Dem die Wölfe folgen
Ich war etwa 15 Jahre nicht in Russland. Und das, obwohl ich während meiner Studienzeit in der ehemaligen Sowjetunion die wohl glücklichsten und unbeschwertesten Jahre meines Lebens verbracht habe. Dass ich nun doch im September 2010 auf dem ehemaligen Militärflughafen von Moskau Domodedowo stehe, habe ich meiner Liebe zu den Wölfen zu verdanken. Ich bin kein Experte und meine Beziehung zu den Wölfen trägt eher emotionalen, als rationalen, wissenschaftlichen Charakter. Meine Erlebnisse lassen sich in die Worte des Tierfilmers Jim Dutcher fassen: »I was honored to have earned their trust«.
Seit zehn Jahren engagiere ich mich für den Schutz dieser wunderbaren Geschöpfe. Und obwohl ich schon in Schweden, Polen, Deutschland, Kanada und den USA auf der Suche nach Wölfen war, hatten sich meine Wolfsbegegnungen außerhalb von Tierparks auf das Auffinden von Spuren, Wolfslosung, dem nächtlichen, sehnsuchtsvollen Lauschen von Wolfsgeheul und die kurze Begegnung beim Einfangen und »Besendern« des ersten deutschen Wolfsrudels, bei dem sich die Welpen dann leider als Hybriden heraus gestellt haben, beschränkt.
Französisches Flair in der russischen Provinz
Über die Gesellschaft zum Schutz der Wölfe hatte ich von Vladimir Bogolov und seinem Wolfsprojekt in Russland gehört. Dann hatte ich mich per Internet für ein Volunteering beworben und eine positive Antwort bekommen.
Von Moskau geht es in die 400 Kilometer westlich gelegene Region Tver, ein wenig besiedeltes Gebiet mit nur 16 Einwohnern pro Quadratkilometer. Belkovo ist ein typisches russisches Dorf, in dem aber heute nur noch sechs, vor allem alte Menschen leben. Arbeitsplätze, Einkaufsmöglichkeiten, Schule, Kindergarten — all das gibt es nicht mehr. Also bleiben nur die Alten, die von ihrer kargen Rente, ein paar Hühnern, vielleicht einer Kuh und ein, zwei Schafen leben müssen. Ein kleines Stück Land wird, wenn vorhanden, mit dem Pferd bewirtschaftet. Eine dieser sechs ist die französische Biologin Laetitia Becker, die inzwischen in Russland lebt und ein kleines Gehöft erworben hat. In einem weiteren Haus im Dorf leben und arbeiten zeitweise Studenten, die Praktika absolvieren oder an ihrer Diplomarbeit arbeiten. Allen gemein ist, dass die Wölfe sie hierher geführt haben.
In Russland ist die Jagd auf Wölfe ganzjährig erlaubt. Es gibt einen Markt für Wolfswelpen, die von Jägern aus den Wurfhöhlen gestohlen und über das Internet angeboten werden. Gekauft werden diese Welpen oft von reichen Russen, die es als schick ansehen, einen Wolf im Haus zu halten. Das geht kurze Zeit gut, solange das »Wölfchen« ein niedliches Kuscheltier ist. Spätestens wenn die Tiere geschlechtsreif werden, entstehen Probleme, die meist mit Gift oder einer Kugel gelöst werden. Vladimir »Volodja« Bogolov kauft Welpen auf, zieht sie groß und wildert sie wieder aus. In der Regel muss er sie zunächst medizinisch versorgen, da die Jäger die Welpen zu früh weg holen und sie nicht über die Muttermilch die für ein Wolfsleben notwendigen Abwehrstoffe bekommen.
Volodja und Laetitia arbeiten an alternativen Schutzmöglichkeiten, die helfen sollen, Übergriffe auf Nutztiere zu verhindern. Sie möchten weiter wissen, ob Beutegreifer, die Kontakt zu Menschen hatten, wieder ausgewildert werden können und welche Bedingungen dazu erforderlich sind. Wenn man bedenkt, dass es zum Beispiel nur noch etwa 400 sibirische Amurtiger oder 80 bis 150 Iberische Luchse in freier Wildbahn gibt, so könnte dieses Forschungsprojekt in Zukunft große Bedeutung erlangen. Tiere aus Zoologischen Gärten könnten in ihrem ursprünglichen Lebensraum wieder angesiedelt werden. Vorausgesetzt die Menschen wollen es und ändern ihr Verhalten gegenüber »Mutter Erde« nachhaltig.
