Gore-Tex im Schuh: »Mit TÜV und Klimaanlage«
»Das Gore-Logo ist auch eine Art TÜV-Plakette«, sagt Christian Bahlow, Schuhexperte in der Globetrotter-Filiale Hamburg. »Natürlich sind die Modelle wasserdicht – aber darüber hinaus garantieren rigorose Qualitätskontrollen, dass ein Schuh mit Gore-Ausstattung auch sonst in der Champions League spielt.«
Über die klassischen Gore-Vorteile – »wasserdicht« und »atmungsaktiv« – ist W. L. Gore längst hinaus. Man bietet den Herstellern mittlerweile eine große Bandbreite an fertigen Materialkonzepten, mit denen sich Schuhe für jedweden Einsatzbereich ausrüsten lassen. Dabei arbeiten die Gore-Techniker eng mit den Designern zusammen.
Bevor ein Schuh in den Verkauf gelangt, muss er in den Gore-Labors einen wahren Prüfmarathon bestehen. »Bei unseren Tests offenbaren sich sämtliche Schwächen eines Schuhs. Alles, was mit unserem Laminat zu tun hat, aber auch Materialfehler oder schlecht verklebte Polsterschäume«, sagt Marc Peikert, Produktspezialist bei W. L. Gore.
Seine Lorbeeren hat Gore-Tex bei den Wander- und Trekkingschuhen gesammelt. Nach vielen Jahren der Forschung und einigen Rückschlägen gelang es 1980 erstmals, die wasserdichte und atmungsaktive Membran in einen Schuh einzubauen. Seither wurden die Fertigungsverfahren permanent weiterentwickelt, für jeden Schuhtyp gibt es die passende Methode (siehe Seite 73). Und: Gore-Tex Ausstattung ist heute in Schuhen aller Art zu finden – von Sandalen mal abgesehen ;-)
Wie kommt das? Klar, dass das Gore-Prinzip für Wander-, Winter- und Kinderschuhe ein Segen ist, braucht man niemandem zu erklären. Aber wieso verarbeiten immer mehr Hersteller das Laminat auch in Modellen für den vornehmlich »trockenen« Gebrauch, nämlich in Alltags-, Reise- und sogar Joggingschuhen?
Dazu Marc Peikert: »Die Gore-Tex Membrane selbst ist nie der limitierende Faktor für das Mikroklima in Schuhen. Viel entscheidender ist die richtige Auswahl der Materialien und deren Verarbeitung. Und genau das haben wir im Laufe der Jahre für verschiedenste Einsatzbereiche perfektioniert.«
Der Wohlfühl-Faktor entscheidet
Oft kann man gar nicht genau festmachen, warum man den einen Schuh begeistert trägt und den anderen weniger gerne. Tatsächlich wird dieser Wohlfühl-Faktor im Wesentlichen vom Klimakomfort des Schuhs bestimmt. »Feucht« heißt hier nicht zugleich »fröhlich«. Die Füße müssen trocken sein – und angenehm warm. Dabei ist das »Wohlfühlfenster« ziemlich klein: Die ideale Hauttemperatur liegt zwischen 28 und 32 Grad. Schon wenig außerhalb dieser Spanne wird es dem Fuß zu heiß oder zu kalt – er überhitzt oder friert und kühlt aus. Im Labor kann man dieses ungemütliche Fußklima wunderbar messen und in bunten Grafiken darstellen. Und natürlich drängt sich ein Gedanke auf: Um den Fuß konstant auf einer Temperatur zu halten, wäre doch eine Art Klimaautomatik im Schuh nicht schlecht.
Die Realität ist gar nicht weit weg: Zwar lässt sich ein Trekking- oder Joggingschuh nicht wie ein Auto mit einem praktischen Drehregler ausstatten (Rot = wärmer, Blau = kühler). Doch kann der Schuh-Designer je nach gewünschtem Einsatzbereich aus einem riesigen Sortiment an Gore-Materialen die passende Mischung aus Atmungsaktivität und Wärmeleistung auswählen. In der Praxis kommt das einer Klimaautomatik recht nahe.
Bei W. L. Gore meidet man den Vergleich mit der Klimaanlage, weil »in den Schuhen ja kein aktiv arbeitendes Gerät steckt, das die Temperatur reguliert«, so Marc Peikert. »Wir sprechen lieber von Klimakomfort, weil es darum geht, die Füße nicht nur angenehm warm zu halten, sondern auch trocken – und zwar von innen wie von außen.«

Aber wie funktioniert diese Wärme- und Feuchteregulierung? Das Grundprinzip ist einfach: Je kälter es ist und je geringer die Aktivität (Jagen, Angeln), desto stärker muss die Isolationsschicht eines Schuhs ausfallen. Bei warmer Umgebung und/oder intensiver körperlicher Belastung – zum Beispiel im geheizten Büro oder beim schweißtreibenden Jogging – sind dagegen eine besonders hohe Atmungsaktivität und das Ableiten der überschüssigen Wärme wichtig. Einen Spezialfall stellen Kinderschuhe dar: Kinderfüße haben genauso viele Schweißdrüsen wie die von Erwachsenen. Die Menge an Feuchtigkeit, die aus dem Schuh herausmuss, ist also ebenso groß, doch steht beim Kinderschuh für den Abtransport des Wasserdampfs eine wesentlich kleinere Oberfläche zur Verfügung – eine besondere Herausforderung an Design und Material.
