David Göttler: »Bis ich oben bin«
David, auch ein Expeditionsbergsteiger muss Geld verdienen. Du arbeitest als Bergführer und kommst gerade vom Montblanc zurück. Kennst du dort schon jeden Stein beim Vornamen?
Auf den Normalwegen schon. Trotzdem ist jede Tour schön und intensiv. Wenn dort die Sonne aufgeht, kriege ich jedes Mal Gänsehaut. Und es gibt am Montblanc noch Routen, die ich nicht kenne und gern machen möchte – zum Beispiel den Frêney-Pfeiler.
Der Montblanc ist ein Stück weg von München. Wie viel Zeit verbringt ein deutscher Bergführer auf der Autobahn?
Genug. Im Allgäu oder in Garmisch hat man mal Tagestouren, aber oft bin ich für ein oder zwei Wochen gebucht. Ich genieße das. So wie die letzte Woche im Montblanc-Gebiet: Du triffst andere Bergsteiger, ratscht mit Kollegen und Hüttenleuten. Ich kenne aber Bergführer, die wirklich im Auto leben – mit Postadresse bei den Eltern. Das könnte ich nicht. Zwischen meinen Expeditionen brauche ich ein Zuhause, auf das ich mich freuen kann. Ein Ort, an dem meine Freundin lebt oder meine Freunde.
Manche Bergführer spezialisieren sich auf ein Gebiet. Du nicht?
Die großen Bergschulen haben zum Beispiel Stützpunktleiter, die sind auf derselben Hütte mit demselben Programm. Woche für Woche. Ich mag lieber die Vielfalt: eine Woche Felsklettern in den Dolomiten, die nächste Woche mit anderen Gästen auf Hochtour, dann wieder Sportklettern. Im Winter Eisklettern oder Skitouren. Wenn die Gäste happy sind, macht es doppelt Spaß.
Gibt es Touren, die du nicht führen würdest?
Nein, außer ich könnte die Tour selbst nicht klettern oder sie wäre zu gefährlich. Wenn Gast und Tour zusammenpassen, führe ich. Auch auf den Mount Everest. Auf den hohen Bergen ist das »Führen« allerdings eher ein Betreuen und Coachen.
Wie wird man Profibergsteiger?
Mein Vater brachte mich zum Klettern, und ich habe mich wohl ganz gut angestellt. Der damalige Vorsitzende meiner DAV-Sektion legte meinem Kletterpartner und mir dann nahe, uns für den DAV-Expeditionskader zu bewerben. Da werden junge Bergsteigertalente gezielt an den ernsteren Alpinismus herangeführt. Sie nahmen uns, und es hat großen Spaß gemacht. In dem Umfeld habe ich auch die Bergführerei kennengelernt. Die Abschlussexpedition mit dem Kader ging in den indischen Himalaja, dort merkte ich, dass ich mit der Höhe gut zurechtkomme.
Deinen ersten 8.000er, den Gasherbrum II, hast du als Bergführer bestiegen. Kann man persönlich Neuland betreten und gleichzeitig Kunden betreuen?
Unter den richtigen Umständen: ja. Michi Wärtl war der Hauptbergführer, ich der zweite Mann. Von unseren 14 Gästen waren 10 auf dem Gipfel. Das ist eine sehr gute Quote.
Ist das schöner, als einen Gipfel allein zu besteigen?
Das ist ein Erfolgserlebnis hoch drei oder hoch zehn – bei zehn Leuten (lacht). Wenn alles funktioniert hat, ist das so cool. An 8.000ern hängt viel von den Verhältnissen vor Ort, aber auch von der Gruppe ab. Ob die Gruppendynamik passt, ob alle die Höhe vertragen, das kann man als Bergführer nur bedingt beeinflussen, es entscheidet aber über Erfolg und Misserfolg. Am Gasherbrum II war auch Glück dabei, dass wir so viele auf den Gipfel bekommen haben.