Laetitia bringt Conrad, einen französischen Volunteer, und mich in eine kleine Waldhütte direkt neben dem Wolfsgehege. In diesem Gehege leben eine graue Wölfin — Laetitia hat sie Miercoles genannt — und ein schwarzer Timberwolf aus Kanada, Bonus. Auch dieser wurde nicht artgerecht gehalten. Auswildern kann ihn Volodja nicht — die genetische Reinheit der russischen Wölfe würde gestört. Bonus hält scheu Abstand. Die Hütte soll in den nächsten drei Wochen unser Zuhause sein. Ich schlafe auf dem Boden auf meiner Isomatte.
Laetitia erlaubt uns zunächst nicht, ins Wolfsgehege zu gehen. Also erste Kontaktaufnahme durch den Zaun. Miercoles versucht, mir das Gesicht zu lecken. Ich bin fasziniert. Schon in der ersten Nacht heulen in unserer unmittelbaren Nähe die Wölfe. Es stellt sich heraus, dass die letzten drei ausgewilderten Wölfe, die von Miercoles adoptiert worden waren, noch regelmäßig jeden Abend zum Gehege kommen, Schnauzenkontakt pflegen und gemeinsam heulen.
Ich verbringe nun täglich Zeit am Gehege und spreche mit der Grauen. Durch den Zaun berühre ich sie und sie genießt sichtlich die Liebkosungen. Von Zeit zu Zeit sehe ich Schatten durch das Gebüsch huschen — die drei Wölfe sind offensichtlich ständig in der Nähe. Wenn das abendliche Heulen durch die Wälder schallt, schlafen wir ruhig — kein anderer Mensch ist im Wald.
4-Seasons Info
Buchtipp: Wilde Wölfe
Ian McAllister lebt auf einer Insel mitten im Great Bear Rainforest an der kanadischen Pazifikküste. Dort setzt er sich seit 20 Jahren für den Erhalt des Regenwaldes und der dort lebenden Tiere ein. Für sein Buch »Wilde Wölfe« beobachtete er die Rudel über mehrere Jahre hinweg und zeichnet ein sachliches und aufgeklärtes Bild vom Wolf. Mit vielen Hintergrundinformationen, wissenschaftlichen Fakten und vor allem spannenden Erzählepisoden hält McAllister ein leidenschaftliches Plädoyer für die Rettung dieser beeindruckenden Raubtiere.
Ian McAllister. Wilde Wölfe — mein Leben mit den letzten ihrer Art in Kanada. Malik National Geographic, ISBN: 9783492404389
Wer hat Angst vorm bösen Wolf?
Conrad und ich verbringen die ersten Tage auf »Patrouille«: Wir laufen durch die Dörfer und Wälder und halten nach Spuren Ausschau. Wir finden die Spuren von Reh- und Rotwild, Elchen, Bären und natürlich von Wölfen. Eigenartig ist nur, dass kurze Zeit, nachdem wir durch ein Dorf gegangen sind, Anrufe bei Laetitia eingehen und die Leute von Wolfssichtungen berichten. Ob die drei uns folgen? Zu diesem Zeitpunkt glaube ich noch nicht an solche Geschichten. Davon gibt es viele in russischen Dörfern: Eine alte Frau aus dem Dorf erzählt mir, dass ein Wolf versucht hat, ihr eine Schüssel aus der Hand zu reißen — an einem Ende hätte sie gezogen, am anderen Ende der Wolf.
Wahr oder nicht, zumindest haben die Dorfbewohner keine Angst vor den Wölfen. Sie fürchten zwar um ihr Vieh, aber Angriffe auf Menschen — undenkbar. Trotzdem hat auch in Russland der Wolf immer noch den Ruf des »Bösen«. Anders als der Bär, den man hier liebevoll »Mischka« nennt und dem man Dummheiten wie geplünderte Bienenstöcke oder zerstörte Apfelgärten schon mal verzeiht.