Messwerte für über 20.000 Materialien
Schuhe mit Gore-Tex werden also nicht in einem 08/15-Verfahren, sondern von Fall zu Fall unterschiedlich konstruiert. W. L. Gore sieht sich dabei nicht als bloßer Lieferant, sondern als Partner der führenden Schuhhersteller. Ein ganzer Stab von Gore-Spezialisten steht den Designern zur Seite. Mit einem hauseigenen Simulationsprogramm, das auf Messwerte von über 20.000 Materialien zugreift, können die Eigenschaften eines künftigen Schuhs am Computer dargestellt werden. Aber nicht nur virtuell, auch in der Praxis prüft Gore alle verwendeten Materialien vom Schnürsenkel bis zu den Nähgarnen. Zum Beispiel darf das Obermaterial (Leder oder Textil) die Atmung der innen verarbeiteten Membran keinesfalls behindern. Auch die Gore-Membranen selbst bieten Variationsmöglichkeiten. Gore-Tex Schuhe mit XCR Produkttechnologie (steht für »eXtended Comfort Range«) werden grundsätzlich ohne zusätzliche Isolationsschicht verbaut. Mit ihrer exzellenten Atmungsaktivität sind sie erste Wahl für wärmere Temperaturen – Halbschuhe für die City, Kindermodelle für den Sommer – oder wenn es beim Sport richtig zur Sache geht, etwa beim Joggen. Die »Kühlung« durch hohen Wasserdampfdurchlass steht hier klar im Vordergrund – die Gore-typische Wasserdichtheit gibt‘s praktisch als Bonus dazu.
Ist statt Kühlung eher Heizung gefragt, kommen Futterlaminate mit speziellen Isolationsschichten zum Einsatz. Die Skala reicht hier vom bequemen Allroundschuh für Frühjahr und Herbst bis zum Hardcore-Winterstiefel. Wer bei großer Kälte lange draußen ist – zum Beispiel Musher, Expeditionsbergsteiger oder die netten Bügel-Anreicher am Skilift –, bekommt Gore-Schuhe mit einem bis zu 9 mm starken Futter aus Polyester und Wolle. Allerdings bietet die fette Isolationsschicht allein noch keine Wohlfühlgarantie: Selbst warme Füße kühlen schnell aus, wenn die entstehende Feuchtigkeit nicht abgeführt wird. Die extreme Aufgabe, den Schweiß durch eine fast zentimeterdicke Wärmeschicht abzutransportieren, bewältigt das Gore-Tex Sandwich souverän. Derzeit stellen sich die Gore-Forscher dem letzten Problem der alpinen Schuhwelt: dem Hartschalenschuh. Erste Innenschuhe für Skitourenstiefel gibt es bereits.
Die ständige Weiterentwicklung der Technologie und die rigorosen Qualitätskontrollen vom ersten Design bis zum fertigen Modell bedeuten für W. L. Gore einen unglaublichen Aufwand. Allein in den firmeneigenen Labors werden rund 18.000 Schuhe und 14.000 Materialien geprüft – jedes Jahr! Doch die Mühe lohnt. Nach 20 Jahren konsequenter Arbeit ist Gore-Tex unbestrittener Marktführer und arbeitet mit über 80 Schuhherstellern zusammen, die jährlich rund 20 Millionen Paar Schuhe mit Gore-Tex Ausstattung verkaufen. Allein Globetrotter Ausrüstung führt über 120 Modelle vom Running- über den Kinderschuh bis zum Expeditionsstiefel. Darunter sind namhafte Marken von A wie Aku über Hanwag, Lowa, Meindl, Merrell und Nike bis Z wie Zamberlan.
Von der riesigen Auswahl an Gore-Tex Modellen profitieren vor allem die Kunden: Sie können ihren idealen Schuh nach Einsatzbereich, Passform und persönlichen Vorlieben aussuchen. Für welchen sie sich auch entscheiden – sie bekommen garantiert einen sehr hochwertigen Schuh – mit »TÜV und Klimaanlage«.
4-Seasons Info
So kommt Gore-Tex in den Schuh
Auch bei der Einarbeitung von Gore-Tex in die Schuhmodelle gibt es verschiedene Möglichkeiten. Die Schuster können sich je nach Modell die bevorzugte Methode ausssuchen.
Bootie-Machart: aus dem Gore-Tex Futterlaminat wird zunächst eine Art wasserdichter Socken hergestellt und dieser dann in den Schuh eingearbeitet.
Offene Machart: Das Gore-Tex Futterlaminat ist bereits im Schaft fixiert, aber wie dieser nach unten offen. Beides zusammen wird an der Brandsohle fixiert und wie diese auf der Unterseite mit Spezialklebstoff (sogenanntem »reaktiven Hotmelt«) wasserdicht abgedichtet. Anschließend wird die bereits vorgefertigte Laufsohle aufgeklebt.
Direktbesohlung: Die Herstellung der Laufsohle und ihre Verbindung mit dem Schaft geschieht bei dieser Methode in einem Arbeitsschritt. Dabei wird der Schaft zusammen mit dem Gore-Tex Futterlaminat an die Brandsohle »gestrobelt«. Die Laufsohle wird dann in einer speziellen Maschine in flüssiger Form »angespritzt« und härtet anschließend aus. Dabei geht sie eine wasserdichte Verbindung mit dem Gore-Tex Futter ein.
15. November 2007, Text: Susanne Kern
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