, was er will – und präsentiert sich heute jünger und technischer denn je.
Dienstreise: Heiner Oberrauch am Kazbeg (5047 Meter). | Foto: Archiv Salewa
Dienstreise: Heiner Oberrauch am Kazbeg (5047 Meter). | Foto: Archiv Salewa

Von der Salewa Lederwarenfabrik GmbH (die SAttler- und LEderWAren herstellte) bis zum heutigen Multispezialisten für Bergsportausrüstung war es ein weiter Weg. Der führte meist bergauf: Mit einer Reihe bahnbrechender Entwicklungen – etwa das erste Kuppelzelt, das erste voll verstellbare Leichtsteigeisen oder die patentierte Rohreisschraube – setzte Salewa Meilensteine. Anfang der 90er-Jahre allerdings konzentrierte sich die erfolgsverwöhnte Firma zu sehr auf den Export und verlor dabei an Innovationskraft. Daraufhin geriet Salewa in unruhiges Fahrwasser – bis Heiner Oberrauch das Steuer übernahm. Der charismatische Südtiroler hatte sich bis dahin um den Vertrieb von Salewa-Produkten in Italien gekümmert, nun kaufte er kurzerhand die ganze Firma und brachte Salewa wieder auf Kurs. Dabei besann er sich auf seine eigene Liebe zum Alpinismus, nutzte aber auch den Generationswechsel bei den Mitarbeitern des Traditionsunternehmens. 2006 gipfelte die Neuausrichtung von Salewa in einem klar formulierten Ziel: »Wir wollten das Bergsteigerherz im Unternehmen wieder stärker fördern; jüngere, technischere und extremere Produkte herstellen; uns wieder mehr auf Klettern und Alpinismus fokussieren – weg von softem Outdoor-Equipment und austauschbaren Produkten«, fasst Heiner Oberrauch die neue Positionierung zusammen.

 

Mit allen 600 Mitarbeitern per Du

Ein typisches Salewa-Produkt: der Alpinhelm Piuma 230 Pro wiegt nur 230 Gramm. | Foto: Archiv Salewa
Ein typisches Salewa-Produkt: der Alpinhelm Piuma 230 Pro wiegt nur 230 Gramm. | Foto: Archiv Salewa

Das sagt sich leicht – aber wie sah die praktische Umsetzung aus? »Die Neuausrichtung war keine strategische Marketingentscheidung am Reißbrett, sondern kam von innen heraus«, erzählt Heiner Oberrauch. »Das Durchschnittsalter im Unternehmen liegt heute bei nur 28 Jahren. Klar, dass so auch unsere Produkte jünger geworden sind und wir – aus der eigenen Begeisterung heraus – neue Trends wie etwa Free Ski Mountaineering aufgreifen.« Dennoch lenkt der Besitzer der Salewa-Gruppe – zu der auch Silvretta und Dynafit gehören – sein Unternehmen offenbar mit Bedacht. Oberrauch jagt nicht dem schnellen Euro nach, sondern will nachhaltig wirtschaften. Dabei sieht er den Menschen im Mittelpunkt: »Man kann nur gut arbeiten, wenn man gerne arbeitet, deshalb frage ich mich ständig: Was macht Sinn? Wie kann ich für meine Mitarbeiter ein Umfeld schaffen, in dem sie sich wohlfühlen?« Sich selbst sieht Oberrauch als Marken- und Stimmungshüter: »Meine Aufgabe im Unternehmen ist wenig operativ. Ich bin für den Ideenreichtum, die Zukunft und das Betriebsklima zuständig. Ich nehme mir viel Zeit für persönliche Gespräche, bin mit all meinen 600 Mitarbeitern per Du und sorge für flache Hierarchien im Unternehmen – alle Menschen sind schließlich gleich wichtig, nur die Verantwortungen sind unterschiedlich. Und: positiv zieht positiv an...«

2006 startete die Salewa-Schuhkollektion – schon im ersten Jahr wurden 50.000 Paar verkauft. | Archiv Salewa
2006 startete die Salewa-Schuhkollektion – schon im ersten Jahr wurden 50.000 Paar verkauft. | Archiv Salewa

Getragen wird die positive Unternehmensphilosophie von einer ganzen Reihe an Maßnahmen und Möglichkeiten: Salewa-Mitarbeiter können am wöchentlichen Skitouren-Abend ebenso teilnehmen wie an außergewöhnlichen Firmenexpeditionen (etwa zum über 5000 Meter hohen Vulkanberg Kazbeg in Georgien), interne Fortbildungen an der »Salewa-Akademie« besuchen, sich die Arbeitszeit flexibel einteilen und nach Möglichkeit auch von zu Hause aus arbeiten. Solche Freiheiten sollen das Salewa-Team ermutigen, selbst Entscheidungen zu treffen und neue Verantwortungen zu übernehmen. Auch an die Erholung ist gedacht: Den Mitarbeitern stehen ein firmeneigenes Ferienhaus im Gargano und eine Ferienwohnung auf einem Bauernhof am Rosengarten zur Verfügung. »Im Endeffekt arbeiten unsere Leute eher mehr – weil sie es gerne tun. Viele Mitarbeiter haben mit mir zusammen bei Salewa angefangen, sind dabeigeblieben und bilden heute eine starke Seilschaft. Gleichzeitig kommen junge Talente zu uns – weil sie sich bei uns wohlfühlen und ihre Leidenschaft für den Bergsport zum Beruf machen können. Das ist es, was Salewa prägt und uns ausmacht. Und das ist viel besser als kurzfristige Gewinnmaximierung«, sagt Heiner Oberrauch. 