In unmittelbarer Nachbarschaft des Hauses, in dem die Studenten wohnen und arbeiten, lebt der alte Iwan mit seiner »Troika« — einem Pferd, mit dem er auch das Feld bestellt und zwei Schafen. Die Troika ist ständig zusammen — voran zieht das Pferd und brav folgen die Schafe. Die drei sind der ganze Reichtum des Alten. Tagsüber lässt er sie draußen frei laufen. Und wieder sind uns die Wölfe offensichtlich gefolgt. Während wir im Haus unsere Handys und Kameras aufladen, überfallen die Wölfe die Troika. Beide Schafe sind verletzt und wir leisten Erste Hilfe. Eines der Schafe wird die Nacht vielleicht nicht überleben. Wir sperren die Schafe in den sicheren Stall. Wer sagt, dass Tiere keinen Schmerz empfinden können? Das Pferd läuft unruhig draußen umher, ruft und sucht seine Gefährten.
Ich übernehme es, Iwan und seinem Sohn Viktor die Nachricht zu überbringen. Die beiden sind zornig. Aber mir hilft, dass ich viele Jahre in der ehemaligen Sowjetunion gelebt habe. Wir sitzen noch lange gemeinsam auf der Bank vor dem Haus und plaudern über alte Zeiten. Dann laden sie mich ins Haus zum Tee ein. Mich, der doch nach Russland gekommen ist, um die Wölfe, die jetzt ihre Schafe verletzt haben, zu schützen. So etwas ist nur in Russland möglich und nur, wenn man die »russische Seele« versteht.
Inzwischen kommt mir ein erster Verdacht: Ob die Wölfe doch uns folgen? Volodja und Laetitia sind immer mit dem Auto in den Wald gefahren und nur das letzte Stück zu Fuß gegangen. So konnten die Wölfe nicht ihre Spur bis ins Dorf aufnehmen. Anders wir — wir gehen, meist nachdem wir der Grauen guten Morgen gesagt haben, direkt in die Dörfer, auch nach Belkovo. Für eine Wolfsnase ein leichtes Spiel. Wir beschließen, die Wölfe zu erziehen. Sie sollen lernen, dass das Vieh der Menschen »weh tut«. Also sitze ich mit einem mit Gummigeschossen geladenen Gewehr mitten im Dorf und warte auf die Wölfe. Tatsächlich trabt schon bald ein grauer Vierbeiner auf dem Weg in meine Richtung. Am Halsband erkenne ich die Wölfin – es ist Steffi, die von Laetitia und Volodja besendert wurde. Dieses Halsband hat zunächst noch Signale gesendet, ist aber inzwischen nutzlos, da wahrscheinlich die Batterien leer sind. Kurz bevor ich zum Schuss komme, dreht Steffi ab. Als ob sie genau die Reichweite eines Gewehrs abschätzen könnte. Wir halten auch nachts Wache, alle zwei Stunden ist Wachwechsel. Unsere drei Wölfe sind nicht dumm — sie waren im Nachbardorf und haben ein paar Hühner gestohlen.
Auge in Auge mit dem Wolf
Nach ein paar Tagen kommt endlich Volodja. Er erlaubt uns, das Wolfsgehege auch ohne ihn zu betreten. Meine erste Begegnung mit der Grauen ohne Zaun verläuft stürmisch. Bei dem Versuch, an mir hochzuspringen und mir das Gesicht zu lecken, wirft sie mich fast um. Dann legt sie sich auf den Rücken und lässt sich den empfindlichen Bauch kraulen. Bonus hält sich zurück. Da ich aber hektische Bewegungen vermeide und mich ruhig auf den Boden setze, kommt er bis auf wenige Meter heran. Hätte ich mehr Zeit, könnte ich auch sein Vertrauen erringen.
Wir beschließen, die drei »Problemwölfe« wieder einzufangen, um sie dann weiter entfernt wieder frei zu lassen. Wir diskutieren lange, wie die Wölfe eingefangen werden sollen. Ich lehne die Idee einer Fußfalle strikt ab — zu groß ist die Verletzungsgefahr für die Wölfe. Also graben wir einen Tunnel unter dem Zaun hindurch mit einer Klappe, die nur von außen geöffnet werden kann. Wir legen Köder aus. Ob die Wölfe wissen, was wir von ihnen erwarten?
