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Die Schatzkammern der Erde

Foto: Markus Mauthe
Der Fotograf Markus Mauthe hat für Greenpeace in den vergangenen fünf Jahren die letzten intakten Urwaldregionen der Erde bereist. Derzeit ist er mit der dabei entstandenen Dokumentation »Planet der Wälder« auf Vortragstour. Ein Interview über die Schönheit der Natur – und deren Zerbrechlichkeit.

Warst du schon als Kind ein Naturbursche?

Auf jeden Fall hat mich das Baumhaus im Wald und die Bande des Nachbardorfs mehr fasziniert als der Fernseher.

 

Wie hast du die Landschaftsfotografie für dich entdeckt?

Ich habe früh begonnen zu reisen. Mit siebzehn bin ich per Inter-Rail nach Marokko, das war damals die große weite Welt. Und so etwas wie ein Aha-Erlebnis – seitdem üben fremde Kulturen, Natur und Landschaften eine große Faszination auf mich aus. Außerdem stamme ich aus einer Fotografenfamilie, da war mir dann sehr schnell klar, dass auch ich mit der Kamera mein Geld verdienen möchte – der nächste Schritt war nur noch, Beruf und Leidenschaft unter einen Hut zu bringen.

 

Woher rührt deine »grüne Gesinnung«?

Natürlich zunächst von meinem eher links geprägten Elternhaus; »grün sein« war Teil meiner Erziehung. Andererseits waren es hauptsächlich meine Reisen, die mich früh erkennen ließen, wie wunderbar die Erde ist. Und die Begeisterung war dann die Grundlage für meine Lebenseinstellung.

 

Bis zu deinem Projekt »Planet der Wälder« und der Zusammenarbeit mit Greenpeace war es aber ein langer Weg?

Lohn vieler Mühen – ein Kinderlächeln im Urwald Afrikas. | Foto: Markus Mauthe
Lohn vieler Mühen – ein Kinderlächeln im Urwald Afrikas. | Foto: Markus Mauthe
Über Jahre hinweg hatte ich mein Geld mit Diavorträgen über fremde Länder verdient. Das war ein idealer Weg, um zu reisen und gleichzeitig von der Fotografie leben zu können. Im Laufe der Zeit habe ich aber erkannt, dass es mir nicht mehr ausreicht, nur die Schönheiten des Globus zu zeigen. Ich hatte zu viel Naturzerstörung erlebt, um noch mit ruhigem Gewissen nur Prospekte von Reiseveranstaltern bei meinen Vortragsabenden zu verteilen. So reifte in mir die Idee, mit meinen Fähigkeiten als Fotograf, Autor und Referent dabei zu helfen, den Planeten zu erhalten. Die Initialzündung war dann ein Artikel im Greenpeace Magazin, in dem berichtet wurde, wie weit die weltweite Zerstörung der Urwälder bereits fortgeschritten ist. Das hat mich als alten Waldfreund zutiefst schockiert. Also bin ich in Hamburg bei Greenpeace vorstellig geworden und habe ihnen von meinen Ideen zur Umsetzung ihrer Waldkampagne in einem Medienprojekt erzählt.

 

Was verbirgt sich hinter der Waldkampagne?

Die Waldkampagne ist einer der Arbeitsschwerpunkte von Greenpeace. In über vierzig Ländern, in denen Greenpeace aktiv ist, wird daran gearbeitet, den Raubbau an den letzten Urwaldgebieten der Erde endlich zu stoppen. Das Konzept dahinter nennt sich »Die fantastischen Sieben«. Damit sind die letzten sieben großen Urwaldregionen der Erde gemeint. Fantastisch deshalb, weil sie zum einen einfach wunderschön sind, zum anderen aber auch ungemein wichtig. Neben den Meeren sind Urwälder die Ökosysteme mit der größten Artenvielfalt überhaupt. Sie sind regelrechte Schatzkammern des Lebens. Zu keiner Zeit in der Menschheitsgeschichte war der Druck auf diese Lebensräume höher als heute. Die Globalisierung zeigt in der Waldvernichtung eine ihrer hässlichsten Fratzen. Das Projekt »Planet der Wälder« will die Menschen für all das sensibilisieren, damit sich etwas ändert.

