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Prüfungsflucht und Wanderlust – ein Ausreißer erzählt

Foto: Christian Brüning
Zwei Wochen vor den Abschlussprüfungen zum Labortechnischen Assistenten hat Christian Brüning (29) genug. Er packt seinen Rucksack, schnürt die Wanderstiefel und zieht los – allein und ohne jemandem Bescheid zu sagen. Ein Abschiedsbrief auf dem Küchentisch ist alles, was er zurücklässt.

1. Tag, 16. August 2011, nordöstlich von Hochdonn, Kilometer 30

Schwieriger Start. Rucksack hängt mir wie eine Palette Pflastersteine im Rücken. Nach 30 Kilometern und acht Stunden Gehzeit ist mir klar, dass ich abspecken muss. Neben physischer Anstrengung auch psychisch angeschlagen. Empfinde Reue, Einsamkeit und, als würde ich gleich zu Beginn alles vorwegnehmen, Heimweh nach meiner Familie. Es schmerzt ungeheuer, dass ich ihr wehtun und von ihr Abschied nehmen muss – ein Abschied, von dem sie nichts ahnen.

 

Christian, wie nah warst du dran, schon nach der ersten Etappe aufzugeben und deinen Fluchtversuch als Spinnerei abzutun?

Zu Beginn ging es mir ziemlich dreckig, denn mein schlechtes Gewissen nagte und bohrte an mir. Ich hatte ja Familie und Bekannte über meine Absichten getäuscht und ihnen »heile Welt« vorgespielt. Während alle glaubten, ich würde mich fleißig auf das Examen zum Laborassistenten vorbereiten, schmiedete ich meine Aussteigerpläne. Dennoch stellte ich mein Vorhaben nicht in Frage. Es war eine dieser Situationen, in denen es keine Alternative zu geben scheint.

 

Bildergalerie: Prüfungsflucht & Wanderlust

 

Wann hast du die finale Entscheidung getroffen, einfach loszumarschieren?

Einen genauen Moment hat es nicht gegeben. Vielmehr ist die Idee über Monate gereift. Mit idealisierten Vorstellungen vom Leben als Aussteiger hat es begonnen, dann entstanden erste vage Pläne, die sich sukzessive konkretisiert haben. Befeuert wurden diese Überlegungen von der stetig wachsenden Abneigung gegenüber der Ausbildung. Ein entscheidender Schritt war die Kündigung meiner Wohnung. Kurz darauf habe ich mich bei der Schule krank gemeldet, mein bisheriges Leben »abzuwickelt« und Reisevorbereitungen getroffen. Ernste Zweifel kamen nie auf. Ich war überzeugt das Richtige zu tun — und fühlte mich gut dabei.

 

31. Tag, 15. September, 2 km nördlich von Kützberg, Kilometer 788

Also, die Bayern haben wirklich einen Knall. Auf meinen Wanderungen habe ich ja schon viele Wegweiser gesehen, aber so etwas noch nie. Da steht zum Beispiel Bad Kissingen 10,74 Kilometer. Mit anderen Worten bis Bad Kissingen sind es 10740 Meter. Vor allem die 40 Meter finde ich stark. Und so ist das bei fast allen Wegweisern heute gewesen.

 

Nach 40 Tagen und 940 gewanderten Kilometern hast du deine Familie im Urlaub getroffen. Wie verlief die erste Begegnung nach deiner »Flucht«?

Dem Treffen sah ich mit Sorge, ja fast ängstlich entgegen. Ich hatte schließlich nicht den blassesten Schimmer, wie meine Familie auf mein Durchbrennen reagiert hatte. Doch all meine Befürchtungen waren unbegründet. Ich wurde mit offenen Armen empfangen, weder gab es Kritik noch Vorwürfe wegen meines Verhaltens. Die Aussprache über meine Beweggründe, diesen Weg einzuschlagen, war sehr emotional und Tränen flossen auf beiden Seiten. Als sich schließlich die Gemüter wieder beruhigt hatten, erläuterte ich meinen Plan, um das Mittelmeer zu wandern. Trotz (wohl berechtigter Bedenken) erhielt ich volle Unterstützung von meiner Familie.

 

Anfang Oktober ist der Weg zur Zugspitze schon leicht angezuckert – der Schnee macht den Gpfelsturm zu einem waghalsigen und kräftezehrenden Unternehmen. | Foto: Christian Brüning
Anfang Oktober ist der Weg zur Zugspitze schon leicht angezuckert – der Schnee macht den Gpfelsturm zu einem waghalsigen und kräftezehrenden Unternehmen. | Foto: Christian Brüning
Du bist quer durch Deutschland und die Alpen gewandert – wo hat es dir am besten gefallen und warum?