Du bist viel mit Ralf Dujmovits und Gerlinde Kaltenbrunner auf Expedition. Ralf ist der bekannteste deutsche Höhenbergsteiger, und Gerlinde ist dieses Jahr weltberühmt geworden, weil sie als erste Frau alle 8.000er ohne Sauerstoffflasche bestiegen hat. Wie ist das als junger Bergsteiger mit diesen Koryphäen?
Wir hatten von Anfang an ein sehr gutes Verhältnis und ich wurde sofort als gleichberechtigt akzeptiert, das rechne ich Ralf hoch an. Natürlich hatte ich weniger Erfahrung und konnte mir sehr viel abschauen: Logistik, Akklimatisation und vieles beim Bergsteigen.
Als Gerlinde Kaltenbrunner und Ralf Dujmovits noch ihre 8.000er sammelten, bist du zum Schluss mit Gerlinde geklettert – weil Ralf noch andere Gipfel fehlten?
Genau. Irgendwann brauchten Gerlinde und Ralf jeweils noch ein paar Berge – aber nicht dieselben. Also bin ich mit Gerlinde allein zum Dhaulagiri und zum K2 gefahren. Wir sind ein eingespieltes Team, das merkst du beim Klettern, aber auch, wenn du im Sturm auf 7.500 Metern in fünf Minuten zusammen das Zelt aufbaust. Auch menschlich haben wir uns immer super verstanden. Mit der Gerlinde würde ich gern noch ein paar 8.000er machen, aber das ist jetzt natürlich erst mal gelaufen.
Im Sommer 2011 hat Gerlinde ihren letzten 8.000er geschafft, den K2. Davor ist sie mit dir zusammen zweimal am K2 gescheitert – beim dritten, erfolgreichen Versuch warst du nicht dabei. Neidisch?
Klar, sonst würde ich lügen. Man wäre bei vielem gern dabei, auch bei der Besteigung der Rupalwand am Nanga Parbat durch Steve House und Vince Anderson – eine Wahnsinnsaktion! Aber ich gönne Gerlinde den Erfolg wirklich von Herzen. Ich weiß, wie viel Energie, wie viel Motivation, wie viel Arbeit und wie viel Leiden in diesem Projekt K2 stecken.
Diesmal entschied sich Gerlinde für eine selten begangene Route über den Nordgrat …
Der Aufstieg ist extrem hart, und sie erreichte den Gipfel erst sehr spät. Da habe ich aus der Ferne mitgefiebert und freue mich jetzt auch mit. Auch für Ralf, den darf man nicht vergessen. Der hat nervlich einiges mitgemacht in den letzten Jahren. Er ist ja nicht nur der besorgte Ehemann von Gerlinde, sondern selbst Spitzenbergsteiger und daher in der Lage, sich alle Gefahren detailliert auszumalen.
Warum warst du beim dritten Anlauf am K2 nicht dabei? Man hatte dich ja gefragt …
Ich wollte einfach im Sommer mal hierbleiben. Ich war vor Gerlindes erfolgreichem K2-Versuch schon mit Stefan Glowacz und Klaus Fengler am Gaurishankar gewesen, einem 7.000er in Nepal. Dort sind wir am Wetter gescheitert. Solche Expeditionen sind extrem anstrengend, und direkt rüber zum K2, das wäre mir zu viel geworden. Auch für die Beziehung ist das gaga, wenn du zwischen zwei Expeditionen nur ein paar Tage da bist und versuchst, ein normales Leben zu führen. Das ist der eine Grund. Andererseits gilt für den K2: Wenn er dich nicht voll und ganz ruft, dann solltest du nicht hinfahren. Ich möchte schon wieder hin, es ist ein wunderschöner Berg und ich war nahe dran am Gipfel. Aber im Moment sagt der K2 nicht: »David, komm und probier es noch einmal!«
Nahe dran am K2-Gipfel warst du 2007 und 2009. Im Jahr dazwischen, 2008, ereignete sich auf eurer Route ein schweres Unglück mit elf Toten. Pures Glück, dass ihr diese Saison ausgelassen hattet?