 

Wo und wie lange warst du dafür unterwegs?

Innerhalb der vergangenen fünf Jahre war ich auf insgesamt zehn Reisen in allen sieben Waldgebieten. Die kürzeste Reise war eine Woche, die längste drei Monate. Dabei bin ich durch die Tropenwälder in Amazonien, Afrika und Südostasien gewandert. Die gemäßigten Regenwälder habe ich in Patagonien und Kanada erkundet und die borealen (kalten) Wälder in Russland und Lappland bereist.

 

Wie bereitet man sich auf ein solches Mammut-Projekt vor?

Nach einem langen Winter explodiert die Natur Sibiriens förmlich über Nacht. | Foto: Markus Mauthe
Nach einem langen Winter explodiert die Natur Sibiriens förmlich über Nacht. | Foto: Markus Mauthe

Dieses Projekt ist nicht über Nacht entstanden. Und die Basis für die vertrauensvolle Zusammenarbeit mit Greenpeace musste auch erst geschaffen werden. Während ich schon von Anfang an Ideen für viele konkrete Projekte hatte, wurde ich erst mal mit einem einzelnen Auftrag getestet. Aus dem Kongo-Becken in Afrika gab es im Greenpeace-Bildarchiv kaum Aufnahmen. Und damals gab es in ganz Afrika auch noch kein Greenpeace-Büro, das hätte helfen können. So bin ich mit ein paar Telefonnummern bestückt in den Kongo geschickt worden. Mein Auftrag: aus dem zweitgrößten Tropenwald der Erde mit Fotos zurückzukehren, die sowohl die Schönheit als auch die Vernichtung dieser Region dokumentieren. Bis heute sind diese drei Monate der abenteuerlichste, grenzwertigste und schwierigste Fotoauftrag meines Lebens. Als ich damals in Kamerun ankam, hatte ich eine Kontaktperson, mit der ich vor Ort das Unternehmen gestaltet und geplant habe. Fast vier Wochen hat es dann gedauert, bis ich einen Wald zu Gesicht bekommen habe. Ich war am Ende meiner Kräfte, von Korruption und Hitze erschöpft – bin aber schließlich mit guten Fotos zurückgekommen. Ich habe in dieser Zeit gelernt, dass es oftmals besser ist, nur die Grundlagen vorher zu planen – wie eine gute Ausrüstung und eine lückenlose Gesundheitsvorsorge. Die meisten Inhalte ergeben sich dann vor Ort – sofern man sich im Klaren ist, welche Inhalte man mit nach Hause bringen will. Insofern war dieser Auftrag genug Vorbereitung für alles, was danach kam.

 

Hattest du schon zuvor Erfahrung mit ähnlich extremen Aufträgen?

Die Kongo-Expedition bedeutete schon eine neue Qualität. Ich bin zwar schon früher im Rwenzori-Gebirge oder am Kilimandscharo unterwegs gewesen, doch diese Trekkingtouren verliefen immer auf bestehenden Pfaden, auf denen auch andere Touristen unterwegs sind.

 
 

Bildergalerie: Die Schatzkammern der Erde

Welcher »Wald« hat dich am meisten beeindruckt?

Wenn man einen Wald hervorhebt, tut man allen anderen Gebieten Unrecht, denn jede der von mir bereisten Regionen ist mit ihren charakteristischen Eigenarten einzigartig. Trotzdem ist es wohl der Amazonas, der mich am nachhaltigsten beeindruckt hat. Der größte Tropenwald der Erde, das größte Flusssystem, die größte Artenvielfalt – Superlative gibt es für diese Region viele. Nirgends habe ich solch überschwängliche Vielfalt und Größe gesehen, und niemals hätte ich gedacht, dass Vernichtung der Natur in solch einem Ausmaß überhaupt möglich ist. Ich würde sagen, der Amazonas ist das Maß aller Dinge – im Guten wie im Schlechten.