  • Einige Abschnitte der Elbe zwischen Geesthacht und Magdeburg empfand ich als sehr schön, hatte aber auch außerordentliches Wetterglück. Zudem war der Elberadweg Garant für schnelles und angenehmes Vorankommen und gezeltet habe ich fast immer direkt am Fluss (abendliches Bad inklusive). 
  • Weit, offen, lichtduchflutet. So ist mir die Rhön im Gedächtnis geblieben und bildet für mich das positive Gegenstück zum finsteren Harz. Nur auf der Wasserkuppe wollte wegen des nass-kalten, nebeligen Wetters und der dichten Bebauung keine rechte Freude aufkommen.
  • Wetterstein: Berggipfel höher als 2000 Meter inklusive Zugspitze. Muss ich mehr sagen?
  • Am Gardasee habe ich die fantastischen Ausblicke von den Höhen des Monte Baldo genossen, wo ich abseits der Asphalt-Pisten keiner Menschenseele begegnet bin. Am Prati di Nago, rund 1300 Meter oberhalb des Sees, habe ich den schönsten Lagerplatz der gesamten Reise gefunden.
  • In der Regel habe ich wenig übrig für Städte. Venedig bildet jedoch eine seltene Ausnahme. Auf der Bootsfahrt durch den Canal Grande und über die Lagune nach Lido konnte ich mich an den zahlreichen Aus- und Einblicken kaum sattsehen.
 

Man läuft ja nicht einfach in der Alltagsklamotte los zum Mittelmeer — welche Ausrüstung hattest du dabei?

Ich hatte zuvor schon zahlreiche Langstreckenwanderungen unternommen, vor allem im Mittel- und Hochgebirge. Auf die gesammelten Erfahrungen habe ich natürlich bei der Zusammenstellung meiner Ausrüstung zurückgegriffen, so dass ich gut vorbereitet losmarschiert bin. Erst in München, nach 47 Tagen und 1100 Wanderkilometern, habe ich Teile meiner Ausrüstung bei einer ausgedehnten Einkaufstour in der Münchner Globetrotter-Filiale durch bessere beziehungsweise leichtere ersetzt.

 

49. Tag, 3. Oktober, bei München, Kilometer 1119

Der Weg nach Pasing führt mich direkt an der Theresienwiese vorbei, wo das Oktoberfest tobt. Als ich diesen bierseligen, lederbehosten und Dirndl tragenden Rummel hinter mir gelassen habe, atme ich unwillkürlich auf.

 

Hast du die körperlichen Anstrengungen bis dahin gut weggesteckt?

Nachdem mir auf meiner ersten Bergtour mit schwerem Gepäck schnell die Puste wegblieb, habe ich vor sechs Jahren mit dem Laufen begonnen, um meine Kondition zu verbessern. Während der ersten Hälfte der Tour bereiteten mir allerdings meine Stiefel arge Schwierigkeiten, was darin gipfelte, dass sich am linken Fuß zwei Zehennägel verabschiedeten. Das war schmerzhaft, aber ordentlich mit Pflastern abgeklebt wurde es erträglich. In München habe ich dann das Schuhwerk ausgetauscht.

 

Unterwegs vom tiefsten Punkt Deutschlands (Neuendorf in der Wilstermarsch) zum höchsten, der bayerischen Zugspitze. | Foto: Christian Brüning
Unterwegs vom tiefsten Punkt Deutschlands (Neuendorf in der Wilstermarsch) zum höchsten, der bayerischen Zugspitze. | Foto: Christian Brüning
Erzähl' uns von deinem Besuch bei Hanwag in Meindl-Stiefeln!

Das war purer Zufall. Kurz vor München trottete ich gedankenverloren durch ein x-beliebiges Dorf — und stand plötzlich vor dem Stammsitz von Hanwag. Ich erkundigte ich mich, ob eine Besichtigung der Produktion möglich sei, wobei ich mich als Hanwag-Fan zu erkennen gab. Dumm nur, dass jeder Mitarbeiter automatisch auf meine Stiefel schaute — und die waren vom Mitbewerber Meindl. Nichtsdestotrotz wurde mir ein Rundgang gewährt (besten Dank an Peter Wilson, der sich die Zeit dafür genommen hat). Im übrigen besitze ich tatsächlich zwei Paar Hanwag-Stiefel: Eins davon habe ich mir nach München nachschicken lassen und bin damit über die Alpen gewandert — ohne weitere Verluste von Zehennägeln.

 

Wie hast du dich verpflegt?

In Deutschland und Norditalien findet man überall Supermärkte und in den größeren Tälern Tirols gab es auch keine Versorgungsengpässe. Normalerweise kaufte ich für zwei bis drei Tage Lebensmittel ein. Zum Frühstück und zur Mittagsrast gab's Brot mit Wurst- und Käseaufschnitt sowie Obst. Abends machte ich mir bevorzugt Reis, Instant-Kartoffelpürree, Graupen oder Polenta mit Zugabe von frischem Gemüse. Natürlich gönnte ich mir zur Abwechslung auch mal ein besonderes Schmankerl. Das konnte Schokolade, eine Tüte Chips, Eier, frische Milch oder ähnliches sein. Und wenn ich Trinkwasser brauchte, bin ich einfach zum nächsten Haus und habe danach gefragt.

