200 Jahre Schöffel – The only way is up ...
Der Erfolg von Schöffel beruht auf Hauen und Stechen. Ein bisschen zumindest. Als Georg Schöffels Sohn Josef 1809 im 5. Koalitionskrieg dem bayerischen Kronprinzen Ludwig in der Schlacht von Abensberg das Leben rettet, bekommt er zur Belohnung eine Leibrente und wird vom Militärdienst freigestellt. So kann er das 1804 gegründete Unternehmen des Vaters mit ruhiger Hand weiterführen. Statt Säbel und Schwert bestimmt fortan der Handel mit Strümpfen, Socken und schwäbischen Zipfelmützen sein Leben. »Firmensitz« des fliegenden Händlers ist Schwabmünchen, eine bayerische Kleinstadt südlich von Augsburg und eine Hochburg der Stricker. Stricken ist die ideale Ergänzung zum kargen Erwerb in der Landwirtschaft und hat in Schwabmünchen schon seit 1675 Tradition. Strickwaren aus Schwabmünchen gelangen so auf Messen in Frankfurt, Leipzig und Nürnberg, werden später
nach Frankreich und Italien exportiert.
Szenenwechsel: Rund 200 Jahre später herrscht gespannte Aufmerksamkeit in der »Black Box«. Produktmanager und Designer besprechen im Allerheiligsten der Entwicklungsabteilung neue Trends und neue Modelle. Aktuelle Farben internationaler Stoffmessen fließen ebenso ein wie die Erkenntnisse von Outdoor- und Bergsportprofis, die Schöffel-Produkte unter extremen Bedingungen testen. So steigt beispielsweise Ralf Dujmovits, einziger deutscher Höhenbergsteiger mit Everest und K2 im Tourenbuch, regelmäßig in Schöffel aufs Dach der Welt. Und auch die Heli-Guides von Mike Wiegele in Kanada wissen nach einer Skisaison mit bis zu 5.000.000 Höhenmetern im Tiefschnee, wo der Zwickel zwackelt. »Unser Anspruch ist«, so Peter Schöffel, der heute die Geschäfte des Unternehmens leitet, »technische Innovationen und neue Trends der Sportszene als einer der Ersten umzusetzen.«
Kalkulierter Wagemut scheint bei den Schöffels in den Genen zu liegen. Sie reagieren stets schnell. Als Mitte des 19. Jahrhunderts die beginnende Industrialisierung auch in Schwabmünchen erste Auswirkungen zeigt, setzt Schöffel, bis dahin fliegender Händler, zur Landung an – sprich: Sein 1849 erworbenes Wohnhaus in der Ortsmitte wird 1852 auch Geschäftshaus. Auf Georg und Josef folgen Johann, Josef und Ludwig. 1930 wird schließlich Hubert Schöffel geboren. Dieser prägt das Unternehmen Schöffel, wie wir es heute kennen. Doch der Reihe nach. Nachdem der junge Kaufmann sein erstes großes Projekt, den Neubau eines Kaufhauses in Schwabmünchen, verwirklicht hat, ergreift er 1961 eine neue Chance. Eine Lederhosenfabrik in Schwabmünchen steht zum Verkauf. Hubert Schöffel zögert nicht lange. Wer in Socken kann, der kann bestimmt auch in Hosen. Im September rattern drei Nähmaschinen, Straßenhosen sind ab sofort des Schöffels zweites Standbein. Zum Wagemut gesellt sich Glück. Ein neuer technischer Leiter und ein engagierter Vertreter geben wichtige Impulse. 40 Mitarbeiter fertigen schon bald Herren- und Kinderhosen. Eine neue Ära hat begonnen.
Operation Gore-Tex
1967. Überkapazitäten bedrängen den Markt, der Hosenabsatz bricht ein, Kurzarbeit steht an. Sechs Monate lang hängt die Zukunft des Unternehmens am seidenen Faden. Doch Hubert Schöffel begegnet der Flaute, indem er selbst ordentlich die Backen aufbläst. Er erkennt, dass der Bedarf der Nachkriegszeit an Gebrauchshosen gedeckt ist, im Bereich Freizeit, Sport und Gesundheit aber ein akutes Nachholbedürfnis herrscht. Die Deutschen machen sogar wieder Urlaub! Womit? Na klar, mit Freizeithosen. Schritt für Schritt stellt man die Kollektion um – aus der konventionellen wird eine sportliche Hose. Wanderer freuen sich über fesche Bundhosen, und Skifahrer wedeln in Keilhosen von Schöffel über die Pisten. »Eine Vision mit Fleiß und etwas Glück konsequent umsetzen« bringt Schöffel sein Credo auf den Punkt. Dass Visionen auch Innovationen beinhalten, belegen die erste elastische Bundhose und natürlich die legendäre »Jethose«, bei der das Hosenbein über dem Skistiefel befestigt wird. Binnen zweier Jahre avanciert der Nobody aus Schwabmünchen zum Marktführer. Mittlerweile arbeiten über 100 Mitarbeiter bei Schöffel, ebenso viele werden später in Lohnbetrieben beschäftigt. Doch der Erfolg macht nicht träge. 1974 wagt sich Schöffel auf ein neues Feld, denn wer in Hosen kann... Ein Jahr später ist er die Nummer 1 und unbestrittener Marktführer bei wetterfesten Jacken mit Kapuze, kurz Anorak. Ende der siebziger Jahre beginnt das Zeitalter der »technischen« Bekleidung: neue Materialien, neue Beschichtungsverfahren, neue Trends. Und statt genäht wird jetzt geschweißt.