 

Das größte Abenteuer unterwegs ...

Im Minkebe-Gebiet im Norden Gabuns sind wir 16 Tage durch ein Waldgebiet gelaufen, in dem keine Wege oder Pfade existierten. Offiziell, meinten meine damaligen Kameraden, seien wir sogar die ersten Menschen gewesen, die in diesem Teil der Wälder unterwegs waren. Dort war wirklich alles dabei, was man sich bei einer klassischen Expedition vorstellt. Drei Tage sind wir auf dem riesigen Ivindu-Fluss gepaddelt, dann haben wir uns zwei volle Tage mit der Machete durchs Dickicht geschlagen, bis meine Begleiter, alles Wildhüter aus der Region, bereit waren einzugestehen, dass sie sich verlaufen hatten. Grund dafür war, dass sie zwar das Satellitennavigationsgerät dabeihatten, die Koordinaten unserer Zielregion, nämlich die Inselberge, aber im Büro vergessen hatten. Eine Nadel im Heuhaufen wäre leichter zu finden gewesen. Also sind drei Männer den ganzen Weg zurückmarschiert, um die Koordinaten zu holen. Ich pflegte derweil meine acht Wespenstiche, die mich außer Gefecht gesetzt hatten. So konnte ich mich zwischen der tagsüber unerträglichen Hitze innerhalb des Zeltes und den schier unzähligen Insekten außerhalb entscheiden, um wieder zu Kräften zu kommen. Als die Wildhüter zurückkamen, haben wir die Berge recht zügig gefunden.

 

Sind Umweltschützer in der Dritten Welt willkommen?

Jedes Jahr schwinden Urwaldflächen drei Mal so groß wie die Schweiz. | Foto: Markus Mauthe
Jedes Jahr schwinden Urwaldflächen drei Mal so groß wie die Schweiz. | Foto: Markus Mauthe

In Amazonien sind Umweltschützer in permanenter Lebensgefahr. Als ich dort drei Wochen an der Greenpeace-Kampagne gegen die Soja-Mafia teilnahm, war das sehr spannend. Wir wurden als Terroristen beschimpft, verhaftet, mit Tränengas beschossen und mir ist ein Feuerwerkskörper gegen die Schulter geknallt. Doch das Risiko bleibt überschaubar, zumal man als Ausländer das Land nach einiger Zeit ohnehin wieder verlässt. Anders ist es für die Einheimischen, die müssen bleiben und sind in der Regel auch der Gegenseite bekannt. In den vergangenen Jahren ist jedes Jahr ein Umweltschützer umgebracht worden. Die Täter werden nur sehr selten zur Rechenschaft gezogen. Das Greenpeace-Büro in Manaus wirkt von außen wie ein Hochsicherheitsgefängnis mit Stacheldraht, Videoüberwachung, Wachmännern und hohen Mauern. In Indonesien kann der Mitarbeiter, der für die Waldkampagne zuständig ist, nicht mehr nach Borneo reisen, er hat zu viele Morddrohungen erhalten.

 

War auch dein Leben mal in Gefahr?

Nicht wirklich. In Papua-Neuguinea habe ich mir mal eine Tropenkrankheit eingefangen, die mir zwei Jahre Juckreiz bescherte. Knapp war es nur mit jenem besagten Feuerwerkskörper. Hätte der mich ins Auge getroffen, nicht auszudenken. Wenn man sich gut vorbereitet, und seine Grenzen kennt, kann man das Risiko zumindest überschaubar halten.

 

Gab es Momente, in denen du gedacht hast: Warum mache ich das bloß?

