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Jawid Sultany – Globetrotter und Grenzgänger im Interview

Jawid (2. v. r.) bei seinen Cousins in seiner Heimat Herat in Afghanistan. | Foto: Archiv Sultany
Mit 13 floh er allein und ohne Papiere aus Afghanistan, jetzt machte er sich erneut auf die Reise, um mit dem Auto über den Landweg seine Heimat zu besuchen. 4-Seasons befragte Globetrotter-Mitarbeiter Jawid Sultany zu seinem aufregenden Trip.
Ein Mann und sein Auto. Mit seinem 16 Jahre alten 3er BMW fuhr Jawid Sultany mehr als 9.000 Kilometer quer durch Europa und Vorderasien. | Foto: Jawid Sultany
Ein Mann und sein Auto. Mit seinem 16 Jahre alten 3er BMW fuhr Jawid Sultany mehr als 9.000 Kilometer quer durch Europa und Vorderasien. | Foto: Jawid Sultany

Jawid, allein mit 'nem 3er-BMW durch den Ostblock und die Türkei bis nach Afghanistan – war das wirklich eine gute Idee?

Na ja, geklaut worden ist mir das Auto zumindest nicht. Allerdings hat der Wagen auch schon 16 Jahre auf dem Buckel – State of the Art ist der auch im Ostblock nicht mehr. Trotz des Alters gab es auch keine technischen Probleme. Aber als ich nach fünf Tagen und 4.500 Kilometern an der iranischen Grenze ankam, wollten die mich unter keinen Umständen mit dem Wagen ins Land lassen. Also hab' ich Auto und einen Großteil meines Gepäcks zurückgelassen und bin nur mit zwei Rucksäcken bepackt weitergezogen.

 

Und dann? Zu Fuß durch den Iran nach Afghanistan?

(Lacht). Nein, in etwas mehr als zwei Tagen habe ich mich mit Bus und Taxi bis an die afghanische Grenze durchgeschlagen, wo mich mein Cousin mit dem Auto abgeholt hat. Aber eines ist sicher: an den Komfort des BMWs kamen die iranischen Busse bei weitem nicht heran!

 

Wie kamst du überhaupt auf die Idee dieser Reise?

Ursprünglich wollte ich mit ein paar Freunden reisen, die dann jedoch aus unterschiedlichen Gründen alle abgesprungen sind. Ich fand dann aber die Idee, allein loszuziehen und mein ganz persönliches Abenteuer zu erleben gar nicht so schlecht. Auf der Route wollte ich einige Stationen von meiner Flucht-Odysse vor fast 14 Jahren wiedersehen. Damals bin ich vor dem Krieg geflohen und größtenteils zu Fuß bis nach Moskau geirrt. Erst zwei Jahre später kam ich dann nach Hamburg.

 

Kein Vergleich mit seiner (inzwischen) deutschen Heimat: In Afghanistan führen die Menschen ein bescheidenes und einfaches Leben. | Foto: Jawid Sultany
Kein Vergleich mit seiner (inzwischen) deutschen Heimat: In Afghanistan führen die Menschen ein bescheidenes und einfaches Leben. | Foto: Jawid Sultany
Wie hat es sich angefühlt, an diese Orte zurückzukehren?

Durch die Grenzprobleme im Iran konnte ich mich am Ende gar nicht an meine geplante Route halten und so wurde auch aus der Reise in die Vergangenheit nichts. Trotzdem habe ich bei diesem Trip viel über mich gelernt und würde ihn jederzeit wieder machen. Wenn man ganz allein unterwegs ist, nimmt man viele Dinge ganz anders wahr und hat auch mehr Zeit, Erlebtes zu reflektieren. Zu sehen, wie unterschiedlich die Menschen in Europa leben, war sehr spannend aber oft auch ernüchternd. Nur ein- bis zweitausend Kilometer von unserer komfortablen Heimat in Deutschland kämpfen Menschen mit Armut und Hunger.

 

Wie ist die Situation in Afghanistan?

Afghanistan ist überall durch jahrzehntelangen Krieg, Zerstörung und Leid gekennzeichnet. Trotzdem genieße ich jedes Mal die Zeit, die ich mit meinen Freunden und meiner Familie in Herat verbringen kann. In Deutschland habe ich viel Glück erfahren und versuche nun, davon etwas in meine alte Heimat zu transportieren. Mit visions4children.com unterstützen wir verschiedene Hilfsprojekte in Afghanistan, Pakistan, Sri Lanka, Togo und Deutschland, die Kindern eine vernünftige Schulausbildung und damit eine Zukunftsperspektive geben können.

 
4-Seasons Info
 

Visions for Children e.V.