Mittlerweile glaube ich ein wenig an Schicksal oder höhere Dinge. 2008 haben wir erst den Dhaulagiri bestiegen, sind weiter zum Lhotse und dort oberhalb vom letzten Lager gescheitert. Mir war plötzlich immer kalt. Letztlich sind wir umgedreht, weil wir zu langsam waren. Dann bekam Gerlinde eine Lungenentzündung und wir mussten den K2 für diese Saison canceln. Also kein pures Glück, eher Zufall – oder Schicksal. Ein komisches Gefühl: Wenn man eine Expedition absagen muss, obwohl man perfekt motiviert, akklimatisiert und organisiert ist, ist es sehr bitter. In diesem Fall hat es uns vor Schlimmerem bewahrt.
Schlimm kam es trotzdem für dich, im Herbst 2010: Du warst mit dem Japaner Kazuya Hiraide an der Ama Dablam, »Nepals Matterhorn«, 6.856 Meter hoch und nicht weit vom Everest entfernt …
Das war mein persönliches Pearl Harbor. Nach drei fantastischen Klettertagen in der Nordwand erreichten wir den Grat. Aber dort lagen unglaubliche Mengen von Schnee. Wir fanden keinen Halt und konnten weder vor noch zurück. Eine sehr seltene Situation beim Bergsteigen, aber es kann passieren. Darum beschlossen wir, einen Rettungshubschrauber anzufordern. Der Heli kam, pickte mich auf 6.300 Metern Höhe vom Grat und flog ins Tal. Dann startete er erneut, um Kazuya zu holen.
Warum bist du als Erster geflogen?
Die drei Tage in der Nordwand waren sehr kalt, wir hatten leichte Erfrierungen, waren aber nicht verletzt. Also haben wir um den ersten Flug »Stein, Schere, Papier« gespielt, das geht auch auf Japanisch-Deutsch. Ich wollte noch Wasser und zwei Riegel dalassen, aber Kazuya winkte ab. Wir würden uns ja gleich wiedersehen. Gott sei Dank behielt er noch Zelt und Schlafsack.
Was ist dann passiert?
Der Heli schwebte über Kazuya. Gerade als er einsteigen wollte, berührte der Rotor des Helikopter den Grat. Von unten konnte ich es nicht richtig erkennen. Ich sah den Heli noch anfliegen, dann war es irgendwie ruhig.
Die Maschine ist auf der anderen Seite des Grats 1.400 Meter tief abgestürzt. Der Pilot und sein Flugretter kamen ums Leben …
Es war furchtbar. Im Tal fragte ich die Leute um mich herum, wo denn der Hubschrauber hin wäre. »Der ist bestimmt da oben gelandet«, sagte einer. »Der kann da nicht landen!«, schrie ich. Nach 30 Minuten Stille war klar, dass der Heli abgestürzt sein musste. Ich kam mir vor wie im falschen Film.
Und dein Partner Kazuya?
Ich wusste erst nicht, ob er auch im Hubschrauber war. Aber dann erreichte ich ihn auf dem Handy. Er saß noch am Grat und war unverletzt. Aber in was für einer Situation: der Kletterpartner und die halbe Ausrüstung im Tal, die Retter tot – und keine Chance, allein von dort oben weg zu kommen.
Was konntest du tun, um ihm zu helfen?
Nichts. Kazuya kletternd über den Normalweg zu erreichen, hätte viel zu lange gedauert. Und ein weiterer Flug schien nicht machbar. Der verunglückte Helikopter war in Nepal die stärkste Maschine mit dem besten Team gewesen, Pilot und Flugretter waren in der Schweiz von der Air Zermatt ausgebildet worden. Mir wurde gesagt: Wenn die das nicht können, kann das keiner. Dann kam ein Anruf, dass die japanische Botschaft beim nepalesischen Militär angefragt habe. Der nächste Anruf: »Okay, das Militär macht‘s!« Eine halbe Stunde später dann wieder eine Absage: »Nee, sie machen es doch nicht.« Es wurde dunkel, und Kazuya saß immer noch mutterseelenallein dort oben. Er hat das mit stoischer Ruhe irgendwie ertragen.
