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Darek Wylezol: Traumberuf Pfadfinder

Foto: Matthias Pinn
Trekkingtouren erkunden und dafür sogar Geld bekommen – wer würde so einen Arbeitsvertrag nicht unterschreiben? Darek Wylezol hat es getan. Der gebürtige Pole wandert als professioneller Pfadfinder um die Welt. Ein Gespräch über Routenplanung, Modetouren und echte Geheimtipps.

Darek, du erkundest Trekkingtouren für Wikinger Reisen, ­einen der renommiertesten Anbieter von geführten Outdoortrips. Du kennst fast jeden Weitwanderweg der Welt. Wie viele Kilometer stecken in deinen Beinen?

Fingerzeig für den Pfadfinder. Darek Wylezol im Himalaja. | Foto: Archiv Wylezol

Genau kann ich das nicht sagen. Zehntausende von Kilometern und einige hundert Pässe werden es schon sein. Ich bin sicher genug für zwei oder drei Leben gelaufen. Vielleicht hocke ich im nächsten Leben zufrieden auf dem Sofa und mampfe Chips (lacht).

Du bis Anfang 40. Führt das Dauerwandern bereits zu körperlichen Verschleißerscheinungen?

Oh ja, es zwickt an allen Ecken und Enden. Sollte die Wade mal keine Zicken machen, geht es garantiert im Knie los. Weil ich beruflich so viel zu Fuß unterwegs bin, gehe ich in meiner Freizeit Rad fahren oder langlaufen — gelenkschonende Sachen halt.

Also doch keine Erholung auf der Couch?

Nein, selbst im Büro laufe ich lieber schnell ins Nebengebäude, als zum Telefonhörer zu greifen. Bewegung ist meine Droge. Hoffentlich kann ich mit 70 wenigstens noch schwimmen …

Auf deiner Visitenkarte steht »Produktentwickler«. Die »Produkte« sind demnach die Trekkingtouren im Wikinger-Katalog?

Richtig. Knapp die Hälfte der 88 Trekkingreisen habe ich zusammengestellt, bei den Trekking-Fernreisen sind es fast 80 Prozent. Viele dieser Touren habe ich in meiner Zeit als Reiseleiter selbst geführt. Ich weiß, welcher Stein links und rechts des Wegs liegt. Von diesem Erfahrungsschatz profitiere ich. Man kann sich vieles anlesen. Aber es ist ganz was anderes, wenn du selbst den Pass überschritten und die Hütte von innen gesehen hast.

Das klingt ja nach dem Traumjob schlechthin …

Ich würde lügen, wenn ich etwas anderes behaupten würde. Aber man muss diesen Lebensstil auch mögen. Dort hinterm Sofa steht immer mein gepackter Rucksack. In der Sommersaison bin ich fast jeden Tag unterwegs, hier eine Tour erkunden, dort Reiseleiter schulen. Dann pendle ich auch noch häufig zwischen dem Wikinger-Firmensitz in Hagen und Warschau, wo meine Frau Eva am Goethe-Institut arbeitet. An ein geregeltes Familienleben ist da nicht zu denken. Zum Glück geht auch Eva gern in die Berge und hat Verständnis für meine Leidenschaft. Nur Zeit für eigene Kinder, die hatten wir bislang nicht.

Welche Voraussetzungen muss ein Trekkingscout mitbringen?

Über drei hohe Pässe musst du gehn. Dareks Lieblingstrek in Nepal ist der »Königsweg des Everest«. | Foto: Darek Wylezol

Erfahrung im Gebirge, damit du die Schwierigkeit von Wegen einschätzen kannst. Du musst das, was du gesehen hast, im Katalog präsentieren, damit die Kunden sagen: »Hey, das möchte ich auch erleben!« Außerdem brauchst du Verhandlungsgeschick, wenn du mit örtlichen Partnern den Preis bestimmst; eine Reise soll ja nicht nur schön, sondern auch verkaufbar sein. Du musst also von allem etwas sein: Bergführer, Fotograf, Journalist, Kaufmann.

Auf dem Couchtisch surrt dein MacBook, daneben liegt das ­Telefon. Bist du gerade im Dienst?

Zumindest als Telefon-Hotline. Manche Kunden können nicht ­abschätzen, wie schwierig eine Tour ist oder wie warm sie sich ­anziehen sollen. Die werden dann zu mir durchgestellt, auch wenn ich wie jetzt gerade in Warschau bin.