Die Korruption in Zentralafrika hat mir schwer zu schaffen gemacht. Wenn man das Gefühl hat, von allen, angefangen bei der Bank über den Zoll bis hin zur Polizei, ständig übers Ohr gehauen zu werden, kostet das schon richtig Kraft. Im Nachhinein ist das aber auch eine wichtige Erfahrung gewesen, die mich stärker gemacht hat.

 

Gab es ein Erlebnis, das alle Entbehrungen vergessen ließ?

Die Artenvielfalt der Urwälder wird nur vom Meer übertroffen. | Foto: Markus Mauthe
Die Artenvielfalt der Urwälder wird nur vom Meer übertroffen. | Foto: Markus Mauthe

Unzählige. Das macht diesen Job ja so unvergleichlich. Ich hatte das Privileg, einige der schönsten Flecken der Erde bewundern zu dürfen. Ich war an Orten, an denen nie zuvor ein Mensch gestanden hat, und bin Menschen begegnet, die noch immer im Einklang mit den natürlichen Kreisläufen der Erde leben. Wenn ich ein Erlebnis herausheben muss, dann ist es erneut die Minkebe-Expedition in Gabun. Als wir nach zwei Wochen Dschungelmarsch auf Bergen standen, die den Urwald bis zu 100 Meter überragten. Ich blickte in alle Richtungen bis zum Horizont auf bis dato unberührten Regenwald. Dieser Anblick hat mich für alle körperlichen Strapazen entschädigt und wird mir ein Leben lang im Gedächtnis bleiben.

 

Der Planet Mauthe

 

Markus Mauthe (Jahrgang 1969) ist gelernter Fotograf und hat durch seine Liebe zur Natur die Landschaftsfotografie für sich entdeckt. Seit vielen Jahren produziert er hochwertige Diavorträge, Kalender und Bildbände. Er zeigt die Schönheiten der Natur und macht gleichzeitig mit drastischen Bildern auf die Notwendigkeit ihres Erhalts aufmerksam. Seit einigen Jahren arbeitet er schwerpunktmäßig für die Ziele der Umweltschutzorganisation Greenpeace. Nach der Publikation seines Bildbandes »Planet der Wälder«, zu dem der Biologe Thomas Henningsen viele Hintergrundinfos beigesteuert hat, tourt Mauthe mit einem Multivisionsvortrag zum Thema durch die Lande. Um maximal viele Zuschauer zu erreichen, übernimmt dabei oft Greenpeace die Zeche. Weitere Infos unter www.markus-mauthe.de. Der Bildband selbst ist bei Globetrotter unter der Bestellnummer buk-58-804 für 39,90 € erhältlich. Wenn Markus Mauthe nicht monatelang in den Wäldern der Welt unterwegs ist, lebt er in Friedrichshafen am Bodensee.
 

 

Wie hast du den Zustand der Wälder erlebt?

Der Zustand der Wälder ist miserabel. Das ist leider keine Plattitüde. Ich habe es mit eigenen Augen gesehen. Brennende Rodungsflächen, aus der Luft und vor Ort. Ich habe erlebt, wie riesige, in Jahrhunderten gewachsene Bäume gefällt werden. Global gesehen sind schon 80 Prozent aller Urwälder vernichtet oder in Wirtschaftswälder verwandelt worden. In einer schnell wachsenden Weltwirtschaft nimmt auch der Druck auf die letzten unberührten Ökosysteme immer stärker zu. Wir verbrauchen immer mehr Papier und das wird nun mal aus dem Zellstoff der Bäume produziert. Doch oftmals wird der Urwald nicht einmal genutzt, sondern muss für Anbauflächen für Soja, Palmöl oder zur Gewinnung von Rinderweiden weichen.

 

Sind alle sieben Urwaldgebiete ernsthaft bedroht?

Ich denke, es gibt heute kaum noch einen Fleck, der nicht schon von einem Energie-, Minen-, Holz- oder Agrarkonzern auf möglichen Profit durchleuchtet wurde. Speziell die Zerstörung der Wälder habe ich überall mit eigenen Augen gesehen, daher würde ich sagen, ja, alle Gebiete sind bedroht.

