Der Tüftler von Ullersdorf
Als ich Olaf Grunwald in Dresden zum Interview treffe, kommt er gleich zur Sache: Etwas ausgedacht habe er sich für sein Feathercraft-Faltboot, das müsse er aber am Objekt vorführen, sonst verstehe man es vielleicht nicht. Andererseits sind es noch 25 Autominuten zu seinem Haus in Ullersdorf, da fängt er doch lieber gleich an zu erklären.
Knapp zwei Meter ist der gelernte Feinmechaniker groß, 100 Kilo wiegt er, und die fangen jetzt an zu vibrieren: Wenn man beim Feathercraft mal einen der Luftschläuche rausziehen muss, reparaturhalber, bringt man ihn nur unter Mühen wieder in die Bordwand rein. Das hat Olaf gewurmt – bis er am Ende des Luftschlauches eine Öse entdeckte. Wenn man in die einen Pinn stecken würde, aus Messing vielleicht, und den Pinn wiederum vorne an einem Stock befestigt, dann könnte man den Schlauch ganz leicht wieder in die Bordwand einführen.
Nur: Wo nimmt man »im Busch« (O-Ton Olaf) einen Stock her, der weder Boot noch Schlauch verletzt? Die Lösung: Man nimmt gar keinen Stock, sondern eine Stange aus dem Alugerüst des Bootes. Und damit nichts kaputt geht, hat Olaf gleich noch eine kleine Ummantelung für den Übergang von Pinn zu Stange nähen lassen, von Freund Toralf Schuhmann. Der hatte, ehe er bei Globetrotter anfing, eine Sattlerei und kann sowas. Toralf muss ganz schön oft ran.
Bis heute 260 Erfindungen
Getüftelt hat Olaf Grunwald »schon immer«. Mit acht Jahren begann der heute 33-jährige, Buch (oder besser: Heft) über seine Erfindungen zu führen. Das Heft ist immer noch dasselbe, der letzte Eintrag trägt die Nummer 260. Der erste Eintrag liest sich so: »Schlitten (Badewanne)«. Des Rätsels Lösung: Der frühe Grunwald hatte eine alte Wanne gefunden, an der er unten zwei Skis befestigte. Einen dritten Ski verband er mit einer Lenkvorrichtung. Gefahren ist er seinen Erstling nie. »Die Mutter meinte, das sei zu gefährlich, also hat der Vater es probiert. Und da hat es kracks gemacht!« Sagt's, springt von der Hollywood-Schaukel und verschwindet in den Tiefen des Hauses, das er sich mit seinem Vater, von Beruf Mathematiker, und der Schildkröte Nofretete (22) teilt. Die hat oben im Dachgeschoss ihren Platz, in Olafs Wohnzimmer, gleich neben dem runden Tisch und der großen US-Flagge. Der Star Sprangled Banner »steht ganz allgemein für Freiheit«, als Land der unbegrenzten Outdoor-Möglichkeiten betrachtet Olaf aber Schweden.
Olaf baut und baut und baut
Er hat einen Hefter voller Zeichnungen auf die Veranda mitgebracht. Alle sind mit Lineal angefertigt, manche auf Millimeter-Papier. Da gibt es U-Boote und Sportwagen, Surfbretter und Ballons, Schlitten und Tauchuhren, alles eben, was der junge Grunwald in Zeitungen und Zeitschriften entdeckte und seine Fantasie beflügelte. Wann immer es ging, hat er versucht, die Fantasie ins Reale zu übertragen. »Ich bin Praktiker«, sagt er. Erst wenn er mit den eigenen Händen scheitert, kann er Abstand von einem Projekt nehmen. Wie damals im alten Haus in Dresden, wo er ein U-Boot bauen wollte. Als Produktionsstätte diente der Flur, und erst als der komplett von einem Lattengerüst eingenommen wurde, ließ Olaf sich von seinen Eltern überzeugen, dass die Sache sich doch etwas zu komplex gestaltete.
Als nicht zu komplex erwies sich der Innenausbau des neuen Hauses. Den haben Olaf und sein Vater alleine besorgt; seit 1994 leben sie hier in der 150-Einwohner-Ortschaft Ullersdorf, eine Viertelstunde vom Elbsandsteingebirge entfernt. 1994 war es auch, als Olaf bei Globetrotter anfing. Als guter Kunde hatte er schon oft beobachtet, dass da ein Transporter kam und Ware aus Hamburg brachte. Auf der Rückfahrt ist der also leer, spekulierte er. Ob er da mit seinem Fahrrad mit nach Hamburg fahren könnte und von dort weiter nach Lübeck und Schweden, wo er auf Tour gehen wollte? Er fragte beim damaligen Globetrotter Dresden-Chef Klaus Weichbrodt nach, und der stimmte zu. Im Gegenzug fragte Olaf, ob er Globetrotter etwas Gutes tun könne. »Kannst du uns eine Pinnwand bauen?«, fragte Weichbrodt. Olaf konnte. 1,30 auf 2 Meter, mit einem schönen Rahmen drumherum, sauber mit Kork beklebt und befestigt mit acht Dübeln, »ich wollte auf der sicheren Seite sein.«
Das muss nachhaltigen Eindruck hinterlassen haben, denn wenig später fing der bärtige Hüne bei Globetrotter an, als Handwerker und Verkäufer in Personalunion. Eine Ladentheke hat er gebaut, meterweise Regale, Schränke, Fächer, und er baut immer weiter. Als Verkäufer ist er für die Bereiche Navigation, Kocher und Kleinteile wie Messer oder Weltempfänger und »die Esserei« zuständig.