Miercoles und Bonus müssen für die Aktion in ein benachbartes, größeres Gehege umziehen. Während sich Miercoles mühelos in das andere Gehege tragen lässt, macht uns Bonus einige Schwierigkeiten. Schließlich funktioniert der Trick mit einem zusätzlichen Tunnel, den wir zwischen den beiden Gehegen graben. Bonus möchte nicht allein bleiben und morgens finden wir ihn bei Miercoles. Offensichtlich haben wir aber vergessen, den Wölfen zu erklären, wie unsere Falle funktioniert und was wir von ihnen erwarten. Die Wölfe kommen bis auf einen Meter an den Tunnel heran – ich habe frischen Sand gestreut, um die Spuren zu erkennen — aber weiter an den Zaun trauen sie sich nicht. Unsere Wölfe sind offensichtlich zu schlau für unsere primitiven Fangmethoden.
Ich genieße die Ruhe. Oft sitze ich einfach am Feuer, trockne meine Sachen. Inzwischen hat der Herbst Einzug gehalten. Wie überall in den Wäldern des Nordens verfärben sich die Blätter der Bäume sehr schnell. Ein typischer »Indian Summer«. Jeden Abend kommt ein kleiner Igel, der schnell gelernt hat, dass er sich von mir ein Stück Wurst oder Käse holen kann. Um die Reste streiten sich am nächsten Morgen die Raben.
Es wird blutig
Volodja hat uns zu sich nach Hause eingeladen. Er wohnt in einer kleinen, abgelegenen Siedlung mit seiner Familie. Mich interessieren mehr seine Mitbewohner, unter anderem die zahme Wildente Marfa, zwei Hunde, drei Katzen und vor allem Persik, ein junger Luchs. Persiks Mutter wurde von Jägern erschossen und Volodja hat ihn aufgezogen. Tagsüber treibt sich Persik in den Wäldern rum und nachts schläft er im Bett seines Herrn. Ich habe einen neuen Spielgefährten. Meine Hände müssen für Rangkämpfe her halten. Es fließt aber nicht mehr Blut, als beim Spielen mit meinem Kater daheim.
In dem weitläufigen Gelände um Volodjas Gehöft befindet sich noch ein sehr kleines Gehege mit zwei Jungwölfen und auch ein Teich — Marfas Reich. Als wir an den Teich heran treten und Volodja nach ihr ruft, kommt sie laut schnatternd angeschwommen. Marfa hat in diesem Jahr Junge aufgezogen. Während Marfa bei Volodja überwintert, werden die jungen Enten wohl ziehen.
Die jungen Wölfe sollen in ein größeres Gehege im Wald umziehen. Dort werden sie Gesellschaft erhalten — Volodja will zwei Wölfe aus dem Zoo von St. Petersburg holen, die in einem viel zu kleinen Gehege aufwachsen, und alle vier gemeinsam auswildern. Inzwischen rufen Leute aus den umliegenden Dörfern an, die alle unsere drei Rabauken gesehen haben wollen. Unsere Wölfe müssen über die Fähigkeit verfügen, an mehreren Orten gleichzeitig zu sein. Oder liegt es daran, dass Volodja die Opfer von Wolfsattacken finanziell entschädigt?
Abends sehen wir noch nach den Schafen und desinfizieren die Wunden. Die Verletzungen verheilen langsam, bei einem Schaf hängt das Ohr — ein Schönheitsfehler, mit dem es wohl leben muss. Und wieder spielt Steffi Katz und Maus mit mir: Gemächlich trabt sie auf dem Weg durch das Dorf auf mich zu, setzt sich schließlich auf ihre Hinterläufe und sieht mich an. Sie bleibt aber außer Reichweite meiner Gummigeschosse. Kurz zuvor hatte sie Iwan aufgeschreckt. Der ist barfuß aus dem Haus gestürmt, hatte aber glücklicherweise sein Gewehr im Pferdestall gelassen. Als er es endlich in der Hand hielt, musste er feststellen, dass er die Patronen in seiner Jacke im Flur vergessen hatte. Langsam wird es ernst — Iwan hätte mit scharfer Munition geschossen.
Das neue Gehege für die beiden Jungwölfe und den Zuwachs aus St. Petersburg liegt tief im Wald versteckt. Hier gibt es Hügel und einen kleinen Bachlauf und bis zur Auswilderung werden sich die Wölfe hier wohlfühlen. Wieder im Lager bereite ich mir ein kleines Mahl. Durch eine Lücke zwischen den Bäumen sehe ich, dass die Graue mich beobachtet. Als ich sie ansehe, lädt sie mich auf ihre Art zum Spielen ein. Jeder, der einen Hund hat, kennt das: Ein Ruck geht durch den ganzen Körper. Danach wird der Kopf auf die ausgestreckten Vorderpfoten geworfen und dann wedelt der Schwanz mit dem Hund, in diesem Fall mit dem Wolf. Ich habe Miercoles nicht enttäuscht.