Viele Trekker planen ihre Touren selbst und sehen die Organisation sogar als Teil des Vergnügens. Warum gehen eure Kunden lieber mit einem Reiseveranstalter?

Manche trauen sich eine Tour auf eigene Faust nicht zu, andere wollen sich eben nicht mit der Logistik auseinandersetzen. Eine geführte Tour ist auch nicht unbedingt teurer, ein Veranstalter kann oft bessere Preise aushandeln oder Kosten für Transfers und Träger auf mehrere Personen umlegen. Und nicht zu vergessen: Besonders Singles suchen gezielt das Gruppenerlebnis bei so einer Reise.

Wolltest du schon als Kind Berufstrekker werden?

Meine Eltern hatten mit Bergen nichts am Hut. Erst als ich 16 war, hat mich mein Onkel Zdzisiek auf seinen Hausberg in der Hohen Tatra mitgenommen, auf den Giewont. Er hatte mir zur Belohnung ein Eis versprochen. Als ich fix und fertig wieder ins Tal taumelte, wollte ich kein Eis, sondern nur noch ins Bett — und die nächsten zwei Jahre von Bergen nichts wissen. Meine Leidenschaft fürs ­Wandern und Bergsteigen habe ich erst später entdeckt.

Wie kamst du von Polen nach Deutschland?

1989, im Jahr des Mauerfalls, war ich 19 und sollte eigentlich zum polnischen Militär. Stattdessen zog ich zu meinen Großeltern ins Ruhrgebiet. Es folgten zwei Jahre Deutschkurs. Mit 24 habe ich das Abitur nachgeholt und dann in Bochum Slawistik und Kunst­geschichte studiert. Parallel führte ich für Studiosus und Wikinger erste Reisen nach Polen. Auch in die Hohe Tatra ging ich jetzt ­wieder, liebäugelte mit dem Bergsteigen und verschlang die ­Berichte von Jerzy Kukuczka …

… der polnische Bergsteiger, der als zweiter Mensch nach Reinhold Messner alle Achttausender bestieg. Wolltest du ihm nacheifern?

Nicht extrem, aber extrem genussvoll: Küstentrekking auf Kreta. | Foto: Darek Wylezol

Genau. Ich wollte nach oben — hatte aber erst mal keine Ahnung, wie das geht. Einmal war ich mit einem Freund in der Tatra, im Mai, alles war noch verschneit. Wir kletterten irgendwo hoch, aber dann wurde das Gelände so brüchig und gefährlich, dass wir die Ruck­säcke abwerfen mussten. Zum Glück kamen wir wieder runter und sammelten, völlig durchnässt, unsere Sachen am Hangfuß auf. ­Da haben wir eingesehen, dass man mit dem Bergsteigen ­besser klein anfängt. Ich belegte ein paar Kurse beim Alpenverein, danach ­erweiterte ich systematisch mein Können und Wissen.

Du hast dich also nicht nur bei Wikinger Reisen, sondern auch im Gebirge hochgearbeitet?

Sozusagen. Höhepunkt war 2006 die Besteigung des Cho Oyu, meines bislang einzigen Achttausenders. Am Everest bin ich bei 8500 Metern ­umgekehrt, weil ich es wohl noch zum Gipfel, aber nicht mehr zurück ins Lager 3 geschafft hätte. Hinter den Elbrus und den Aconcagua habe ich ebenfalls einen Haken gemacht. Die Berge haben mir viel Glück geschenkt — aber sie haben mir auch Menschen genommen, die mir wichtig waren.

Sind Freunde von dir am Berg gestorben?

Als ich am Everest war, sind zwei Leute umgekommen, die ich im Lager kennengelernt hatte. Ein befreundetes Pärchen aus Danzig ist in den Pamir gereist, er wollte ihr am Gipfel den Verlobungsring überreichen. Doch beim Aufstieg wurde die Frau von einer Lawine mitgerissen. Die beiden waren aneinandergeseilt, er hat dem Seil nachgegraben. Als er sie fand, war sie tot. Diese Erlebnisse haben mich nachdenklich gemacht. In meinem Postfach hängt gerade eine Mail, in der mich jemand fragt, ob ich mit ihm den Denali ­besteigen möchte. Aber ich weiß nicht recht …

Gehst du jetzt lieber zwischen den Bergen durch als hinauf?

