präsentiert von:

Arctic Solo abgebrochen – Chronik einer dramatischen Rettung

Foto: Thomas Ulrich
Mitte März. Das 4-Seasons-Interview mit Thomas Ulrich ist längst im Kasten und dieser nach Sibirien abgedüst, wo er zu seinem größten Abenteuer überhaupt starten will: als erster Mensch »by fair means« den Nordpol von Ost nach West passieren. Von Sibirien nach Kanada. 1800 km weit. Ohne Hilfe von außen, ohne Schlittenhunde, ohne zuvor angelegte Nahrungsdepots, ohne Zweifel. Sein gesamtes Hab und Gut für drei Monate in einer Pulka. Doch leider hat Thomas seine Rechnung ohne das Wetter gemacht ...

Schon der Start am Kap Arktichesky verzögert sich. Ungünstige Winde verhindern die übliche Eispressung. Wo sich sonst Scholle an Scholle reiht, blitzt überall offenes Wasser. Die anderen Expeditionen vor Ort lassen sich daher per Heli 70 Kilometer Richtung Pol auf festeres Eis fliegen. Thomas wartet lieber weiter auf seinen Landweg gen Pol. Als am 7. März Expeditionsmanager Hans Ambühl auf den täglich aktualisierten Satellitenbildern eine mögliche Route auf dem Eis entdeckt, entscheidet sich Ulrich für den Aufbruch.

Der Abenteurer feiert von nun an zwei Mal Geburtstag. | Foto: Thomas Ulrich
Doch sein Vorhaben steht unter keinem guten Stern. Statt des prognostizierten Nordwinds treiben Böen und warme Temperaturen aus West das Eis wieder auseinander. So muss Ulrich gleich zu Beginn eine offene Wasserfläche mit Schwimmanzug und Gummiboot meistern. Den 9. März verbringt Ulrich auf einer Eisscholle in der Hoffnung, dass die Windrichtung wechselt. Am Abend gibt Ambühl nach Auswertung der Satellitenbilder die Lage durch: kein Weg in Sicht. Ulrich ist auf der fußballfeldgroßen Eisscholle gefangen und so entschließt man sich, die Expedition abzubrechen und auf einen zweiten Versuch binnen der nächsten Wochen zu vertagen. Doch dazu kommt es nicht. Während der Nachtstunden entwickelt sich das lokale Tief zum ausgewachsenen Sturm, der an der Eisscholle nagt. Wellen überspülen das fragile Eiland, während Thomas in voller Montur im Schlafsack auf die Dämmerung wartet. Das Eis ist nur noch 20-30 cm dick und zu einem Mosaik aus hunderten Schollen zerbrochen. Gegen 4 Uhr verlässt Ulrich das windgepeitschte Zelt, er fürchtet, in ihm fortgerissen zu werden. Wenig später holt es der Wind, zusammen mit anderen Ausrüstungsgegenständen. Nur Positionssender, Sat-Telefon und wenige Lebensmittel kann der Schweizer retten. Er aktiviert die Notruf-Funktion seines Senders und aus dem kontrollierten Rückzug wird eine dramatische Rettung. Die Helis der über 1400 km entfernten Rettungszentrale können wegen des Windes nicht starten.

Statt 1800 kam Thomas Ulrich nur wenige Kilometer weit.

Die Eisscholle ist mittlerweile auf 50 Quadratmeter geschrumpft und vom Salzwasser komplett überspült worden, so dass sich daraus kein Trinkwasser mehr gewinnen lässt. Erst am 11. März können die Helis starten. Während die Kälte ihren Tribut fordert und Ulrich sich kaum noch auf den Beinen halten kann, bleibt seiner Familie und dem Support-Team in der Schweiz nur banges Warten. Dann, endlich, um 2.15 Uhr am 12. März schaltet Ulrich den Positionssender ab, das vereinbarte Zeichen, dass die Rettung erfolgreich war. Am 20. März, nach einwöchiger Rückreise-Odyssee, kann ihn seine Familie endlich gesund und munter in die Arme schließen.
 

 
weiterführende Artikel: 
15.04.2006ArtikelMenschen

Abenteuerfotograf Thomas Ulrich: ein Bild von einem Mann

Gestatten: Thomas Ulrich, Fotokünstler und Extremsportler in Personalunion. Statt die Heldentaten anderer zu dokumentieren, setzt sich der Schweizer lieber selbst den Elementen aus – und diese in Szene. zum Artikel