 

Ein neues Wahrzeichen für Bozen

Blickfang: die neue Salewa-Zentrale in Bozen. | Visualisierung: Cino Zucci für Salewa
Blickfang: die neue Salewa-Zentrale in Bozen. | Visualisierung: Cino Zucci für Salewa

Beim Sponsoring bleibt Salewa diesen Leitsätzen ebenfalls treu: »Es zählt nicht nur absolute Leistung, sondern vor allem die Persönlichkeit«, erklärt Oberrauch, »wir unterstützen besonders die 'Jungen Wilden' – nicht nur mit Geld, sondern indem wir sie begleiten, viel mit ihnen unterwegs sind und sie anhören. Dieses Zusammensein kommt beiden Seiten zugute.« Ein weithin sichtbarer Ausdruck der Salewa-Philosophie soll auch die neue Firmenzentrale in Bozen werden, die sich gerade im Bau befindet. Nach Plänen des Architekten Cino Zucchi entsteht hier ein ganz besonderer Firmensitz: Ein Gebäude, das mit seiner Ausnahmebauhöhe von 50 Metern (in Bozen werden sonst nur 25 Meter genehmigt) ein Wahrzeichen für die Stadt werden soll – wie der BMW-Turm für München. Ein Gebäude, das dank Photovoltaik energieautark ist, das mit einer eigenen, öffentlich zugänglichen und – einmalig in Europa – zu öffnenden Kletterhalle, Betriebskindergarten und öffentlicher Grünanlage ausgestattet sein wird. Ein Gebäude, in das eine eigene Forschungsabteilung integriert werden soll, die sich aber nicht mit Produktentwicklung beschäftigt, sondern, in Zusammenarbeit mit alpinen Netzwerken, mit Grundlagenforschung, Materialkunde und physikalischen Prozessen. Im neuen Stammsitz wird es außerdem große Showrooms geben, um dem Fachhandel das Sortiment in seiner Einheit zu zeigen. »Das ist wichtig«, sagt Heiner Oberrauch, »weil unsere Produkte – inklusive der Hartware – designmäßig aufeinander abgestimmt sind. Sie wirken gut, wenn sie zusammen präsentiert werden.«

 

Technik aus Deutschland, Design aus Italien

Für sichere Touren: das Klettersteigset Via Ferrata Premium Attic. | Archiv Salewa
Für sichere Touren: das Klettersteigset Via Ferrata Premium Attic. | Archiv Salewa

Trotz der visionären Pläne für Bozen bleibt der deutsche Salewa-Standort in München-Aschheim erhalten: Hier werden weiterhin Zelte, Rucksäcke, Schlafsäcke und Kletterhardware entwickelt und teilweise auch produziert – Produkte, für die höchstes technisches Know-how gefragt ist. Die Verantwortung für Mode, Schuhe und Marketing bleibt in Italien. »So können wir die Kompetenzen beider Regionen nutzen«, sagt Heiner Oberrauch, »die Erfolgsformel lautet: deutsche Technik und Funktion, ausgestattet mit italienischem Design. Dank der Lage in Südtirol verstehen wir die Mentalität des lateinischen sowie des germanischen Raums – und die Berge! Das ist sicherlich mit ein Grund dafür, dass Salewa als einzige Marke sowohl in Deutschland als auch in Italien zu den Marktführern im Bergsportbereich gehört.«

Klettert mit: die für Profis und Bergführer entwickelte alpineXtrem Pro-Kollektion. | Foto: Archiv Salewa
Klettert mit: die für Profis und Bergführer entwickelte alpineXtrem Pro-Kollektion. | Foto: Archiv Salewa

Als weiteren Pluspunkt nennt »Markenhüter« Oberrauch die Firmenstruktur: »Salewa ist ein Managementgeführtes Familienunternehmen. Der Vorteil dabei ist, dass Manager fachlich manchmal mehr können als Familienmitglieder. Die Familie ist dagegen besser geeignet, ein Unternehmen zusammenzuhalten – sie fühlt sich verantwortlich und sorgt so für ein gesundes, nachhaltiges Wachstum.« Auch hier kann der Salewa-Chef seine wohlklingenden Worte mit harten Fakten belegen: Die Firma wächst – Krise und Konkurrenz zum Trotz – mit 10 bis 15 Prozent pro Jahr, auch für 2010 wird ein zweistelliger Zuwachs erwartet. 2009 lag der Umsatz bei insgesamt 153 Mio. Euro – ein Großteil davon wurde in Deutschland und Italien generiert. Seine Produkte vertreibt der Bergsportausrüster mittlerweile in rund 40 Länder weltweit – in zehn davon gibt es eine eigene Niederlassung. In Deutschland ist das Händlernetz kaum mehr zu verbessern: Wo ist noch ein Bergsport-Laden oder Outdoor-Shop, der keine Produkte der Salewa-Gruppe führt?