Wenn man sich einen Berg vornimmt, hat man oft nur den Gipfel im Blick und übersieht die Schönheit ringsum. Mir gefällt es immer mehr, über Pässe zu gehen, hinter denen sich Landschaften auftun.

Führst du eigentlich noch Touren?

Keine Zeit, mein Chef sieht mich lieber beim Scouten (lacht).

Vermutlich wäre es auch langweilig, zum hundertsten Mal Touristen auf den Kilimandscharo zu eskortieren, oder?

Mekka für Weitwanderer: Island. | Foto: Patrice Schreyer
Nichts gegen den Kili! Obwohl ich dort schon viele Male war, ist es immer noch eine fantastische Tour. Wie man dort die Vegetations­zonen durchwandert, einfach grandios. Vor allem, wenn man stressfrei geht, weil man sich vorher akklimatisiert hat. Ich würde jedem empfehlen, vorneweg den Mount Meru zu machen. Ein toller Weg, mit tollen Tiererlebnissen. Wir hatten Giraffen bis zur ersten Hütte.

Beim Bergsteigen ist Scheitern ein Teil des Sports. Musstest du beim Trekking auch schon einmal aufgeben?

Beim Arctic Circle Trail in Grönland. Ein extrem langer Trek ohne jegliche Infrastruktur. Ich hatte zu viel Gepäck dabei, rund 25 Kilo. Als ich am zweiten Tag eine Erkältung bekam, musste ich umkehren und später die Tour von der anderen Seite nochmal angehen — schließlich sollte der Grönland-Trek in mein Buch über die ­schönsten Touren in Europa!

Wie bitte, du als Profi-Trekker hattest dich in Grönland mit dem ­Gepäck verschätzt?

Man braucht die Standardausrüstung und Proviant für mindestens zehn Tage. Am Essen spare ich ungern, ebenso an der Fotoaus­rüstung und am Schlafsack. Insgesamt war es dann aber doch zu viel, um es — gesundheitlich angeschlagen — zu schleppen.

 

Dareks Telefon klingelt. Eine Wikinger-Kundin erkundigt sich über die politische Lage in Nepal. Darek: »Ich kann Ihre Sorge nachvollziehen. Es gab schon häufiger Zwischenfälle in Kathmandu. Dabei sind Touristen aber nie zu Schaden gekommen. Ich bin mir zu ­ 99 ­Prozent sicher, dass Ihnen trotz der Warnung des Auswärtigen Amts weder in Kathmandu noch in Pokhara und schon gar nicht an der Annapurna etwas passieren wird. Aber letztlich müssen Sie ­natürlich selbst entscheiden, ob Sie die Reise machen.«

Über die Leidensbereitschaft der osteuropäischen Outdoorer ­kursieren wilde Geschichten. Kannst du die bestätigen?

Das betrifft vor allem die ­Russen, die stehen auf Hardcore. Ich kenn­e den Baikalsee, den Altai, den Kaukasus und habe mit den Leuten immer gute ­Erfahrungen gemacht, zumal ich Russisch sprech­e. Aber es ist tough. Bei einer Erkundungstour gab’s bereits zum Frühstück Wodka, dann hob ein Russe meinen Rucksack an: »Was, nur 15 Kilo? Dann nimmst du noch den Zucker, die Säge, den Tee und den Kessel, dann können wir losgehen.« Mit weniger als 20 Kilo bist du dort kein Mann. Dafür dauert jede Mittagspause zwei Stunden: Holz hacken, Tee aufsetzen, Süppchen kochen …

 
4-Seasons Info
 

Von Cornwall bis Patagonien — Dareks Top Ten

Trekkingprofi Darek Wylezol kennt fast jede Trekkingroute der Welt. Hier sind seine zehn persönlichen Lieblingstouren.

 

 

01 Laugavegur, Island
Die Farben, das Licht — so etwas gibt es kein zweites Mal! Die Kamera hält man auch beim schlimmsten Regenguss immer schussbereit …

02 Three Passes Trek, Nepal
(Königsweg des Everest)
Anspruchsvolle Überschreitung von drei Khumbu-Pässen. Himalaja in seiner spektakulärsten Form.