Dann wurde er gerettet. Wie?
Am Morgen flog plötzlich doch ein weiterer Heli, am Steuer der beste Freund des verunglückten Piloten. Der Hubschrauber näherte sich dem Grat, drehte ab … näherte sich dem Grat, drehte ab … Ich konnte nicht hinschauen. Der siebte Anflug hat geklappt, sie zogen Kazuya an Bord. Weil der Heli fast kein Benzin mehr hatte, flog er direkt nach Lukla. Nach 20 Minuten kam ein Anruf von Kazuya, dass sie dort gelandet wären. Wir haben uns in Kathmandu wieder getroffen.
Ohne euren Notruf wären die beiden nepalesischen Retter noch am Leben. Wie gehst du damit um?
Wir waren in einer echten Notlage, es war legitim, die Rettung anzufordern. Aber natürlich fühle ich mich schuldig. Nichts wünsche ich mehr, als diese Tragödie ungeschehen machen zu können. Aber das geht nicht. Die Geschichte ist ein Teil von mir und ich muss damit leben.
Hast du Kontakt zu den Familien?
Zur Familie des Flugretters. Sie ist relativ arm. Ich versuche, die beiden Söhne zu unterstützen – sie sollen die Schule fertig machen und studieren. Ich besuche sie, wir schreiben uns E-Mails, die Söhne schicken Bilder vom Schulausflug, solche Sachen. Der Familie ist es sehr wichtig, dass wir sie nicht vergessen.
Hat dich das Unglück verändert?
Ich bin nicht sehr religiös, aber bei den trauernden Familien habe ich zum ersten Mal den Hinduismus ganz nah erlebt. Man spürt, dass ihnen ihr Glaube Halt gibt. So habe ich verstanden, was Religion sein kann und was sie für eine Funktion hat. Vielleicht ist doch ein bisschen mehr dran am Glauben …
Wie siehst du die Geschichte als Profi in der Rückschau, habt ihr bergsteigerische Fehler gemacht?
Jeder Rettung gehen Fehler voraus. Darüber habe ich viel nachgedacht. Wir hatten uns für die Ama Dablam am Nordgrat des Island Peak akklimatisiert. Der hat dieselbe Ausrichtung und ist nur 300 Höhenmeter niedriger als die Stelle, an der wir gerettet wurden. Die zwei Berge stehen nebeneinander. Und am Island Peak waren die Schneeverhältnisse völlig problemlos. Die Besteigung der Ama Dablam beruhte also zumindest nicht auf einer groben Fehleinschätzung. Trotzdem entscheidet man manchmal falsch, das wird mir auch künftig passieren, hoffentlich nicht oft. Kein Bergsteiger, kein Bergführer ist unfehlbar. Es trifft immer wieder hervorragende Kollegen, zum Beispiel Erhard Loretan. Das ist der Über-Bergsteiger schlechthin gewesen – und er kam an einem, für seine Verhältnisse, Schweizer Hügelchen ums Leben. (Erhard Loretan verunglückte im April 2011 an einem 4.000er in den Berner Alpen, Anm. der Red.)
Haben dich andere Bergsteiger kritisiert?
Nein, zumindest kam nichts bei mir an. Nach dem Unfall meldeten sich die Ausbilder der beiden Retter, Bruno Jelk und Simon Anthamatten von Air Zermatt: Wir sollten uns keine Vorwürfe machen. Die Einschätzung der Situation und die Entscheidung für eine Rettung müssten immer der Pilot und seine Crew treffen. Auch Simone Moro und Ralf Dujmovits waren dieser Meinung. Das hat geholfen – aber natürlich bleiben trotzdem Schuldgefühle zurück.
Willst du noch einmal an die Ama Dablam?
Wir haben unsere Besteigung nicht als »Erstbegehung« oder so veröffentlicht, das wäre unpassend. Ob ich zurückkehre, kann ich noch nicht sagen. Ich hege jedenfalls keinen Groll auf den Berg. Die Berge können nichts für all die kleinen und großen Dramen und die Toten. Wir sind es, die dorthin gehen und das Abenteuer suchen.