 

Könnten wir denn ohne sie leben?

Kann ein Mensch mit geschädigter Lunge existieren? Mit einem Bein? Ohne Augenlicht? Die Frage ist doch: Wollen wir auf einer amputierten Erde leben? Eines habe ich in den letzten fünf Jahren auf alle Fälle gelernt: Unser Planet funktioniert wie ein Organismus, auf dem alles irgendwie miteinander verknüpft ist. Seit Mitte der 80er Jahre entnimmt der Mensch der Erde mehr Rohstoffe, als sie reproduzieren kann. Wir leben seitdem auf Pump. Mit der Vernichtung der Urwälder verschwindet der Großteil der Artenvielfalt und der Klimawandel wird beschleunigt – was wiederum zur Reduzierung der natürlichen Ressourcen führt, die eine rasch wachsende Menschheit aber mehr denn je braucht. Ein Teufelskreis, den es zu durchbrechen gilt.

 

Was sind die zerstörerischsten Einflüsse auf die Urwälder?

88 Länder haben bereits ihren gesamten Urwald zerstört. | Foto: Markus Mauthe
88 Länder haben bereits ihren gesamten Urwald zerstört. | Foto: Markus Mauthe

In Indonesien werden momentan Millionen Hektar Regenwald vernichtet, um darauf Palmölplantagen anzulegen. In Brasilien ist es Soja oder Mais. Diese Pflanzen sollen die steigende Nachfrage an Biosprit decken. Immerhin ist jetzt Deutschland gerade davon abgerückt, dem Benzin mehr Biosprit beizumischen. Das Ganze muss man sich mal bewusst machen: Der Wald, der sehr viel mehr zur Reduzierung des Treibhausgases beigetragen hätte, wird abgeholzt, damit unsere Autos mit Biosprit fahren können. Weltweit gesehen ist das Problem auf keinen Fall der Kleinbauer in Nicaragua, der einen Teil seines Waldes rodet, sondern unser westlicher Lebensstil. Wir als Konsumenten sind mitverantwortlich. Im Positiven wie im Negativen. Jeder spricht heute von Klimawandel – meiner Meinung nach zwar 20 Jahre zu spät –, aber immerhin. Als ich mit dem Waldprojekt begonnen habe, war mir auch nicht bewusst, wie eng Wald- und Klimaschutz miteinander verknüpft sind. Fast ein Fünftel aller vom Menschen in die Luft geblasenen Treibhausgase rühren daher, dass wir unsere letzten Urwälder verbrennen.

 

Deprimiert dich dieses Wissen nicht enorm?

Ja. Trotzdem ist es noch nicht zu spät. Der Einsatz für die Erde ist vielleicht eines der wirklich letzten großen Abenteuer unserer Zeit. Das macht Spaß und gibt Kraft, besonders wenn man mal wieder Erfolge vermelden kann.

 

Wie gehst du mit dem, was du erlebt hast, generell um?

Mit der Jetzt-erst-recht-Attitüde. Es ist in der Tat so, dass man unter der Last zusammenbrechen könnte, wenn man sich wirklich vor Augen führt, was in der Welt so passiert. Doch das kommt nicht in Frage. Die kommenden 10 bis 15 Jahre werden entscheidend sein, ob es der Menschheit gelingt, die Weichen für eine lebenswerte Zukunft zu stellen oder ob der Klimawandel komplett außer Kontrolle gerät. Ich habe einen Sohn. Er steht für mich symbolisch für alle, die noch länger auf dieser Erde leben werden. Vor ihm möchte ich später erhobenen Hauptes stehen und sagen können, dass ich zumindest in meinem kleinen Lebenskreis mein Möglichstes versucht habe.

 

In British Columbia hat der Stamm der Nuxalk mit Unterstützung von Greenpeace erreicht, dass 1,8 Millionen Hektar des Great Bear Rainforest unter Schutz gestellt wurden. Zeigt dieser Erfolg nicht auch, dass ein Umdenken stattfindet?