03 Kepler-Track, Neuseeland
Der Kepler-Track mit seinen magischen Ausblicken auf die Fjordlandschaft ist nur eines von vielen Outdoor-Highlights in Neuseeland.

04 Höhenweg Nr. 9, Dolomiten, Italien
Jeder Dolomiten-Höhenweg ist ein Trekking wert. Der Neuner führt von Ost nach West mit Ausblicken auf Drei Zinnen, Marmolata, Rosengarten …

05 GR 20, Korsika, Frankreich
Den Nordteil bin ich schon dreimal gegangen. Anspruchsvolle Etappen in Felslandschaft wechseln mit Wiesen- und Waldabschnitten ab.

06 South West Coast Path, Cornwall, England
Leicht zu gehen, aber ein Schwer­gewicht, wenn es um Landschaft geht: Klippen, blühende Wiesen (unbedingt im Mai!), Buchten, Hafenstädtchen.

07 Lykischer Weg, Türkei
Zwischen Bergen und Meer. Immer wieder gutes Essen bei den Bauern.

08 Torres del Paine, Patagonien, Chile
Kalt, windig, aber landschaftlich ein Juwel: kalbende Gletscher, die Zacken der Torres — perfekte Bergwildnis.

09 E4 (Küstenvariante), Kreta, Griechenland
Outdoor-Erlebnis am Mittelmeer: herrliche Küstenwege und romantische Abendessen in den Hafentavernen …

10 Selvaggio Blu, Sardinien, Italien
Trekkingtour durch eine Steilküste! Mit Seil und Wasservorräten für drei bis vier Tage klettert und wandert man entlang der wilden Küste am Golfo di Orosei. Einzigartig.

 

Russland, Himalaja, Afrika … Du kennst fast jede Trekkingtour der Welt. Welche ist die Schönste?

Mit Händen und Füßen auf dem Klettertrek in Sardinien. | Foto: Darek Wylezol

Jetzt erwartest du wahrscheinlich etwas mordsmäßig Spektakuläres. Aber für mich rückt immer mehr das Outdoor-Erlebnis in den Vordergrund. Und das habe ich selten so schön erlebt wie beim Kreta-Trek im April 2010 mit meiner Frau. Da folgst du der Süd­­­­küs­te, bist total unabhängig. Wir hatten kein Zelt dabei, haben imme­r am Strand geschlafen. Beim Ausgang der Samaria-Schlucht gibt es eine Bucht mit wilden Zeltplätzen, manchmal mit einem Bänkchen oder einer Kochstelle, am Baum hängt eine Schaukel. Wenn du in ein Dorf kommst, isst du in den Tavernen lecker und günstig. Du siehst, es muss nicht immer Hochgebirge sein. Gerad­e Küstenwanderungen genieße ich immer mehr. Als ich in Cornwall war, blühten die Klippen in Rot und Gelb. Ständig blickst du aufs Meer, übernachtest in familiären Bed & Breakfasts. Ein Traum …

Begleitet dich deine Frau häufig — oder gehst du ihr zu weit?

Im Gegenteil, sie wünscht es sich extremer! Wenn man wie beim Selvaggio Blu auf Sardinien mal Hand anlegen muss, steigt sie vor und ich klettere mit dem Geraffel hinterher. Als ich im vergangenen Jahr eine Neuseeland-Reise erkundet habe, hat sie sofort klar­gestellt: Nicht ohne mich!

Welcher berühmte Trek wird deiner Ansicht nach überschätzt?

Mich nerven überlaufene Strecken wie der Karawanenweg von Lukl­a zum Everest-Basecamp. An jeder Brücke stehst du Schlange, weil 30 Leute entgegenkommen und weitere 30 vor dir warten. Dabe­i kannst du anderswo in der Everest-Region noch richtig tolle Sachen erleben. Zum Beispiel bei unserem »Königsweg des Everest« — eine anspruchsvolle Tour mit drei Pässen über 5000 ­Metern, ständig mit Blick auf Everest und Lhotse. Himalaja vom Feinsten. Und an manchen Tagen begegnet man dort keiner ­Menschenseele.

Hast du einen weiteren Geheimtipp für Nepal?

Langtang — landschaftlich ein Traum, aber kaum jemand fährt ­dorthin, weil die Trekkingtour nicht um einen Achttausender führt. Große Namen verkaufen sich halt besser — auch bei Reisen.