Apropos Produkte: Die Hartware (also Zelte, Bergausrüstung etc.) produziert Salewa fast ausschließlich in Europa, Textilien teilweise auch in Fernost. »Die europäische Produktion können wir uns auch deshalb leisten, weil Salewa keine Billigmarke ist, die das unterste Preissegment bedienen muss«, sagt Heiner Oberrauch, »und was in Fernost entsteht, wird von uns streng kontrolliert. Wir haben ein eigenes Büro in Hongkong, arbeiten mit unseren Partnerfirmen langfristig zusammen und haben in jeder Fabrik einen Salewa-Mitarbeiter.«

Auch dem Umweltschutz widmet sich ein firmeneigenes Team mit Vertretern aus allen Abteilungen. Zum Beispiel wird auf die Verwendung von Baumwolle aus fairem Handel geachtet oder der Warentransport durch eine Analyse der Lieferwege möglichst umweltfreundlich gestaltet. Auch Öko-Zertifizierungen werden angestrebt. Für noch wichtiger hält Heiner Oberrauch allerdings die Qualität seiner Produkte: »Die beste Ökobilanz hat eine Jacke, ein Zelt oder ein Steigeisen, das ich über viele Jahre hinweg zufrieden benutze. Der beste Umweltschutz ist Langlebigkeit.« Damit kennt sich Salewa aus – auch wenn man sich mit 75 jünger fühlt denn je.

 

4-Seasons Info

Salewa »fast forward«: 1935 bis 2010

1935 Josef Liebhart gründet die Salewa GmbH in München.
1939 Während des Krieges stellt man Leder- und Textilprodukte, Rucksäcke mit Stahlroh-gestell, Skistöcke aus Haselnussholz und Leichtmetall her.
1952 Steigende Nachfrage nach Skistöcken. Salewa vertreibt Silvretta-Skibindungen, Hickory-Ski, Skizubehör und Brillen.
1953 Neben Rucksäcken werden Lederfußbälle und Motorrad-Tanktaschen produziert; Skistöcke werden Hauptumsatzträger.
1955 Salewa unterstützt die Anden-Expedition des langjährigen Salewa-Geschäftsführers Hermann Huber und etabliert sich damit im Bergsport. Eisausrüstung, Eispickel und Steigeisen kommen ins Programm.
1962 Entwicklung und Produktion des patentierten, voll verstellbaren Salewa-Classic-Leichtsteigeisens.
1970 Salewa entwickelt den Hohl-Karabiner und erreicht eine dominierende Marktposition bei Bergsport-Hartwaren.
1975 Salewa wird vom Bergsport-Spezialisten zum Outdoor-Generalisten.
1978 Salewa präsentiert das legendäre Kuppelzelt Sierra und bringt als einer der ersten Anbieter Gore-Tex-Bekleidung heraus.
1980 Mit der neuen Fleece-Bekleidung wird eine 40 %ige Umsatzsteigerung erreicht.
1982 Gründung von Salewa Österreich und Aufbau des Exports nach ganz Europa, USA, Japan und Neuseeland.
1983 Heiner Oberrauch übernimmt mit seiner Oberalp-Gruppe und Siegfried Messner den Salewa-Vertrieb in Italien.
1985 Salewa avanciert zum Marktführer in Italien.
1986 Beginn der Zusammenarbeit mit Alpinisten wie Reinhold Messner, Christoph Hainz und Kurt Albert.
1990 Heiner Oberrauch übernimmt mit seiner Oberalp-Gruppe die Marke Salewa.
1994 Der Leitspruch »half weight – double resistance« wird als Forschungsziel definiert.
1999 Übernahme des deutschen Bindungsspezialisten Silvretta.
2001 Entwicklung einer eigenen Leichtgewichts-Kollektion.
2004 Salewa übernimmt die Skitourenmarke Dynafit – und verfünffacht deren Umsatz in nur vier Jahren.
2006 Die erste Salewa-Schuhkollektion verkauft in der ersten Saison über 50.000 Paar.
2007 Neue Niederlassungen in USA und Polen; Eröffnung mehrerer Läden in Korea.
2009 Salewa präsentiert die neue alpineXtrem Pro-Kollektion.
2010 Baubeginn des neuen Headquarters in Bozen.

 

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