Zwar ist es gelungen, in den letzten Jahren durch intensive Kampagnenarbeit große Waldgebiete unter Schutz zu stellen, doch was nützt dies letztlich, wenn durch den Klimawandel Permafrostböden auftauen, sich Klimazonen verschieben und dadurch viele der komplexen Beziehungsgeflechte in der Natur aus dem Gleichgewicht geraten. Die benötigte Revolution, das gemeinschaftliche Gegensteuern einer geeinten Menschheit als Antwort auf die Herausforderungen blieb bislang aus.

 

Du bist derzeit unterwegs mit deinem Vortrag »Planet der Wälder«. Wie ist die Resonanz?

Ermutigend. Viele danken mir nach der Show und wünschen mir Kraft. Oft höre ich auch den Satz, dass es mehr Leute wie mich geben sollte, die sich für die Natur einsetzen.

 

Dein Vortrag und das Buch machen gehörig Lust, die Wildnis einmal selbst zu erleben. Welche Wälder kann man ohne große Schwierigkeiten besichtigen?

Mit den Wäldern verschwindet auch der Lebensraum seiner Bewohner. | Foto: Markus Mauthe
Mit den Wäldern verschwindet auch der Lebensraum seiner Bewohner. | Foto: Markus Mauthe

Ausgehend von den Gebieten, die ich im Projekt vorstelle, sind es sicherlich die Wälder im finnischen Teil von Lappland. Die Gegend um den Inarisee ist touristisch erschlossen und von Deutschland aus leicht zu erreichen. Lappland im September, wenn sich die Blätter färben, ist zauberhaft. Etwas abenteuerlicher, aber durchaus zu bereisen, sind der Gunung-Mulu-Nationalpark im malayischen Teil von Borneo, die Region um Bella Bella im kanadischen Great Bear Rainforest und die Anden in Patagonien.

 

Wie gehst du mit diesem Spannungsfeld, einerseits etwas für den Umweltschutz zu tun, andererseits Lust auf Reisen zu machen, um?

Meine persönliche Ökobilanz ist natürlich aufgrund meiner vielen Reisen und der endlosen Vortragstouren verheerend. Ich glaube aber, dass immer der »Input« und das »Outcome« ins Verhältnis gesetzt werden müssen. Würde ich nicht reisen, könnte ich auch nicht für die Erhaltung der Wälder einstehen. Denn ich hätte weder das erlebte Know-how noch die Werkzeuge, die nötig sind, um die Menschen für Natur zu begeistern und ein langfristiges Umdenken zu bewirken. Ich reise selber leidenschaftlich gerne und würde mir nie anmaßen, jemand anderen davon abzuhalten. In manchen Ländern würde es ohne einen Ökotourismus gar keine Wildnis mehr geben. Und Menschen, die Wildnis selbst erlebt haben, sind in der Regel auch schneller bereit, sich für deren Erhalt einzusetzen – so einfach ist das.

 

Früher hat man versucht, mit drastischen Bildern aufzurütteln. Heute preist man lieber die Schönheit der Natur. Ist dies wirkungsvoller?

Das Leben der Anderen – Mauthe porträtiert auch den Alltag der Waldbewohner. | Foto: Markus Mauthe
Das Leben der Anderen – Mauthe porträtiert auch den Alltag der Waldbewohner. | Foto: Markus Mauthe

Meines Erachtens ja. Man muss die Menschen begeistern, um sie zum Mitmachen zu bewegen. Was nützen mir 150 völlig deprimierte Zuschauer, die mit dem Gefühl nach Hause gehen, dass sowieso schon alles zu spät ist. 80 Prozent meiner Arbeit zeigt, auf was für einem grandiosen Planeten wir leben, zeigt, dass es sich lohnt, dafür einzustehen. Den Leuten aber nur die heile Welt zu zeigen, lehne ich inzwischen als unverantwortlich ab.