 

... wurde 2006 als eingetragener Verein in Hamburg gegründet, nachdem zwei deutsch-afghanische Mitglieder das vom Krieg zerstörte Kabul besucht hatten. Von den Eindrücken tief betroffen, kamen sie nach Deutschland zurück und begeisterten Kommilitonen und Freunde für die Idee, einen Verein zu gründen, der sich um die Bildung und die medizinische Versorgung der Kinder in Afghanistan und anderen hilfsbedürftigen Ländern kümmert.

Die Kosten für den Vereinsbetrieb und die Verwaltung finanziert Visions for Children über Mitgliedsbeiträge, sodass 100 Prozent der Spenden direkt den entsprechenden Hilfsprojekten zugeführt werden können.

Aktuelle Projekte, Spendeninformationen und Kontakt unter www.visions4children.com.

 
Alles klar? Wer sein Ziel kennt und Karten lesen kann, ist hier klar im Vorteil. | Foto: Jawid Sultany
Alles klar? Wer sein Ziel kennt und Karten lesen kann, ist hier klar im Vorteil. | Foto: Jawid Sultany

Du selbst bist als Teenager vor dem Krieg aus Afghanistan geflohen. Wie kamst du in Deutschland zurecht?

Ich kam am 06. März 2000 nach Deutschland. Zuerst wurde ich in einer Flüchtlingseinrichtung untergebracht. Nach drei Monaten konnte ich eine Vorbereitungsklasse für die Gesamtschule besuchen. Ein Jahr später durfte ich dann in die »normale« zehnte Klasse. Über ein Praktikum der Berufsschule bin ich dann bei Globetrotter gelandet, habe einen Ausbildungsplatz bekommen und bin seit 2006 fest angestellt. So richtig gut Deutsch gelernt habe ich übrigens erst im Job bei Globetrotter ;-)

 

Hat Globetrotter dich denn auch bei deiner Reise unterstüzt?

Ja, ich hatte einen Haufen Outdoor-Klamotten für die Kinder und Lehrer in Herat dabei, aber leider musste ich ja fast alles an der iranischen Grenze zurücklassen. Dort habe ich die Sachen Bedürftigen geschenkt, bevor die Grenzwächter sich während meiner Abwesenheit eindecken konnten. Aber für März ist schon die nächste Reise nach Afghanistan geplant – diesmal mit dem Flugzeug, aber das ein oder andere Mitbringsel von Globetrotter wird sicher wieder dabei sein.

 

Apropos Mitbringsel – den BMW wolltest du eigentlich deinem kleinen Cousin schenken, kamst aber nicht mit ihm bis nach Afghanistan. Steht der Wagen immer noch an der iranischen Grenze?

Nein, ich bin kurz vor Weihnachten in den Iran geflogen. Am ersten Weihnachtstag um 07:00 Uhr morgens habe ich die Zöllner an der Grenze überrascht und gesagt, dass ich mein Auto holen möchte. Es war zwar riskant, mich nicht vorher anzukündigen, aber wer weiß - vielleicht hätten die Grenzbeamten sonst noch das Auto auseinandergebaut und geschaut, was sie selbst noch so gebrauchen können. So haben sie mich nur ein paar Stunden ein Formular nach dem anderen ausfüllen lassen und schon um 16:30 Uhr konnte ich die 4.500-Kilometer-Heimreise nach Hamburg antreten.

 
4-Seasons Info
 

Jawid Sultany

 

... wurde 1985 in Herat geboren. 1998 floh er vor dem Krieg und landete über Umwege im März 2000 in Deutschland. Schon als Kind war Jawid ständig draußen und besuchte mit seinem Onkel die Nomaden in den Bergen seiner Heimat Afghanistan. Da ist es nicht weiter verwunderlich, dass sein Berufsschullehrer in Hamburg dem Sprachtelent ein Praktikum bei Globetrotter Ausrüstung vermittelte. Nach seiner Aufgabe als Ausbildungskoordinator ist Jawid inzwischen für das Recruiting in Hamburg verantwortlich.

 

Wanted: Fotos für die iPad-App

Der News-Feed der neuen iPad-App von Globetrotter Ausrüstung zeigte bereits Aufnahmen von Natur-Fotograf Michael Poliza, Bilder von Thomas Block, Impressionen aus dem Visionswald von Janik Lipke, Reiseerinnerungen von Julia Wunsch, Skandinavienbilder von Joachim Bardua, Pekinger Wanderfreuden von Roman Heimhuber und Afrikafotos von Robert Pfrogner.

Sie wollen ihre Bilder auch unters Volk bringen? Oben rechts in der Randspalte gibt's das Teilnahmeformular - wir freuen uns auf tolle Fotos!