 
Ein paar selbstgeangelte Fische peppen den sonst meist kargen Speiseplan etwas auf. | Foto: Christian Brüning
Ein paar selbstgeangelte Fische peppen den sonst meist kargen Speiseplan etwas auf. | Foto: Christian Brüning

Du hast übernachtet, wo es dir gefiel — wie oft bist du verscheucht worden?

Ich weiß nicht, ob Wildcampen in Deutschland erlaubt ist, aber es kümmert mich auch nicht. Natürlich achte ich darauf, niemanden zu stören, weder Tier noch Mensch, und meide die Nähe von Siedlungen. Regelrecht verstecken und mich im hintersten Waldwinkel verkriechen ist aber nicht meine Art. Immer wenn mich mal jemand entdeckt hatte, ließ er mich entweder in Ruhe oder sprach mich freundlich an, um zu erfahren, wo ich herkäme und wo ich hinwolle. Meine Erfahrungen diesbezüglich sind also durchweg positiv.

 

Wen oder was hast du unterwegs am meisten vermisst?

Meine Eltern, meine Schwester und meine beiden Brüder. Auch an meine Neffen und meine Nichte habe ich häufig gedacht. Ich glaube, man muss längere Zeit von der Familie getrennt sein, um sich über ihren Wert und ihre Bedeutung für das eigene Leben klar zu werden. Wenn mich diese Reise etwas gelehrt hat, dann dass die Familie das Wichtigste ist. Davon abgesehen gibt es natürlich die diversen Annehmlichkeiten des zivilisierten Alltags, die ich von Woche zu Woche mehr vermisst habe. Das fängt bei der warmen Dusche an und hört beim gemütlichen Fernsehabend auf dem Sofa auf, wobei jede dieser kleinen, banalen Selbstverständlichkeiten in der Erinnerung zu einem Quell von Glück und Seeligkeit aufgebauscht wird. Die Realität nach meiner Rückkehr erwies sich im Vergleich dazu als ernüchternd profan und unspektakulär.

 

57. Tag, 11. Oktober, in der Nähe von Obermoss, Kilometer 1225

Der Grat zur Zugspitze ist verdammt schmal, beidseitig fällt er steil ab. Meine Nerven liegen blank ... An einem Stahlseil ziehe ich mich die letzten Meter hoch, dann stolpere ich entkräftet über ein kurzes Geröllfeld und stehe vor einer Metalltreppe. Mein Blick fällt auf ein Warnschild, das am Aufgang hängt: »Achtung! Alpiner Bereich! Lebensgefahr!«

Nach dem Gipfelsturm sitze ich im Zugspitz-Restaurant und wringe ungeniert meine nassen Socken in einen benutzten Becher aus. In 20 Minuten fährt die letzte Seilbahn. Ich bin an meine Grenzen gegangen und heil wieder vom Berg gekommen. Durch den Stoff meines Hemdes taste ich nach dem kleinen Schutzengel.

 

Eigentlich wolltest du das Mittelmeer umrunden und hattest zwei Jahre dafür einkalkuliert. Wieso hast du nach 85 Tagen in Venedig einen Rückzieher gemacht?

Mir fehlte ganz einfach die nötige Motivation, um weiter zu gehen. Der Fluchtreflex, der mich auf diesen Weg gebracht hatte, war ausgelebt. Man könnte auch sagen, die Reise hatte ihre Aufgabe erfüllt, ich hatte mit meinem »alten« Leben gebrochen und einen Strich darunter gezogen. Ob dieser Schlussstrich nun 1700 oder 10000 km lang wäre, spielte keine Rolle mehr. Jeder weitere Schritt war somit sinnlos geworden. Zumindest bis zum Mittelmeer habe ich es geschafft!

 
Eigentlich sollte in Venedig erst die große Mittelmeerumrundung beginnen, doch Christian Brünings Freiheitshunger war hier gestillt. | Foto: Christian Brüning
Eigentlich sollte in Venedig erst die große Mittelmeerumrundung beginnen, doch Christian Brünings Freiheitshunger war hier gestillt. | Foto: Christian Brüning

Bereust du die Entscheidung, die Ausbildung geschmissen zu haben?

Ich bereue nur, mich so lange Zeit damit herumgequält zu haben. Ich hätte viel früher die Konsequenzen ziehen und etwas neues anpacken müssen — etwas, dass meiner Natur entspricht und worin ich mich selbst wiederfinde. Im Moment halte ich mich als Produktionshelfer in einer Fabrik über Wasser, bis meine Zukunftspläne feste Konturen gewonnen haben. Wenn mir beispielsweise Globetrotter eine Stelle anbieten würde, wäre ich mit Feuereifer bei der Sache ...

 

 

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