Neben den Aufträgen als Bergführer arbeitest du auch als alpiner Kameramann. Wo lernt man das?
Als die ersten Mini-DV-Kameras rauskamen, begann ich hobbymäßig zu filmen und baute Filmsequenzen in Vorträge ein. Als ich mit Ralf und Gerlinde 2003 am Kangchendzönga war, konnten sie mein Filmmaterial gut gebrauchen, um es an Fernsehsender zu verkaufen. So bin ich da reingekommen. Als professionellen Kameramann würde ich mich nicht bezeichnen, aber in meiner Nische – technisch schwere Kletterei in großer Höhe – klappt es gut.
Du lebst – zumindest teilweise – auch von deinen Sponsoren. Wer das tut, muss seine Leistungen auch irgendwie vermarkten. Sind die berühmten Namen im Bergsport auch die besten Bergsteiger – oder schreien die nur am lautesten?
Superlative verkaufen sich nun mal am besten. Aber was ist zum Beispiel die »schnellste Begehung«? Bergsport ist nicht klar definierbar wie ein 100-Meter-Lauf. Es gibt so viele Parameter. Ob das jetzt die Verhältnisse in der Eigernordwand sind, die nie gleich sind; oder die exakte Festlegung von Start- und Zielpunkten. Ueli Steck zum Beispiel ist fraglos einer der fähigsten und vollkommensten Alpinisten, in allen Spielarten sehr, sehr stark. Aber ist er der stärkste oder der schnellste Alpinist der Welt? Ich selbst würde es anders formulieren – nehme jedoch niemandem ein paar Superlative übel …
Du bist viele Monate im Jahr unterwegs und oft in extremen Situationen. Wünscht man sich da nicht mal heim auf den Balkon?
Oh ja! Bei Expeditionen hast du immer Tiefpunkte. Wie im Frühjahr: Wir hatten 16 Tage lang Regen und mussten abbrechen. Du denkst: Oh Gott, wieso bin ich kein Surfer? Strand! Mädels im Bikini! In den Wellen gibt‘s auch Herausforderungen. Aber wir sind schnell vergessende Individuen. Bergsteiger verdrängen schlechte Momente – sobald sie zu Hause sind, wollen sie wieder auf Expedition gehen.
Warum zieht ihr immer wieder los?
Weil einzelne Momente einfach so intensiv sind. Die Intensität, die ich beim Bergsteigen erlebe, habe ich nirgends anders. Zugegeben, das macht ein bisschen süchtig.
Bist du am Berg schon einmal in Panik geraten?
(überlegt lange) … in Panik eigentlich nicht. Aber ausgeflippt bin ich schon öfter. Ich kann richtig cholerisch werden, wenn etwas nicht so funktioniert, wie ich es mir vorstelle.
Was macht dein Seilpartner in so einer Situation am besten?
Ruhig bleiben und es nicht persönlich nehmen. Wenn ich mich aufrege, weiß ich selbst, dass das total bescheuert ist – aber ich kann es trotzdem nicht verhindern. Manche meiner Seilpartner lachen später drüber und sagen, ich habe halt mal wieder unsinnig Energie verschwendet.
Okay, keine Panik. Und Angst?
Klar. Oft und viel. Zum Beispiel beim Biwakieren an der Ama Dablam, da kann dich jeder Stein oder Eisklotz, der zufällig von oben herunterfällt, umbringen. Du liegst im Schlafsack und flehst: Bitte, bitte, heute Nacht soll nix runterkommen. Oder am K2, da donnerte eine Lawine direkt auf uns zu. Ich hatte zwar Angst, war aber noch mehr damit beschäftigt, mich schnell irgendwo festzuhalten. Die richtige Angst kommt dann oft erst später, in Sicherheit. Das passiert mir sogar zu Hause im Bett: Wenn mir bestimmte Situationen einfallen, fange ich an zu schwitzen und der Puls geht wieder hoch.
Wäre das nicht ein Grund, mit dem Bergsteigen aufzuhören?