Testballon: 70 Gore-Tex-Berganoraks binnen Stunden verkauft
Ein neuer »Wunderstoff«, von dem die unerhörte Kunde geht, er sei wasserdicht und atmungsaktiv gleichermaßen, drängt auf den Markt. Schöffel erkennt das Potenzial und bringt 1980 als einer der ersten Jacken aus Gore-Tex in Serie. Doch die allererste Marge ist noch nicht der Stoff, aus dem die Träume sind. Technische Mängel und die komplizierte Verarbeitung treiben die Reklamationsquote hoch. 1981 ist Gore-Tex wieder aus der Kollektion verschwunden. Zwar sind die Anlaufschwierigkeiten längst behoben, doch der Markt ist skeptisch und glaubt nicht mehr an einen Erfolg. Thorger Hübner, Entwicklungschef von Gore, und Hubert Schöffel schon. So ist Schöffel 1983 fast der Einzige, der sich weiterhin mit dem Produkt beschäftigt.
Der Mut wird belohnt, der Erfolg ist bereits Legende: 70 Berganoraks Modell »Tibet« liegen bei einem Münchener Bergsporthändler bereit, als in der örtlichen Tageszeitung eine ganzseitige Anzeige erscheint. Es dauert keinen halben Tag, da meldet der Händler: ausverkauft. Nur gut, dass Hubert Schöffel in weiser Voraussicht schon Maschinenkapazitäten für 24.000 weitere Anoraks in Fernost gebucht hat. Dem Einführungserfolg des Jahres 1983 folgen die Jahre des Booms, die Umsatzzahlen explodieren. Der Skioverall »Snow Power« und die Schlupfjacke »Stormbreaker« hängen noch heute bei vielen Aktiven irgendwo im Kleiderschrank. Farblich zwar nicht mehr ganz »up to date«, aber gut erhalten und voll funktionstüchtig. Die Retrowelle kann kommen.
Mit dem Boom wird das Unternehmen zur Marke. »Gore-Tex by Schöffel« heißt der neue Inbegriff für Qualität. Ende der 80er Jahre gelingt den Schöffels ein weiterer Coup, um den sie viele Unternehmer-Kollegen beneiden: Sie leiten den Generationenwechsel in ihrem Unternehmen behutsam und geschickt in die Wege. Peter Schöffel (heute 43), quasi die Version 7.0, rückt Schritt für Schritt in die Geschäftsleitung auf.
Mit Nano-Technologie in die Zukunft
Schöffel ist inzwischen zum nationalen Marktführer avanciert und schickt sich an, auch in Europa eine maßgebliche Rolle als seriöse Premiummarke zu spielen. 1.100.000 Teile produziert das Unternehmen jährlich und erzielt mit 190 Mitarbeitern einen Umsatz von 65 Mio. Euro. Trotz des Erfolges bleibt Schöffel seinen Wurzeln treu, Ausflüge in andere Gefilde lehnt man ab – und fährt gut dabei. Denn in Zeiten der Massenware sind Spezialisten gefragt. Kompetenz und Detailwissen sind wichtiger als Kampfpreise. Als Spezialist in Sachen Bergsport, Outdoor- und Skibekleidung ist man heute ein unverzichtbarer Bestandteil der Sportindustrie und des Fachhandels. »Unsere Produkte entsprechen dem Lebensgefühl unserer Kunden«, erklärt Peter Schöffel, der wie seine Mitarbeiter das Büro oft mit den nahen Bergen vertauscht. Heute kennt man das Schöffel-Logo nicht nur vom Revers der ZDF-Sportreporter und vom Gruppenbild auf Zugspitze oder Annapurna-Runde, auch im Hörsaal und in der U-Bahn »schöffelt’s« gewaltig. Was Peter Schöffel nicht wundert: »Wer sich bei der Alpenwanderung und der Fernreise mit Schöffel wohlfühlt, will uns auch in der Stadt nicht missen«.
Dieser Wohlfühlfaktor ist auch in der kommenden Saison garantiert. Aus der nach wie vor engen Zusammenarbeit mit Gore ist eine Jacke aus Paclite-Vollstretch entstanden, die nicht nur Bergsteiger jubeln lässt, sondern auch Skitourengeher und Variantenfahrer mit maximaler Bewegungsfreiheit und Atmungsaktivität bei minimalem Gewicht und Packmaß beflügelt. Highlights verbergen sich aber nicht nur hinter den Produkten der Core-Serie Schöffel Plus, auch die Produktgruppen Schöffel Active Trail und X-Trail haben es in sich. Nordic Walker freuen sich über den hohen Elasthan-Anteil in vielen Modellen, Outdoorer über die »Concept 333«, eine Jacke aus lasergeschnittenem 3-Lagen-Venturi-Laminat mit einem Gewicht von ... ja genau, 333 Gramm. Und notorische Eis-bei-30-Grad-in-der-Sonne-Esser freuen sich auf die Nano-Pel. Denn was der Nano-Lack bei Mercedes-Benz und die Nano-Kachel Ceramicplus bei Villeroy & Boch, ist Nano-Pel im Bereich der Textilfasern: eine schmutz- und wasserabweisende Beschichtung, die sogar hartnäckigen Eiweißflecken standhalten soll. Da kann ruhig gekleckert werden. Sie sehen also, die nächsten 200 Jahre können kommen.
15. August 2004, Text: Michael Neumann
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