Großstadtwölfe
Am nächsten Tag fahren Volodja und Laetitia nach St. Petersburg, die beiden Wölfe holen. Das russische Fernsehen hat sich angekündigt, um über das Abholen und Aussetzen im Gehege zu berichten. Conrad und ich sollen das Dorf durch unsere Anwesenheit vor Übergriffen schützen. Schlafen werden wir im Haus von Laetitia. Gesellschaft leisten uns Pyrenäen-Berghund Talis und Kater Diego. Wir sollen die beiden versorgen und auf sie aufpassen. Spät abends gegen 23.30 Uhr führe ich Talis noch einmal aus. Plötzlich höre ich dicht hinter mir ein leises Winseln. Ich drehe mich um und blicke in die im Licht meiner Stirnlampe leuchtenden Augen eines Wolfes. Er hat sich auf die Hinterpfoten gesetzt und schaut mich an. Ich gehe weiter, der Wolf folgt mir. Als ich stehen bleibe, wiederholt sich das Spiel. Mir fällt spontan ein Sprichwort der kanadischen Shuswab-Indianer ein: »Ein Wolf zeigt sich nicht, es sei denn, er hat dir etwas mitzuteilen.« Als ich auf den Wolf zu gehe, verschwindet er in den Büschen. An diesem Abend verstehe ich seine Botschaft noch nicht.
Miercoles und Bonus haben die ganze Nacht klagend geheult. Wir haben das bis hinunter ins Dorf gehört. Vielleicht vermissen sie unsere Nähe. Ich bilde mir ein, dass sie uns rufen. Immerhin waren wir die letzten zwei Wochen nachts immer in ihrer Nähe. Endlich kommen Laetitia und Volodja mit den beiden Wölfen aus St. Petersburg und dem russischen Fernsehteam zurück. Das Fernsehteam versucht sensationelle Bilder zu drehen. Ich verschwinde — die Harmonie mit den Wölfen ist gestört.
Morgen reisen wir ab. Ich gehe noch einmal zu der Grauen um mich zu verabschieden. Ob sie versteht, dass ich gehen muss? Mehrmals kommt sie zu mir und berührt mein Gesicht mit ihrer feuchten Nase. Leb wohl Miercoles! Ob wir uns in diesem Leben oder erst in jenen »fernen Wäldern«, wie die Indianer sagen, wieder sehen?
Da wir am nächsten morgen früh nach Moskau starten müssen, schlafen Conrad und ich nicht im Wald, sondern unten im Dorf. Unsere drei sind die ganze Nacht um das Haus versammelt — wir hören sie leise winseln. Ich bin ganz sicher, dass sie etwas mitzuteilen haben. Ich habe ihnen versprochen, mich für ihre zurückgekehrten Artgenossen in Deutschland einzusetzen.
Epilog
Bereits nach einer Woche sind die beiden Petersburger Wölfe aus dem Gehege ausgebüxt. Spuren rund um das Gehege deuten darauf hin, dass Steffi sie »gerufen hat. Unsere drei Rabauken sind seit unserer Abreise nicht mehr in den Dörfern gesehen worden. Volodja hatte mir erzählt, dass er seit 1991 43 Wölfe aufgezogen und ausgewildert hat. Niemals hat es derartige Probleme mit den ausgewilderten Wölfen gegeben.
Ich war wohl doch »der, dem die Wölfe folgen«.