Es gibt immer wieder gefährliche Situationen, in denen ich mir das verspreche: Bitte, bitte, diese Situation noch überleben – dann mache ich künftig was ganz anderes! Aber man hält sich natürlich nicht dran …
Noch ein paar Tipps für den Nachwuchs, bitte: Welche Eigenschaften braucht ein erfolgreicher Expeditionsbergsteiger?
Eine hohe Motivation und die Fähigkeit, sich zu fokussieren. Dann Selbsteinschätzung und Risikobewusstsein – das ist generell wichtig, aber an den hohen Bergen muss man seine Grenzen besonders gut kennen und im Zweifelsfall auch umdrehen können. Das ist vielleicht am schwersten.
Leidensfähigkeit?
Ja, in vielerlei Hinsicht. Körperlich kann es extrem anstrengend werden, aber eben auch psychisch. Immer wieder scheitern, das tut richtig weh. Du hast zwei Monate investiert. Nicht nur Geld, sondern Zeit, Energie, Motivation – und dann, 300 Meter vor dem Ziel: Scheiße, war nix!
Wie viele einarmige Klimmzüge muss man schaffen?
Ich schaffe keinen einzigen. Aber beim Klettern kann man viele technische Defizite ausgleichen. Es gibt keine isolierte Fähigkeit, die zeigt, ob man ein guter oder schlechter Kletterer ist.
Das beste Rezept für tiefen Schlaf im stürmischen Hochlager?
Der ausgefüllte Tag davor. Einfach platt sein, so kann man immer pennen.
Das beste Rezept gegen Stinkefüße im Expeditionsstiefel?
Merinowollsocken! Die stinken eigentlich nie. Aber Schweiß und Gestank gehören einfach dazu, das macht mir in der Höhe wenig aus. Dafür nerven dann Sachen, die mir im Tal egal sind …
Was zum Beispiel?
Wenn der Zeltpartner mit seinem Plastiklöffel im Kochtopf rumschabt. Das nimmst du normalerweise überhaupt nicht wahr. Aber oben im Zelt, ohne Ablenkung, konzentrierst dich plötzlich auf nichts anderes mehr ...
Ist das unterschwelliger Futterneid?
(lacht) Könnte schon sein. Bei größeren Gruppen oder kommerziellen Expeditionen gibt es tatsächlich unglaublichen Futterneid, jeder halbe Löffel aus dem Gemeinschaftstopf wird da mitgezählt. Im kleinen Team schaut man eher, dass der andere ein bisschen mehr bekommt. Man hält sich für selbstlos – und hofft, dass der Partner das auch so macht …
Letzte Frage: Welcher ist der ultimative Berg?
Immer der Nächste. Für 2012 plane ich den Makalu. Der nimmt in meinen Gedanken und meinem Alltag immer mehr Raum ein, jeden Tag wird er größer. Bis ich oben bin.
4-Seasons Info
Mehr von David Göttler
David Göttler, 1978 in München geboren, begann als Siebenjähriger zu klettern, kam über den DAV-Expeditionskader zum Höhenbergsteigen und wurde staatlich geprüfter Berg- und Skiführer. Inzwischen ist er selbst Bergführer-Ausbilder und Trainer des DAV-Expeditionskaders 2012.
Vier 8.000er hat David bereits bestiegen: Gasherbrum II (8.035 m), Broad Peak (8.047 m), Dhaulagiri (8.167 m) und Lhotse (8.516 m). Auf Expeditionen übernimmt er oft die Kameraarbeit. Wenn David nicht auf den Bergen der Welt unterwegs ist, klettert er gern im Wilden Kaiser. Nächstes Ziel ist 2012 der Makalu, der fünfthöchste Berg der Erde. Mehr dazu auf seiner Website: www.straight-to-the-top.eu.
29. November 2011, Interview: Julian Rohn
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Kommentare
in dem Interview mit Julian Rohn wurde die Ama Dablam als das Matterhorn Nepals beschrieben.
Das ist falsch, das Matterhorn Nepals ist der Macchapuchare in der Annapurna Region.