Wenn du eine Tour scoutest, marschierst du einfach drauf los?

Kinder, Flammen, Sensationen. Der Lykische Weg führt durch den Ort Olympos mit seinen natürlichen Gasfeuern. | Foto: Konrad Wothe

Das wäre schön, ist aber selten effektiv. Jedes Scouten erfordert genaue Vorbereitung. Am Anfang steht eine Idee, die sich an den Kundenwünschen ausrichtet; ich entwickle eine Tour ja nicht als Kunstwerk, sondern sie muss auch gebucht werden. Viele Strecken kenne ich selbst. Ergänzend durchstöbere ich Fachliteratur oder das Internet, gerade in den Alpen wurde praktisch jede Passage schon beschrieben. Und dann studiere ich natürlich Karten. Etwa die Hälfte der Erkundungsarbeit findet am Schreibtisch statt.

 

Also doch kein Traumjob, bei dem man nur draußen ist?

Zumindest nicht ständig. Um eine einwöchige Trekkingtour in den Alpen zu scouten, bin ich drei bis vier Tage vor Ort. Ich laufe nicht immer die komplette Route ab, sondern konzentriere mich auf Schlüsselstellen, schaue zum Beispiel gezielt Passübergänge an, ob die auch mit Gruppen und schwächeren Teilnehmern machbar sind. Abends fahre ich ins nächste Tal, quartiere mich in einer ­Pension ein und laufe am Morgen zum nächsten Pass und wieder runter. Dabei mache ich Notizen und Fotos für den Katalog. Mein Arbeitstag beginnt oft um 5 Uhr in der Hoffnung auf gutes Licht und endet um 21 Uhr in der Pension am Laptop.

Dokumentierst du die Touren mit GPS?

In der Regel nur mit Fotoapparat, Karte und Notizen. Das GPS habe ich für Notfälle dabei. Ausnahme sind Touren für »Wikinger individuell«. Da gehen die Kunden ohne Guide, wir übernehmen vor allem die Logistik, buchen also die Betten oder liefern GPS-Tracks.

Welche Alpen-Tour hast du zuletzt erkundet?

Eine Dolomiten-Durchquerung und den Meraner Höhenweg. Da habe ich zum Beispiel den Aufstieg zur Stettiner Hütte genau ­angeschaut. Bei grauenhaftem Wetter, das war nicht gerade ideal für die Fotos …

Ist der Meraner Höhenweg nicht allgemein bekannt?

Am Wegesrand gelingt Darek manches Porträt, hier ein asketischer Hindu. | Foto: Darek Wylezol

Sicher, aber wir bemühen uns auch bei Standardtouren immer um Variationen und Extras. Zum Beispiel an der Amalfiküste: Da gibt es eine bekannte und logische Route, weil diese putzigen Dörfer wie eine Perlenschnur aufgereiht sind. Also habe ich eine Besteigung des Vesuv hinzugefügt und unseren Agenten vor Ort um weitere Ideen gebeten. Er kannte eine Bergranch, mit Pferden, Restaurant und Übernachtungsmöglichkeit. Die haben wir uns angeschaut und in die Reise eingebaut. Während andere Wanderer der Standard­route folgen, steuert eine Wikinger-Gruppe nun diese kleine Ranch hoch über dem Meer an und wird mitten in der Wildnis mit ofen­frischer Pizza empfangen. So lernen die Gäste Land und Leute ­kennen und nehmen für dieses besondere Ziel auch gern mal eine Nacht im Matratzenlager in Kauf.

Ist eine Nacht im Matratzenlager so schlimm?

Nein, aber zunehmend wünschen viele Gäste Komfort. Ein, zwei Nächte im Zelt sind in Ordnung, aber danach bitte wieder ein Hotel. Selbst im Himalaja geht der Trend zu mehr Komfort. Früher war es okay, wenn in einer Lodge 20 Leute in einem Raum schliefen. Mittler­weile wünschen viele Trekker sogar auf 4000 Metern Zimme­r mit ­Dusche und WC — und zahlen dafür gern einen Aufpreis.

Gibt es auch Treks, die für Gruppen nicht geeignet sind?

Durchaus. Im walisischen Pembrokeshire verläuft ein traumhafter Küstenwanderweg, die Bed & Breakfasts haben aber nur zwei oder drei Zimmer. Eine große Gruppe müsste man also mit Bussen hin- und herfahren, wodurch der Charakter der Reise verloren ginge.