Ich hätte nie gedacht, dass ich so bald die Gelegenheit bekommen würde, mein den russischen Wölfen gegebenes Versprechen einzulösen. Ich wohne in der Colbitz-Letzlinger Heide und habe schon lange gehofft, dass sich auch hier Wölfe ansiedeln. Ich bin oft im Wald mit dem Fahrrad unterwegs und halte nach Anzeichen für die Anwesenheit von Wölfen Ausschau. Lange vergebens.Anfang Juni 2011 bin ich an einem Sonntag wieder los gefahren. Und wie so oft ist man, wenn es passiert, nicht vorbereitet. Ich bin ziellos durch den Wald gefahren und habe nun einen Waldweg vor mir, der schon lange nicht mehr genutzt wird – also Fahrrad schieben. Plötzlich stürmen zwei braune Fellknäuel aus einem Gebüsch auf mich zu. Im ersten Moment denke ich an Jungfüchse. Der eine verschwindet sofort wieder im Unterholz, der andere mustert mich noch von Kopf bis Fuß und läuft dann langsam davon. Immer noch habe ich nicht realisiert, was gerade passiert ist.
Ich habe die Bilder lange im Kopf mit mir getragen. Mitte Juli bin ich dienstlich in der Lausitz und entschließe mich, im Wolfzentrum vorbei zu fahren und mir verschiedene Fotos von Wolfswelpen anzuschauen. Plötzlich schießt mir ein Gedanke durch den Kopf — das waren keine Füchse. Am gleichen Abend noch rufe ich den zuständigen Förster an und schildere ihm meine Beobachtungen. Ich merke, dass meine Geschichte ihn nicht überzeugt. Eine Woche später klingelt mein Telefon. Der Förster fragt mich, wo genau ich die Welpen gesehen haben will. Ich beschreibe ihm die Stelle, nur zwei Kilometer von meinem Haus entfernt. Er antwortet, dass er sie genau dort auch gesehen hat.
Schon einen Tag später bin ich wieder im Wald. Dieses Mal schaue ich genauer hin — ich weiß, was ich suche. Und finde eindeutige Spuren von Wölfen. Am nächsten Abend sucht mich der Förster auf und zeigt mir Fotos von einem erwachsenen Wolf. Am 30.07.11 gibt der Förster die Information über die Sichtung eines Wolfes in der Colbitz-Letzlinger Heide an die Öffentlichkeit. Über die Existenz der Welpen schweigen wir. Noch. Die Wölfe sollen ihre Welpen in Ruhe aufziehen können.
Wenn ich jetzt abends vor mein Haus trete und die zwei Kilometer zum Wald rüber sehe, weiß ich, dass »meine« Wölfe ganz in der Nähe sind. Ich schicke ihnen nach indianischer Sitte gedanklich ein »Gute Jagd, Bruder Wolf« hinüber.
4-Seasons Info
Dr. Peter Schmiedtchen ...
... hat in Russland an der staatlichen Universität Charkow Physik studiert und Mitte der 90er Jahre bei einer »Wilderness Experience« seines Arbeitgebers seine Liebe zu den Wäldern, Flüssen und Seen des Nordens entdeckt. Seither ist er mindestens zwei mal im Jahr zu Fuß, mit dem Kanu oder mit Schlittenhunden in Schweden, Norwegen, Russland, Alaska, Montana, Wyoming und Kanada unterwegs. Seit vielen Jahren engagiert er sich bei den Tierschutzorganisationen Vier Pfoten, der Gesellschaft zum Schutz der Wölfe und dem NABU. Er unterstützt außerdem die Buffalo Field Campaign in den USA, die sich für den Schutz der letzten frei ziehenden Bisons in den Prärien des Westens der USA einsetzt.
Im Sommer 2011 ging für ihn ein Traum in Erfüllung, als er nur ein paar Kilometer von seinem Haus entfernt über die ersten Wolfswelpen in der Colbitz-Letzlinger Heide »stolperte«. Seitdem hilft er, die Menschen seiner Region - vor allem Tierhalter und Jäger - auf die neuen »Nachbarn« vorzubereiten und Verständnis für ein Miteinander zu erzeugen.
23. Dezember 2011, Text: Dr. Peter Schmiedtchen
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Kommentare
Der Clan der Wölfe gibt es nicht in 170 Folgen sondern 85 Folgen und die Serie endete mit Das Grab der Wölfe und sie waren wirklich alle tot. Das war eine andere Telenovela ganz sicher, denn die Wilde Rose hat auch nur 99 Folgen Habe der Clan der Wölfe komplett aufgenommen und mir fehlen keine Folgen, deswegen kann ich das als eingefleischter Fan mit 100prozentiger Sicherheit sagen. Die Alte Hexe, die Mörderin spielte noch in einer anderen Serie mit die heiß Salome aber die lief auch komplett mit 150 Folgen und hatte ein Abschluss