Navigation ist Olafs Steckenpferd. Da hat er sich begeistert draufgestürzt, und wenn es sein muss, fährt er nach Feierabend mit einem Kunden in den Wald und erklärt ihm die Unterschiede der verschiedenen GPS-Geräte und Kompasse im Feldversuch. »Mein Ziel ist es, dass jeder Kunde genau das bekommt, was er am besten gebrauchen kann. Ich frage nicht: Was wollen Sie denn anlegen? Ich frage: Was haben Sie denn damit vor? Und wenn der nach Australien will, dann bekommt der von mir eben keinen Kompass, mit dem er auf der Südhalbkugel gar nichts anfangen kann.« So wie Olaf das sagt, klingt das schon fast nach einer Mission.
Main und Rhein in einem Aufwasch
Mit dem gleichen Anspruch optimiert er auch seine Ausrüstung. Manchmal bastelt er auch etwas, nur um zu sehen, ob er es kann. Zum Beispiel die Harpune von 1988, mit der noch nie auf einen Fisch geschossen wurde (»funktioniert aber!«). Oder er baut etwas nach, das es a.) nicht mehr gibt; das er b.) aber gut findet. Wie diesen Bootswagen von Klepper. Von dem hatte Olaf nur ein Foto, das er vergrößert und vermessen hat, und nach dieser Vorlage hat er dann gebaut – »allerdings hab' ich etwas dickere Reifen genommen«, grinst er. Getestet wird auf Tour. Das Material muss einiges aushalten bei einem, der die 650 Elbe-Kilometer von Dresden nach Hamburg in 10 Tagen paddelte, zusammen mit seinem Kollegen Timothy Riches von der Hamburger Filiale. Olaf nahm auch schon mal ohne Vorbereitung am Hamburger Radmarathon teil und packte die 170 Kilometer knapp unter den geforderten fünf Stunden und 50 Minuten – allerdings nicht per Rennrad, sondern mit dem Mountain Bike.
Woher kommt diese Kondition? Vielleicht daher, dass Olaf sich erst als 28-jähriger motorisiert hat, in Form eines 50 Kubik-Rollers, mit dem er gerne zur Arbeit fährt. Seinen Renault Twingo hat er sich erst Ende '98 gekauft. Diesen August wird er mit ihm nach Wertheim fahren. Da will er zwei Projekte zu Ende bringen: seine Main- und seine Rheinbefahrung. Den Main hat er bis Wertheim schon hinter sich, die 500 Rhein-Kilometer vom Bodensee bis zur Mündung des Mains auch. Wenn er jetzt also ab Wertheim auf dem Main bis zum Rhein und diesem bis ans Meer folgt, hat er beide Flüsse in der Tasche.
Auf dieser Tour werden auch wieder jede Menge von Olafs Erfindungen zum Einsatz kommen: Etwa sein selbst entworfenes Paddel-Float, das sich mittels Kohlendioxid-Patrone aufbläst und so nach einer eventuellen Kenterung den Wiedereinstieg erleichtert. Gleichzeitig leert seine elektrische Lenzpumpe schon einmal das Boot.
Auf den Spuren Lindemanns
Den Startimpuls kann Olaf nämlich schon vom Wasser aus geben: per Drahtauslöser. Den Strom liefert ein wasserdicht verpackter Bohrmaschinen-Akku. Ebenfalls an Bord ist ein Treibanker, der das Boot in stürmischem Gewässer stabilisieren soll. So ein Treibanker ist zwar nichts Neues, muss aber schon deswegen her, weil Olafs Idol Hannes Lindemann auch einen hatte, als er 1956 den Atlantik im Faltboot überquerte. Für eine Tour auf dem Rhein mag dieses Equipment übertrieben scheinen, doch seit seiner ersten Solo-Paddeltour möchte Olaf für alle Fälle gerüstet sein. Er unternahm sie 1990 in einer bitterkalten Märzwoche auf der Spree und kenterte in einer Stufe, aus der er nur mit letzter Kraft entkam. In Unterhosen, Socken und Gore-Tex-Jacke lief er flußabwärts zu einem Kraftwerk, wo man ihm erklärte, er sei keineswegs der erste Paddler, der hier vorspricht. Die Feuerwehr fischte schließlich Boot und Ausrüstung aus dem Fluss – und weiter ging die Tour.
Ist eigentlich je eine von Olafs Erfindungen in Serie gegangen? – Hm, bis jetzt nicht. Vor einer Weile hat er an Feathercraft geschrieben und das Pinn-/Stange-System vorgestellt. Die Antwort: Vielen Dank für den Vorschlag, aber man benutze in der Werkstatt schon ein ganz ähnliches Teil. »Und im Busch?«, fragt sich Olaf jetzt. »Wäre doch praktisch, wenn man den Pinn den Booten serienmäßig beilegen würde.«
Aber was soll's – Erfindung Nummer 261 ist bei Olaf Grunwald bestimmt schon in der Mache.
15. Mai 2002, Text: Gunnar Homann
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