 

 

 

Was gibst du deinen Zuschauern mit auf den Weg?

Dass es Zeit ist, Verantwortung für unser Handeln zu übernehmen. Dass jeder Einzelne etwas dazu beitragen kann, und zwar ohne dabei seinen Lebensstil aufgeben zu müssen. Schon kleine Änderungen im Alltag, zum Beispiel bei unserem Kaufverhalten, können Druck von den Ökosystemen nehmen. Wenn viele Menschen kleine Dinge tun, werden daraus große Bewegungen und diese werden zum Vorbild für andere. Der Kampf gegen den Klimawandel kann nur gewonnen werden, wenn die Bewegung von der breiten Masse der Menschen mitgetragen wird. Kein Konzern wird klimaschädliche Produkte herstellen, wenn diese nicht mehr gekauft werden. Wir haben so viel Macht als Konsumenten, nutzen sie aber leider überhaupt nicht aus.

 

Was wirst du tun, wenn deine Vortragsreise vorbei ist?

Meine Tour wird mich noch bis Ende 2009 durch viele deutschsprachige Städte führen. Im Moment bin ich dabei, ein Nachfolgeprojekt zu erarbeiten. Ich hoffe, dass ich dies wieder in enger Zusammenarbeit mit Greenpeace umsetzen kann. Ich bin froh, dass ich in deren Gemeinschaft meine ideologische Heimat gefunden habe. Auf jeden Fall möchte ich das Thema Klimawandel als zentrales Infothema behalten, denn es gab in der Menschheitsgeschichte nie ein Problem, das wichtiger war.

 

4-Seasons Info
 

Markus Mauthes 10-Punkte-Plan für einen besseren Planeten

 

So können Globetrotter im Alltag und unterwegs gelebten Umweltschutz praktizieren. Die einzelnen Tipps muten zum Teil banal an, doch in der Summe und von einem Großteil der Bevölkerung verinnerlicht, sind sie ein großer Schritt in Richtung Erhalt des Planeten – also worauf warten Sie noch?

 

1. Sich selbst bewusst werden, dass unsere Erde ein Problem hat, welches in Form des Klimawandels viele andere Probleme mit sich bringt.

2. Sich Grundwissen aneignen, um die Thematik zu verstehen. So ist das Buch »Eine unbequeme Wahrheit« von Al Gore sehr zu empfehlen. Es bringt das Thema verständlich auf den Punkt und spart keinen Aspekt aus.

3. Produkte aus Recyclingpapier kaufen. Schont die letzten Urwälder und verbessert die Klima-bilanz.

4. Seinen Fleischkonsum überdenken. Fleisch ist extrem klimaschädlich, da für die riesigen Mengen, die heute konsumiert werden, ganze Ökosysteme zerstört werden.

5. Auf Ökostrom umsteigen. Denn den erneuerbaren Energien gehört die Zukunft und vieles davon funktioniert schon heute reibungslos.

6. Zum Ausgleich von Emissionen, die bei Flugreisen entstehen, eine freiwillige Abgabe bei www.atmosfair.de entrichten. Das Geld wird in Solar-, Wasserkraft-, Biomasse- oder Energiesparprojekte investiert, um dort die Menge Treibhausgase einzusparen, die Ihre Flugreise verursacht.

7. Bio-Lebensmittel kaufen – saisonal und lokal. Produkte meiden, die um die halbe Welt geflogen werden müssen.

8. Strom sparen durch die Verwendung von Energiesparlampen. Geräten auf Standby per ausschaltbarer Mehrfachsteckerleiste (gibt es sogar mit Fußschalter, so dass man sich nicht mal mehr bücken braucht) den Saft rauben.

9. Aktiv werden. Umweltorganisationen finanziell unterstützen oder selbst ehrenamtlich mithelfen.

10. Mit möglichst vielen Menschen über den Klimawandel reden und so auch im Freundeskreis und beim Nachbarn ein Bewusstsein für die Problematik schaffen.