Geheimtipp Soonwaldsteig
Ein paar Schritte noch, einige Meter über den Weg und aus dem dichten Wald hinaus über die Lichtung. Dann ist er da, der Blick auf den Rhein, das Ziel nach 85 Kilometern zu Fuß zum Greifen nah. In der Ferne zieht der Fluss blau schimmernd zwischen Rheinhessen und den Weinbergen des Rheingaus vorbei, bald wird man am Ufer stehen. Seit drei Tagen schlängelt sich der Weg von Kirn an der Nahe nach Bingen. Vorbei an Ruinen, einem Keltendorf, Schiefergruben und Rheinburgen. Mischwälder und weite Hochflächen wechseln mit tiefen Tälern.
Soonwald — nie gehört? Kann durchaus sein, denn als Wanderrevier ist die Region zwischen dem Hauptkamm des Hunsrücks und dem Nahetal ein Geheimtipp. Und einsam: In einem der größten Waldgebiete Deutschlands treffen Wanderer über zig Kilometer auf kein Haus, keine Straße, oft auch auf keinen Menschen.
Los geht´s mit einem geballten Einstieg in die Geschichte der Region. Vom Kirner Marktplatz mit seinen Fachwerkhäusern aus dem 16. bis 19. Jahrhundert zieht sich der Steig zum Steinkallenfels, auf dem gleich drei zerfallene Burgruinen an ihre wechselvolle Geschichte erinnern. Besser in Schuss ist das Schloss Wartenstein einige Kilometer weiter, dort können sich Besucher über den Naturpark Soonwald-Nahe informieren und auf der Aussichtsterrasse eine rundum waldige Aussicht genießen. Von hier windet sich der Weg beiderseits des idyllischen Hahnenbachtals und passiert die mehr als 1000 Jahre alte Schmidtburg mit Palas und Bergfried, eine große mittelalterliche Anlage auf einem schroffen Bergsporn. Burgen, nichts als Burgen könnte man denken … Aber es gibt mehr zu sehen: In einer Fossilienfundstätte stößt man auf 400 Millionen Jahre alte Relikte, ein paar Meter weiter lockt ein rekonstruiertes Keltendorf, das bisweilen sogar bewohnt ist.
Als »Premium-Wanderweg« ausgezeichnet
Am nächsten Tag geht es vom 900-Einwohner-Ort Bundenbach weiter über Gemünden — oft bequem durch lichte Eichenwäldchen, manchmal auch mit etwas Kraxelei: Der Teufelsfelsen klingt diabolischer, als er eigentlich ist. Der Anstieg zur Burgruine Koppenstein, ein markantes Wahrzeichen des Höhenzugs Großer Soon, ist da schon kerniger. In diesen Revieren lud auch der »Jäger aus Kurpfalz«, der Erbförster Friedrich Wilhelm Utsch, im 18. Jahrhundert seine Waffe durch. Er reitet als Titelheld des bekannten Volkslieds durch den grünen Wald. Später gingen hier Diplomaten auf die Pirsch, die vom nahen Bonn anreisten. Der Weg zur Ellerspring, mit 657 Metern die höchste Erhebung des Soonwalds, ist meist nur ein schmaler Pfad. Nicht nur auf diesen Kilometern wird deutlich, wie sehr sich die Planer bemühten, den Steig über naturbelassene Routen zu führen: Asphaltstücke sind die Ausnahme. Nur hinter Rheinböllen weicht der Weg etwas von seinem Credo »Naturnähe« ab. Er führt öfter über Forstwege als auf den übrigen Etappen. Das Konzept wird dennoch belohnt: Der Soonwaldsteig hat die hohen Hürden des Deutschen Wanderinstituts als Fernwanderweg gemeistert und wurde als Premiumweg ausgezeichnet.
Hinter dem Guldenbachtal beginnt schon der Endspurt durch den Binger Wald. Noch sind die Pfade einsam, aber ab der Gaststätte »Jägerhaus« sind immer mehr Ausflügler und Kindergruppen unterwegs. Kein Wunder: Kleine Wanderer können sich in der nahen Steckeschlääferklamm auf die Suche nach versteckten Gesichtern und Fratzen machen, die ein Künstler in die Baumstämme geschnitzt hat. Romantisch wird es im engen und steilen Morgenbachtal, bevor der teilweise mit Geländern gesicherte Eselspfad hinauf zu den Rheinhöhen führt. Direkt am Pfad ragt Burg Rheinstein mit ihren imposanten Mauern über den Fluss. Einst von den Preußen erbaut, wird sie heute von der Besitzerfamilie bewohnt und steht für Besichtigungen offen. Von der Terrasse des Burgrestaurants eröffnet sich ein grandioser Ausblick über das Rheintal mit dem Binger Mäuseturm. Bleibt zu hoffen, dass die letzten Kilometer hinab ans Ufer noch mal so richtig einsam sind.
4-Seasons Info
Einsamkeit am Soonwaldsteig
Trotz aller Abgeschiedenheit ist der Soonwaldsteig gut erreichbar. Mit der Bahn geht es bis Kirn und von Bingen zurück.
Länge & Etappen
Der Steig ist 85 Kilometer lang und in drei bis sechs Etappen — sportlich bis bequem — gut zu bewältigen.
Übernachten
Da der Steig über weite Strecken sehr einsam liegt (auf eine Gaststätte oder Hütte für die Mittagspause sollte man sich nicht auf allen Etappen verlassen), sollte man die Übernachtungen vorab planen. Mitunter ist ein Linienbus oder Taxi, das einen zum nächsten Ort mit Pension oder Campingplatz bringt, die beste Möglichkeit. Oft können sich Wanderer auch von ihren Gastgebern an einem vereinbarten Ort abholen lassen.
Wer es unkompliziert mag, kann auch ein Pauschalangebot buchen (siehe Infos), dabei sind verschieden lange Etappen und sogar der Transport des Trekkinggepäcks möglich.
Infos
Pauschalangebote und allgemeine Reiseinfos hält die Naheland-Touristik GmbH bereit, Tel. 06752/137 610, www.soonwaldsteig.de.
Auch die Rheinland-Pfalz Tourismus GmbH informiert: Tel. 0261/915 200, www.wanderwunder.info.
24. Mai 2012, Text: Andrea Löbbecke
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