Was passiert eigentlich, wenn zwischen deiner Erkundungstour und der ersten Reisegruppe eine Mure den Weg wegreißt?

Das kommt vor, auch Brücken und Seilsicherungen gehen manchma­l hops. Deshalb wird bei uns jede Tour unmittelbar vor der ersten Gruppe von einem unserer Wanderführer noch einmal ­komplett ­abgelaufen.

 

Das Telefon klingelt wieder. Diesmal geht es um die Ausrüstung für eine Kuba-Reise. Darek: »In der Schutzhütte am Pico Turquino gibt es zwar Decken, aber ich würde Ihnen trotzdem einen eigenen Schlafsack empfehlen. Auch auf 2000 Metern werden Sie tagsüber je nach Jahreszeit um die 15 und nachts noch um die fünf Grad ­haben. Ich würde Ihnen also einen Schlafsack mit Komfortbereich bis fünf Grad plus vorschlagen.«

Dürfen wir den Profi-Trekker um ein paar Geheimtipps bitten, von denen auch wir Normalos profitieren? Was hast du zum Beispiel immer dabei?

Mein Buff-Tuch. Erst trage ich es am Handgelenk, um mir den Schweiß von der Stirn zu wischen. Wenn es zugig wird — im ­Khumbu-Gebiet am Everest weht immer so ein fieser Wind — funktioniere ich es zum Halstuch um. Wenn eine staubende Yak-Karawane entgegenkommt, ziehe ich es über die Nase. Oben verwende ich es als ­Mütze. Genial vielseitig! Außerdem habe ich meinen Knien zuliebe Trekkingstöcke dabei. Und einen Regenschirm.

Du nimmst einen Regenschirm mit?

Ja, im Ernst. Das ist ein spezieller Trekkingschirm, robust und nicht schwer. Ich kenne keine Jacke, die bei fünf Stunden Regen dicht hält. Auf dieses Nachimprägnieren habe ich keine Lust. Mein Gott, viel einfacher ist ein Regenschirm!

Expeditionsnahrung oder lieber »richtige« Lebensmittel?

Bei Expeditionen nehme ich gern gefriergetrocknete Fertig­mahlzeiten mit. Beim normalen Trekking, wenn ich nach zwei Tagen ohnehin ­wieder in eine Ortschaft komme, hole ich lieber unterwegs frische Sachen wie Brot und Käse.

Welchen Fehler machen Trekker am häufigsten?

Zu viel Gepäck. Die meisten nehmen unnötig viele Klamotten mit.

Dein Tipp gegen Blasen?

Socken tragen, trocknen und wieder tragen. Selten wechseln.

Gibt es noch Trekking-Geheimtipps in Europa?

Da hält es keinen in der Stube: Sonnenuntergang vor der Blüemlisalphütte auf dem Schweizer Bärentrek. | Foto: Darek Wylezol

Stark im Kommen ist Armenien — ein wunderbares Land voller ­Natur, Kultur und herzlicher Menschen. Oder auch Albanien: ein ­spannendes Land, das erst allmählich auf unserem touristischen Radar ­auftaucht.

Hast du auf deiner Trekking-Weltkarte noch weiße Flecken?

Ich war zwar schon in Pakistan beim Nanga Parbat, würde aber ­gern weiter reingehen — zum Concordiaplatz und zum K2-Basecamp. Das wäre landschaftlich noch mal eine andere Nummer.

Und wohin geht’s am nächsten Wochenende?

Mit Freunden in die Beskiden, das ist ein Ausläufer der Karpaten. Wir haben dort eine Hütte gemietet, und es liegt angeblich noch ­genug Schnee zum Langlaufen. Du siehst, ich kann nicht ­einmal im Urlaub stillhalten. Wohl erst im nächsten Leben.

 
4-Seasons Info
 

Dareks großes Trekking-Buch

In seinem Bildbandführer stellt Darek Wylezol die 25 schönsten Trekkingtouren zwischen Polarkreis und Mittelmeer vor. Mit Karten, Höhenprofilen und Toureninfos. »Traumtreks Europa«, Bergverla­g Rother, München 2011, 49,90 Euro, Globetrotter-Bestellnummer: 17.65.53.

 
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